29.05.1967

AFFÄREN / LIEBESAber auch Trauriges

Die Mutter, eine geborene Gräfin Montgelas und Ehefrau eines bürgerlichen Prokuristen der Berliner "Salamander Schuh GmbH", griff 1932 zum Terzerol und entleibte sich mit einem Schuß durch die Schläfe.
Der Sohn griff zu Gift: Tot in der Badewanne wurde der ehemalige AA-Angestellte Peter Liebes, 41, am 5. Mai von seiner Ehefrau Christa Prinzessin von Preußen, 30, aufgefunden.
"So einem Menschen" zuliebe, "der nie zu Rande kam" (der ehemalige Bundespressechef Felix von Eckardt) hatte die Prinzessin aus dem angestammten deutschen Herrscherhaus die Werbung des persischen Kaisers ausgeschlagen. Weil Peter Liebes da war, scheiterte 1959 die Mission eines Brautwerbers, den der damals gerade Soraya-ledige Schah der Preußen-Prinzessin in den Urlaub zu Wyk auf Föhr nachgeschickt hatte.
Der angeheiratete Preußen-Gemahl, von Bekannten als "sehr begabt" (Vatikan-Botschafter Dr. Dieter Sattler), aber auch "völlig haltlos" (Botschafter a. D. Dr. Theodor Auer) beschrieben, wurde in Bonns Gesellschaft vor allem wegen der Cocktail-Parties geschätzt, "die der Peter Liebes ja sehr häufig veranstaltete" -- so der Bonner Repräsentant der Rheinischen Stahlwerke und ehemalige Rommel-Stabschef General a. D. Siegfried Westphal.
1944 als Abiturient zur Flak geholt, dann vorübergehend Dolmetscher der Besatzer und zwei Jahre lang Student der Jurisprudenz an der Berliner Humboldt-Universität, wurde Liebes schließlich Redakteur bei der Münchner "Neuen Zeitung". 1952 scheiterte erstmals eine Liebes-Karriere an Liebes-typischer Wesensart -- "helldunkler Zwiespältigkeit", wie Dr. Constantin Cramer von Laue, Regierungsdirektor im Bundeskanzleramt' sie nennt.
"Wegen seiner ständigen Unregelmäßigkeiten" war es für den damaligen Liebes-Chef und späteren geschäftsführenden Redakteur der Hamburger "Welt", Hans Wallenberg, "einfach unmöglich, mit ihm weiter zusammenzuarbeiten".
Der Zwiespältige ging in die USA, erhielt 1955 für eine Arbeit über "Die Entwicklung der Presse in Nachkriegsdeutschland" den akademischen Grad eines Master of Arts der Universität von Minnesota. Nach der Rückkehr trat er bald in die Dienste von "Inter Nationes", einer regierungsoffiziösen Bonner Organisation, die vor allem ausländische Besucher in der Bundesrepublik herumreicht. Damals traf der hochstirnige, sommersprossige Rothaarige die schneewittchenhafte Prinzessin Christa.
Christas Vater Wilhelm, 1940 in Frankreich gefallen, hatte auf seine Rechte als Erstgeborener des preußischen Kronprinzen verzichten müssen, als er 1933 die nicht standesgemäße Dorothea von Salviati ehelichte; die Brautmutter war eine Bürgerliche.
Als nun Peter Liebes um die Hand der Prinzessin Christa einkam, versuchte Prinz Louis Ferdinand, an Stelle Wilhelms heute Chef des Hauses Preußen, "ihm das auszureden, es zu verhindern oder wenigstens hinauszuschieben". Aber: "Wenn zwei junge Menschen sich beben, da ist nichts zu machen."
Die Liebes-Heirat -- am 24. März 1960 -- fand ohne die Preußen statt. Damals versuchte sich Liebes gerade im Bonner Auswärtigen Amt. Er wurde als Pressereferent zum Generalkonsulat nach Bombay geschickt, jedoch alsbald wieder zurückbeordert.
Generalkonsul Dr. Heinrich Köhler hatte bei Außenminister Schröder eigens um die Abberufung gebeten. Ein halbes Jahr durfte Liebes im Pressereferat des AA -- Angestellten-Besoldungsgruppe BAT III (Grundbezüge: 1200 Mark) -- noch Zeitungsausschnitte aufkleben. Dann lief sein Vertrag aus, und bis an sein Lebensende tat er gar nichts mehr.
Aber in dem vom Ehepaar Liebes gemieteten Haus im Finkenweg 2 zu Ippendorf bei Bonn hielten die Prinzessin und der geschallte AA-Angestellte nun Hof auf eine Weise, von der Kanzleramts-Regierungsdirektor Cramer von Laue heute sagt: "Ein Salon hat sich geschlossen, der wirklich in seiner Art ein Phänomen war."
"Peter Liebes und Frau Christa, Prinzessin von Preußen", gaben "sich die Ehre" -- und alle kamen: Bonner Diplomaten wie Lobbyisten, Bonner Adlige wie Politiker. "Man traf "so General a. D. Westphal, "auf alle möglichen Prominenten" -- so auf den britischen Botschafter Sir Roberts, den Botschafter Israels Asher Ben Natan, den deutschen Botschafter in Griechenland, Oskar Schlitter, den Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelstages, Dr. Ernst Schneider, und den Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages, Dr. Thomas Dehler.
Frankreichs Bonner Botschafter Seydoux fand die Wohnung des Paares "sehr geschmackvoll eingerichtet", die "Atmosphäre war genauso liebenswürdig wie die Gastgeber". Und "fassungslos" über die Einrichtung des Liebes-Hauses war die AA-Ministerialdirigenten-Gattin Marlies Gräfin von Hardenberg: "Wir dachten uns, die müssen doch irgendwoher Piepen haben."
Weder die Prinzessin (monatliche Apanage: 300 Mark) noch der bürgerliche Gemahl hatten Piepen. Es war ein ruinöser Hofstaat: Letztes Jahr lud die Bonner Baronin Herta Diergardt, 73, das Paar zu Ferien in ihre Villa auf Capri ein. Sie kamen -- was die Baronin "wunderte" -- "von Bonn nach Neapel mit der zweiten Klasse gereist" und blieben drei Monate. Die Baronin kaufte der Prinzessin "Kleider, weil der Peter es sich ja nicht leisten konnte". Auch die Rückfahrt nach Bonn mußte die Baronin finanzieren, "weil ihre Fahrkarte ja nach sechs Wochen verfallen war".
Von Gönnern mit Flugtickets versehen, ging das verarmte Paar letzten Februar nach Südafrika auf eine letzte gemeinsame Reise. Zurück flogen die Eheleute nur bis München zusammen. Peter Liebes reiste zum Finkenweg 2 voraus und ließ den Hausschlüssel von innen stecken. Als Sterbezeit ermittelte die Polizei den 5. Mai gegen elf Uhr.
Die angeheirateten hochadligen Anverwandten registrierten den Exitus des unstandesgemäßen Eingeheirateten, der "ja nicht zur Familie" (Louis Ferdinand) gehörte, mit preußischer Gelassenheit. Der Chef des Hauses Preußen, der erst "aus der Zeitung" vom Liebes-Tod erfuhr: "Liebe kann Schönes bringen, aber auch Trauriges."

DER SPIEGEL 23/1967
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