15.05.1967

ZWEITER WELTKRIEG / SIKORSKI-TODZucker im Tank

Nervös packte Fliegerhauptmann Edward Prchal, Chefpilot des Liberator-Bombers AL 523, die Steuersäule seiner Maschine und rüttelte an ihr. Das Flugzeug raste in den nächtlichen Sommerhimmel -- führungslos, seiner Steuerung beraubt.
Kurz nach 23 Uhr am 4. Juli 1943 war die Maschine mit einer Prominenten-Ladung über den Flugplatz von Gibraltar gerollt und hatte von der Startbahn abgehoben.
"Als ich eine Höhe von 50 Metern erreicht hatte", so erinnerte sich später der Chefpilot, "schob ich die Steuersäule nach vorn, um die Geschwindigkeit zu erhöhen. ich kam schnell auf 265 Stundenkilometer. Ich wollte weiter steigen und die Steuersäule anziehen, aber das ging nicht. Die Säule klemmte. Auch rückwärts bewegte sie sich nicht.
"Immer schneller schoß die Maschine auf das Meer hinab. Dann schrie ich: "Bruchlandung" und schloß die Drosselventile. In diesem Augenblick schlug das Flugzeug auf dem Wasser auf, und von da an kann ich mich an nichts mehr erinnern."
Der Katastrophe des 4. Juli 1943 fielen führende Politiker und Militärs der Alliierten zum Opfer, unter ihnen General Wladyslaw Sikorski, Ministerpräsident der polnischen Exilregierung in London, der polnische Generalstabschef Tadeusz Klimecki und der britische Oberst Victor Alexander Cazalet.
Der bundesrepublikanische Dramatiker Rolf Hochhuth hat jetzt in seinem neuen Thesenstück "Die Soldaten" Englands ehemaligen Premierminister Winston Churchill die Schuld am Absturz Sikorskis zugeschoben und damit in London einen Theaterskandal heraufbeschworen: Der Aufsichtsrat von Londons National Theatre, der britischen Haupt- und Staatsbühne, lehnte es Ende April indigniert ab, den Nationalhelden Churchill als Mörder des Polen Sikorski über britischen Theaterboden geistern zu lassen (SPIEGEL 19/1967).
Hochhuth glaubt ernsthaft, Churchill habe den Befehl zur Beseitigung des lästigen Antikommunisten Sikorski gegeben, der angeblich zu einer Belastung des britisch-sowjetischen Kriegsbündnisses geworden war. Der Dichter läßt sein Publikum an einer Sitzung des britischen Kabinetts teilnehmen, in der Churchill deklamiert: "Ich glaube, es wäre besser, Sikorski umzubringen!"
Autor Hochhuth stützt sich dabei auf die unbezweifelbare Tatsache, daß die Ursachen der Flugzeugkatastrophe von Gibraltar nie zweifelsfrei festgestellt werden konnten.
Die Royal Air Force ließ 1943 die fast vollzählig erhaltenen Wrackteile der Sikorski-Maschine nach England überführen und von zwei Kommissionen untersuchen, in denen auch polnische Offiziere saßen. Sie deckten manche Mißstände auf dem Flugplatz Gibraltar auf, kritisierten die miserable Überwachung der Maschine, aber die letzte Ursache des Unglücks konnten sie nicht aufklären.
Die RAF-Rechercheure urteilten: Die Höhensteuerungsanlage wurde durch irgend etwas blockiert, aber es gibt keinerlei Indizien, die darüber Aufschluß geben könnten, was die Anlage blockierte." Der gerettete Chefpilot Prchal wußte freilich eine vage Erklärung: Das überschwere Gepäck der Polen und die mitgeführten Postsäcke seien verrutscht und hätten die Steuerungskabel verklemmt -- ein Sack war bei dem Start sogar herausgefallen. Solche Deutungsversuche wurden jedoch brüsk von jenen Zweiflern zurückgewiesen, denen sofort der Verdacht gekommen war, der Antikommunist Sikorski sei einem verbrecherischen Anschlag erlegen. Daß just der tschechische Pilot der Sikorski-Maschine als einziger die Katastrophe überlebt hatte, erregte das Mißtrauen ebenso wie die Tatsache, daß niemals erklärt worden war, was die Steuersäule des Piloten Prchal blockiert hatte.
"Sikorski von London ermordet", trumpfte der "Völkische Beobachter" am 6. Juli 1943 auf und orakelte: "Der Secret Service, wohlgeübt in solchen Geschäften, hat dafür gesorgt, daß der Mund eines lästigen Mahners endgültig geschlossen wurde.
