01.08.1966

HILFT NUR NOCH GEWALT?

Der aus Köln stammende, in Nairobi lebende Völkerkundler und Schriftsteller Dr. Herbert Kaufmann, 45, audi Afrika-Korrespondent der deutschen Rundfunksender und der FAZ, gilt als einer der besten deutschen Kenner Afrikas und seiner Probleme. Er veröffentlichte unter anderem: "Roter Mond und Heiße Zeit (1958), "Afrikas Weg In die Gegenwart" (1963). - Frantz Fanons "Die Verdammten dieser Erde", ein Manifest der afrikanischen und gesamt-antikolonialen Revolution, wurde, mit einem Vorwort von Jean-Paul Sartre, zum erstenmal 1961 in Paris veröffentlicht.
Wovon in diesem Buch nicht die Rede ist: von Gott, von der Liebe, von der Menschlichkeit. Frantz Fanons Buch - das Buch eines Farbigen der französischen Insel Martinique, eines kompromißlosen Denkers der Dritten Welt - handelt von der Unausweichlichkeit der antikolonialen Revolution, vom Aufstand gegen die politische, geistige und materielle Entmündigung der Farbigen durch die Weißen, handelt von der Gewalt.
Fanon: "Die Dekolonisation ist immer ein Phänomen der Gewalt ... ein Programm absoluter Umwälzung ... eine Schöpfung neuer Menschen... Die nackte Dekolonisation läßt durch alle Poren glühende Kugeln und blutige Messer ahnen. Denn wenn die letzten die ersten sein sollen, so kann das nur als Folge eines entscheidenden und tödlichen Zusammenstoßes der beiden Protagonisten geschehen."
Da ist denn dieses Buch alles zugleich: Analyse der Fakten, Systematik des revolutionären Aufstands, Definition des Ziels. Manifest - nur eines nicht: Gespräch mit der anderen Seite. Sie existiert nur noch als Objekt. "Strip-tease unseres Humanismus", sagt im Vorwort Jean-Paul Sartre in illusionsloser, bedingungsloser Zustimmung zu der Rechnung, die uns hier aufgemacht wird. Und er fordert, daß wir Fanon lesen: "Als Europäer stehle ich einem Feind sein Buch und mache es zu einem Mittel. Europa zu heilen. Profitiert davon!"
Fanon hat in Frankreich Philosophie und Medizin studiert. Ab 1953 ist er Arzt in Algerien, ab 1956 Kämpfer auf der Seite der algerischen Revolution. 1961, am selben Tag, an dem dieses Buch in Paris erscheint, stirbt er in New York an Leukämie. Dazwischen: Bücher Aufsätze und Erfahrung. Der algerische Anschauungsunterricht ist eine Lektion ohnegleichen. Immer wieder untersucht Fanon das koloniale und antikoloniale Geschehen, er interpretiert, folgert, erhärtet seine Thesen an der Praxis des Aufstandes.
Doch daß man ihn nicht mißverstehe: Fanon versucht nicht den programmatischen Ablauf einer Revolution zu schildern. Er versucht sie zu machen. Für ihn ist die sogenannte Unabhängigkeit der neuen afrikanischen Staaten nur Vorstufe zu der großen, allgemeinen, endgültigen, wahren Revolution der afrikanischen Bauern. Die Proletarier der Städte sind nur Hilfstruppen im kommenden Gefecht. Die schwarze und braune Bourgeoisie ist Feind, ein Kind der Kolonisation, ein getarntes und zumeist überflüssiges Relikt einer verdammten Epoche.
Fanon: "Gegenüber dem spezifischen Problem der Gewalt verhalten sich die Eliten zweideutig. Sie sind gewalttätig in ihren Worten und reformistisch in ihren Taten ... Es ist jedoch offenkundig, daß in den Kolonialländern nur die Bauernschaft revolutionär ist." Die Bauernschaft? Aber China lehrt das gleiche. Afrika ist reif für die Revolution, hat Tschou En-lai erklärt. Und Fanon, Jahre vor ihm, schreibt: "Der Bauer, der Deklassierte, der Ausgehungerte, ist der Ausgebeutete, der am schnellsten entdeckt, daß sich nur die Gewalt bezahlt macht. Für ihn gibt es keinen Kompromiß, keine Möglichkeit, sich zu arrangieren." Der farbige Bauer reagiert nicht auf das von der kolonialistisch verseuchten farbigen Bourgeoisie und der "stets dienstbereiten Religion" (Fanon) angebotene Beruhigungswerk.
Voll Verachtung schildert Fanon die Reden der scheinrevolutionären Politiker, ihre hohlen Phrasen und selbstüberheblichen. Lügen, die maßlose Eitelkeit und die groteske Empfindlichkeit dieser "Führer" der Dritten Welt. Ihre Diktaturen, so erkennt er, sind der Ausdruck ihres Mißtrauens in die ländlichen Massen. Kollektivist Fanon sieht bei ihnen nur Demonstrationen einer Macht, die sie um sich selbst und für sich selbst aufgebaut haben. Ihre Kontakte mit den Massen sind unwirklich. Ihre Parolen dienen der Verteidigung der gekoppelten Interessen der neureichen nationalen Bourgeoisie und der Ex-Kolonialgesellschaften.
