29.05.1967

NAHER OSTEN / KRISEHeißer Sommer

Feldwebel Rosper Ben Schitrit aus dem israelischen Mittelmeerhafen Aschdod sah am vorletzten Freitag ein farbenprächtiges militärisches Schauspiel -- und erfuhr gleichzeitig eine ungewöhnliche militärische Ehrung.
Der Sergeant stand an der israelisch-ägyptischen Grenze nahe dem Kibbuz Eres am Gazastreifen. Hundert Meter jenseits der Grenze marschierten Punkt 16 Uhr zweihundert Soldaten auf, teils in blauen Helmen, teils in Turbanen. Ein General und 15 Offiziere schritten die Front ab, ein Soldat holte unterdessen die blaue Flagge mit der weißen Weltkugel vom Mast, die zehn Jahre lang gegenüber Eres geweht hatte.
Nach einem Fanfarenstoß rückte die Truppe ab. Der General schritt zu seinem Wagen, stoppte plötzlich und stapfte auf die Grenze zu. Dort schüttelte er dem Feldwebel Ben Schitrit die Hand, trug ihm Grüße an den israelischen Generalstabschef Rabin auf und verabschiedete sich mit dem hebräischen Gruß "Schalom" -- Friede.
Doch nicht Friede kehrte mit dem Abschied des Generals an der Wüstengrenze ein. Das "Schalom" eröffnete die neue Schlacht um Israel. Der General war Indar Jit Rikhye, indischer Kommandeur von 3393 Uno-Soldaten aus Indien, Brasilien, Kanada, Dänemark, Norwegen, Schweden und .Jugoslawien.
Zehn Jahre lang hatte die buntgemischte Truppe im Wüstensand von Sinai die verschworenen Todfeinde Israel und Ägypten auf Distanz gehalten. Zehn Jahre lang hatten die Puffersoldaten den Frieden in einer explosiven Ecke der Welt bewahrt.
"Jetzt warf Ägyptens Führer Nasser die Friedens-Soldaten aus seinem Land, weil er zur dritten Runde im Kampf gegen Israel schreiten wollte.
* Israelischer Panzer In der Negev-Wüste
** Beim Abzug der Uno-Truppen aus dem Gaza-Streifen.
In die 73 Uno-Stellungen an der 265 Kilometer langen ägyptisch-israelischen Grenze rückten Nassers Soldaten ein. Erstmals seit dem Suezkrieg 1956 standen sich, die Finger am Abzug ihrer Waffen, Truppen der feindlichen Nachbarn direkt gegenüber -- an einer Grenze, an der schon zahlreiche Scharmützel und zwei große Kriege ausgeschossen worden waren.
Zwischen Euphrat und Nil, zwischen Aden und Alexandria, am Roten wie am Toten Meer kam Kriegsfurcht auf. In Jerusalem schippten jüdische Schulkinder Sand in Säcke, um die Fenster ihrer Klassenräume zu sichern. In Kairo eilten Khalid, 17, und Hamid, 16, Söhne des Ägypterführers Nasser, ans Gewehr.
Israels Hausfrauen stürmten Warenhäuser, um Mehl und Zucker zu horten. Laut Regierungsorder mußten die Geschäfte Tag und Nacht offenbleiben.
Die Briten-Botschaft in Tel Aviv stapelte Kisten mit Toiletten-Papier als Splitterschutz vor die Fenster. Die Briten-Regierung forderte -- ebenso wie die amerikanische -- ihre Staatsbürger zum Verlassen der Nahost-Länder auf; die Skandinavier errichteten für die Evakuierung ihrer Bürger eine Luftbrücke nach Rom.
Überall in Nahost kämpften Touristen an den Schaltern der Fluglinien um einen Platz nach draußen. Neckermann buchte seine Nahost-Urlauber nach Tunesien und Griechenland um, der Pariser "Club Mediterranée" schloß seine orientalischen Ferien-Kolonien. Der Ungarische Staatszirkus brach seine Israel-Tournee ab.
In der Israel-Botschaft in Bonn meldeten sich im einem Tag 80, in der Pariser Israel-Botschaft 500 Freiwillige zum Kampf für Israel.
In Ägypten wurde für Ärzte, Apotheker und Spitäler der Notstand proklamiert. In Israel verschwanden junge Männer, Mädchen und Autos von den Straßen -- mobilisiert und requiriert für den Fall des großen Krieges.
