20.06.1966

VERTRIEBENEGewisse Ruhe

Bei Obstsäften kleidete die niedersächsische Vertriebenenministerin ihr Anliegen in ein botanisches Gleichnis. Maria Meyer-Sevenich, 59, vor Journalisten: "Alles, was wuchert, muß weg wie das Unkraut im Garten. Das muß aus den Blumenbeeten heraus."
Opfer der ministeriellen Entkrautung war Anfang Februar der Oberregierungsrat Hans Beske, 51, geworden (SPIEGEL 11/1966). Er hatte, als Chef des gesamtdeutschen Referats im niedersächsischen Vertriebenenministerium, sieben Jahre lang für Verständigung und Versöhnung mit dem Osten geworben, was ihm Dank und öffentliche Anerkennung seiner jeweiligen Dienstherren eintrug. Nur zu den strammen Thesen der Verbandsvertriebenen war Beske mit seiner "versöhnenden Richtung" (Meyer-Sevenich) immer stärker in Gegensatz geraten.
Als er sogar die evangelische Vertriebenen-Denkschrift verteidigte und den polnischen Erzbischof Kominek in Rom aufsuchte, erklärten ihm die Funktionäre des "Bundes der Vertriebenen" (BdV) den kalten Krieg. BdV-Präsident Jaksch: "Der Mann muß weg." Der hannoversche BdV-Geschäftsführer von Fircks: "Krankhaftes Sendungsbewußtsein."
In mühevoller Kleinarbeit und mit Unterstützung von Beske-Mitarbeitern trugen die Gegner des gesamtdeutschen Referenten im hannoverschen Vertriebenen-"Haus deutscher Osten" zusammen, was als Belastungsmaterial gelten sollte. Die Ministerin untersagte Beske die Führung der Geschäfte und ließ den Diplom-Volkswirt ins niedersächsische Landesverwaltungsamt verpflanzen, "weil diese Tätigkeit seiner beruflichen Ausbildung entspricht".
Die Vorwürfe gegen Beske wurden nachträglich - zu einer 18 Seiten langen Disziplinaranklage ausgewalzt. Doch schon während der Voruntersuchung sahen sich die beiden nainhaftesten Beske-Gegner, BdV-Geschäftsführer von Fircks und der Geschäftsführer der "Niedersächsischen Arbeitsgemeinschaft für gesamtdeutsche Aufgaben" (Naga), Otto Votel, plötzlich selber peinlichen Nachforschungen ausgesetzt:
- Fircks wurde ersucht, der niedersächsischen Landesregierung, dem Präsidium des Landtags und seiner Partei, der CDU, Auskunft über seine Zugehörigkeit zur SS zu geben;
- gegen Votel wurde verbandsintern wegen einbehaltener Gelder ermittelt. Der baltische Baron Otto Friedrich von Fircks (SS-Nummer 357 261) hatte im Frühjahr mit einer Delegation des niedersächsischen Landtags eine 15 -Tage-Reise nach Israel unternommen, ohne die CDU-Fraktion, die ihn benannte, das Landtagspräsidium, das die Reise bezahlte, und die "Landeszentrale für politische Bildung", die den Besuch organisierte, von seiner Vergangenheit in Kenntnis zu setzen.
In Israel sah sich der Freiherr in der Gedenkstätte Yad-waschem die Dokumente von der Aussiedlung jüdischer Polen aus ihrer Heimat an, an der er selber mitgewirkt hatte: Als SS-Obersturmführer beim Aussiedlungsstab Litzmannstadt (Lódz) oblag es Fircks nach dem Polenfeldzug, Volksdeutsche aus dem Baltikum in dem besetzten Gebiet seßhaft zu machen. Fircks: "Ich habe nur mit der Ansiedlung, nicht mit der Aussiedlung der Polen etwas zu tun gehabt. Ich war nicht mal in der NSV."
Die "Landeszentrale für politische Bildung" mühte sich, den peinlichen Fall zu verhüllen. Ihr Chef, Regierungsdirektor Walter Ebbighausen: "In Israel denken sie sonst, jetzt schicken die uns schon Nazis her." Sogar die CDU war von ihrem Fircks "ziemlich überrascht".
Ebenso überrascht war man im Vertriebenenministerium über Otto Votel, der als Naga-Geschäftsführer jahrelang Gelder (insgesamt mindestens 11 000 Mark) für sich verwendet hatte, die ihm das Ministerium als Beiträge zur Sozialversicherung zahlte. Votel verteidigte sich mit "Unwissen": Er habe geglaubt, daß es sich um "Sozialbeiträge" gehandelt habe, die er für sich behalten dürfe.
Votel, der seines Postens enthoben und zur Zurückzahlung der Gelder aufgefordert wurde, verlor damit als Hauptlieferant der Vorwürfe gegen Beske alle Glaubwürdigkeit. Vertriebenenstaatssekretär Morgenstern: "Da hat man mir meinen Kronzeugen gegen Beske rausgeschossen."
Statt Zeugen gegen meldeten sich im Vertriebenenministerium unterdes immer mehr Zeugen für Beske. So etwa die niedersächsischen Jungdemokraten, die in einer Resolution gegen den "Rückschritt in der Arbeit des Ministeriums" protestierten.
Der Rückschritt ist freilich beschlossene Sache: Bei ihrer Jäte-Aktion hat Maria Meyer-Sevenich nicht nur den Oberregierungsrat Beske ausgerupft, sondern auch dessen gesamtdeutsches Referat an der Wurzel getroffen. Sie verfügte, die gesamtdeutsche Arbeit des Ministeriums solle "zurückgeschraubt", die Politik "um die Vertriebenen und mit den Vertriebenen" künftig "von ganz besonderer Bedeutung" werden. Und: "Es wird Herrn Beske ganz guttun, wenn jetzt bei ihm eine gewisse Ruhe eintritt."
Oberregierungsrat Beske
"Den Kronzeugen rausgeschossen"

DER SPIEGEL 26/1966
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