29.05.1967

Reinhard Baumgart zu Peter Rühmkorf „Über das Volksvermögen“VOLKSGESANG, VOLKSGESTANK

Der Romancier ("Der Löwengarten") und Kritiker Reinhard Baumgart, 37, veröffentlichte im letzten Jahr einen Band Essays: „Literatur für Zeitgenossen“. -- Der Lyriker und Essayist ("Kunststücke") Peter Rühmkorf, 37, ist schon mehrfach als Subliteratur-Forscher und -Förderer hervorgetreten: 1963 lancierte er den Lotto-Roman „6 Richtige“ der Hamburger Hausfrau Bengta Bischoff, 1965 kommentierte er ein Bändchen „Primanerlyrik -- Primanerprosa“.
Ein solches Buch hat es noch nie gegeben, ich jedenfalls kenne kein vergleichbares: eine Sammlung dessen, was geflüstert oder gegrölt, doch ungeschrieben, von anonymen Absendern an Millionen Empfänger durchs Vaterland läuft, Kinderscherze, Frauwirtinnenverse, Schlagerparodien et cetera, und das Ganze nennt Rühmkorf die Volkspoesie, statt innig, erbaulich hier also drastisch, vulgär, zersetzend im besten Sinne.
Himmel Sterne Rotzkaserne
Freßmaschine Milchkantine
Kinderstube Selterbude
Wurstfabrik
So lautet da eine Beschreibung des Menschen, eine gereimte Kurzanthropologie. Aber ähnlich geht, sagt Rühmkorf, Volkes Weise immer, auf Dissonanz gestimmt, durch keine falsche Andacht getrübt, und wer es nicht wußte, kann es hier nachlesen: aus "dreitausend Stück Handlese" veröffentlicht der Herausgeber 580 Belege.
Doch er wollte mehr als etwa nur eine Zotenfibel verkaufen. Das Gesammelte soll etwas beweisen, kommt also dick verpackt in einen Essay, der den alten Begriff von Volkspoesie auf den Kopf stellt, besser: auf den Hintern setzt. Das geschieht in wahrer Erkenntnisgenüßlichkeit, in einem Stil, der Gelehrtheit mit Schnauze vorträgt. Lästig ist es oft, nie langweilig. Rühmkorfs burschikoser Umständlichkeit zu folgen.
Für seine Polemik baut er sich zunächst den Hintergrund: jenen zeitgenössischen Kult der Antiquitäten, die Verwechslung von "Wurmstich und Wahrheit", der auch die Volkskunde ihre angeborenen Illusionen verdankt, denn ihr und den Lesebüchern zufolge war ja gerade das Volk der treuherzigste Bewahrer alteingeführter Werte. "Radikale Entzauberung", so Rühmkorf, tut not.
Ihr erstes Opfer wird Hans Magnus Enzensbergers innig geschätzte Kindesversgut-Anthologie "Allerleirauh". Die, weist Rühmkorf dem Kollegen nach, War ein bißchen weit hinter den sieben Bergen hergeholt, das romantische Entzücken über das zeitenthobene Kinderreich feiere fröhliche Urständ in diesem "Entrückungsmittel für die deutsche Familie, die noch an Ewigkeitswerte glaubt und schon wieder betet". Das klingt bitter und ist doch gerecht.
Anders als jener Hausschatz nimmt nun Rühmkorfs Blütenlese das Allerleirauh wörtlich. Volk heißt hier allemal Vulgus, und das "gesunde Volksempfinden", das fünfhundertfach zu Wort kommt, ist nicht etwa, wie Richter und Zensoren uns weismachen, sittlich gesund, sondern vor allem gesund ordinär. Die Beispiele beweisen es, der Kommentar behauptet es: "Was man Volksmund heißt, streckt seinen wundersüchtigen Ideologen die lange Zunge heraus."
So weit, so gut. Aber es kommt noch besser. Gerade den Kindervers traktiert Rühmkorf mit einem bisher kaum üblichen Scharfsinn. Er versetzt diese derben, selten stubenreinen Produkte wieder zurück ins Milljöh, in den Schul- und Hinterhof, er fragt den "Tast-, Schlag-, Schimpf-, Spott-, Fallen-, Orientierungs- und Entlarvungsversen" ihre sozialen und psychologischen Funktionen ab. Das sind gar nicht, entdeckt er, Kulturgegenstände, und Poesie hervorzubringen ist ihre letzte Absicht. Sie regeln nur das Verhältnis zu den Erwachsenen und den Verkehr untereinander, sind also praktisch und verhältnismäßig human selbst dann, wenn das Gift der Aggression aus jedem Reim spritzt. Wo man schimpft, so etwa möchte Rühmkorf sagen, da laß dich ruhig nieder. Böse Kinder hauen.
So weit, so gut. Doch weiterlesend, über die ersten hundert Seiten Handlese und Scharfsinn hinaus, während der kindliche schon in den erwachsenen Volksmund übergeht, sah ich Rühmkorf vor meinen Augen zum Volkskundler neuer Facon werden: Unaufhaltsam verliebt auch er sich ideologisch in seinen Gegenstand. Diese herrlichen Kinder! höre ich ihn rufen (sicher in komplizierterem Wortlaut). diese zwar keineswegs süßen, aber herrlich rotzfrechen, dieses Vers um Vers gegen jede Autorität rebellische Volksmaul, unverdrossen andichtend gegen alles, was ihm von oben an Idealem aufgehalst wird, gegen Kultur, Schmeling, Schlager, Adenauer oder Zahnpastareklame.
