27.06.1966

KINDERMORDEMagie mit Versen

Die Mitglieder des Langenberger Sparklubs "Fleißige Bienen" schätzten den Inhaber des Sparschrankfaches 21 als einen spendablen Gesellschafter, der "manchmal mit dem Geld nur so um sich schmiß" (Klublokal-Wirt Hans Hesse).
Die Angehörigen des "Magischen Zirkels Essen" priesen ihr jüngstes, aber auch gelehrigstes Mitglied als einen Zauber-Enthusiasten, der "stets fleißig gearbeitet hat" (Zirkelvorsitzender Sprengstoff-Ingenieur Klaus Laengner).
Letzte Woche gestand der spendierfreudige und zaubernde Fleischergeselle Jürgen Bartsch, 19, aus Langenberg im Landkreis Düsseldorf-Mettmann vier Kindermorde, begangen an:
- Klaus Jung, 8, aus Essen - zuletzt gesehen am 31. März 1962 auf einem Kirmesplatz an der Ribbeckstraße in der Essener Innenstadt;
- Peter Fuchs, 11, aus Gelsenkirchen zuletzt gesehen am 6. August 1965 auf dem Bahnhof Oberhausen;
- Ulrich Kahlweiß, 11, aus Velbert im
Kreis Düsseldorf-Mettmann - zuletzt gesehen am 14. August 1965 auf einem Jahrmarkt in Velbert;
- Manfred Grassmann, 11, aus Essen - zuletzt gesehen am 8. Mai 1966 auf einem Kirmesplatz in Essen -Schonnebeck.
Der Adoptivsohn eines Schlachtermeisters war der sogenannte Kirmesmörder, der die Bevölkerung an Rhein und Ruhr seit vier Jahren in Schrecken versetzt und nach dem die nordrheinwestfälische Polizei trotz Sucheinsatz vieler Hundertschaften, Ermittlungen mehrerer Kripo-Sonderkommissionen, Verteilung Tausender Flugblätter und
Lautsprecherdurchsagen bei Großveranstaltungen im Kohlenpott ebensolange erfolglos gesucht hatte.
Und nicht die Polizei war Jürgen Bartsch schließlich zum Verhängnis geworden, sondern ein 14jähriger - von Bartsch als Opfer einer weiteren Untat ausersehen: Nachdem Bartsch zunächst im Langenberger Freibad gebadet hatte, war er am vorletzten Sonnabend nach Wuppertal-Elberfeld gefahren, wo er auf der Straße den Hilfsarbeiter Peter Frese ansprach: ob er sich von ihm einen Schatz zeigen lassen wolle? Bartsch hielt Frese im Wuppertaler "Stadtkrug" mit Apfelsaft frei und fuhr dann mit ihm im Taxi nach Langenberg. In der Langenberger Heegerstraße ließ Bartsch halten - unweit der Lagerstätte des angeblichen Schatzes, einem am Straßenrand in den Fels getriebenen Stollen, der im Krieg als Luftschutzbunker gedient hatte. Im Stollen überwältigte der Metzgergeselle den körperlich unterlegenen Hilfsarbeiter und verging sich an ihm. Dann schlug er Frese bewußtlos, fesselte Füße und Hände und ging zu seinen Adoptiveltern abendessen.
Die Bewohner des Hauses Heegerstraße 34 gegenüber dem Stollen saßen vor den Bildschirmen, über die gerade Hans-Joachim Kulenkampffs Sendung "Einer wird gewinnen" lief, als der verletzte Peter Frese Sturm klingelte. Nach Westernart hatte er an einer von Bartsch - dieser sah um diese Zeit ebenfalls Kulenkampff zu - im Stollen zurückgelassenen Kerze die Fußfesseln durchgebrannt.
Montag vormittag - Frese war zunächst nicht vernehmungsfähig gewesen, dann hatte er die Polizei mit seinem Bericht nur schwer überzeugen können - inspizierten Polizisten den Stollen. Es war die erste Stollen-Durchsuchung seit Beginn der Fahndung nach dem mysteriösen Rummelplatzmörder, dem Verbrechen an Immerhin drei, seit 1962 im Umkreis von nur etwa 20 Kilometer verschwundenen Kindern (Klaus Jung, Ulrich Kahlweiß, Manfred Grassmann) zugeschrieben wurden.