Die Bauern, sagt Fanon, die noch immer in der Erde herumkratzen, wollen von der zum x-ten Mal wiederholten Geschichte der Unabhängigkeit nichts mehr hören. Sie wissen mit diesen von ihren "Führern" arrangierten Nationalfesten nichts anzufangen, sie haben Hunger, sie fühlen sich frustriert, denn es hat sich nicht gelohnt zu kämpfen, wenn in Wirklichkeit alles beim alten bleibt.
Als Reaktion auf dieses verbitterte Schweigen der Bauern stützen sich die Führer der Jungen Länder" auf ihre Armeen, ihre Parteibürokratien ihre Polizeibüttel; in den Augen Fanons ist das Ganze nichts anderes als eine bürgerliche, eine faschistische Phase und absolut überflüssig, keine notwendige Zwischenstufe zum Aufstand des Volkes, zum Aufstand der Verdammten (wie noch viele marxistische Dogmatiker meinen). Gegen das tiefe Elend der Kolonisierten gibt es nach der Meinung Fanons nur noch eine einzige Medizin: Gewalt.
Fanon zitiert dazu aus einem Werk seines Landsmanns, des farbigen Schriftstellers und Bürgermeisters Aimé Césaire:
"Man schoß aus den Fenstern. Wir traten die Türen ein. Das Zimmer des Herrn war weit offen. Das Zimmer des Herrn war hell erleuchtet, und der Herr saß da, ganz ruhig ... und die unsrigen blieben stehen ... es war der Herr ... Ich trat ein. Du bist es, sagte er ganz ruhig zu mir. ... Ich war es, gerade ich, sagte ich ihm ... der gute Sklave, der
treue Sklave, der sklavische Sklave, und plötzlich waren seine Augen zwei verängstigte Schaben zur Regenzeit... Ich schlug zu, das Blut spritzte: das ist die einzige Taufe, an die ich mich heute erinnern kann."
Manchmal bricht aus Fanons kaltem Räsonieren und Deduzieren der Haß auf: "Dieser europäische Überfluß ist buchstäblich skandalös, denn er ist auf dem Rücken der Sklaven errichtet worden. Er hat sich vom Blut der Sklaven ernährt, er stammt in direkter Linie vom Boden und aus der Erde dieser unterentwickelten Welt. Der Wohlstand und der Fortschritt Europas sind mit dem Schweiß und den Leichen der Neger, der Araber, der Inder und der Gelben errichtet worden. Wir haben beschlossen, das nicht mehr zu vergessen." Darum die Forderung: Neuverteilung des Reichtums, Reparationen an die Ausgeplünderten!
Lassen wir Fanons Thesen über Wirtschaft und Wirtschaftsgeschichte Europas beiseite. Interessanter ist, was er über die nationale Kultur der farbigen Völker schreibt. Er sieht zum Beispiel in Leopold Sédar Senghors "Négritude" eine affektive Antithese zur Beleidigung der Menschheit durch den weißen Mann. Aber gerade darum ist sie ihm verdächtig, stellt sie seiner Meinung nach eine Rassifizierung einer afrikanischen Nationalkultur dar, eine Sackgasse, einen verspielten Exotismus; was dabei fehle, seien die Fundamente im Volk, das Geflecht der nationalen Vorstellungen und sozialen Beziehungen. Fanon: "Das allein zählt. Alles übrige ist Literatur und Mystifikation."
Am Ende des Buches steht eine entmutigende Dokumentation über psychische Störungen bei Opfern und Henkern des Kolonialkrieges (in Algerien). Ein aussichtsloser Ausblick? Endgültige Scheidung von Europa?
Es gibt da ein Kapitel, wo sich plötzlich im Mauerwerk der Anklagen und Verurteilungen ein Spalt auftut, ein Lichtblick zeigt. "Der Mensch", schreibt Fanon an dieser Stelle, "muß endlich und ein für allemal überall auf der Welt triumphieren. Dazu verlangen wir die Hilfe Europas ... Das kolossale Werk, den Menschen, den ganzen Menschen zur Welt zu bringen, wird nur mit der Hilfe der europäischen Massen gelingen. Die Massen Europas müssen sich darüber klarwerden, daß sie sich in der kolonialen Frage oft, allzuoft mit unseren gemeinsamen Herren verbündet haben. Heute müssen sie sich entscheiden, sie müssen aufwachen, sie müssen zu einem neuen Bewußtsein kommen und ihren verantwortungslosen Dornröschenschlaf ein für allemal aufgeben."
Und der letzte Satz auf der letzten Seite lautet: "Für Europa, für uns selbst und für die Menschheit, Genossen, müssen wir eine neue Haut schaffen, ein neues Denken entwickeln, einen neuen Menschen auf die Beine stellen."
Sagte ich, daß in diesem Buch von Gott nicht die Rede ist? Ich berichtige mich: Ständig, ohne Worte, ist bei Frantz Fanon von ihm die Rede - von dem verleugneten Gott, der verleugneten Liebe, der verleugneten Menschlichkeit immerzu.
Frantz Fanon: "Die Verdammten dieser Erde"
Suhrkamp Verlag Frankfurt/Main 244 Seiten 12 Mark Kaufmann
Revolutionsdenker Fanon
Glühende Kugeln, blutige Messer

DER SPIEGEL 32/1966
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