20.06.1966

SOWJET-UNION / DE-GAULLE-BESUCHUral überschritten

Als Franzosen-Kaiser Napoleon 1812
in Moskau einzog, legte sich nach zeitgenössischen Quellen "eine große Stille über Deutschland" - eine Stille der Angst, ob Zar Alexander I. mit dem Franzosen einen Akkord über die Teilung der damaligen Welt, insbesondere Deutschlands, schließen würde.
Ein Deutscher, der Freiherr vom Stein, bestürmte den schwankenden Zaren, die welsche Offerte abzulehnen. Der Zar gab nach, Napoleon fiel.
Als Franzosen-Kaiser de Gaulle 1966 in Moskau einzog, wär kein Freiherr vom Stein zur Stelle, die Beklemmung in Deutschland um so größer: Geduldig, aber vergebens hatten Bonns Diplomaten versucht herauszufinden, ob der Gast dem Gastgeber ein auf die Verhältnisse des Jahres 1966 abgestimmtes Napoleon-Angebot machen wird (oder es annimmt, wenn der Gastgeber es serviert).
Aus Bonapartes Erbschaft hat de, Gaulle die Doktrin übernommen, die Festland-Europäer müßten ihre Affären, insbesondere die deutsche Frage, unter Ausschluß der Angelsachsen regeln. Napoleon traf damit auf den Widerstand Rußlands, das sich nicht an die Kontinentalsperre gegen England halten wollte. De Gaulle hofft, daß die Russen von heute verständnisvoller sind.
Moskaus Interesse richtet sich zwar immer noch auf einen Ausgleich mit den USA. Aber Vietnam hat die Grenzen der russisch-amerikanischen Atom-Komplicenschaft erkennbar werden lassen. Und in Europa zeigen die USA mit dem Blick auf den Vietnamkrieg Ermüdungs-Erscheinungen gegenüber de Gaulles Go-Home- und Bonns Bleibt hier-Schrei. Da de Gaulle mit Sicherheit nicht aus Europa abzieht, könnte den Russen ein Akkord mit ihm als zukunftsträchtig erscheinen.
Seit Chruschtschows - Frankreich -Besuch im Jahre 1960 lud Moskau de Gaulle ein dutzendmal zum Gegenbesuch in die Sowjet-Union ein. Erst im Januar 1966 sagte de Gaulle zu. "Die Sowjet-Union ist der gegebene Verbündete Frankreichs", hämmerte die sowjetische Presse - bis das Echo in Frankreich genauso sprach.
"Zehn Jahrhunderte französisch russisches Bündnis", verkündete das Gaullistenblatt "La Nation" im Oktober 1965. Russen- und Franzosenherzen schlugen angeblich erstmals 1000 Jahre früher - und seither ununterbrochen - im Takt, als König Heinrich I. die Tochter des Großfürsten Jaroslaw I. von Kiew ehelichte (1044).
In Wahrheit schlugen sich Russen und Franzosen während ihrer tausendjährigen Brüderschaft besonders dramatisch, wenn man bedenkt, daß gut 1000 Kilometer Deutschland und Polen zwischen ihnen liegen:
- Napoleon gewann seine genialste Schlacht, die von Austerlitz (1805), gegen die Russen (und Österreicher).
- Bei Borodino (1812), der blutigsten
Schlacht der Napoleon-Zeit, fielen 45 000 Russen und 30 000 Franzosen.
- Im Krimkrieg (1854/56) stellte Frankreich mit 40 000 Mann das bedeutendste Kontingent gegen Rußland (England: 20 000 Mann). Noch heute zehrt die französische Armee von dem Ruhm, die stärkste Bastion der Festung Sewastopol, den Malakow, erobert zu haben.
- 1920 schlugen französische (und polnische) Truppen unter General Weygand an der Weichsel die Russen und retteten damit Polen vor der Roten Armee. Mitkämpfer: Major Charles de Gaulle.
Die russisch-französische Militärkonvention von 1892 hatte die Randstaaten Europas zwar einander nähergerückt. Aber noch im Juli 1914, als Frankreichs Staatspräsident Poincaré in Petersburg von Bord des Panzerschiffs "France" kletterte, um den Zaren zu besuchen, wurde das Ungewöhnliche der Allianz den Zeitgenossen bewußt: Bloßen Hauptes lauschte Zar Nikolaus, Europas größter Autokrat, der revolutionären Marseillaise.
In beiden Weltkriegen blieb wirkliche russisch-französische Waffenbrüderschaft auf Symbolhandlungen beschränkt:
- Russische Truppenteile, darunter Reste des russischen Expeditionskorps aus dem gescheiterten Dardanellen-Unternehmen, fochten im Ersten Weltkrieg in Frankreich.
- Eine französische Fliegerstaffel, von de Gaulle nach Moskau verschifft, bildete mit russischem Bodenpersonal im Zweiten Weltkrieg das Regiment "Normandie-Njemen".
Im Dezember 1944 zog Charles de Gaulle zum erstenmal gen Osten und schloß im Kreml einen Beistandspakt, "um eine neue, von Deutschland ausgehende Gefahr zu verhindern". Damals schon akzeptierte er die Oder-Neiße-Linie. Außenminister Bidault vor dem Parlament: "Kein Bündnissystem kann befriedigen, wenn im Zentrum Europas Deutschland seine Grenzen, seine natürlichen Reichtümer und sein Industriepotential behält."
In dieser Zeit war Europa für de Gaulle noch auf die Länder begrenzt, "die an Rhein, Alpen und Pyrenäen stoßen". Fortan wurde dieses Europa in Etappen erweitert auf die Gebiete
- "zwischen Oslo und Athen",
- "von Minsk bis Bordeaux",
- "vom Atlantik bis zum Ural".
Am 23. Juni 1966 überschreitet der Franzose erstmals den Ural um fast 1500 Kilometer, um auf seiner Rußlandreise Nowosibirsk zu besuchen. Von Sibirien aus wendet er sich nach Leningrad und Stalingrad, den Stätten des deutschen Rußland-Alptraums.
Vorige Woche kündigte Radio Prag ein formelles Arrangement zwischen Russen und Franzosen an, die sich einig seien, daß Bonns Bundeswehr keine Atomwaffen besitzen soll: Bei de Gaulles Besuch soll laut Radio Prag eine europäische Sicherheitskonferenz projektiert werden, deren Thema ein Nichtangriffsvertrag zwischen Nato und Warschauer Pakt und schließlich sogar ein kollektives Sicherheitssystem der ost - und westeuropäischen Staaten sei.
Deutschlands Kanzler Erhard sah - im Gegensatz zu seinem Außenminister
- gleichwohl optimistisch auch in diese
Ecke der Zukunft. Der Quai d'Orsay aber dementierte alle Pakt-Ahnungen.
Napoleon schon hatte die Ostland -Reisenden gallischer Nation gewarnt: "Von allen Mächten ist Rußland am meisten zu fürchten."
Frankfurter Allgemeine
"Willkommen, lieber Freund!"

DER SPIEGEL 26/1966
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