29.05.1967

WAHLEN / NIEDERSACHSENDas wär' was

Werbemanager Ladislaus Maria Rath, 45, stellte sich auf einen acht Zentimeter hohen Bücherstapel und erreichte das Kanzler-Maß von 1,92 Meter Körperlänge. Von oben herab reichte er dann Richard Langeheine, 67, dem Spitzenkandidaten der CDU für die Landtagswahlen in Niedersachsen, die Hand: Vor der Kamera posierten beide für ein CDU-Wahlplakat.
Auf den Photos wurde Raths Kopf sodann durch Kanzler Kiesingers Antlitz ersetzt. Doch das Plakat mit der christdemokratischen Wahllokomotive, mit der die Niedersachsen-CDU in den Wahlkampf dampfen wollte, wurde nicht gedruckt; Kurt Georg Kiesinger verweigerte sein Plazet.
Der Grund: Nach den jüngsten CDU-Erfolgen in Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein will der Kanzler der Großen Koalition am Rhein seinen Genossen von der SPD eine Niederlage an der Leine gern ersparen. Sie könnte einen Aufstand des sozialdemokratischen Fußvolks gegen die Bonner SPD-Führung provozieren.
Denn auch ohne Kiesingers Wahlengagement stehen die Chancen der SPD so ungünstig wie nie zuvor bei einer niedersächsischen Landtagswahl. Zum erstenmal droht die CDU in dem -- bis auf die Regentschaft des DP-Chefs Heinrich Heliwege von 1955 bis 1959 -- traditionell linksregierten Bundesland stärkste Partei zu werden.
In allen Wahlen seit Gründung des Landes Niedersachsen im Jahr 1946 waren die christlichen Demokraten stets in einem Abstand von wenigstens sieben Prozent hinter der SPD hergehinkt (1963: SPD 44,9, CDU 37,7 Prozent). Gegenwärtig ist die SPD im hannoverschen Parlament, dessen Besetzung am kommenden Sonntag 4,75 Millionen Wahlberechtigte neu bestimmen sollen, noch mit 73 Abgeordneten vorn -- gegen 63 Christ- und 13 Freidemokraten.
Doch nachdem die Kontrahenten erst (vor zwei Jahren zu Konkordatszwecken) in Hannover und
Gleichwohl herrscht eine Woche vor der Entscheidung überall im Land noch immer Maienstimmung. Die Wahlkampfchefs der großen zwei in Hannover haben Order aus Bonn erhalten, den Gegner zu schonen. Egon Franke, Vorsitzender des SPD-Landesausschusses Niedersachsen: "Wir werben für uns, wir kämpfen nicht gegeneinander." Carl von Münster, Hauptverbandsgeschäftsführer der CDU in Niedersachsen: "Wir tun so, als ob wir allein wären." Und sein Werbefachmann Rath: "Wir haben strikte Anweisung, den Partner nicht anzugreifen."
Sie werben für sich im Persil-Stil -- "Erfolgreich für alle" die CDU, "Aufwärts" die SPD. Und von ihrem Wiener Werbe-Rath ließen sich die Christdemokraten zu "farbpsychologischer Argumentation" überreden: Wie schon seit fünf Jahren die österreichische Volks- und CDU-Schwesterpartei ÖVP, warb die Niedersachsen-CDU grollflächig grün in grün.
Von ihrem Grün versprechen sich die CDU-Werber "sehr viel Positives": "Urlaub, Frühling, Mai, Hochzeit -- diese Grundstimmung möchten wir erzeugen", erläuterte CDU-Funktionär von Münster. "Wir wollen vor allem beruhigend wirken und haben deshalb keine Kampffarbe genommen." Zu ihrer alten Kampffarbe Rot (Rath: "Aggressiv, alarmierend, abstoßend") wurden durch das CDU-Grün freilich die SPD-Genossen schon aus Kontrastgründen gezwungen. SPD-Chef Egon Franke weigert sich jedoch, darin die Rückkehr zur alten Weltanschauung zu sehen. Franke: "Was wollen Sie? Das ist doch ein sehr schönes Rot."
In der Tat: Im Jargon der hannöverschen Farbenbranche läuft die SPD-Farbe unter der Bezeichnung "Hildesheimer Bischofsrot". In die Kardinalsfarbe gehüllt, blickt auch SPD-Regierungschef und Konkordatsvater Dr. Georg ("Schorse") Diederichs lächelnd und mit erhobenem Zeigefinger von den Plakatwänden auf sein Volk herab.
Der rote Schorse (Spitzname: "My fair daddy") lächelt zu Recht. Die hannoverschen Koalitionsbrüder sind sich schon jetzt einig, ihr Bündnis auch nach dem 4. Juni fortzusetzen. CDU-Münster: "Die Weichen sind alle schon dahin gestellt." Selbst für den Fall eines knappen CDU-Siegs soll Diederichs -- so vermutet die niedersächsische FDP-Opposition -- Ministerpräsident bleiben. FDP-Fraktionsführer Winfrid Hedergott bitter: "Dann ist so ungefähr das Ziel der deutschen Demokratie erreicht."
Mit einem plakatierten Känguruh als Wahl-Tier, das SPD und CDU im Beutel schleppt (Slogan: "So kommt man nicht von der Stelle"), versuchen die Freien Demokraten Stimmung gegen die Große Koalition zu machen -- mit wenig Hoffnung auf Erfolg. Hedergott: "Überall fragen einen die Leute: Was soll's überhaupt?"
Einziger Trost der Liberalen: Die Konkurrenten von der Nationaldemokratischen Partei (NPD), denen noch im Winter ein Stimmenanteil von 15 Prozent zugetraut worden war, haben sich durch ihren Hauskrach selber die Außenseiter-Chance verpatzt: Die Meinungsforscher geben ihnen heute allenfalls noch sechs Prozent der Stimmen.
Von der NPD haben sich vor allem jene Wähler wieder abgewandt, die bei den letzten Landtagswahlen noch für die GDP (3,7 Prozent) und die DP (2,7 Prozent) gestimmt hatten -- Parteien, die diesmal nicht wieder kandidieren. Ihre Stimmen, so ergaben Umfragen, werden am nächsten Sonntag vor allem der CDU zufallen. CDU-Spitzenkandidat Langeheine: "Kann sein' daß wir es packen. Das war was.
Schon müht sich SPD-Chef Willy Brandt, seine hannoverschen Parteifreunde auf diesen Fall vorzubereiten: "Auch Wilson in England hat, um seine als richtig erkannte Politik durchzusetzen, Rückschläge bei Gemeindewahlen in Kauf genommen. Es wird sich aber -- nach einiger Zeit -- das politisch Richtige auch als das taktisch Richtige erweisen."

DER SPIEGEL 23/1967
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