Ortspolizisten fanden zunächst den Finger einer Kinderhand. Dann stießen Angehörige der zur Aufklärung der Vermißtenfälle Ulrich Kahlweiß und Manfred Grassmann eingesetzten Sonderkommissionen und der Mordkommission Düsseldorf auf die Leiche des am 8. Mai verschwundenen Manfred Grassmann sowie auf Skeletteile weiterer drei Kinderleichen und mögliche Mordwerkzeuge wie ein feststehendes Messer und mehrere Drahtschlingen.
Zuschauer der im Scheinwerferlicht vorgenommenen Bergungsarbeiten war auch Jürgen Bartsch. Bis in die Nacht stand er in der vor dem Stolleneingang wartenden Menge. Einen Tag später wartete vor der Langenberger Polizeiwache eine Menge, die den inzwischen festgenommenen "Teufel in Menschengestalt" (Düsseldorfer "Mittag") zu lynchen drohte.
Der so verteufelte 19jährige mit den kindlichen und - wie der Hamburger Psychiater Professor Hans Bürger-Prinz analysiert - "gleichen verwaschenen weichen Gesichtszügen, die uns bei solchen Tätern oft begegnen", wurde am 6. November 1946 in Essen geboren. Kindsmutter war die damals 22 Jahre alte Elisabeth Sadroczinski, Ehefrau eines seit 1941 in Rußland vermißten Soldaten; Kindsvater ein unverheirateter Bergmann. Mutter Elisabeth starb 1947, Jürgen kam ins Kinderheim "Schloß Schellenberg", dann zu den kinderlosen Eheleuten Gertrud und Gerhard Bartsch, die ihn 1954 adoptierten.
Schlachtermeister Bartsch schickte den blonden, blauäugigen Jürgen in die Christinen-Schule in Essen-Rüttenscheid, steckte ihn als Elfjährigen in das katholische Knaben-Internat Marienhausen am Rhein und gab ihn drei Jahre später bei seinem Altenessener Kollegen Josef van Loon in die Lehre. Jürgen hielt es dort vier Monate aus. Er beendete die Lehre in der Metzgerei seines Adoptivvaters.
Über die drei Marienhausener Internatsjahre sagt Jürgen Bartsch heute: "Da wurde ich verdorben." Jedenfalls erstattete der Langenberger Malermeister Reinhard Beck kurz nach der Rückkehr Bartschs aus dem Internat - im Juni 1961 - Anzeige gegen den Schlachterlehrling, weil dieser Becks Sohn Frank, damals 12, unter dem Vorwand, er wolle ihm altes Kriegsgerät zeigen, in den Stollen an der Heegerstraße gelockt und dort belästigt habe.
Am 31. März des nächsten Jahres dann sprach Bartsch, der vernehmende Beamte wie den Leiter der Düsseldorfer Mordkommission, Heinz Hinrichs, durch seine "gepflegte Ausdrucksweise" beeindruckte, auf der Kirmes an der Essener Ribbeckstraße den achtjährigen Klaus Jung an. Jungs Vertrauen gewann der um sieben Jahre Ältere vermutlich mit Hilfe desselben psychologischen Tricks, mit dem er zuvor schon Frank Beck in den Felsstollen an der Heegerstraße gelockt hatte und auf den vorletzte Woche auch Peter Frese hereinfiel: mit dem Versprechen, er kenne einen verborgenen Schatz und wisse, wo ein geheimes Waffenlager sei.
Allerdings schlug diese Taktik auch häufig fehl. Wiederholt, so sagte Bartsch letzte Woche aus, habe er in der Zeit zwischen dem Mord an Klaus Jung und dem 6. August 1965, als er den Gelsenkirchener Schüler Peter Fuchs mitnahm und tötete, versucht, "Kinder an Land zu ziehen", aber es habe "nie geklappt".
Am 14. August 1965 fuhr Bartsch, der immer reichlich Geld hatte und deshalb zumeist ein Taxi benutzte, zum Jahrmarkt nach Velbert. Auf einem Rummelplatz wurde er dort mit seinem dritten Opfer, dem elf Jahre alten Ulrich Kahlweiß, von einem Amateur gefilmt. Die Polizei schnitt das - nur sehr unscharfe - Bild Bartschs aus dem Filmstreifen und verbreitete es später als das Konterfei des mutmaßlichen Kirmesmörders auf Tausenden von Plakaten. Hinweise auf heiße Spuren bekamen sie nicht.
