22.08.1966

KARPFENStramm gewachsen

Sein Maul aus dem Wasser gestreckt, schnappt der Karpfen erst nach Luft und dann nach dem Schnuller einer Babyflasche, die ihm über den Bassinrand gereicht wird. Schmatzend tut er ein paar Züge, plumpst ins Wasser zurück und dreht eine Bassinrunde, bevor es ihn erneut zur Flasche drängt.
Schauplatz des außergewöhnlichen Dressuraktes ist ein Treibhaus des Max -Planck-Instituts für Kulturpflanzenzüchtung im schleswig-holsteinischen Ahrensburg. Dort ist es dem Pflanzenzüchter Professor Dr. Reinhold von Sengbusch und dem Zoologen Dr. Christoph Meske gelungen, das Karpfen-Aufzuchttempo um ein Vielfaches zu steigern und zugleich den Futteraufwand erheblich zu verringern.
Die Karpfenzucht im Schnellverfahren ist die Zufallsfrucht eines Forschungsauftrages, den sich von Sengbusch und Meske vor rund zwei Jahren selbst gestellt haben. Durch Kreuzungen wollten sie eine neue Karpfenrasse züchten, die keine sogenannten Zwischenmuskelgräten mehr haben sollte. Diese Gräten sind für den Karpfen nicht lebenswichtig, für Karpfenesser dagegen gelegentlich lebensgefährlich - wenn sie im Halse stecken bleiben. (Es gelang den beiden Wissenschaftlern inzwischen, die Zahl der Zwischenmuskelgräten erheblich zu vermindern.)
Da eine kontrollierte Aufzucht vom Ei bis zum geschlechtsreifen Karpfen in Teichen nicht möglich ist, setzten von Sengbusch und Meske ihre Versuchstiere in jeweils 60 mal 40 mal 20 Zentimeter große Plastikbassins und stießen so auf bislang unbekannte Verhaltensweisen der Karpfen:
- Nach Auffassung der klassischen Fischereibiologie braucht ein Karpfen ein Fisch-Wasser-Verhältnis von eins zu 20 000 - eine Tonne Karpfen auf 20 000 Tonnen Wasser. Aus Platzgründen mußten die Ahrensburger. Wissenschaftler jeweils vier Kilogramm Karpfen in 40 Liter Wasser unterbringen, was einem Verhältnis von nur eins zu zehn entspricht. Die Fische gediehen trotzdem prächtig.
- Bisher galt die Regel, nach der die
Nahrung von Karpfen zu 50 Prozent aus sogenanntem Beifutter - Lupinen und Getreideschrot - und zu 50 Prozent aus Naturfutter - Würmer und Mückenlarven - zu bestehen habe. Die Karpfen in den Ahrensburger Bassins mußten ausschließlich Kunstfutter, ein industriell erzeugtes Mastfutter aus Getreide, Fischmehl, Garnelen und Sojabohnen, fressen. Es bekam ihnen ausgezeichnet.
- Bislang galt, daß der sogenannte
Futterquotient bei Karpfen eins zu 15 beträgt - 15 Kilo aufgenommene Nahrung ergeben ein Kilo Fisch. Bei den Ahrensburger Bassin-Karpfen dagegen beträgt der Futterquotient zwei zu eins und sie übertreffen damit sogar den besten Futterverwerter unter den Nutztieren, das Mastschwein, das es auf einen Quotienten von etwa drei zu eins bringt.
Vor allem aber bekam den Experimentier-Karpfen die konstante Temperatur in den Bassins außerordentlich gut: Karpfen schlüpfen im Juni aus, werden bis Ende September etwa 50 Gramm schwer und wachsen dann bis zum nächsten Sommer nicht weiter, weil es während der Herbst-, Winter- und Frühjahrsmonate in den Teichen zu kalt ist.
Die Ahrensburger Karpfen aber schwimmen das ganze Jahr über in 23 Grad warmem Wasser, wachsen während sämtlicher zwölf Monate des Jahres und bringen so als Einjährige mit 1500 Gramm mehr als das Zwanzigfache des Gewichts ihrer in freier Natur aufgewachsenen Artgenossen auf die Waage.
Zwei Sommer alte, durchschnittlich 130 Gramm schwere "mickrige Fische" (Meske), die das Institut im November 1964 ankaufte, nehmen sich mit jetzt durchschnittlich sieben Kilo Gewicht so stramm aus, daß sie - so von Sengbusch - von "Fischereisachverständigen auf acht bis zehn Jahre geschätzt wurden".
Von Sengbusch und Meske machten ihre Zufallserkenntnis inzwischen zu einem eigenständigen Forschungsprogramm.
In Teichen werden die Karpfen gewöhnlich zweimal in der Woche gefüttert. Um zu vermeiden, daß sich das Futter im Wasser auflöst und damit der Karpfen -Ernährung verloren geht, bekommen die Bassin-Karpfen im Max-Planck -Institut ihr Futter dosiert in Abständen von zwei Stunden verabreicht. Geradezu ideale Aussichten der Futternutzung ergaben sich, als die Biologen unlängst auf die Idee kamen, das trockene Kunstfutter in einer Babyflasche aufzulösen und mehrere große Karpfen die Schnuller auf Anhieb annahmen.
Und erstmals gelang es jetzt auch, ausschließlich im Aquarium und mit Kunstfutter großgezogene Karpfen unabhängig von der Jahreszeit - in unseren Breiten legen Teichkarpfen ihre Eier normalerweise im Frühjahr ab - zum Laichen zu bringen.
Gegenwärtig basteln die Wissenschaftler an einer Selbstbedienungsanlage für ihre Testkarpfen - einem System von Futterbehältern und Schnullern, das über den Bassins so angebracht ist, daß die Fische daran nuckeln können wann immer es sie zur Flasche drängt.
Für eine industrielle Karpfenproduktion mit Schnullerautomatik und Warmwasserbassins eignen sich nach von Sengbusch vor allem Industriezweige, in denen ohnehin viel warmes Wasser anfällt - etwa Atomkraftwerke, deren Reaktor -Kühlwasser ungenutzt abfließt. Biologe von Sengbusch: "Es kann ein Ergänzungsprogramm zu den Reaktoren werden."
Karpfenfütterung mit der Flasche: Sieben Kilo im Bassin

DER SPIEGEL 35/1966
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