20.06.1966

QUICK-VERKAUFScheck am Abend

Die Nacht war schwül, als die Preußen kamen. In Münchens Königinstraße 25 füllte der Hausherr, Rechtsanwalt Dr. Oehl, am 11. Juni kurz nach Mitternacht zum letztenmal die Gläser. Dann unterschrieben die acht Gesellschafter des Th.-Martens-Verlages, Diedrich Kenneweg, 71, und Tochter Gullan Weltz, 40, sowie Theodor Martens, 69, nebst drei Söhnen und zwei Töchtern, ein Schriftstück, das den Verkauf aller Verlagsobjekte an den Hamburger Heinrich Bauer Verlag verbrieft. Für 68 Millionen Mark erwarb Seniorchef Alfred Bauer, 68, die Martens-Illustrierten "Quick" und "Revue", die Fußballzeitung "Kicker" und das Magazin "Twen".
Mit der Akquisition schob sich der Hanseat, dessen Großvater noch mit einer Steindruckpresse Verlobungs- und Sterbeanzeigen verfertigt hatte, auf den ersten Platz unter Deutschlands Illustrierten-Verlegern. Von den fünf größten illustrierten Blättern gehören Bauer jetzt drei:
- "Quick" mit 1,757 Millionen Druckauflage;
- "Neue Illustrierte" mit 1,651 Millionen und
- "Revue" mit 1,295 Millionen Druckauflage.
Insgesamt enthält Bauers illustrierte Platte nunmehr zwölf wöchentlich bis monatlich erscheinende Zeitschriften. Zu dem breiten Unterhaltungs-Sortiment zählen so unterschiedliche Organe wie die Rundfunk- und Fernseh-Illustrierte "TV-Hören und Sehen" (Druckauflage: 1,486 Millionen) und "Neue Mode" (846 460). Für Beatfans hält Bauer "o. k." (423 774), "Wir" (197 000) und "Musik Parade" (377 516) bereit, für Freizeit und Reise die "Praline" (740 071), für Gemüt und Wochenende die "Neue Post" (593 304) und zum Spaß die nabelfreie"Neue Illustrierte", die Bauer-Generalbevollmächtigter Siegfried Moenig, 50, erst 1963 von dem Kölner Verleger Gustav Blankenagel für zwölf Millionen Mark erworben hat.
Der gesammelten Bauer-Streitmacht wird sich Deutschlands größte Illustrierte "Stern" (Druckauflage 1,864; verkauft: 1,608 Millionen) der Hamburger Gruppe Gruner, Jahr, Bucerius ebenso erwehren müssen wie die "Bunte" des Offenburger Senators Dr. Franz Burda, die mit einer verkauften Auflage von 1,404 Millionen nach "Stern" und "Quick" derzeit den dritten Platz hält.
Anfang August will Bauers Generalbevollmächtigter Moenig die "Neue Illustrierte", deren verkaufte Auflage dank viel Haut auf dem Titelblatt in den vergangenen zwei Jahren um nahezu 500 000 stieg, mit der gleichfalls sexgerichteten "Revue" zur "Neuen Revue" verquicken und am "Stern" vorbei auf den ersten Platz steuern.
Bislang klafft zwischen der "Neuen" und dem führenden "Stern" eine Auflagen-Differenz von 237 000 Exemplaren. Die etwa 167 000 "Revue"-Abonnenten sollen zusammen mit jenen, die auch weiterhin am Kiosk die "Revue" kaufen wollen und stattdes eine "Neue Revue" erhalten, Gruner, Jahr und Bucerius den begehrten. Platz an der Spitze des Marktes abjagen. Spottete "Stern"-Verleger Gruner: "Deutschlands Sex in einer Hand."
Der Vertragsabschluß zwischen Bauer und den "Quick"-Verlegern traf die Branche unvorbereitet. Jahrelang hatten die Verleger allenfalls Springer ernsthafte Ambitionen auf die "Quick" zugetraut. Noch am vergangenen Montag erklärte der Hamburger Verleger John Jahr in einem Interview mit dem Norddeutschen Rundfunk: "Ein Betrag von 60 Millionen ist mit Ausnahme von Springer von keinem Verlag in Deutschland aufzubringen."
Martens und Kenneweg hatten regelmäßig alle Berichte über Verkaufsverhandlungen als "lächerlich" abgetan oder gar mit Androhung von Klagen verfolgt. Noch am 26. Mai, einen Tag bevor die Verleger sich zum erstenmal mit Unterhändlern Bauers trafen, schrieben sie an die Anzeigenagenturen: "Wir haben mit niemandem Gespräche oder Verhandlungen über den Verkauf von Projekten unseres Hauses geführt."