Wie es mit Entzauberungen, Entmythologisierungen so geht: Deren Propheten haben den neuen Glauben meist schon parat, zu dem wir nun überlaufen sollen. Als Ersatz für die rechte, die reaktionäre Glorifizierung von Volkes Weise (Typ: reiner Quell) soll uns nun eine linke, progressive untergejubelt werden, der zufolge spielt das Volk immer nur Provo. Große, enthusiastische Namen setzt Rühmkorf für das, was der subpoetische Untergrund angeblich artikuliert: Freiheitsbedürfnis, Majestätsbeleidigung, Volksentscheid, Denkmalsschändung, Entschleierung, materialistische Kulturkritik, Gegenmythos, Gegenterror, Gegenpropaganda.
Drückt er nicht ein bißchen heftig und monoton auf sein Argument? Oder sollte auf das alte Konzept von Volksdichtung nur der denkbar gröbste Keil gesetzt werden? Das Volk jedenfalls wird hier in neue Wunschhimmel hochgestemmt. Gemessen am hochherzig optimistischen Kommentar, lesen sich die Beispiele harmlos.
Macht hoch die Tür
Die Tor macht auf
Es kommt der Herr
Im Dauerlauf ...
Goethe sprach zu Schiller
Hol aus dem Arsch nen Triller
Schiller sprach zu Goethe
Mein Arsch ist keine Flöte ...
Deutschland Deutschland ohne alles
Ohne Butter ohne Speck
Und das bißchen Marmelade
Frißt uns die Besatzung weg
Eines freilich kann man solchen Produkten ansehen: Das Volk läßt allen Idealen am liebsten die Hose runter. Was noch nicht unbedingt Idealismuskritik ist, sondern zunächst einmal Freude an fallenden Hosen schlechthin verrät. Wenn sich auf "Marsch" spontan das allbekannte Reimwort einstellt, auf "Tanz" ein anderes, so wird das nicht gleich als Antimilitarismus oder Mißtrauen gegen U-Musik zu bewundern sein.
Ganz so leicht natürlich macht es sich Peter Rühmkorf nicht, doch allzu flott deutet er den dichtenden Untergrund als Fünfte Kolonne, statt bescheidener das nur kurz und dumpf aufrülpsende Unterbewußtsein herauszuhören.
Denn ganz wird eben auch der erwachsene Volksgeist den rebellischen Kindergeist nicht in sich los. Mit Fäkal-, Anal-, Genitalphantasien beantwortet er weiterhin die Aufforderungen der Welt zum Höheren und zur Disziplin. Gesund möchte auch ich den frohen Mief dieser Denkungsart nennen, verglichen mit dem synthetischen Geruch der Parolen, gegen die er anstinkt.
Doch wo Rühmkorf nur immerwährenden Aufstand entdeckt, sehe ich auch die Gemeinheit durchschlagen, ein kurzatmiges Aufmucken und Meckern, ein Kratzen am Detail, das dem frommen Einverständnis mit dem Großen und Ganzen leicht als nur zu fragwürdige Kompensation dient. Die Aufsässigkeit der Mitläufer höre ich da heraus.
Wen sollte das wundern? Schon die Kinder, so gern sie in Versen "scheißen", halten realiter die Hosen rein. Wer sich an Schlager- und Reklameparodien vergnügt, beweist zunächst und vor allem, wie sehr ihm selbst der Kopf von Schlagern und Reklame summt. Und der gleiche Volksgeist, der den "Doktor Adenauer" lachend auf die "Lokusmauer" setzt, hat ihn vermutlich auch gewählt. Freiheit gibt es hier zwar im Lied, aber auch nur im Lied.
Ich halte Rühmkorfs Subpoesie, gegen allen äußeren Anschein, für eine bitter idealistische Gattung.
Wenig "Staat zu machen" ist mit ihrer aufrührerischen Gesinnung, von Revolution ganz zu schweigen. Sobald das widerständige Kollektiv extremem Druck ausgesetzt ist, ob Kinder in der Schule oder Soldaten im jeweiligen Weltkrieg, da intoniert Volkes Weise nur noch mürrischen Katzenjammer, "zwischen Anpassung und Widerstand" -- hier hat Peter Rühmkorf wieder genauer hingehört, als ihm wohl selbst lieb gewesen sein mag.
Lassen wir also die Kirche im Dorf, das heißt, bescheinigen wir dem Volk nicht Lieder, die besser sein sollen als es selbst. Der Subpoesie sympathisches, vielstimmiges "Uff" ist keine explosive Volonté générale. Wie rotzfrech, hinter vorgehaltener Hand, deutscher Volksgeist sein kann, das wissen wir nun. Wie schlager- und BILDselig, staatsfromm, hygiene- und autoritätsbedürftig er trotzdem ist, wissen wir auch.
Von Reinhard Baumgart

DER SPIEGEL 23/1967
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