Er rückte Stunde um Stunde näher. Die Armeen Ägyptens, Syriens, Jordaniens, des Libanon und Irak marschierten an Israels Grenzen auf. Gamal Abd el-Nasser teilte mit, er habe den Eingang zum Golf von Akaba -- Israels einzigem Tor nach Asien und Afrika, durch das es 90 Prozent seines Erdöls bezieht -- mit Minen blockiert.
Eine Blockade des israelischen Hafens Eilat am Golf von Akaba war für die Israelis schon einmal Anlaß zum Angriff gewesen: Im November 1956 überrannten sie mit britischer und französischer Hilfe in einem Blitzkrieg die Ägypter auf Sinai. Eine Blockade von Eilat, so wiederholte Israel seither immer wieder, sei ein casus belli.
Ende letzter Woche standen an beiden Seiten der Grenzen des Judenstaates, der kleiner ist als Hessen, fast 300 000 Soldaten, warteten Geschütze, Panzer, Jets und Raketen auf den Knopfdruck zum Krieg.
"Der Krieg mit Israel kann jeden Augenblick ausbrechen", hieß die Schlagzeile des Nasser-Blatts "Al-Ahram". "Heute ist der Tag der Schlacht", rief der Ansager des syrischen Rundfunks immer wieder.
Araber und Israelis, so schien es, rüsteten zum großen, vielleicht letzten Gefecht. Doch die Akteure an der Wüstenfront bewegten sich auf Gleisen, deren Weichen weder in Kairo noch in Jerusalem gestellt wurden:
Die Fäden, an denen die nahöstlichen Kampfhähne agierten, wurden von den Mächtigsten der Welt gehalten -- und Moskau hatte den ersten Zug getan.
Die waffenstarrenden Divisionen am See Genezareth, am Jordan und am Gazastreifen waren mit ihren schußbereiten Rohren Fußvolk in der Auseinandersetzung zwischen den USA und der Sowjet-Union geworden, Hilfsvölker an einer zweiten Front der beiden Supermächte -- auf einem von Moskau ausgewählten Schlachtfeld.
An der ersten Front -- in Vietnam
scheiterte die sich anbahnende Verständigung zwischen den Weltmächten, zu der die Einigung über den Atomstoppvertrag Hoffnung gegeben hatte. Nordvietnam blutet unter Amerikas Bomben -- Moskau sah sich nur in der Lage, den roten Brüdern halben Herzens mit Protesten und Waffen zu helfen. Unter dem Hohnlachen der feindlichen Chinesen müssen die Russen die Waffen über einen 15 000 Kilometer langen Seeweg (vom Schwarzmeerhafen Odessa aus gerechnet) heranschiffen -- während Amerika das kleine Land mit geballter Kraft zerschlägt.
Deshalb ließ Moskau seine arabischen Freunde im Nahen Osten, Syrer und Ägypter an der Spitze, eine zweite Front eröffnen -- augenscheinlich gegen Israel, in Wirklichkeit aber Moskaus Konterfront gegen den amerikanischen Krieg in Vietnam. Die neue Front liegt nur 2000 Kilometer von Odessa entfernt.
Als Englands Außenminister George Brown am Mittwoch letzter Woche -- am Gazastreifen fielen die ersten Schüsse seit 1956 -- in Moskau den sowjetischen Außenminister Gromyko bat, mäßigend auf die Araber einzuwirken, entgegnete der Russe: Das gehe nicht -- wegen Vietnam.
Als Brown wenig später bei Premier Kossygin die gleiche Bitte vorbrachte, erhielt er die gleiche Antwort. Und als -- ebenfalls am Mittwoch -- der Sicherheitsrat der Uno über die Krise beriet, erklärte Sowjet-Delegierter Fedorenko, " einer der ernstesten Gründe" dieser Krise sei die Anwesenheit der Flotten Englands und Amerikas im Mittelmeer -- jener Schiffe, mit denen Amerika bislang das Gleichgewicht im Nahen Osten aufrechthielt.
Mit anderen Worten: Um die Sowjet-Union wegen des Golfs von Akaba an den Konferenztisch zu bringen, müßte Amerika seine Präsenz im Mittelmeer zur Debatte stellen.
