17.07.1967

Albrecht Goes über Marcel Reich-Ranicki: Notwendige Geschichten 1933-1945“WIE SCHRIEB MAN DAMALS?

Der Stuttgarter Schriftsteller und evangelische Pfarrer Albrecht Goes, 59, Lessing-Preisträger von 1953, ist durch Lyrik und Erzählungen ("Unruhige Nacht“, „Das Brandopfer") bekannt geworden, In der von dem Hamburger Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, 47, herausgegebenen Anthologie „Notwendige Geschichten 1933-1945“. die Prosa von emigrierten und nicht-emigrierten deutschsprachigen Autoren, van Gegnern und Parteigängern des NS-Regimes vereinigt, Ist Goes mit einer Erzählung vertreten, die 1936 in der Deutschen Verlags-Anstalt, Stuttgart, ersterschienen war. -- Reich-Ranickis Anthologie ist mit einer Auflage von bislang. 31 000 Exemplaren ein Bestseller dieses Sommers; da sie Jedoch überwiegend schon früher In Büchern gedruckte Texte enthält, wird sie von der SPIEGEL-Bestsellerliste nicht registriert.
Zu Recht ermutigt durch den großen Widerhall, den seine vor zwei Jahren erschienene Sammlung "Erfundene Wahrheit. Deutsche Geschichten seit 1945" gefunden hatte, hat Marcel Reich-Ranicki nun eine zweite Sammlung gewagt, die sich zeitlich rückwärts anschließt. Er hat ihr den kühnen Titel "Notwendige Geschichten" gegeben, das heißt also: Geschichten, die zu ihrer Zeit da sein mußten, und die -- dies die Meinung des Herausgebers -- auch heute Daseinsberechtigung haben, oder mehr: die zusammenhängen mit dem, was (bei Nietzsche) "höchstes Gestirn des Seins" genannt wird, mit der Notwendigkeit.
Von den 42 Autoren, die hier zu Wort kommen, leben noch 16, und die gehören, wie sich versteht, alle zur älteren Generation; Friedrich Torberg und der Referent sind schon die jüngsten, und wir beide nähern uns dem 60. Lebensjahr.
Nun liest jeder in einer solchen Sammlung zuerst etwas, das er schon kennt und liebt und von dem er wissen möchte, ob es sich in der neuen Umgebung bewährt. Und so bezeuge ich zuerst, daß zwei Erzählungen, Joseph Roths "Legende vom heiligen Trinker" und Brechts "Der verwundete Sokrates", sich als reine Meisterstücke "gehalten" haben.
Am anderen Tag kommt einem dann etwas Verstimmendes unter die Augen, etwa eine Erzählung Doderers oder "Das Verhältnis" von Weinheber oder die Anekdote, die Wilhelm Schäfer über Hebel erzählt hat und die mit dem wunderbaren Johann Peter Hebel soviel zu tun hat wie die Bilder der Sulamith Wülfing mit den Paduafresken des Giotto zu tun haben, nämlich nichts.
Aber das sind Ausnahmen. In den meisten Fällen kann man sich sehr wohl denken, was den Herausgeber zu seiner Wahl bewogen hat. Ein gutes Buch ist zustande gekommen, und der Wunsch, den Reich-Ranicki in seinem gescheiten Nachwort ausspricht, geht in Erfüllung: zu manifestieren, wie diese nach Herkunft und Umwelt so grundverschiedenen Arbeiten -- von deutschen, schweizerischen, österreichischen Autoren, entstanden teils innerhalb der Landesgrenzen, teils außerhalb, in der Emigration -- wider alles Vorurteil zusammengehören. Das Verbindende ist stärker als das Trennende; das Lebendige triumphiert über den Willen des Zerstörers.
Also ein politisches Buch? Ja und nein. Vom Sujet her ist nur ein kleiner Teil der Erzählungen Auseinandersetzung mit der Zeit. Torbergs Geschichte "Der 94. Psalm" ist es, und sie hat eine dem ungeheuren -- und nun wieder so erschreckend zeitgemäß gewordenen -- Psalm angemessene Brisanz. Polgars und Kestens Erzählungen gehören hierher und auch Robert Neumanns "Marcus" (überwach und bitter, ohne giftig zu sein, eine bemerkenswerte Mixtur). Und Auseinandersetzung ist auch Kusenbergs "Ordnung muß sein", fast das einzige Stück im Buch, das man -- wie? -- Humoreske oder Groteske nennen kann; eine gepreßte Groteske: Anders war es ja, mitten in der Teufeiswelt schreibend, kaum möglich, die Wahrheit zu sagen.
Unpolitisch -- fast gleich "schicksalslos" -- sind die Schweizer Beiträge. Hervorgehoben sei der von Inglin, der den Reichtum einer unversehrten Umwelt bei sich trägt, und auch Lernet-Holenias schöne Erzählung "Maresi" läßt die "felix Austria" in sich wahr sein, ohne daß die Gegenwart herdrängt.
Aber nein: Ein politisches Buch ist es dann doch. Der Zerstörer hatte auseinandergerissen, was zusammengehörte, und nun saßen sie in ihren Gehäusen, jeder eine Insel, an den Hotelzimmertischchen in New York oder Paris oder an ihrem vergleichsweise stabilen Tisch im "Reich", so hieß es ja, und beschäftigt waren sie mit der gleichen Aufgabe: Wie gelingt es, die Isolierung so zu überwinden, daß man nicht völlig verstummt?
