15.05.1967

GESELLSCHAFT / PSYCHOLOGIEGebotene Spiele

Um sein Werk lesbarer zu machen. bediente sich der Wissenschaftler seltsamer Chiffren, so etwa: "Hive", "Sisiwup" und "Jehides". In Klartext: "Hilfe! Vergewaltigung!", "Sie sind wirklich wundervoll, Herr Professor" und "Jetzt hab' ich dich endlich, du Schweinehund."
Zwei Jahre zögerte der New Yorker Verlag Grove Press, das mit solchen Kürzeln durchsetzte Buch des Dr. Eric Berne herauszubringen. "Zu wissenschaftlich " meinten die Lektoren.
Doch als der Verlag im Sommer 1964 das Wissenschaftswerk dann doch druckte, erwies es sich als einer der größten Bucherfolge auf dem US-Markt. Mehr als eine halbe Million Exemplare wurden in den Vereinigten Staaten abgesetzt. Und wenige Wochen nach ihrem Erscheinen taucht nun auch die deutsche Ausgabe des Berne-Buches in den Bestseller-Listen auf. Titel: "Spiele der Erwachsenen Untertitel: "Psychologie der menschlichen Beziehungen"*.
Der anspruchsvolle Untertitel scheint dem Vorhaben angemessen. Eric Berne, 56, Psychotherapeut in San Francisco, unternahm nichts Geringeres als den Versuch einer neuen Theorie zur Deutung menschlichen Verhaltens -- wie sie einst Sigmund Freud entworfen hatte.
Nicht nur Amerikas Bucherkäufer, auch die Fachkollegen zollten dem Psychologen Anerkennung. "Ein Großteil der von Berne entwickelten Begriffe", so notierte das US-Wissenschaftsblatt "Science News", "hat sich
* Eric Berne: "Spiele der Erwachsenen. Rowohlt Verlag, Reinbek: 272 Seiten; 18,50 Mark,
schon jetzt in die Psychiatrie eingeschlichen.
Sigmund Freuds verschlungene Pfade menschlicher Selbsterkenntnis führten zurück in die verdrängte Wildnis früher Kindheit; dort, meinte Freud, seien die Antriebe verborgen, die menschliches Handeln steuern.
Berne dagegen glaubt die Automatismen der Seele, ihre Anstöße und Reaktionen, ohne quälendes Schürfen in der Vergangenheit aufdecken zu können: Es genüge, lehrt der kalifornische Anti-Freud, den Mitmenschen auf der Bühne seiner Alltäglichkeiten zu beobachten.
Denn dort, beim Autofahren wie auf Partys, im Büro oder im Schlafzimmer, vollziehe sich ein diffiziles, aber durchschaubares Welttheater -- nach einem festgelegten Rollenschema. Durch Analyse dieser selbstgewählten Rollen und der Spielregeln läßt sich, nach Ansicht Bernes, die Seelenlage der meisten Menschen verblüffend deutlich auskundschaften.
Der Erfolg seines Psycho-Leitfadens -- eine dramatisierte Fassung kommt jetzt als Musical am Broadway heraus
macht deutlich, wie sehr die Leser des Traktats offenbar sich selbst und ihre Mitmenschen in der von Berne verfaßten Lebensdramaturgie bestätigt fanden.
In der Tat werden durch den neuartigen Denkansatz des Psychiaters auch Handlungsweisen plausibel, die bei herkömmlicher psychologischer Betrachtungsweise eher rätselhaft erschienen. Berne-Leser erfahren beispielsweise,
> warum vom Leben Enttäuschte ständig neue Ungerechtigkeiten herbeisehnen -- sie spielen "Waim" ("Warum muß das immer mir passieren");
> weshalb Ehemänner ihren Frauen statt eines Blumenstraußes als Liebeserklärung Magengeschwüre präsentieren -- sie spielen "Du siehst, ich habe mein Äußerstes getan";
> warum Väter sich mit ihren Töchtern verkrachen und Türen hinter sieh zuknallen -- sie spielen "Tumult" (wobei sie eigentlich mit der Tochter schlafen möchten);
> warum Frauen die von ihnen verführten Liebhaber hinterher wegen angeblicher Vergewaltigung anzeigen -- sie spielen "Hilfe! Vergewaltigung!", die letzte Stufe des Spiels "Abblitzen lassen", zum Zwecke der Selbstbestätigung;
> warum manche Ganoven enttäuscht sind, wenn die Polizei sie nicht erwischt -- sie spielen "R & G" ("Räuber und Gendarm"); wenn das Ding, das sie gedreht haben, ihrem Selbstgefühl nützen soll, muß es herauskommen;
> warum manche Menschen auf Unzulänglichkeiten ihrer Mitmenschen (schlechtsitzenden Krawatten oder angeblicher Impotenz) herumhacken -- sie spielen "Makel", um sich von eigenen Mängeln abzulenken.
