15.05.1967

KIRCHE / MARIENVEREHRUNGSchleichende Abwendung

Ist Maria zum Problem geworden?" So überschrieb der Benediktinerpater Emmanuel Jungclaussen aus dem bayrischen Niederaltaich einen Vortrag über die Mutter Jesu, den er auf einer Priestertagung im Passauer Exerzitienhaus "Mariahilf" hielt. Die Antwort, die sich der bayrische Benediktiner selber gab: "Ja, nur allzusehr!"
Als Indiz nannte Jungclaussen das tiefe Unbehagen vieler junger Leute gegenüber der Art und Weise, wie die 50-Jahr-Feier der Marienerscheinungen von Fatima (einem Wallfahrtsort nördlich von Lissabon) in einer Reihe von kirchlichen Blättern propagiert wird".
Diese Fatima-Kritik des Paters stand Anfang Mai im Münchner "Klerusblatt", das sich nahezu alle bayrischen Priester halten. Doch höchstes Fatima-Lob vernahmen die Pfarrer wenige Tage später: Papst Paul VI. kündigte an, daß er am Sonnabend, 13. Mai, zur Jubelfeier in den portugiesischen Wallfahrtsort Fatima fliegen werde.
Die vierte und kürzeste Auslandsreise des Papstes ist zugleich die umstrittenste. Im Januar 1964 flog er in das von allen Christen gleichermaßen hochgeschätzte Heilige Land. Im Dezember 1964 fand er überall Beifall, als er im nichtchristlichen Indien zum Kampf gegen die Armut aufrief. Im Oktober 1965 besuchte er die von nahezu allen Staaten der Welt beschickte Uno in New York.
Die Ankündigung Pauls VI. aber, er wolle in Fatima zur Gottesmutter und für den Frieden beten, fand auch unter seinen Gläubigen geteiltes Echo. Denn auch unter Katholiken ist die Meinung erlaubt und verbreitet, daß die portugiesische Wallfahrtsstätte für eine Papstvisite nicht der rechte Ort sei: Fatima gilt als Stätte extremen Marienkults und militanter religiös-politischer Propaganda.
Am 13. Mai 1917 und an jedem 13. der folgenden fünf Monate soll dort den Hirtenkindern Lucia, 10, Francisco, 9, und Jacinta, 7, die Muttergottes erschienen sein, zuweilen begleitet von Engeln, dem heiligen Joseph und Jesus.
Am 13. September 1917 hatten sich 20 000 Neugierige eingefunden, die aber nur die Verzückung der Kinder und keine Marienerscheinung sahen. Einen Monat später, am 13. Oktober 1917, waren sogar 70 000 Portugiesen auf dem Platz. Sie sahen zwar auch nicht die Gottesmutter (die den Kindern wiederum erschienen sein soll), angeblich aber ein Sonnenwunder: "In alten Farben", so erinnerte sich später ein gläubiger Zeuge, "begann sie zu kreisen und auf die Erde zuzustürzen."
Zwei Fatima-Kinder starben nach dem Ersten Weltkrieg, Lucia ging als Unbeschuhte Karmelitin ins Kloster.
Die Kirche blieb zunächst skeptisch. 1922 ordnete sie einen Prozeß zur Überprüfung der Erscheinungen und angeblicher Wunderheilungen an. 1930 befand der zuständige Bischof, die Sache sei "in allem glaubwürdig". Später erklärte auch der Vatikan die Erscheinungen und einige Wunderheilungen für echt. Zwar sind nach katholischer Lehre dadurch die Katholiken nicht verpflichtet worden, an die sogenannte Privatoffenbarung der drei Hirtenkinder zu glauben; auch Katholiken dürfen die Erscheinungen für Halluzinationen der Hirtenkinder halten.
Doch in Portugal wie im Vatikan wurde ein so intensiver Fatima-Kult getrieben, daß aus dem früheren Dorf der größte Wallfahrtsort der Welt wurde: mit einer Basilika und 20 Klöstern, mit jährlich mehr als 15 000 Messen und weit über einer Million Besuchern. Und Papst Pius XII. tat 1942, was angeblich Maria das Hirtenkind Lucia geheißen hatte: Er weihte die Welt dem Unbefleckten Herzen Manns.
Umstritten geblieben ist bis heute, welche Weisungen und Prophezeiungen Maria in Fatima der Lucia angeblich mitgeteilt hat. Sie soll zur Buße gerufen und angekündigt haben, daß der Krieg bald zu Ende sein werde und daß ein weiterer großer Krieg folgen werde.
Berühmt wurde eine Weissagung Manns, die zumindest auf Nichtkatholiken wie eine antisowjetische Losung wirkt: "Wenn man meine Wünsche hört, wird sich Rußland bekehren, und es wird Friede sein. Wenn nicht, so wird es in der Welt seine Irrtümer verbreiten, wird Kriege und Verfolgungen der Kirche hervorrufen."
