04.07.1966

KAEMPFERTÜber alles

In Amerika ist er der erste; in Deutschland ist der deutsche Musiker bestenfalls der erste unter den letzten.
Seit nunmehr vier Wochen hält sich der neueste Schlager des Hamburger Komponisten, Arrangeurs und Big -Band-Chefs Bert Kaempfert, 42, an der, Spitze der amerikanischen Pop-Bestsellerliste - in Deutschland kommt der von Frank Sinatra gesungene Titel "Strangers in the Night", wie fast alles, was Kaempfert in den letzten Jahren komponierte, nicht hoch.
Weder sein für Elvis Presley geschriebener Schlager "Wooden Heart" noch der von Nat "King" Cole bestellte Song "Love", noch die von Al Martino oder Dean Martin gesungenen Kaempfert-Kompositionen fanden in Deutschland einen nennenswerten Widerhall. "Die beatbesessenen jugendlichen Schallplattenkäufer", so erklärt Kaempfert das geringe deutsche Interesse, "können mit meinen melodiösen Stücken eben nichts anfangen."
Erfahrungen mit amerikanischer Unterhaltungsmusik hatte der studierte Pianist, Klarinetten- und Saxophonspieler Kaempfert schon kurz nach dem Krieg gemacht: In einem Klub in Bremerhaven spielte er für amerikanische Offiziere Sweet-Swing und übte sich, im Arrangieren amerikanischer Schlager. Als er von der US-Armee seinen Abschied nahm, produzierte er für die Hamburger "Polydor" Freddy-Quinn -Wehklagen ("Die Gitarre und das Meer"; "Unter fremden Sternen"), Ivo-Robic -Romanzen ("Morgen") und Aufnahmen mit den Beatles: Sie hießen damals (1961) noch "Beat-Boys" und gastierten ohne Polizeischutz im Hamburger Star Club.
Für eigene Arrangements telephonierte Kaempfert, der einzige deutsche Pop-Komponist, mit dem sich die Beatles während ihres Deutschland-Gastspiels unterhielten, Top-Musiker aus ganz Europa herbei: Mit diesem Orchester, das nur auf Platten spielt, nahm er die erste Kaempfert-Big-Band-Platte auf -Melodien aus dem deutschen Spielfilm "Wunderland bei Nacht".
Die Platte blieb in Deutschland liegen. Amerikanische Musikmanager, denen er sie zuspielte, nahmen sie besser auf: Sie honorierten den "außergewöhnlich schönen, weichen Klang" - so ein US -Kritiker - mit außergewöhnlichen Kontrakt-Angeboten:
Die amerikanische Schallplattengesellschaft "Decca" nahm ihn als Platten -Produzent unter splendiden Vertrag; der New Yorker Roosevelt-Verlag, eine angesehene US-Musik-Edition, sicherte sich Kaempferts ständige Mitarbeit; Hollywoods Filmfirmen beeilten sich, den deutschen Musikanten für) Soundtracks zu interessieren. Er schloß unter anderem mit der Gesellschaft "Universal International" ab und schrieb die Musik zu "A Man Could Get Killed" (deutscher Titel: "Willkommen, Mr. B ...").
Als Kaempfert-Fans bekannten sich auch 3500 amerikanische Disc-Jockeys. Sie stellen den Deutschen über alles und erklärten die dezent unterhaltenden Kaempfert-Instrumentalisten zum "aussichtsreichsten Orchester Amerikas".
Die Aussicht trog nicht: Berühmte amerikanische Orchesterleiter und Arrangeure haben seither Kaempferts sogenannten Continental Style (Kaempfert: "Musik, die nicht stört") adaptiert. So steht in einer Partitur des Filmkomponisten Henry Mancini beispielsweise die Anweisung: "Mit Kaempferts Schlagzeugbesen". Und der als bester Arrangeur der Welt klassifizierte Nelson Riddle verlangt gelegentlich von seinen Musikern den "Big Kaempfert Sound".
Alle Anstrengungen der Kaempfert -Konkurrenten, das überraschende Emporkommen des Stars aus Europa zu stoppen, waren erfolglos: Von Kaempferts 15 Big-Band-Platten rotieren in Amerika bislang annähernd vier Millionen Exemplare - eine Auflage, die kein US-Pop-Orchester erreichte. Allein von Kaempferts Langspiel-Bestseller, "Blue Midnight" wurden 800 000 Stück verkauft. Deutsche Auflage: 8000 Exemplare.
Ich habe es jetzt ja nicht mehr notwendig", sagt der Komponist, "aber schön wäre es, wenn ich in Deutschland ein bißchen mehr Erfolg hätte." Kaempferts amerikanisches Jahreseinkommen 1965: rund 3,5 Millionen Mark.
Komponist Kaempfert, Beatle Harrison*: Musik, die nicht stört
* Nach der Hamburger Beatles-Veranstaltung.

DER SPIEGEL 28/1966
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