Insgesamt 36 solcher Party-, Ehe- und Lebensspiele mit mehr als hundert Unter-Spielarten hat der kalifornische Psychiater aus seinen Beobachtungen destillieren können. Daß der Psychotherapeut tatsächlich daraus Aufschlüsse zu gewinnen vermag, erläuterte Berne an einem Beispiel:
Frau Weiß beklagte sich beim Psychiater über ihren Mann: Wie gern wolle sie Tanzstunden nehmen -- aber der Ehetyrann lasse sie niemals aus dem Haus.
Nach einigen psychoanalytischen Sitzungen strahlte Frau Weiß etwas mehr Selbstsicherheit aus. Ihr Mann gab nach; mit seiner Erlaubnis belegte sie einen Tanzkurs. Verblüffendes Resultat: Schon während der ersten Lektionen mußte Frau Weiß ihre krankhafte Angst vor dem Tanzparkett eingestehen; sie kündigte den Kursus. Psychiater Berne diagnostizierte: Die Eheleute spielen "Weduniw" ("Wenn du nicht wärst
Es ist ein doppelbödiges, unehrliches Spiel, das ihren Lebensbund zusammenhält: Unter vielen Verehrern hat Frau Weiß gerade diesen tyrannischen Mann zum Gatten erwählt, um sich von ihm verbieten zu lassen, was sie im Leben fürchtet.
Diesen guten Dienst aber dankt sie ihm schlecht; ständig hält sie ihm vor, was sie alles unternehmen könnte, "wenn du nicht wärst ..."
Der Ehemann hingegen hatte nur eine fügsame Frau heiraten können,
* Oben: Britischer Adel auf einer Party in London. Unten: Szene aus "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?".
die stets zu Hause auf ihn wartete: Er litt unter einer panischen Angst vor dem "Verlassenwerden"
Millionen Ehefrauen, meint Berne, halten mit diesem Spiel "Wenn du nicht wärst ..." ihr Leben unter Spannung. Freilich ist jenes stereotype Drama nur ein Typus aus dem Katalog sozialer Rollenspiele.
Die Hauptakteure solch vielschichtigen Spiels sucht freilich auch Berne -- wie einst Sigmund Freud -- in einem verborgenen Schnürboden der Seele, gleichsam als imaginäre Drahtzieher des Marionettenspiels.
Wann immer, meint der zweimal geschiedene kalifornische Psychiater, zwei Menschen miteinander agieren, seien in Wahrheit drei auf jeder Seite, also insgesamt sechs Mitspieler beteiligt. Jeder Erwachsene handelt in Bernes Spiel-Dramaturgie gleichsam dreigeteilt: als "Erwachsener", "Kind" und "Eiter":
> Das Erwachsenen-Ich sieht die Welt realistisch; es nimmt Informationen auf und verwertet sie rational und zweckvoll. ("Wo liegen meine Manschettenknöpfe?" -- "Auf dem Nachttisch.")
> Das Kindheits-Ich ist Quelle intuitiven, kreativen und spontanen Handelns; es will beherrscht werden und nicht verantwortlich sein, mit einer naiven Freude am Spiel. ("Woher soll ich das wissen? Warum gibst du mir immer die Schuld, wenn deine Sachen weg sind?")
> Das Eltern-Ich ist herrschsüchtig, zurechtweisend ("Warum gibst du nicht acht auf deine Sachen, du bist schließlich kein Kind mehr!"); es sagt dem Erwachsenen, was "man tut, und vermittelt die Selbstverständlichkeiten sozialer Ordnung.
Im Ideal-Fall hält der Mensch alle drei Ich-Zustände im Gleichgewicht. Er ist realistisch, wo es not tut, ohne auf Phantasie, kindliche Freude und Naivität zu verzichten, und erspart sich zahllose Trivialentscheidungen, indem er automatisch den Vorschriften seines Eltern-Ichs gehorcht.
Den Fall, daß diese Harmonie gestört und eine Zeitlang das eine oder andere Teil-Ego über Gebühr hervorgekehrt wird, sieht Berne im Alkoholrausch gegeben: Zuerst wird dabei das Eltern-Ich ausgeschaltet, dann oft auch das Erwachsenen-ich, das Kind-Ego feiert Triumphe.
Die Komplikationen, die sich ergeben, wenn solche Verschiebungen -- unbewußt -- das ganze Alltagsleben eines Menschen bestimmen, veranschaulicht der US-Psychiater wiederum am Beispiel der Eheleute Weiß:
Nur scheinbar, meint Berne, verkehren die beiden Eheleute als Erwachsene miteinander. In Wahrheit wurzeln ihre ständig wiederholten Ehestreitigkeiten -- aber auch der verborgene Heiratsgrund, der sie zusammenführte -- in einer Beziehung zwischen ihren Kindheits-Ichs.
> Der Mann: "Du mußt immer dasein, wenn ich heimkomme, denn ich habe schreckliche Angst, verlassen zu werden."
> Die Frau: "Ich werde immer dasein, wenn du mich vor allem bewahrst, was mir angst macht."
