25.07.1966

ANATOMIEKopf im Topf

In der Gemeinschaftsküche eines Kölner Studentenheims schaute ein Kommilitone in einen fremden Kochtopf. Er schrak zurück: Im brodelnden Wasser lag der Kopf eines Menschen.
Der Chemiestudent Hans-Joachim Scheer, 22, und der Medizinstudent Heimfried Pieper, 23, hatten den Schädel auf dem Kölner Südfriedhof ausgegraben, auf ihrer Bude präpariert und wollten ihn nun skelettieren.
Ein Kölner Schöffengericht verurteilte sie Mitte dieses Monats wegen Leichen - und Grabschändung zu je zehn Wochen Gefängnis mit Bewährung. Strafmildernd wertete das Gericht die Prüfungsangst der beiden Kopfjäger. Sie hatten im Präparierkurs nur unzureichende anatomische Erfahrungen sammeln können: Im Anatomischen Institut der Kölner Universität müssen sich jeweils mehr als 20 Studenten mit einer Leiche begnügen.
Sektionsgut ist an fast allen westdeutschen Anatomie-Instituten Mangelware, seit die aus dem Krieg geretteten Leichen verbraucht waren. An der Freiburger Universität wurde die "Situation katastrophal", wie die Anatomische Gesellschaft den Kultusministern der Länder jüngst signalisierte. Im kommenden Wintersemester liegt für je 100 Präparanden nur eine Leiche bereit.
Nur die bayrischen Universitäten sind noch einigermaßen versorgt (eine Leiche für zehn Studenten), seit das Münchner Innenministerium 1961 mit Erfolg an "ethisch besonders hochstehende Persönlichkeiten" appelliert hat, ihren Leichnam der Anatomie zu überlassen. In Hamburg steht es nur halb so gut (20 zu eins), in Kiel sogar 40 zu eins.
Die Leichenlücke führt der Bonner Neuropathologe Professor Günter Kersting vornehmlich darauf zurück, daß niemand mehr hingerichtet wird und viele Landstreicher seßhaft geworden sind. Doch die Direktoren der Anatomischen Institute teilen diese Ansicht durchweg nicht. So glaubt der Hamburger Professor Ernst Horstmann, daß eher die ständig gestiegene Studentenzahl den Mangel akut werden ließ.
Auch lockt in der Wohlstandsgesellschaft nicht mehr das Geld, das die Anatomien sich die Leichen kosten lassen. Zwar kann - entgegen weitverbreiteter Überzeugung - niemand seinen Körper verkaufen und als Lebender für seinen Leichnam kassieren. Auf so suspekte und zudem unsichere Geschäfte haben sich die Hochschulen nie eingelassen. Aber sie haben stets die Beerdigung der ausgedienten Leiche und die Grabpflege bezahlt.
Auch die traditionellen "Leichenquellen" (Horstmann) sind geblieben. Die Institute beziehen
- Tote, die keine Angehörigen hinterlassen und von Behörden überwiesen werden,
- dankbare Patienten, die testamentarisch ihren Körper für wissenschaftliche Zwecke zur Verfügung stellen, und
- totgeborene Kinder, die von ihren Eltern übergeben werden.
Auf der Suche nach Sektionsgut haben sich die Anatomen mit den Chirurgen verbündet. Amputierte Glieder und herausgeschnittene Organe werden für den Anatomie-Unterricht konserviert.
Gleichwohl läßt sich mit diesen Nothilfen das Problem, Anatomie zu lehren, nicht mehr meistern. Westdeutsche Anatomie-Professoren plädieren deshalb auf ein Schenkungsgesetz, wie es die US-Amerikaner als "donation act" in den meisten Bundesstaaten eingeführt haben. Dieses Gesetz soll verhindern, daß Angehörige eines Toten, der sich zu Lebzeiten der Anatomie vermacht hat, die Schenkung anfechten können.
Klagt Professor Horstmann: "Das passiert uns häufig. Kaum hatten wir die Leiche konserviert, da mußten wir sie wieder herausrücken."
Studenten in der Anatomie
Leichen gesucht

DER SPIEGEL 31/1966
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