Daran denkt Amerika nicht. Deshalb warnte US-Präsident Johnson den Nil-Präsidenten Nasser: Amerika werde die freie Fahrt in den Golf von Akaba notfalls mit Gewalt sicherstellen. Deshalb lief das Flaggschiff der mächtigen Sechsten US-Flotte, der Raketenkreuzer "Little Rock", am Donnerstagabend aus dem Hafen von Gaeta mit Ostkurs aus.
Er steuerte auf Kollisionskurs. "Die Situation droht die gefährlichste seit der Kuba-Krise von 1962 zu werden", schrieb Leitartikler Cyrus Sulzberger am Wochenende in der "New York Times".
Denn zum erstenmal treten sich die beiden Weltmächte in einem Raum entgegen, in dem seit 20 Jahren Lunten verschiedenster Art glimmen und zweimal zur Explosion führten, in dem aber Moskau und Washington zu entscheidender Stunde bislang immer mäßigend wirkten.
Zur Zeit der ersten Schlacht um Israel -- die mit der Geburt des Staates 1948 begann -- waren die Russen sogar Advokaten eines Judenstaates.
In der Uno stimmten sie für die Teilung des britischen Protektorats Palästina in eine arabische und eine israelische Hälfte. Der damalige Uno-Delegierte und heutige Bonn-Botschafter Moskaus, Semjon Zarapkin, nannte die Teilung "die unter den gegebenen Umständen bestmögliche Lösung".
Am 14. Mai 1948 proklamierte Israels Prophet und erster Premier, David Ben-Gurion, in einem Museum an der Rothschild-Avenue zu Tel Aviv, flankiert von zwei blauweißen Flaggen mit dem Davidstern, den Judenstaat.
Moskaus Delegierter beim Sicherheitsrat, Gromyko: "Wenn man die Leiden des jüdischen Volkes während des Krieges bedenkt, wäre es ungerecht, ihm das Recht auf Bildung eines eigenen Staates vorzuenthalten."
Doch im Morgengrauen nach der Staatsgründung stießen ägyptische, libanesische, syrische, irakische und jordanische Truppen von allen Seiten in das neue Staatsgebilde. Arabische Bomben fielen auf Tel Aviv.
In der ersten Schlacht blieben Araber und Israelis unter sich -- und die Israelis siegten.
Aber Israels Triumph lieferte den Zündstoff für die Zukunft: An den Grenzen des jungen Staates sammelten sich in erbärmlichen Lagern 1,3 Millionen im Krieg vertriebene Palästina-Araber, die darauf brannten, in den nun von den Juden bestellten Garten am Mittelmeer und am See Genezareth zurückzukehren.
Und im mächtigsten Araber-Staat, in Ägypten, erstand den Israelis ein Feind, der die Niederlage nicht vergessen konnte: Oberst Gamal Abd ei-Nasser. Drei Jahre nach dem Ende des Palästina-Krieges stürzte er den von Israel besiegten König Faruk.
Um dessen Scharte auszuwetzen. brauchte Nasser bessere Waffen. In Paris, London und Washington abgewiesen, suchte der neue Pharao sie in Moskau -- und die Kommunisten nutzten die Chance.
Sie gaben Nasser die Mittel, seine Armee von 40 000 auf 100 000 Mann zu verstärken. Sie lieferten T-34-Panzer, Mig-Jets und Iljuschin-Bomber.
Washington verweigerte Nasser daraufhin die Finanzierung seines Lieblings-Projektes, des Nil-Hochdamms von Assuan, dessen Wasser und Energie Ägypten den Sprung in die neue Zeit sichern sollten. 1956 verstaatlichte Nasser den Suezkanal und eröffnete damit die zweite Schlacht um Israel.
Die vom Nil-Führer enteigneten Engländer und Franzosen gewannen die vom Nil-Führer im Golf von Akaba eingeschlossenen Israelis leicht zu einem Schlag gegen den Ägypter. Englands Eden: "Ich will, daß er vernichtet wird."
45 000 Israel-Soldaten trieben 30 000 Ägypter binnen vier Tagen von der Halbinsel Sinai, britische Bomber griffen Kairo an, französische Paras unter General Massu sprangen über der Suezkanal-Zone ab.
