26.06.1967

SCHRIFTSTELLER / STIFTERBild getrübt

Was hat der Dichter Herbert Eisenreich mit dem Dichter Adalbert Stifter angestellt!?!" barmten die Oberösterreichischen Nachrichten" in Linz, Stifters Wahlheimat.
Der österreichische Schriftsteller Eisenreich ("Sozusagen Liebesgeschichten"), 42, hat manchen Verehrern des Klassikers (1805 bis 1868) ihr heldenhelles Stifter-Bild getrübt: Unter dem harmlos klingenden Titel "Das kleine Stifterbuch" veröffentlichte er jetzt eine Monographie" die den Autor des "Witiko" zwar durchaus als bedeutenden Epiker, durchweg aber als "ein Häuflein Elend" darstellt*.
Stifter, so belehrt Eisenreich, sei "kein Dichter gewissermaßen für höhere Töchter" und kein Dichter des "bloß Sanften und Edlen ... der reinen Natur und reinen Menschentums"" sondern eine düster-problematische Gestalt, "zerfallen mit sich und der Welt; ein bis ins Tiefste gestörter, verstörter, zerstörter Mann".
Allerdings, für Eisenreich, der weder der Wiener Stifter-Gesellschaft noch dem oberösterreichischen Stifter-Institut angehört, ist Stifters literarische Größe gerade aus dieser menschlichen Schwäche zu erklären. Denn, so weiß Kollege Eisenreich: "Man dichtet nicht ohne Not. Stifter wollte die fehlende Harmonie seines Lebens im Werk darstellen. Seine Sprache ist ein Sieg der Ordnung über das Chaos im Inneren."
Was Eisenreich über Stifters inneres Chaos mitteilt, mag fortgeschritteneren Literaturfreunden (beispielsweise Arno-Schmidt-Lesern) nicht neu sein -einer Stifter-Gemeinde, die den Dichter als Idylliker der Innerlichkeit und Künder einer heilen Welt verehrt, muß Eisenreichs Biographie skandalös erscheinen. Eisenreich bilanziert und betont:
* Herbert Eisenreich: "Das kleine Stifterbuch". Residenz Verlag Salzburg; 124 Seiten; 14,80 Mark.
Stifter
> wurde vorehelich gezeugt;
> war als Kind ein wenig verlogen, faul und grausam (zum Beispiel beim Meisenfang);
> hatte sieben Jahre lang ein wankelmütiges Verhältnis zu der Kaufmannstochter Fanny Greipl, der er viele Briefe schrieb, "in denen er weitaus mehr Tinte an die Zurücknahme seiner Liebesschwüre wendete als an diese selbst";
> ließ sich von der Wiener Näherin Amalia Mohaupt verführen, mit der er möglicherweise ein uneheliches Kind gezeugt hat;
> bemitleidete sich ständig, war ein Nörgler, Besserwisser, Hypochonder, Haustyrann und Pedant; > verließ seine Frau bei einer Cholera-Epidemie, um sich selbst in Sicherheit zu bringen;
> schnitt sich, zwei Tage bevor er an Leberzirrhose starb, mit einem Rasiermesser in den Hals.
Besonders mit der Erwähnung von Stifters Selbstmordversuch eckte Eisenreich an. Als der Residenz Verlag sein Manuskript mit der Bitte um sachliche Korrekturen an die Berufs-Stifterianer schickte, schlug ihm der Zorn der Zünftigen entgegen.
"Eisenreich sollte dichten und nicht über andere Dichter schreiben", eiferte Dr. Heinz Schöny, Sekretär der Wiener Stifter-Gesellschaft. Die Prager Staatsbibliothek, die einen Großteil des Stifter-Nachlasses verwahrt, rückte Reproduktionen für Eisenreichs "Kleines Stifterbuch" nicht heraus, weil "eine andere ausländische Anstalt eine ähnliche Publikation herausgeben wird" -- eine ähnliche Publikation verfaßte derzeit nur Dr. Alois Großschopf vom Stifter-Institut in Linz.
Und Großschopfs Kollege Otto Jungmair nahm seinen verehrten Dichter sogar gegen den Vorwurf des kindlichgrausamen Meisenfangs in Schutz: "Stifter tat es aus Freude am Tier, das er ins Häuschen fängt, um es im Frühling wieder zu entlassen."
"Dabei", sagt Herbert Eisenreich, "habe ich Stifters schwärzeste Charaktereigenschaften gar nicht erwähnt."
Von den Aktienspekulationen und Geldschulden des Dichters ist im "Kleinen Stifterbuch" kaum, von seiner Familienfeindschaft überhaupt nicht die Rede. Eisenreich: "Stifter erinnerte sich seiner Familie bloß dann, wenn er beim keineswegs wohlhabenden Bruder Geld pumpte."
Und schließlich versagte es sich der Biograph, vom Aktbild (weiblich) zu berichten, das Stifter hinter einem Vorhang verbarg. Und er schwieg von der Heiligen-Statue, die der Student Stifter im Flur des Wiener Hauses stahl, in dem er zur Miete wohnte.
Eisenreich: "Diesen Schock konnte ich den Puritanern unmöglich verpassen."

DER SPIEGEL 27/1967
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