29.05.1967

BELGIEN / KAUFHAUSBRANDLeises Klingeln

In der Innenstadt von Brüssel, unweit der Einkaufsstraße Rue Neuve, klemmte ein Polizeibeamter einen Strafbefehl unter den Scheibenwischer eines Opel Rekord.
Opel-Fahrer Eduard Selleslagh hatte die Parkzeit überschritten; doch er sollte seinen Strafzettel nie bezahlen.
Versicherungsagent Selleslagh war verbrannt -- gestorben in der größten Brand-Katastrophe, die Belgien je erlebte. Vom Kaufhaus "A l'Innovation" blieben nur Schutt, Trümmer und verkohlte Balken. Über 300 Menschen starben; Waren im Werte von rund 80 Millionen Mark wurden vernichtet.
Im ersten Stock, in der Kinderbekleidungsabteilung, hatte eine Verkäuferin die ersten Flammen entdeckt. Die vier Mann starke Hausfeuerwehr rollte die Schläuche aus, doch kein Löschwasser schoß durch die Rohre. Die leise Alarmklingel hielten die Verkäufer für das Zeichen zum Mittagessen; da die Klingelei kein Ende nahm, beklagten sich Verkäuferinnen beim Hausmeister über die angebliche Störung.
Als Kunden und Verkäufer vor der Feuersbrunst flüchteten, blieb im Restaurant eine ältere Dame sitzen: "Ich möchte endlich meine Seezunge haben."
Dann war es zu spät. Kunden und Verkäufer fanden keinen Weg mehr durch die Wand aus Feuer. Sie klammerten sich an Fenstersimse, unter ihnen stockwerketief die Straße, hinter ihnen das Flammenmeer. Einige wagten den Sprung. Sie zerschmetterten auf dem Pflaster und auf Autodächern.
Nie zuvor verbrannten so viele Menschen in einem Kaufhaus. Die meisten Kaufhaus-Kunden (167) starben 1897 bei einem Brand im Pariser "Bazar de la Charité", in der Bundesrepublik hat es ein derart katastrophales Kaufhaus-Unglück noch nie gegeben.
In Deutschland müssen alle Warenhäuser mit einer Ladenfläche von mehr als 5000 Quadratmetern eine sogenannte Sprinkleranlage installieren. Aus den Sprinklerdüsen, die in gleichmäßigen Abständen in die Decke eingebaut werden, sprühen im Feuer-Fall am Brandherd 100 Liter Wasser pro Minute. Schon bei einer kurzfristigen Erhitzung von 70 Grad beginnen die Düsen zu arbeiten.
In Belgien gibt es keine Sprinkler-Pflicht, denn die Belgier schätzen den Schlendrian -- ihr "laissez faire". Den Führerscheinzwang führten sie als letzter europäischer Staat ein. Die Vorschriften für Busfahrer wurden erst strenger gefaßt, nachdem Belgiens Busser im vergangenen Jahr mit zwölf schweren Unfällen zum europäischen Straßenschreck geworden waren.
Und ein Parlamentsausschuß begann erst ernsthaft mit der Arbeit an einer Feuerschutzverordnung, als drei Altersheime ab- und 53 Menschen verbrannten.
Für die Wolkenkratzer, die jetzt in Brüssel entstehen, gibt es bislang keinen ausreichenden Brand-Schutz. Belgiens 367 Feuerwehrkorps verfügen über keine einzige Leiter, die höher als sechs Etagen reicht.
Dem Vizepräsidenten der Warenhauskette "Les Grands Magasins à l'Innovation", Pierre Bolle, ist das Feuer in seinem Kaufhaus "völlig unerklärlich". Deutsche Firmen hingegen hatten ihm eine Katastrophe schon vor langem prophezeit.
"Eine unserer Kommissionen", so erklärte der Chef der Feuerschutzabteilung eines Kölner Werkes, "hat die Herren von "A l'Innovation" darauf hingewiesen, daß die Schutzvorrichtungen dort völlig unzureichend sind."
In den Filialen Lüttich und Mecheln sowie in einer Lagerhalle bei Brüssel ließen die Kaufhausherren Sprinkleranlagen installieren. Für das 1897 erbaute Brüsseler Innovation brauchten sie mehr Zeit, sich zu entscheiden. "Fast zehn Jahre", klagte eine norddeutsche Fabrik für Feuerschutzanlagen, "haben wir mit "A l'Innovation" über eine derartige Installierung gesprochen und schließlich die Bemühungen abgebrochen." Die Kölner Sprinkler-Leute: "Wir haben noch in den letzten zwölf Monaten mit denen verhandelt."
Die Anlage hätte etwa eine halbe Million Mark gekostet. Der Feuer-Verlust beträgt etwa 165 Millionen.

DER SPIEGEL 23/1967
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