Aber anders als 1948 waren Araber, Israelis und ihre einstigen Kolonialherren diesmal nicht mehr unter sich. Nassers Schutzmacht Moskau drohte mit Raketen auf London und Paris, und zu den Sowjets gesellte sich -- mitten im Kalten Krieg, der durch den gleichzeitigen Ungarn-Aufstand eiskalt geworden war -- die West-Weltmacht Amerika.
Gemeinsam zwangen die beiden Großmächte die Halb-Weltmächte zur Räson, gemeinsam mit der Uno retteten sie Nasser vor dem Untergang: Die Angreifer wurden zum Rückzug gezwungen, die Uno stellte eine internationale Streitmacht auf, um am schwelenden Feuer den Frieden zu hüten.
Aber durch den endgültigen Rückzug von Briten und Franzosen entstand im Nahen Osten ein politisches Vakuum. Die Russen drängten hinein.
Während die Amerikaner sich mit den feudalistischen Königen und Ölscheichs verbanden, setzten die Sowjets auf die panarabischen Progressisten mit Ägyptens Nasser an der Spitze, der von der Vernichtung der Feudalherren und der Gründung eines sozialistischen Großarabischen Reiches träumte.
Bald prallten die arabischen Rivalen aufeinander, bald mußten auch die Mächte hinter ihnen für ihre Schützlinge intervenieren:
1957 fuhr die 6. Flotte der USA im Ostmittelmeer auf, um den Jordanierkönig Hussein vor Nasserschen Putschisten zu schützen.
> 1958 landeten US-Marineinfanteristen im Libanon, um dessen rechte Regierung vor einem Sturz durch Links-Rebellen zu bewahren.
> Im selben Jahr liquidierten Links-Putschisten den Iraker-König Feisal, das neue Regime richtete sich nach Moskau aus.
> Im Jemen kämpfen seit 1962 etwa 50 000 ägyptische Soldaten mit schwerem sowjetischen Kriegsmaterial gegen die Stammeskrieger des Imam, die von einem Verbündeten der USA, dem Königreich Saudi-Arabien, mit US-Waffen versorgt werden.
> Im benachbarten Aden schießen sich ägypten-hörige Links-Terroristen mit saudi-treuen Guerillas.
Für den Dauer-Kleinkrieg rüsteten die Großmächte ihre nahöstlichen Hiwis mit riesigen Arsenalen aus. Allein an Nasser lieferten die Russen Panzer, Geschütze, U-Boote und Düsenflugzeuge für sechs Milliarden Mark.
Die Westmächte lieferten Panzer und Flugzeuge an Jordanien und Saudi-Arabien -- und sie statteten Israels Armee so aus, daß ein Waffen-Patt mit Ägypten gewahrt blieb.
Das Wettrennen war nicht auf Waffen beschränkt. Die Russen finanzierten Nassers Assuan-Damm mit 1,3 Milliarden Mark, die Amerikaner und Engländer stützen Jordaniens Haushalt.
Das Wettrüsten wurde unterbrochen, als im Oktober 1964 Chruschtschow in Moskau stürzte. Einer der Vorwürfe gegen den Kreml-Polterer galt dessen Milliarden-Segen an den Nil. Angesichts einer möglich scheinenden atomaren Komplicenschaft zwischen Washington und Moskau hielten die neuen Kreml-Herren die kostspieligen Investitionen im Orient für überflüssig.
Doch knapp ein Jahr später schätzten Nikitas nüchterne Erben die Vorteile einer roten Bastion an der Drehscheibe Europas zu Asien. Kaum hatte Amerika im Fernen Osten die Eskalation gegen das rote Nordvietnam eröffnet, luden die Sowjetführer Nasser nach Moskau.
Ägyptens Staatschef schien ihnen geeignet, gegen die US-Aggression in Asien zu wettern. Sie beschlossen, ihm auch künftig unter die Arme zu greifen -- aber die neue sowjetische Nahost-Offensive war gezielter geplant.
Bis dahin hatten die Sowjets einen Brückenkopf in der Dritten Welt erworben. Fortan züchteten sie die Keimzelle für eine Konterfront zu Vietnam.
Kossygins erste Reise als Premier in ein nichtkommunistisches Land ging im Mai 1966 nach Ägypten. Am Vorabend seines Besuches übten Oberschüler auf der Rennbahn in Kairo
Heilrufe und Sprechchöre in Russisch. Kossygin bei Hammelkeule zu Nasser: "Unsere Völker wachsen immer mehr zusammen."