Seither wird von vielen katholischen Priestern zum Gebet für die Bekehrung der Sowjet-Russen gebeten. Es formierte sich sogar eine "Blaue Armee Mariens", die beispielsweise nach dem Aufstand in Ungarn proklamierte: "Die Christen Europas dürfen angesichts der Vergewaltigung Ungarns nicht länger schweigen. Sie dürfen sich nicht länger der Alternative verschließen, vor die Maria die Welt in Fatima 1917 gestellt hat."
In den letzten Jahren wurde Kritik an solchen militanten Losungen laut. Dazu fühlen sich katholische Theologen durch das Zweite Vatikanische Konzil (1962 bis 1965) ermuntert.
Dort verhinderte die Mehrheit, daß Maria zur "Mittlerin" aller Gnaden oder zur "Miterlöserin" erklärt oder sogar ein neues Mariendogma verkündet wurde.
Auch verweigerte die zuständige Konzilskommission Maria den Titel "Mutter der Kirche". Dazu der mexikanische Bischof Sergio Méndez Arceo im Petersdom: "Wenn Maria die Mutter der Kirche wäre, dann könnte sie, da die Kirche unsere Mutter ist ... als unsere Großmutter erscheinen."
Doch Papst Paul VI. versöhnte die enttäuschten Marienanhänger und proklamierte Maria schließlich doch zur "Mutter der Kirche".
Das Ergebnis des Konzils wird denn auch unterschiedlich bewertet. Der Regensburger Bischof Rudolf Graber, ein eifriger Marienanhänger, glaubt, daß die "Mariologie auf diesem Konzil im ganzen eine Steigerung erfahren hat". Der Paderborner Theologieprofessor Heribert Mühlen hingegen ist vom Gegenteil überzeugt: "Durch das Vaticanum II ist die katholische Mariologie in eine umfassende Krise eingetreten."
Die Krisenzeichen zählte der Benediktinerpater Jungclaussen jüngst auf:
> Früher hätten bayrische Oberprimaner nicht selten versprochen, nach bestandenem Abitur zum Dank eine Wallfahrt in den Marienort Altötting zu unternehmen. Heute sei das kaum noch zu erwarten, weil "das Zweifelhafte solcher "religiöser" Praktiken" auch von Oberschülern durchschaut werde.
Die Dogmen über die Unbefleckte Empfängnis, die Jungfrauengeburt und die leibliche Himmelfahrt Marias stellten "auch für zahlreiche junge katholische Christen ein ernstes Problem dar".
> Die Bibelkritik evangelischer Theologen sei "an der katholischen Exegese keineswegs spurlos vorübergegangen". Es gebe katholische Schriften, in denen die "Jungfrauengeburt nicht direkt geleugnet (wird), aber die Möglichkeit einer solchen Leugnung erscheint keineswegs als ausgeschlossen". Und: "Eine Umfrage bei einem Teil des jüngeren Klerus (und nicht nur bei ihm) würde das übrigens bestätigen."
Das Münchner "Klerusblatt" pflichtete dem Benediktiner bei: Es gebe eine "Krise des Verhältnisses zu Maria". Besorgt fragte das Blatt: "Ist es eine Krise der Unsicherheit in den Glaubensaussagen über die Gottesmütter, geschieht mitten unter uns eine schleichende Abwendung von der bisherigen Marienverehrung? Wohin treiben wir?"
In Rom versuchte jüngst der Kurienkardinal Alfredo Ottaviani, die herkömmliche Marienverehrung zu beleben und für Fatima zu werben. Er verwies auf ein Fatima-Geheimnis" das nur er und Paul VI. kennen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hat die einstige Seherin Lucia eine Marienbotschaft einem Brief anvertraut -- mit der Bitte, ihn erst 1960 zu öffnen. Daran hielt sich sogar Papst Johannes XXIII. Erst 1960 bestellte er den Kardinal Ottaviani zu sich, öffnete das Kuvert, las den portugiesischen Text ("Ich habe alles verstanden"), gab ihn an Ottaviani weiter, steckte das Papier dann wieder in einen Umschlag, versiegelte ihn und gab das Schriftstück in das Geheimarchiv des Vatikans. Eine Veröffentlichung der Prophezeiung hielt er nicht für opportun. Auch Kardinal Ottaviani lüftete das Geheimnis nicht.
Dazu der geistliche Fatima-Kritiker Jungclaussen: "Das Hin und Her um den Lucia-Brief (hat) das Interesse an Fatima weiterhin erlahmen, wenn nicht vollständig schwinden lassen."
Papst Paul VI. fand ein Mittel, das Interesse wieder zu wecken: Er kündigte seine Reise nach Fatima an und vergab die Plätze in der zweimotorigen Chartermaschine je zur Hälfte an Geistliche und Journalisten.

DER SPIEGEL 21/1967
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