15.08.1966

JAPAN / HIROSHIMABleibender Schatten

Die Bombe fiel vor 21 Jahren. Schutt und Asche sind beseitigt, Häuser und Kirchen wiederaufgebaut. Aber noch immer fordert der Atomblitz, der am 6. August 1945 auf Hiroshima niederfuhr, neue Menschenopfer.
Wie in jedem Jahr, so verharrten am vorletzten Sonnabend morgens um 8.15 Uhr die Bewohner der japanischen Küstenstadt zur Erinnerung an die Stunde Null des atomaren Grauens in einer Schweigeminute. Doch anders als bei den sinnentleerten Gedenktagen zu gewonnenen Schlachten und gescheiterten Aufständen hat das Klagelied von Hiroshima jedes Jahr wieder realen Anlaß:
Als am vorletzten Wochenende Sninzo Hamai, Bürgermeister von Hiroshima, zu dreißigtausend Bürgern seiner Stadt sprach, verlas er eine Totenliste - die Namen von weiteren 68 Opfern, die im vergangenen Jahr an den Spätfolgen der Atombomben-Explosion gestorben sind.
70 000 Menschen wurden unmittelbar bei der Explosion getötet. Von manchen blieb buchstäblich nur der Schatten, den sie, als der Atomblitz zuckte, auf den Boden warfen und dessen Umrisse sich in den Stein einbrannten. Mit denen, die in den Tagen und Wochen nach dem Desaster ihren Strahlungsschäden, Verletzungen und Brandwunden erlagen, forderte die Katastrophe von Hiroshima 160 000 Tote. Doch das schleichende Siechtum, durch verborgene Strahlenschäden verursacht, blieb zwischen den wiederaufgebauten Mauern Hiroshimas gegenwärtig.
1956, als die Schuttwüste des Jahres 1945 nur noch auf Photos und in einem Modell im Stadtmuseum von Hiroshima zu besichtigen war, eröffneten die Ärzte der Stadt eigens ein Hospital für die Atomkranken. Seine 120 Betten sind seither stets sämtlich belegt. Das Krankenhaus gilt als eine Art Endstation nach jahrelangem Leiden.
15 000 Einwohner von Hiroshima, die sich einst im Umkreis der Atomexplosion aufgehalten hatten, müssen sich regelmäßig alle zwei Jahre in der Ambulanz des Hospitals auf ihren Gesundheitszustand untersuchen lassen. Denn immer noch muß bei ihnen mit spät auftauchenden Strahlenschäden gerechnet werden. "Auffallend", so berichtete der Chefarzt des Atomkrankenhauses, Dr. Fumio Shigeto, "ist die Häufung von Schilddrüsenkrebs, von Trübungen der Augenlinsen, von Leukämie und Lungenkrebs."
Zwar ist im Einzelfall nicht mehr festzustellen, ob diese Erkrankungen auf die radioaktive Strahlung der Atombombe zurückzuführen sind. Aber die Todesursachen-Statistik läßt kaum einen Zweifel: Die allgemeine Krebssterblichkeit ist in Hiroshima zwei- bis dreimal, die Häufigkeit von Leukämie fünfmal so groß wie in den übrigen Gebieten Japans.
Hiroshima-Opfer, Hiroshima-Arzt Shigeto: Noch immer Tod und Siechtum

DER SPIEGEL 34/1966
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