Was hatten sie, was hatten wir? Uns selbst. Unser Lebenslos, unsere Erfahrungen, sprich: Liebe, Eifersucht, Lebens- und Todesangst, Begegnung mit dem Abenteuer von gestern und mit dem Verbrechen auf der anderen Straßenseite. Unsere Träume. Unsere Herkünfte; und das hieß bei einem Teil der in diesem Buch Versammelten: Israels alte Lust, Geschichten zu erzählen; das chassidische Erbe der Schwermut und der Selbstironie, das in einer der besten Erzählungen des Bandes, in Herzmanovsky-Orlandos "Mann mit den drei Schuhen", durchdringt, und das mitschwingt in Arnold Zweigs "Schipper Schammes"; nicht mehr bei Stefan Zweig und nicht bei dem vortrefflichen Bruno Frank ("Die Monduhr").
Was wir hatten: etwas wie ein Zuhause in der Gestalt, die der Leib der Sprache gewährt. Aber hatten wir auch ein Zuhause in der Heimat, im Land, im -- nun also heraus mit dem Wort -- im Vaterland?
Vaterland. Wunderlicher Zustand, daß man das Wort nicht auf ein Blatt Papier schreiben kann, ohne sich sogleich in der Nachbarschaft von Leuten zu fühlen, bei denen man es nicht länger als von zwölf Uhr bis Mittag aushielte, ich nenne keine Namen. Das Wort vom "Ursprungswinkel" fällt einem ein, eine Formel Thomas Manns aus dem "Doktor Faustus", geprägt bei der Betrachtung von Nadlers Literaturgeschichte.
Und doch: Was ist zwischen Walther ("Ich han Lande viel gesehen") und Brentano ("Treib nieder und nieder, du herrlicher Rhein") nun eigentlich nicht mitbestimmt von dieser Wirklichkeit "Vaterland"? Was ist nicht "regional"? Flughäfen, Finanzämter, Cafés zweiter Klasse, gut, die sind, so denk" ich, international, auswechselbar zwischen Frankfurt, Johannesburg und Lima; aber das sind doch Lokalitäten, in denen sich ein vollsinniger Mensch nicht länger aufhält als unbedingt nötig. Was darüber ist, ist national.
Was war das Vaterland? Das Schneckenhaus, das einer in Los Angeles noch bei sich trug; die Silbermünze, im Schuh versteckt; Erinnerung, traurig und reich, oder Imagination und Hoffnung: Kommt er noch einmal, der Tag, an dem die Münze Kurswert hat, an dem dieses Vaterland nicht schon zu Ende ist im Nachbarhaus, dort nämlich, wo es, wenn man "Grüß Gott" sagte, "Heil Hitler" herausbellte.
Wie schrieb man damals? Draußen: in bedrängten Verhältnissen, frei und reich und -- vielleicht -- verloren? Drinnen: konzentriert, abgeschirmt und -- vielleicht -- verkrampft? Ich kann nur von "drinnen" sprechen. Wir konnten von gestern und vorgestern schreiben, aus altem, innerem Besitz, wie Gertrud von le Fort oder Andres oder auch Risse. Oder die bajuwarische Fabulierlust gab einem ein kräftiges Stück Leben ein, so Britting oder Eugen Roth. Und es mußte noch nicht Fluchtversuch oder Ausweichmanöver sein, wenn man im Anschauen des Vorübergehenden vom Immerwährenden schrieb, etwa Glaeser "Die Apotheke am Neckar" oder ich selbst "Das Sterben der Bäuerin".
Als ich diese Geschichte schrieb, vor mehr als dreißig Jahren, da hatte ein Gejagter jener Zeit ein paar Tage lang mein Leben, Treiben und Schreiben aus der Nähe betrachtet und dann, ganz ohne besondere Betonung, gesagt: "Man kann hier atmen. Bei Ihnen ist Herr Hitler nicht anwesend." Das war als Freundlichkeit gesagt und ist auch so aufgenommen worden. Aber es gibt ja Freundlichkeiten, die einen nach dreißig Jahren noch einmal unruhig machen können. Vielleicht hatte es seine Richtigkeit mit dem Satz. Aber war das genug?
Von Ernst Penzoldts "Korporal Mombour" weiß ich, daß wir diese Erzählung, gleich als sie 1941 erschien, als das verstanden, als was sie verstanden sein wollte: als einen Protest. Es war eine Erinnerung an die Ritterlichkeit im Ersten Weltkrieg mit dem "Gott schütze alle braven Soldaten der Welt" am Schluß. Sie war leise, wie beiläufig, erzählt. Aber es gehörte Mut dazu, sie zu erzählen.
"Notwendige Geschichten" -- ein gutes Buch. Freilich, bis zu Hölderlins "Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch" werde ich mich bei seiner Betrachtung nicht versteigen; jenes Wort ist ja auch keine Maxime, sondern der Atemzug eines Ertrinkenden. Soll ich sagen: es sei etwas wie ein Beispiel, dieses Buch? Oder: es sei eine Warnung? Eine Warnung, gewiß. Aber wer will sich schon durch Bücher warnen lassen?
Von Albrecht Goes

DER SPIEGEL 30/1967
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