Um diese Zeit auch fiel der untersetzte, stets gepflegte und scheue Fleischergeselle Gleichaltrigen und Älteren aus seiner engeren Umgebung erstmals durch absonderliches Verhalten auf. Im Sparklub "Fleißige Bienen" fand man es "merkwürdig", daß Bartsch "fast nur mit kleinen Jungen spielte" (Gastwirt Hesse). Sprengstoff-Ingenieur Laengner vom Magischen Zirkel Essen bemerkte an Bartsch eine "gewisse Nervosität und Zerstreutheit", die sich aber beim Zaubern wieder gab, und dann arbeitete er "geschickt und sicher".
Seit Ende 1964 verkehrte Jürgen Bartsch in Laengners Zirkel, der den interessierten und fingerfertigen Jungen zunächst "als Gast in unseren Reihen" (Laengner) aufnahm und letzten Oktober schließlich durch sogenannte Ballotage (eine geheime Wahl, bei der die Stimmen durch schwarze oder weiße Kugeln abgegeben werden) zum ordentlichen Mitglied wählte. Zuvor hatte Bartsch eine Prüfung ablegen müssen: Er zauberte aus leeren Gläsern Bier und Milch, machte Kartenkunststückehen und vollführte den sogenannten Chikago-Billard-Trick. Die Essener "Westdeutsche Allgemeine" schrieb damals über den "jüngsten Magier": "Rasierklingen verschlingt er mit sichtlichem Genuß und zieht sie an einem Band sorgfältig gebunden wieder aus der Kehle."
Seine letzte Zauber-Vorstellung gab Bartsch, der zu seinen Kunststücken bisweilen auch selbstgefertigte Verse im "Eugen-Roth-Stil" (Laengner) vortrug, am 11. Mai. Drei Tage zuvor war sein viertes Opfer, der elf Jahre alte Manfred Grassmann, von einem Besuch der Kirmes in Essen-Schonnebeck nicht mehr nach Hause gekommen.
Wie Psychiater Bürger-Prinz mutmaßt, gehört die Magie für den jugendlichen Homo-Erotiker "zu den Dingen, mit denen er sich aus dem Grau seines Lebens emporheben wollte". Und: Die Zauberei "kann mit den Tötungen in Beziehung gestellt werden ... aber sie muß es nicht".
Magier Jürgen Bartsch tötete - so Oberstaatsanwalt Fritz Klein von der untersuchenden Staatsanwaltschaft Wuppertal - aus "übersteigerter sexueller Erregung". Und so erschreckend wie sich seine blutige Laufbahn als Sexual-Gewalttäter auch ausnimmt, einmalig ist sie in der deutschen Kriminalgeschichte nicht. Bartsch war 15, als er zum erstenmal tötete. Noch ein Jahr jünger war der homosexuelle Bäckerlehrling Walter Dippl aus dem bayrischen Landshut, als er im März 1952 den Schüler Ingo Eisheuer, 7, tötete und die Leiche verstümmelte. Nach einem zweiten Sexualmord an einem Schüler wurde Dippl ein Jahr später gefaßt.
Dippl hatte ein zweites Mal töten können, weil die Kriminalpolizei, obwohl auf Dippls abartige Veranlagung hingewiesen, aufgrund einer Reihe von Fehlschlüssen monatelang nach einem erwachsenen Täter fahndete.
Im Fall Jürgen Bartsch waren die Weichen bereits im Sommer 1961 - ein Dreivierteljahr vor Beginn seiner Mordserie - falsch gestellt worden.
Der Langenberger Malermeister Beck hatte damals in seiner Anzeige gegen Bartsch zu Protokoll gegeben, dieser habe seinen Sohn Frank im Bunkerstollen an der Heegerstraße gezwungen, sich auszuziehen und auf den Boden zu legen. Dann habe sich Bartsch auf den Jungen gesetzt. Es sei Frank aber gelungen, sich zu befreien und fortzulaufen. Langenbergs Ortspolizisten bearbeiteten Franks Stollenerlebnis als Körperverletzung. Und weil Jürgen Bartsch bei der Vernehmung angab, er habe sich mit Frank im Bunker nur herumgebalgt, stellte die Staatsanwaltschaft schließlich die Ermittlungen ein.
Jürgen Bartsch wurde mithin wegen seiner abartigen Veranlagung nie polizeinotorisch.
So war es denn auch nicht die Polizei, die letzte Woche aus Hilfsarbeiter Freses Angaben und den Leichenfunden im Stollen den richtigen Schluß zog, sondern Malermeister Beck. Er veranlaßte die Kripo, Jürgen Bartsch festzunehmen.
Verhafteter Bartsch: Nach dem Mord Chikago-Billard-Trick

DER SPIEGEL 27/1966
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