Er versprach Nasser neue Waffen: Panzer, Hubschrauber, Panzerabwehrraketen, Mig-21-Jets und Transportflugzeuge für 600 Millionen Mark. Nassers Gegenleistung: Weiterführung des Jemen-Kriegs gegen den von Saudi-Arabien gestützten Imam.
Anfang 1966, als eine 37tägige Bombenpause in Vietnam zu Ende ging und die Amerikaner wieder eskalierten, schloß Moskau mit dem linkssozialistischen Regime Saijen in Syrien einen neuen Pakt: Die syrische Armee erhielt Panzer, Sam-2-Luftabwehrraketen, Panzerabwehrkanonen, Mig-21 und Kriegsschiffe für 800 Millionen Mark. Syrien verpflichtete sich, den Russen dafür eine U-Boot-Basis und zwei Luftstützpunkte zu überlassen sowie den Bau einer riesigen Radarstation zu gestatten, die türkische Nato-Stützpunkte überwacht.
Für die Finanzierung des Euphrat-Staudammes -- den ursprünglich die Bundesrepublik bauen sollte -- handelte sich Moskau das syrische Versprechen ein, alle Verträge über tech-
* Bei einem Frontbesuch Nassers. Rechts: Nasser-Vice Amer.
nische und wirtschaftliche Zusammenarbeit mit dem Westen zu kündigen.
Immer mehr übernahm Syrien die Rolle des Stolltrupps der Sowjets in Nahost. Im Januar 1967 reiste Syriens starker Mann, General Salah Dschedid, mit 30 Politikern und Offizieren nach Moskau. Seine Gesprächspartner im Kreml priesen Syrien als "Vorhut des Sozialismus" im Kampf gegen Imperialismus und Reaktion.
Imperialismus und Reaktion verkörpern in den Augen der Syrer ihre südlichen Nachbarn: das vom Westen unterstützte Israel und Jordanien.
Gegen König Hussein schickten die Syrer Attentäter los, seine Untertanen hetzten sie zu Putsch und Revolution.
Gegen Israel entfesselten sie einen "Volkskrieg" nach kommunistischem Vorbild. Guerilla-Kommandos, "El Fatah" genannt und von östlichen Instrukteuren ausgebildet, drangen auf israelischen Boden vor. Sie sprengten Brücken und Häuser, verminten Straßen und überfielen Polizei-Stationen.
Die Israelis schlugen zurück. Der erste Vergeltungsschlag traf im November 1966 das jordanische Grenzdorf Samua, denn über jordanisches Gebiet hatten die Syrer ihre Partisanen nach Israel geschleust. In der größten Land-Operation seit Suez mobilisierten die Israelis Panzer und Düsenjäger. 26 Jordanier fielen.
Beim zweiten Gegenschlag der Israeli waren die Syrer selbst die Opfer. Am 7. April 1967 schossen israelische "Mirage"-Jets über Syrien im größten Luftkampf seit Suez sechs Mig-19 ab.
Moskau protestierte in Jerusalem gegen Israels "gefährlichen Kurs gegenüber dem Nachbarn". Die Syrer beschwerten sich bei ihren arabischen Brüdern, die ihnen nicht geholfen hatten. Dann provozierten sie die Israelis mit neuen Sprengstoff-Anschlägen.
In der zweiten Maiwoche erhielt Damaskus Nachricht, daß Israel wieder einen Gegenschlag plane, diesmal einen vernichtenden Rachefeldzug. Die Warnung soll, wie der Londoner "Daily Mirror" enthüllte, aus Moskau stammen. Der sowjetische Geheimdienst wollte sogar den Termin für einen Israeli-Raid gegen Damaskus erfahren haben: den 17. Mai.
Die Syrer alarmierten den ägyptischen Präsidenten Nasser, der im März einen Beistandspakt mit Damaskus ratifiziert hatte, über die angebliche Drohung. Anders als bei den früheren SOS-Rufen war Nasser diesmal bereit, gemeinsam mit den Syrern zu marschieren.
Denn sein Ruf als Prophet eines Großarabischen Reiches war durch den erfolglosen Aderlaß im Jemen, durch die Dauermisere seiner Wirtschaft (Ägypten schuldet dem Ausland zwölf Milliarden Mark) und insbesondere durch den Ruch der Zagheit angeschlagen: Zweimal hatte er die arabischen Brüder gegen Israel im Stich gelassen.
