01.08.1966

KÖNIGIN CHRISTINASchätze im Konvoi

Wenige Tage nachdem die Schweden Prag genommen hatten, forderte die Königin die Kunstschätze des Hradschin an. Die siegreichen Feldherren Ihrer Majestät gehorchten und schickten einen Schiffskonvoi mit mehr als 1000 Gemälden, Skulpturen, Manuskripten nebst einem lebenden Löwen elbeabwärts.
Mit der Prager Beute aus dem Dreißigjährigen Krieg begann Christina von Schweden (1626 bis 1689) eine Kunstsammlung, die zu den größten Kollektionen Europas gedieh. Ein Gutteil der nach dem Tode der Sammlerin dann in alle Welt verkauften Bücher, Bilder und Büsten hat der schwedische Kunsthistoriker Carl Nordenfalk in 20 amerikanischen und europäischen Ländern
wieder, aufgetrieben und im Auftrag des Europarats zur "wichtigsten europäischen Ausstellung dieses Sommers" ("Newsweek") sortiert. Die Kunstschau, vom Europarat mit 100 000 Mark gefördert und für 80 Millionen Mark versichert, wird bis Mitte Oktober in 35 Sälen des Stockholmer Nationalmuseums gezeigt.
Bereits vor zehn Jahren hatte Nordenfalk mit den Recherchen nach den königlichen Kunstschätzen begonnen. Beim Maharadscha von Baroda entdeckte er ein Ölgemälde von Carracci, im Prado fand sich eine Büste von Alexander dem Großen, in Haarlem grub er Zeichnungen von Michelangelo und Bernini aus; und die New Yorker Morgan Library brachte Bücher und Schriften aus der königlichen Kollektion an den Tag.
Hauptstücke der Schau sind jedoch Werke alter Italiener - Gemälde von Raffael, Correggio, Tizian - und Veronese etwa -, die Christina allen anderen Malern vorzog. Ihre nordischen Meistermalereien, so erklärte die Königin einst, würde sie ohne Zögern für zwei Bilder von Raffael eintauschen. Albrecht Dürers "Adam und Eva" verschenkte sie sogar.
Und auch von den übrigen deutschen und flämischen Meister-Werken trennte sie sich bald: Christina ließ die Gemälde in Stockholm zurück, als sie 1654 auf den Thron verzichtete, zum katholischen Glauben überwechselte und nach Rom zog. Beim Einritt in die Heilige Stadt schoß der Papst Salut.
Er schoß zu früh. Denn die Konvertitin, so mußte er später erfahren und so haben die Historiker belegt, wechselte die Religion vornehmlich, um im katholischen Süden leben, lieben und reisen zu können. Leopold von Ranke schrieb ihr denn auch neben großem Interesse an Kunst und Wissenschaft starke "touristische Neigungen" zu.
Kunsteifer und Forscher-Drang der Königin kamen den bedeutendsten
Männern ihrer Zeit zugute. In ihrem Dienst entwarf Rene Descartes ein Ballett, holte sich allerdings auch bei den Philosophie-Lektionen, die er seiner Mäzenin frühmorgens um fünf Uhr erteilen mußte, eine tödliche Lungenentzündung. Blaise Pascal baute für sie eine Rechenmaschine. Alessandro Scarlatti widmete ihr die Oper "L'Onestà negli Amori". Gian Lorenzo Bernini entwarf für sie einen Spiegel.
Weitere und größere Aufträge konnte Christina dem berühmtesten Architekten und Bildhauer des Barock allerdings nicht erteilen. Bernini war ihr zu teuer. Denn zeitweilig mußte die Königin mit einer päpstlichen Pension auskommen - das ererbte Barvermögen, das sie sich bei der Abdankung aus der Staatskasse nahm, war längst ausgegeben. Vor allem für 20 Bilder, die Christina bei einem Sammler in Genua einkaufte. Preziose der Kollektion: "Der Tod des Adonis; - ein Frühwerk von Peter Paul Rubens.
Das manieristische Bild, das vier füllige Frauen zeigt, die sich um den toten
Schönheitskönig mühen, war ganz nach dem erotischen Geschmack der Kunstfreundin. Denn Prüderie hat die Schwedin nie gekannt. So schockierte die Junggesellin ("Eine Ehe erfordert mehr Mut als ein Krieg") ihre Zeitgenossen beispielsweise, als sie beim Einzug in ihre römische Villa die verhüllten Schamstellen antiker Skulpturen entkleidete.
Auch die von bigotten Priestern angedrohte ewige Höllenstrafe konnte die sinnenfrohe Königin nicht davon abbringen, ihre Kollektion ständig um erotische Kunstwerke zu erweitern. Den Erwerb von Correggios schwüler "Leda"
- ein Gemälde, das ein späterer Besitzer, der Herzog Ludwig von Orleans. mit dem Messer massakrierte - feierte sie mit einem echt römischen Bacchanal.
Gerade auf dieses erotisch-mythologische Gemälde wollte Ausstellungs -Manager Nordenfalk bei der Rekonstruktion der Christina-Sammlung nicht verzichten. So zeigt er statt des zerstörten Originals eine Kopie aus dem 17. Jahrhundert. Denn Nordenfalk teilt nicht das Befremden der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" über den "ausgesprochen lasziven Charakter" der Ausstellung. Er wertet den pikanten Kunstgeschmack der Königin lediglich als "einen Zug einer eigenwilligen Persönlichkeit von Format".
So beurteilt zu werden, hatte Christina sich gewünscht: "Man sollte danach streben", schrieb die Königin, "ein Original zu sein."
Nordenfalk entschied: "Sie war eines."
Ausstellungsstücke "Königin Christina", "Tod des Adonis"*: Der Papst ließ Salut schießen
* Links: Gemälde von Jakob Henrik Elbfas;
rechts Gemälde von Peter Paul Rubens.

DER SPIEGEL 32/1966
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