01.08.1966

ANTI-ANTISEMITISMUSStachel der Deutschen

Ich spreche als Opfer und untersuche meine Ressentiments."
Seit 1945 hat kein Jude bohrender darauf bestanden, gegen die Deutschen Ressentiments zu hegen, hat kein Jude bohrender nach dem Recht dieser Ressentiments gefragt als Jean Améry, 54, einst Häftling der Konzentrationslager Brendonk, Auschwitz, Buchenwald und Bergen-Belsen, in seinem neuen Buch " Jenseits von Schuld und Sühne"*.
Mancher seiner Leser möge ihn wohl für "ein Ungeheuer, wenn nicht an Rachsucht, so jedenfalls an Verbitterung" halten, befürchtet der heute in Belgien ansässige Jean Améry, der, in Österreich aufgewachsen, einst Johann Mayer hieß (nicht zu verwechseln mit dem deutschen Schriftsteller Carl Amery -Christian Mayer).
Améry gesteht unverblümt, daß ihm die "von Vergebens- und Versöhnungspathos vibrierenden Juden" wie Victor Gollancz und Martin Buber "unangenehm" seien.
Nüchtern beschreibt er seine Reaktion auf das Bekanntwerden des Morgenthau-Planes 1945: "Es wäre glatte Wahrheitsbeugung, gestände ich hier nicht ohne alle Bemäntelung ein, daß es mir recht war so."
"Ich gehöre", schreibt Améry, "jener glücklicherweise aussterbenden Spezies von Menschen an, die man übereinkommensgemäß die Naziopfer nennt." 1912 in Wien geboren, floh er 1938 nach Belgien. 1943 nahm ihn die Gestapo als Mitglied einer Widerstandsgruppe fest. 1945 wurde er befreit; heute lebt er als philosophischer Schriftsteller (unter anderem: "Geburt der Gegenwart") in Brüssel.
Mit der gleichen Nüchternheit, mit der Améry sich als Angehöriger einer "aussterbenden Spezies" analysiert, berichtet er über seine Tortur durch die Gestapo: "Und nun gab es ein von meinem Körper bis zu dieser Stunde nicht vergessenes Krachen und Splittern in den Schultern. Die Kugeln sprangen aus den Pfannen. Das eigene Körpergewicht bewirkte Luxation, ich fiel ins Leere. ."
Amérys Buch ist stellenweise ein Selbstgespräch. Er meditiert über seinen "reaktiven Groll" gegen die Deutschen und fügt hinzu:, "Ich selber aber verstehe diesen Groll nicht ganz, noch nicht - und darum will ich mir ... über ihn klarwerden."
An anderer Stelle verweigert er den Deutschen das -Gespräch: "Der dies schreibt, ist kein Deutscher und hat diesem Volk keine Ratschläge zu erteilen."
Doch auch da, wo Améry nur sich selbst zu untersuchen scheint, ist seine Sprache so leidenschaftlich, daß sie kaum anders denn als Ansprache verstanden werden kann, auch und gerade an die Deutschen.
Tatsächlich bezieht Améry in seine Überlegungen fast ständig die Deutschen mit ein und keineswegs immer auf einseitige Weise. Gewiß, es empört ihn, daß die Deutschen noch immer so "stolz" sind - heute auf ihre "Produktivität" wie einst auf ihre Wehrmacht. Gewiß, es verbittert ihn, daß Hitlers Reich als "geschichtlicher Betriebsunfall" der Deutschen zu gelten beginnt.
Doch er erkennt wohl die Gefahren, die für die Gemahnten wie für den Mahner aus dem ständigen Hinweisen auf Vergangenes entstehen mögen: "Ich fahre durch das blühende Land, und es wird mir immer weniger wohl dabei. Ich kann nicht sagen, daß man mir nicht allenthalben freundlich und verständnisvoll entgegenkäme. Was kann unsereins denn auch mehr verlangen, als daß deutsche Zeitungen und Funkstationen uns die Möglichkeit einräumen, deutschen Menschen grobe Taktlosigkeiten zu sagen und sich hierfür noch honorieren zu lassen?" Er weiß, daß "selbst die wohlwollendsten" unter den Deutschen am Ende "ungeduldig" werden könnten.
Améry nennt sich selbst einen "Nicht - Nichtjuden" - soll heißen: einen Menschen, über den, obwohl er sich von Haus aus nicht als Jude fühlte, durch Hitlers Verfolgungen plötzlich das "Judesein hereinbrach".
Améry fühlt noch heute keine Loyalität gegenüber der mosaischen Religion und dem Staat der Juden Israel, wohl aber gegenüber den Juden, welche, wie er, die "Auschwitz-Nummer" auf dem Unterarm tragen: "Die liest sich kürzer als der Pentateuch oder der Talmud und gibt doch gründlicher Auskunft."
Obwohl selber "gelernter Heimatloser", ist Améry prinzipieller Nationalist. Ohne "Heimat" und "Vaterland". meint er, werde der Mensch dieser Zeit "schlecht auskommen".
In der Tat ist Amérys Buch, sofern es Ansprache an die Deutschen ist; ein Appell für einen, freilich moralisch verstandenen deutschen Nationalismus.
Schon die Tatsache, daß Améry mit Nachdruck den Deutschen eine "Kollektivschuld' an der Judenverfolgung zuschreibt - nach seiner Meinung: eine statistische Summe der individuellen "Tatschuld, Unterlassungsschuld; Redeschuld, Schweigeschuld" -, enthält im Denkansatz, daß er die Deutschen als Ganzes, als eine Nation nimmt.
Darüber hinaus erwartet er, daß die Deutschen ihre als Nation begangenen Verbrechen als Nation in "Zerknirschung" trägen.
Auch in der historischen Ausdehnung sollen die Deutschen sich zu ihrer ganzen, nicht nur zu den ehrenvollen Teilen ihrer Geschichte bekennen.
So sieht er in dem "Ressentiment" der Juden gegen die Deutschen einen wohltätigen Stachel für die Deutschen, der sie anhält, sich mit ihrer Nation und ihrer Geschichte zu identifizieren - auch da, wo sie verbrecherisch waren. Auf diese Weise könnte das deutsche Volk dafür
"empfindlich" bleiben, hofft Améry, "daß es ein Stück seiner nationalen Geschichte nicht von der Zeit neutraliSieren lassen darf, sondern zu integrieren hat".
Nur so könne auch die Schuld der Deutschen gegenüber den Juden "ausgetragen" werden - nämlich dergestalt,
"daß in einem Lager das Ressentiment bestehen bleibt, und, hierdurch geweckt, im anderen das Selbstmißtrauen".
* Jean Améry: "Jenseits von Schuld und Sühne". Szczesny Verlag, München; 160 Seiten; 18 Mark.
Nicht-Nichtjude Améry
Recht auf Ressentiments

DER SPIEGEL 32/1966
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ANTI-ANTISEMITISMUS:
Stachel der Deutschen

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