17.07.1967

ITALIEN / KRIEGSVERBRECHERDer Wolf

Die beiden Häftlinge büßen in einer Dreizimmerwohnung mit Küche, Duschbad und zwei Terrassen. Ein sizilianischer Bursche kocht für sie -- für den SS-Standartenführer Herbert Kappler und den SS-Sturmbannführer Walter Reder.
Sie sind die beiden letzten im Westen eingesperrten deutschen Kriegsverbrecher und verbüßen kommode, aber lebenslange Haft im
Militärgefängnis Gaeta südlich von Rom.
Häftling Reder schrieb jetzt einen Brief an den "hochverehrten Herrn Bürgermeister" des Apennin-Städtchens Marzabotto bei Bologna. Er bat die Marzabotter "um Verzeihung für das geflossene Blut und für die Schäden, die die Bevölkerung der Märtyrerstadt erlitt".
Im Herbst 1944 hatten italienische Partisanen im Raum von Bologna deutsche Soldaten getötet. Ein 14jähriger Junge, der mit einer Pistole aufgegriffen wurde, bezeichnete Marzabotto als Hauptquartier der Partisanen-Brigade "Stella Rossa" (Roter Stern).
Deutsche Verbände umstellten den Ort und schossen ihn, als Widerstand geleistet wurde, mit Flakgeschützen zusammen. Ein Teil der Brigade "Stella Rossa" wurde gefangengenommen, auch ihr Chef Mario Musolesi, genannt "Il Lupo" (Der Wolf).
Nach den Kämpfen übten die Deutschen Rache an der Zivilbevölkerung. Kinder und Frauen starben auf dem Friedhof unter MG-Salven. Zahlreiche Familien verbrannten in ihren Häusern, die erst verbarrikadiert und dann mit Flammenwerfern angezündet wurden. Insgesamt kamen 1830 Zivilisten ums Leben.
Ritterkreuzträger Walter Reder aus Linz kommandierte die Aufklärungsabteilung der -- im russischen Partisanenkampf geschulten -- 16. SS-Panzergrenadier-Division, die zu den Marzabotto-Einheiten gehörte. Welchen Anteil Reder persönlich an dem Massaker hatte, ist bis heute nicht ganz geklärt.
Im ersten Reder-Prozeß, der 1951 vor einem Militärgericht In Bologna stattfand, waren Entlastungszeugen nicht zugelassen, Das Gericht behinderte die Verteidiger und lehnte es ab, den Prozeß an einen neutralen Ort zu verlegen.
Vor Gericht berief sich der österreichische SS-Offizier auf Befehlsnotstand. Die Vernichtung Marzabottos sei für ihn eine rein militärische Aktion gewesen: "Wo gehobelt wird, da fallen Späne."
Die Militärrichter von Bologna sprachen Reder am 31. Oktober 1951 in drei von acht Hauptanklagepunkten schuldig und verurteilten ihn zu lebenslangem Zuchthaus. Im Revisionsprozeß billigte ihm das oberste Militärgericht in den Freispruch-Punkten statt mangelnden Beweises erwiesene Unschuld zu, bestätigte aber die lebenslange Haft.
Die in Bologna angeordnete Degradierung hoben die römischen Militärrichter auf, so daß Reder in Gaeta keine Zuchthausstrafe, sondern gemeinsam mit Kappler praktisch eine Festungshaft verbüßt**.
Deutsche Soldatenverbände, Privatgruppen und die Wiener Regierung bemühten sich wiederholt, den armamputierten Reder freizubekommen. Rom lehnte stets ab,
In seinem Brief an den Bürgermeister von Marzabotto zeigte sich Reder jetzt erstmals reuig. Denn erst wenn die Angehörigen der Opfer von Marzabotto ihm Pardon erteilt haben, kann der frühere SS-Major laut Gesetz ein Gnadengesuch beim italienischen Staatspräsidenten einreichen.
Reder sprach daher von "immer quälenderen Gewissensbissen dessen, der jene Taten begangen hat", und erinnerte an "den noblen Appell der Gemeinde Marzabotto für den Frieden in Vietnam".
Auch die Mutterliebe der Italiener brachte Reder ins Spiel. "Eine Mutter", schrieb er, "die drei Söhne verloren hat, streckt die Hände schmerzerfüllt nach Marzabotto aus und fleht um Vergebung für den einzigen Sohn, der ihr geblieben ist."
Im überfüllten "Cinema Moderno" von Marzabotto tagte der Gemeinderat in öffentlicher Sondersitzung. Einziger Punkt der Tagesordnung: Reders Brief. Von Pardon war keine Rede. KP-Bürgermeister Bottonelli: "Sein Schicksal muß als Mahnung dienen."
Selbst der Priester von Marzabotto erklärte: "Als Geistlicher würde ich ihm die Absolution natürlich erteilen; als einer, der damals dabei war, kann ich ihm niemals vergeben."
* In der römischen Zeitschrift "L'Espresso".
** Herbert Kappler, 60, wurde zu lebenslanger Kerkerhaft verurteilt, weil er -- als Vergeltung für einen Partisanenüberfall -- im März 1944 in den Ardeatinischen Gräben bei Rom 335 Italiener erschießen ließ. Hitler hatte die Aktion befohlen, jedoch nur die Erschießung von 320 Italienern verlangt.

DER SPIEGEL 30/1967
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