Insoweit, scheint es, hätten beide ihren Nutzen. Aber am Beispiel Weiß deckt Berne auf, daß die Frau das Spiel noch auf einer anderen Ebene, zu ihrem eigenen Vorteil, weiterspielt, auf eine "unehrliche" und "betrügerische" Weise: Das Ehespiel artet zum ungleichen Streitspiel zwischen dem Eltern-Ich des Mannes und dem Kindheits-Ich der Frau aus:
> Der Mann: "Bleib du zu Hause und kümmere dich um den Haushalt!"
> Die Frau: "Wenn du nicht wärst, dann könnte ich jetzt ausgehen und mich amüsieren."
Der Ehemann, der seine Frau vor einer Angst-Neurose bewahrte, ist nun der Düpierte. Gewinnerin in diesem quälenden Open-end-Drama ist eindeutig die Frau:
> Ihr Vorurteil "Alle Männer sind Tyrannen" wird bestätigt. Dieses Vorurteil braucht sie, um ihre neurotische Tendenz zur freiwilligen Unterwerfung zu kaschieren (existentieller Nutzen des Spiels).
> Sie empfindet sexuelle Erregung durch Erniedrigung und Tyrannisierung (innerer psychologischer Nutzen).
> Sie entgeht Situationen, vor denen sie sich fürchtet (äußerer psychologischer Nutzen).
> Sie überbrückt die Langeweile ihres Ehelebens mit dramatischen Auseinandersetzungen (innerer sozialer Nutzen).
> Sie wertet ihre triumphale Niederlage für andere Sozialkontakte aus -- Klatsch mit Freundinnen über das Thema "Wenn er nicht wäre ..." (äußerer sozialer Nutzen).
Wie zwang- und schicksalhaft solche Spiel-Konstellationen den Lebensgang von Menschen bestimmen, ist nicht nur von Berne artikuliert worden: Die Dramenfiguren Ibsens etwa quälen sich mit der "Lebenslüge", und in dem Ehe-Horrorspiel "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?" des amerikanischen Dramatikers Edward Albee steigern sich die Erwachsenenspiele bis zum Exzeß.
Als Psychologe Berne den Ursprüngen von derlei Rollenspielen nachforschte, gelangte er in dieselbe Richtung wie Altmeister Freud: Die Wurzeln der sozialen Rollenspiele reichen fast immer zurück in Kindheit und Elternhaus der Agierenden. Spiel-Prototypen werden vom Kind (oftmals bewußt) inszeniert und -- wenn sie sich als nutzbringend erweisen -- wiederholt und schließlich eingeschliffen.
Die wenigsten Eltern, meint Berne, ahnen, wieviel sie dazu tun, ihre Kinder für das spätere Schicksal eines Magenkranken, Ehetyranns oder beruflichen Versagers zu prädestinieren. Denn nur in wenigen Fällen gelingt es, sich von diesem in der Kindheit vorprogrammierten Rollenschema wieder zu lösen. Und oft sind Menschen so tief in ihr Rollenspiel verstrickt, daß es nicht einmal ratsam ist, sie daraus zu befreien.
Die unaufrichtigen Spiele der Erwachsenen zu entlarven, bedient sich Berne bei seinen Patienten eines simplen dramaturgischen Tricks: Er veranlaßt einen der Partner, aus seiner Rolle zu fallen. Im Beispiel der Frau Weiß: Sobald der Ehemann -- entgegen seiner Rolle -- seiner Frau den Tanzkurs gestattete, brach ihr Spiel zusammen, sie mußte ihre Lebensunsicherheit eingestehen.
Oft, so beobachteten Berne und seine Mitarbeiter, führt eine solche Entlarvung eher zu neuer Gefährdung. Die Entlarvten, Ihres Spiels beraubt, verfallen, wie Berne formuliert, "abgrundtiefer Verzweiflung oder sogar einer Psychose". Psycho-Spiele seien demnach bei manchen Menschen "zur Aufrechterhaltung der Gesundheit" geradezu "erforderlich".
Vom sinnentleerten Gruß-Zeremoniell auf den Bürohaus-Korridoren bis hin zum lebensprägenden Spiel des willentlich "Geprügelten" (Berne nennt es das "Mach mich fertig"-Spiel), vom "Was? Ihr Kind kann noch nicht laufen?"-Trumph junger Mütter bis hin zum alltäglichen Ehekrach mit anschließender Versöhnung sehen sich Menschen, so der Befund des amerikanischen Psychiaters, ihren Rollen-Ritualen unentrinnbar ausgesetzt. Einzige Ausnahme laut Berne: das "nicht Spiel-gebundene Intim-Erlebnis" zwischen Liebenden und Freunden.
Freilich, solche Stunden der Wahrheit sind rar. Und für jene, die dessen nicht oder nur zeitweise teilhaftig werden, sei das verwickelte Privat-Theater, so meint Berne, jedenfalls von großem Nutzen. Die Pseudo-Problematik ihrer Spiele sei noch am ehesten geeignet, die Jahre bis zum Tode mit Pseudoaktivität, Spannung und Dramatik anzufüllen.

DER SPIEGEL 21/1967
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