20.06.1966

OSTFELDZUGMit Russen leben

Drei deutsche Landser schwammen durch zwei Ströme: der Soldat Hermann durch den San, die Soldaten Alfred Liskow und Rudolf Richter durch den Bug.
Sie schwammen in jener Nacht, die sich in dieser Woche zum 25. Male jährt, die Nacht vor dem 22. Juni 1941. Und sie schwammen vergebens. Denn die drei deutschen Deserteure hatten sich, jeder allein, aufgemacht, um die am anderen Ufer der polnischen Flüsse stehenden sowjetischen Streitkräfte vor einem deutschen Überfall zu warnen. Die Bolschewisten aber glaubten den - seither vermißten - Überläufern nicht. Der Diktator Stalin glaubte an die Bündnistreue des Diktators Hitler - wenn auch nur noch wenige Stunden.
Im Morgengrauen, um 3.15 Uhr, brach auf einer Frontweite von fast 2000 Kilometern mit drei Millionen Mann, 3580 Panzern und 7184 Geschützen der deutsche Angriff los.
Noch 24 Stunden zuvor hatten sowjetische Grenadiere im Hof der Zitadelle von Brest Parademarsch geübt.
Noch 75 Minuten vor dem Angriff lief ein sowjetischer Güterzug - die letzte Lieferung von eineinhalb Millionen Tonnen Getreide - fauchend im deutschen Grenzbahnhof Terespol ein.
Noch 45 Minuten nach dem Einmarsch stammelte im Kreml ein übermüdeter Molotow, der vom deutschen Botschafter Graf Schulenburg zur Entgegennahme einer Erklärung der Reichsregierung aus dem Bett geholt worden war, ungläubig die Frage: "Ist dies eine Kriegserklärung?" Hilflos hob der deutsche Aristokrat die Arme. Molotow: "Das haben wir nicht verdient."
Wie einst für Napoleon brach für Adolf Hitler mit dem Angriff im Juni das Verhängnis an. Zwanzig Millionen sowjetischer Männer und Frauen starben, über zwei Millionen deutscher Soldaten fielen. Dann war das Ende da, Deutschland geteilt, die Hauptstadt des Reiches in den Händen der Bolschewisten.
Aus dem Schutt der noch einmal davongekommenen Rest-Nation erwuchs als wirtschaftliche Wunderrepublik die drittgrößte Industriemacht der Erde. 60 Millionen Westdeutsche mit neun Millionen Personenautos, zwölf Millionen Fernsehgeräten und 1,2 Millionen Gastarbeitern in ihren Diensten rüsten in diesem Sommer zu einer neuen Invasion. Zehn Millionen deutsche Touristen wollen zum Kummer ihres Kanzlers für sieben Milliarden Mark Devisen im Ausland verpulvern. Nicht im Osten, sondern an den Küsten des Mittelmeers suchen Bundesbürger neuen Lebensraum. Deutscher Blutzoll wird nur noch auf den Straßen entrichtet: jährlich 15 000 Tote, mehr Opfer als der Polen-Feldzug forderte.
Allein, auch für diesen Teilstaat, der jahrelang scheinbar erfolgreich der eigenen Geschichte zu entrinnen suchte, gilt es nun, ein Vierteljahrhundert nach Hitlers Aufbruch gen Osten, das historische Gesetz des letzten Jahrhunderts anzunehmen; Deutschlands Schicksal hängt vom deutsch-russischen Verhältnis ab.
Immer wieder haben die Deutschen vor der Wahl gestanden, politisch mit oder militärisch gegen Rußland zu ziehen. Dreimal langte die politische Vernunft nicht aus, Ansätze für die erste Lösung (Bismarcks Rückversicherungsvertrag, Rapallo und der Hitler-Stalin -Pakt) zu vervollkommnen; zweimal reichte die militärische Kraft nicht hin, um Im Zweifrontenkampf (Weltkrieg I und Weltkrieg II) die zweite Lösung zu erzwingen.
Nach der Kapitulation von 1945 schien es, als ob die Lektionen der Geschichte nicht genügt hätten. Durch Gründung der Nato erstmals der Drohung eines Zweifrontenkrieges entrückt, rüsteten sich die antikommunistischen Kräfte im Lande wieder zum Heiligen, wenn auch noch Kalten Krieg gegen den bolschewistischen Weltfeind. Erst heute, da die Nato zerbricht, Frankreichs General-Staatschef de Gaulle den Jahrestag des deutschen Überfalls in Moskau begeht (siehe Seite 58) und das Gespenst einer neuen Einkreisung Bonn das Fürchten lehrt, ist der Wind umgesprungen: Konrad Adenauer sprach von der "friedliebenden Sowjet-Union", Kanzler Ludwig Erhard möchte dem sowjetischen Regierungschef Kossygin begegnen, und Außenminister Gerhard Schröder rang Regierung und Parlament Zustimmung zu einer aktiven Ostpolitik ab.
CDU-Fraktionschef Rainer Barzel schließlich war es, der mit seinem Vorschlag, auch in einem wiedervereinigten Deutschland Sowjet-Garnisonen zu unterhalten (siehe Seite 16), fast auf den Tag fünfundzwanzig Jahre nach Hitlers Einfall in Rußland der neuen deutschen Politik auch einen neuen Slogan schenkte: Mit Russen leben - und sei es im eigenen Lande.
Deutscher Panzerangriff am 22. Juni 1941": "Das haben wir nicht verdient"
* Vorn Generaloberst Guderian.

DER SPIEGEL 26/1966
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 26/1966
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

OSTFELDZUG:
Mit Russen leben

  • Wir drehen eine Runde - Suzuki Jimny: Klare Kante
  • Weg in die USA: Die tödliche Flucht der 7-jährigen Jakelin
  • Anschlagsserie in Sri Lanka: Video zeigt weitere Explosion
  • Titelgewinn für PSG: Mbappé schießt Hattrick zur Meisterfeier