Das NS-Zentralorgan hatte damit eine griffige These formuliert, an die auch manche Polen glaubten und die etwa besagte, Wladyslaw Sikorski sei vom britischen Geheimdienst ermordet worden, weil der Pole durch seine antisowjetische Haltung die Beschwichtigungspolitik von Englands Premierminister Winston Churchill gegenüber der Sowjet-Union gestört und sabotiert habe.
Später variierten andere die braune Mordthese noch weiter:
Kurz nach Kriegsende erklärte Generalmajor Erwin Lahnusen, ehemaliger Abteilungsleiter im OKW-Amt Abwehr, einer seiner V-Männer habe Zucker in den Benzintank der Sikorski-Maschine geworfen und damit deren Absturz bewirkt. > Im Juli 1947 sagte der polnische General Paskiewicz aus, Sikorski sei einem Attentat zum Opfer gefallen, das dessen interner Gegenspieler, General Wladyslaw Anders, angezettelt habe. Beweisen konnten die Deuter der Sikorski-Tragödie ihre Thesen ebensowenig wie Hochhuth die seine:
Die Behauptung des "Völkischen Beobachters", "daß alle Motoren plötzlich zusammen versagten", hatten schon die RAF-Untersucher widerlegt: Nicht die Motoren, die Steuerungsmechanismen waren ausgefallen. Auch Abwehr-Lahousens Zucker konnten die Rechercheure in den erhaltenen Tanks der Sikorski -- Maschine nicht finden.
Ebenso bot das Verhalten des Sikorski-Piloten Prchal kaum Anlaß zu Mißtrauen. Der vermeintliche Komplice der Briten kehrte in die Tschechoslowakei zurück und trat in die Dienste des Prager Flughafens. Als ihn das Innenministerium der CSSR 1949 dazu animieren wollte, in einer öffentlichen Erklärung England die Schuld am Ende Sikorskis aufzubürden, verließ er das Land wieder. Prchal: "Die Kommunisten können einfach nicht verstehen, daß ein Staatsmann eines natürlichen Todes sterben oder sein Leben bei einem Unfall verlieren kann."
Ähnlich baut Rolf Hochhuth sein Drama auf einem schwankenden Grund auf. Wie immer er Churchills angebliche Schuld belegen will -- eine Kernhypothese Hochhuths läßt sich schon heute anhand alliierter Geheimdokumente widerlegen: die Annahme, Churchill habe Stalin den Kopf Sikorskis vor die Füße legen müssen, um die Russen zu beschwichtigen.
Denn Wladyslaw Sikorski war keineswegs der Russenfresser, als der er in die Legende des Polen-Exils eingegangen ist. Der einstige Generalstabschef Polens und liberale Gegner der Pilsudski-Diktatur hatte stets gemeint, nur durch enge Zusammenarbeit mit den Sowjets könne es gelingen, die von Moskau im Zeichen des Stalin-Hitler-Paktes 1939 annektierten Gebiete Polens zurückzuerlangen.
Churchill aber hielt ihn für den einzigen Polen, der gute Beziehungen zum Kreml herstellen könne. Und selbst Stalin wollte, wie er Churchill am 4. Mai 1943 schrieb, "davon ausgehen, daß er (Sikorski) die Absicht hat, loyal zu sein". Schon erteilte Stalin seinem stellvertretenden Außenkommissar Iwan Maiski die Genehmigung, sich mit dem Polen in einer arabischen Hauptstadt zu einer geheimen Konferenz zu treffen, schon brach Sikorski Ende Juni 1943 mit dem Segen Churchills zu einer Nahost-Reise auf, da machte die Flugzeugkatastrophe von Gibraltar dem Leben Wladyslaw Sikorskis ein Ende.
Churchilis einstigen Ministern erscheint denn auch Hochhuths These als so aberwitzig, daß sie das theatralische Schreckgespenst des Sikorski-Mörders Churchill bespötteln. Bevor Lord Chandos, Churchilis ehemaliger Kolonialminister, als Vorsitzender des Aufsichtsrates von Londons National Theatre die Ablehnung des Hochhuth-Stückes durchsetzte. traf er den ehemaligen Außenminister Anthony Eden, der heute den Titel eines Earl of Avon trägt.
Er nahm den Earl beiseite und flüsterte ihm zu: "Können Sie sich noch erinnern, wie wir Sikorski um die Ecke brachten?" Der Earl antwortete todernst: "Mein Gott, das muß mir wohl entfallen sein."

DER SPIEGEL 21/1967
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