Insgeheim aber hatten sich die beiden Verleger schon längst auf den Verkauf eingerichtet. Kenneweg und Martens, den die amerikanischen Besatzer am 5. März 1948 unter der Lizenz -Nummer US E-209 zur "Veröffentlichung einer illustr. Zeitschrift" autorisiert hatten, war es auf dem immer rasender rotierenden Illustrierten-Karussell schwindelig geworden.
Über den Beginn seiner Verlegerkarriere erzählte der oldenburgische Bauernsohn Theodor Martens, ehemals Ullstein-Direktor und Korvetten-Kapitän: "Mein einziges Kapital waren damals meine Frau und meine Kinder." 18 Jahre später hatten die Verleger Martens und Kenneweg - er unterhält einen Reitstall mit 32 Pferden und einen 60-Hektar-Besitz auf der Insel Elba - genug Kapital, aber keinen Mut mehr.
Nach dem Zusammenschluß der Hamburger Verleger Bucerius, Gruner und Jahr im vergangenen Sommer war der Martens-Verlag das einzige große Zeitschriftenunternehmen ohne eigene Druckerei. Beide Verleger sind alt, ihre Nachkommen dem beinharten Job an der Spitze eines Illustrierten-Verlages nicht gewachsen.
Zudem bereitete der Busen- und Po -Wettbewerb, im Branchenslang mit dem Kürzel T + A gekennzeichnet, den "Quick"-Verlegern immer neuen Kummer, da ihr vor allem auf die Hausfrauen zugeschnittenes Blatt bei vermehrter Fleisch-Beimengung in gefährliche Tabuzonen geraten mußte. Andererseits zeigte sich, daß im Kampf um den Kiosk nur das gelobt ist, was scharf macht. Während der letzten zwölf Monate wuchs die Auflage der richtungweisenden "Neuen" um 267 000, die der "Quick" nur noch um 77 000.
Um Bauer am Überholen zu hindern, kauften Martens und Kenneweg im vergangenen Sommer auch noch die notleidende "Revue" des branchenmüden Helmut Kindler zum Preis von zwölf Millionen Mark auf. Anderenfalls hätte Bauer bereits vor Jahresfrist die "Revue" übernommen, mit der "Neuen" verschmolzen und das Münchner Lager gestürmt.
Das aus der Not geborene Geschäft erwies sich als Fehlschlag. Die "Revue" -Auflage stagnierte weiter, und da auch die erhofften Anzeigen ausblieben, mußte der Martens-Verlag bei jeder Ausgabe 70 000 Mark zuschießen.
Die Verluste bei der "Revue" versuchten die Verleger bei der "Quick", die jährlich sechs Millionen nach Steuern abwirft, einzusparen. Als sie dem "Quick"-Chefredakteur Karl-Heinz Hagen, 46, und seinem Adlatus Günter Prinz, 36, den Etat kürzten, verließ das Duo kurz vor Ostern das Haus an der Brienner Straße und ging zu Springer. Der 71 Jahre alte Diedrich Kenneweg mußte sich noch einmal auf den Sessel des Chefredakteurs quälen.
Der Wechsel des "Quick"-Chefs Hagen zu Springer und der schleppende Geschäftsgang nährten das Gerücht, nunmehr werde Springer bald von München Besitz ergreifen.
"Stern"-Verleger Bucerius machte sich zum Sprecher aller jener, die ein weiteres Aufschwappen von Springers Pressemacht argwöhnten. Unter dem 13. Mai schickte Bucerius einen Brief ins Springer-Haus, der mit den Worten "Lieber Axel" begann. Bucerius hielt dem Konzernherrn vor, er beherrsche heute bereits nahezu die gesamte Presse in Hamburg und Berlin - der "Tagesspiegel" beispielsweise lebe nur noch von Springers Geld. Mit "Bild" und "Welt" im gesamten Bundesgebiet, mit dem "Mittag" in Düsseldorf übe Springer einen immer stärker wachsenden Einfluß aus und bohre sich überall hinein. Sein politischer Einfluß wachse ins Ungemessene, und so viel Macht könne kein Staat hinnehmen, wenn er nicht auf seine Souveränität verzichten wolle.
Wenn Springer, so endete Bucerius, nun auch noch "Quick" und "Revue" kaufe, würde er mehr als 50 Prozent des gesamten Grossisten-Umsatzes beherrschen. Er solle sich den nächsten Schritt sehr ernsthaft überlegen*.
Tatsächlich ist der Springer-Generalbevollmächtigte Christian Kracht etwa 25mal im springereigenen Jet Commander nach München geflogen, um die Martens-Projekte eingehend zu prüfen.