In einem Jahr soll außerdem der von den Russen finanzierte Assuan-Staudamm fertig werden. Er wird Ägypten fruchtbar machen, zugleich aber auch tödlich verwundbar. Denn ein Bombenangriff auf die Sperrmauer, die 157 Milliarden Kubikmeter Wasser stauen soll, würde das Niltal -- in dem 80 Prozent der 30 Millionen Ägypter wohnen -- völlig verwüsten.
So wie Nasser hatten auch seine Alliierten Grund für einen Showdown:
> Syriens wackliges Regime -- das 17. seit 1962 -- wollte durch einen außenpolitischen Kraftakt von innerer Schwäche ablenken und Rache für das Mig-Fiasko nehmen.
> Die Sowjet-Union sah, in Vietnam von den eskalierenden USA zu einer Entscheidung gedrängt, die Zeit für eine Demonstration an der zweiten -- für sie vorteilhafteren -- Front gekommen.
Ende März hatte Moskaus Außenminister Andrej Gromyko während stundenlanger Gespräche mit Nasser im Kairoer Kubbeh-Palast den Ägypter zum verstärkten "Kampf gegen Imperialismus und Neokolonialismus" ermuntert -- rote Synonyma für die westliche Präsenz in Asien und für Israel.
Von den Russen ermuntert, von den Syrern gedrängt, ließ Nasser jetzt blitzartig aufmarschieren. Mitte Mai verstärkte er seine Truppen auf Sinai von 14 000 auf fast 80 000 Mann -- die größte arabische Streitmacht, die es je an einer Front gab.
Er forderte den Abzug der störenden Uno-Wächter im Gazastreifen. Uno-Generalsekretär U Thant gab sofort nach -- zu Israels Entsetzen (Jerusalem: "Einer der größten politischen Irrtümer in der Geschichte") und Washingtons Ärger (Johnson: "Voreiliges Handeln").
Formell glaubte sich der Uno-Burmese im Recht. Ägypten hatte (im Gegensatz zu Israel) die Stationierung von Uno-Kriegern auf seinem Territorium erlaubt, wenn auch nur bis auf Widerruf. Doch U Thant hatte noch andere Gründe:
> Die Nasser-Freunde Indien und Jugoslawien, die fast ein Drittel der Streitmacht stellten, forderten sofortigen Abzug, Ersatz ihrer Soldaten durch Blauhelme anderer Länder wäre kaum möglich gewesen.
> Der Generalsekretär hoffte, Ägypten werde sich mit dem Prestige-Gewinn des Uno-Abzugs begnügen und Israel werde durch die Aussicht auf einen Zweifronten-Krieg vor dem geplanten Schlag gegen Syrien zurückschrecken.
Moskau verfolgte das gleiche Ziel: der Uno-Abzug war erst der Beginn einer Offensive. Kaum hatten die Blauhelme ihren wichtigsten Posten geräumt -- die Artillerie-Stellungen an der Straße von Tiran am Eingang des Golfs von Akaba -, da postierte Nasser dort 200 Soldaten und legte Hand an Israels Kehle: Er sperrte den Golf.
Aber die Aktion verriet unarabische Planung und Vorsicht: Nasser gab lediglich bekannt, daß der Golf-Eingang vermint sei und jedes Schiff einen ägyptischen Lotsen benötige -- der mit einem Kontroll-Kommando an Bord kommen werde.
Er drohte nicht mit Krieg; er dekretierte, die Ägypter übten lediglich wieder die Gewalt über ihre "territorialen Gewässer" aus, und: "Wenn die "Juden mit Krieg drohen, dann sagen wir ihnen: Ihr seid willkommen, wir sind bereit."
Der von Nasser überspielte U Thant eilte nach Kairo. Bei seiner Ankunft skandierten Angestellte des Flughafens: "Gott ist groß, Ruhm den Ägyptern, es lebe Nasser!"
Der Staatschef lehnte U Thants Forderung, den Golf von Akaba wieder zu öffnen, brüsk ab. Der Uno-Sicherheitsrat vertagte sich ohne Entscheidung.