Nach sorgfältiger Erkundung der Martens-Bücher freilich winkte Springer ab. Der Ertragswert des Projekts erschien dem Verleger nicht gut genug, der Preis zu hoch. Zukunftsaussichten und Konkurrenzsituation der Branche beurteilte er skeptisch, eine Expansion in die äußerlich gewaltigen, im Inneren aber brüchigen Dimensionen des Illustrierten-Geschäfts hielt er für zu gewagt; der nervenfasernde Zwang, immer der Größte zu sein, und die personellen Unwägbarkeiten in der Unterhaltungsbranche schreckten den Kaufmann.
Während Martens, nach allen Seiten hin dementierend, mit neuen Interessenten aus Italien und Frankreich verhandelte, ereilte ihn am 26. Mai ein Anruf des Münchner Anwalts Dr. Oehl, der sich als Bevollmächtigter eines Kaufinteressenten auswies. Seine Freunde, so Oehl, möchten die "Revue" kaufen, und wenn es sich machen ließe, würden sie die "Quick" gleich dazunehmen. Bereits am 27. Mai unterzeichneten die Gesellschafter mit Dr. Oehl einen Vorvertrag, ohne zu wissen, daß sich Bauer hinter der Offerte verbarg.
Zunächst verlangten Martens und Kenneweg 88 Millionen Mark; Moenig -Beauftragter Dr. Oehl handelte den Preis auf 68 Millionen herunter.
Damit die Interessenten den Preis nicht noch mehr drückten, fanden Kenneweg und seine Tochter Gullan Weltz überzeugende Worte, nervöse Redakteure von Kündigungen zurückzuhalten.
Bauer-Bevollmächtigter Moenig hatte derweil andere Sorgen. Das Haus ist durch den Erwerb der "Neuen Illustrierten", in die Bauer insgesamt etwa 30 Millionen Mark investierte, noch strapaziert. Trotz der erheblichen Auflagensteigerung hat Bauer bis heute mit der "Neuen" noch kaum Gewinn gemacht.
Nach wochenlangen Beratungen mit Schweizer Banken machten Bauers Finanzberater ihrem Chef eine Rechnung auf, die ihm den neuen finanziellen Brocken verdaulich zu machen schien. Im Endeffekt wird die Kaufsumme von 68 Millionen Mark aufgebracht durch
- Weiterverkauf der Objekte "o. k.",
"Wir", "Twen" und "Kicker";
- Verwertung von Grundbesitz des Martens-Verlages: 13 bis 15 Millionen Mark;
- Kredit der Schweizer Banken: 40
Millionen Mark;
- Kredit der Frankfurter Investitions- und Handels-Bank, an der die Bank für Gemeinwirtschaft beteiligt ist: elf Millionen Mark.
Es ist beschlossene Sache, daß Springer die Bauer-Blätter "Twen", "Kicker", "Wir" und "o. k." übernimmt. Während über den Kaufpreis noch verhandelt wird, tätigt Springers Kracht bereits Papiereinkäufe für "Twen" in Frankreich. Die Beat-Journale "Wir" und "o. k." werden zur Zeit von Bauer zu "Wir o. k." vereint und sollen demnächst Springer übergeben werden.
Sollte der Bauer-Verlag auf seinem Kurs zur Illustrierten-Großmacht auf weitere Teile seines Sortiments verzichten müssen, werden auch diese preiswert auf Springers großen Teller fallen.
Bis zum letzten Donnerstag um 18 Uhr kassierten Martens und Kenneweg im Münchner "Quick"-Haus, teils durch Überweisung, teils durch Scheck, von Bauer 51 Millionen Mark. Anschließend legten sie die Geschäftsführung von Martens & Co. nieder und räumten ihre Schreibtische. Unter der Tür verabschiedete der Bauer-Boß die beiden Herren: "Besuchen Sie uns mal!"
* Unter der Anrede "Lieber Buc" fragte Springer zurück, warum diese Bedenken nicht galten, als vor zwei Jahren Bucerius Ihm den "Stern" zum Kauf anbot. Bucerius damals an Springer: "Ich glaube, daß der 'Stern' in Ihrem Hause am besten aufgehoben wäre."
"Quick"-Verkäufer Martens
Für die Kapitulation ...
"Quick"-Verkäufer Kenneweg
... im Kampf am Kiosk ...
... zahlte die Konkurrenz 68 Millionen Mark: Verkaufte Martens-Kenneweg-Blatter
"Quick"-Käufer Bauer
Für das Duell mit dem "Stern" ...
Bauer-Bevollmächtigter Moenig
... eine "Neue Revue"

DER SPIEGEL 26/1966
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