Sie fällt nun den beiden Weltmächten zu. Ägyptens Verteidigungsminister Badran flog zu militärischen und politischen Besprechungen nach Moskau, das zuvor die Araber seines Beistands versichert hatte: Wer im Nahen Osten eine Aggression entfesselte, würde nicht nur mit der vereinigten Stärke der Araber zu rechnen haben, sondern auch mit dem "massiven Widerstand der Sowjet-Union und aller anderen friedliebenden Staaten".
Israels Außenminister Abba Eban flog nach Washington, um sich der Hilfe der USA zu versichern. Amerika hatte zuvor schon erklärt: "Die Blockade gegen Israel im Golf von Akaba ist illegal und eine Bedrohung für den Frieden." Ehe Nasser noch den Golf gesperrt hatte, warnte Amerikas Kairo-Botschafter Nolte den Ägypter, die USA würden die Freihaltung des Schiffahrtswegs im Akaba-Golf notfalls mit Gewalt erzwingen.
Dazu hatte sich US-Präsident Johnson bereits im Juni 1964 in einem Treffen unter vier Augen gegenüber dem Israel-Premier Eschkol verpflichtet: "Die amerikanische Verpflichtung", enthüllte jetzt der Londoner "Evening Standard" aufgrund einer gezielten Indiskretion der Israel-Regierung, "beinhaltet komplette gemeinsame Operationspläne, die Amerikas und Israels Generalstäbe ausgearbeitet haben."
Die Amerikaner haben das Gros ihrer mächtigen 6. Flotte (50 Schiffe, 200 Flugzeuge, 25 000 Mann) nach dem Ostmittelmeer beordert und zwei Zerstörer ihrer Mittelost-Seestreitmacht in das Rote Meer in Marsch gesetzt -- aber die Notwendigkeit eines gewaltsamen Eingreifens würde sie im allerungünstigsten Augenblick treffen: Der US-Generalstab hat Präsident Johnson mitgeteilt, daß eine weitere große Krise neben Vietnam nicht ohne Teilmobilmachung gemeistert werden kann.
Eröffnen amerikanische Schiffsgeschütze oder amerikanische Marineinfanteristen das Feuer, würde Washington das Odium auf sich laden, einen neuen Krieg begonnen zu haben.
Bereits Ende April sagte der diplomatische Kommentator der Moskauer "Prawda", ZK-Mitglied Juni Schukow, für die USA einen "heißen Sommer" voraus.
Die Trümpfe dazu hat Moskau an seiner sorgfältig aufgebauten zweiten Front in der Hand. "Die Krise im Nahen Osten", befand die Londoner "Times" am letzten Freitag, "kann die Sowjets mit dem Hebel versorgen, der ihnen im Fernen Osten fehlt."
Das Kampftheater ist für die Russen so günstig, daß sie die Schlacht notfalls schlagen können, ohne Krieg zu führen. Durch ihre arabischen Hilfstruppen haben sie die USA engagiert, ohne selbst einen Soldaten einsetzen zu müssen.
Ihr eigenes Risiko -- daß ihnen di; 540 000 Araberkrieger außer Kontrolle geraten -- ist so lange gering, wie Arabiens Führer von ihrem ersten Triumph -- der Schließung des Golfs von Akaba -- zehren können und Israel den Gegenzug tun muß.
Im Kreml machte Kossygin dem Britenbesucher Brown klar: Moskau ist nur zu gemeinsamem Löschen im Nahen Osten bereit, wenn Amerika im Fernen Osten deeskaliert.
Opfer des globalen Schachs der Weltmächte sind vorerst die zweieinhalb Millionen Juden in Israel. Ihr Todfeind Nasser ist mächtiger denn je, ist wieder Held der arabischen Welt, die er im Aufmarsch gegen Israel auf seine Fahne einschwören konnte.
Nicht nur Fanatiker rufen zum Krieg. Israels Armeeführung -- überzeugt, daß jeder Tag des Zögerns zehn Prozent mehr Opfer fordern würde -- lehnt seit letztem Mittwoch jede Verantwortung für die Folgen ab, die aus einem weiteren Zaudern der Regierung entstehen könnten.
"Le Monde" zitierte einen israelischen Studenten: "Wir sind ein Volk von Helden, das von Feiglingen regiert wird."
Zur gleichen Zeit wurde in Tel Aviv die Internationale Landwirtschaftsmesse eröffnet -- mit dem Start von 50 weißen Friedenstauben.

DER SPIEGEL 23/1967
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