22.08.1966

OSTBLOCK / COMECONProletarische Profite

In Moskaus City, am Kalinin-Prospekt,
drehen sich Baukräne auf einem Hochhausskelett mit 30 Etagen. Der Wolkenkratzer soll Osteuropas EWG, den "Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe" (Comecon), beherbergen.
Alle Mitgliedstaaten der roten Wirtschaftsgemeinschaft beteiligen sich am Hausbau. Doch während Moskau Grund und Boden, Arbeitskräfte und Baumaterial liefert, beschränken sich die Volksdemokratien auf technische Klein -Hilfe. Die industriell besonders entwickelte Tschechoslowakei begnügt sich mit der Installation von Wasserleitungen und Toiletten.
Das Haus war als sowjetische Inkassostelle für ausgebeutete Satelliten geplant. Wenn es fertig ist, wird es das Gegenteil sein: eine Inkassostelle zur Verrechnung von Profiten, die Moskaus kleine Bruderländer per Comecon aus der Sowjetwirtschaft ziehen.
Jahrelang lieferte die Sowjet-Union ihren Satelliten Rohstoffe, die mehr als anderthalbmal so teuer waren wie auf dem Weltmarkt. Heute bezahlen die Ostblockstaaten billige sowjetische Rohstofflieferungen mit minderwertigen, aber teuren Industriewaren.
Osteuropa ist von Kohle, Erdöl und Erzen aus der Sowjet-Union abhängig: Noch heute decken - trotz emsiger Suche nach landeseigenen Rohstoffquellen - CSSR und DDR vierzig Prozent ihres Bedarfs an Roh- und Brennmaterialien mit Sowjetlieferungen (Ungarn 27 Prozent, Polen, Bulgarien und Rumänien zehn bis 15 Prozent).
Seit Gründung des Comecon (1949) lieferten die Ostblockstaaten ganze Parks von Maschinen nach Osten: Werkzeugmaschinen (vor allem Drehbänke, Hobel- und Fräsmaschinen), Walzwerkanlagen, energetische Ausrüstungen, Schmiedepressen, Hebekräne, Förderbänder, Abfüll- und Verpackungsmaschinen. Hauptlieferanten: Tschechoslowakei und DDR.
Diese Maschinen bezahlte die Sowjet -Union mit Rohstoffen, deren Preise sich laut Comecon-Vertrag nach den Weltmarktpreisen richten. Als die Rohstoffpreise beim Korea-Boom anzogen, kassierte Moskau steigende Gewinne.
Die benachteiligten Comecon-Länder brachten die Sowjet-Union zwar dazu, mit ihnen Stopp-Preise zu vereinbaren. Da aber die Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt bald wieder sanken, kauften sie die Sowjet-Produkte weiterhin zu teuer ein. Devisenmangel und westliches Embargo ließen ihnen keine Wahl: Sie mußten zahlen.
1963 kehrte der Comecon zum alten System zurück: Industrie- und Rohstoffpreise wurden wieder nach dem Muster des West-Marktes bemessen (SPIEGEL 32/1963). Doch jetzt wurde es ein Geschäft, bei dem die Sowjet -Union zusetzte.
Die Außenhandelsstellen in Pankow, Prag und Warschau durchforschten die Fachzeitungen der kapitalistischen Welt nach Preisangaben, studierten Börsenzettel, forderten Kataloge von Privatunternehmen an. Ein Run auf kapitalistische Preisschilder begann; proletarische Wirtschaftsfunktionäre erschienen auf Londoner und Züricher Auktionen, nur um ihrem roten Comecon-Handelspartner den für sie günstigsten West -Preis beweisen zu können. Moskaus Handels-Bürokraten fochten mit japanischen Dumping-Angeboten die Preise ungarischer und tschechischer Maschinen-Exporteure an, die sich mit Höchstpreislisten kapitalistischer Konzerne versehen hatten.
Der Weltmarkt entwickelte sich für die Russen ungünstig. Die Außenhandelspreise für Fertigwaren stiegen stetig, während die Rohstoffpreise konstant blieben. Das mußte "zu Lasten der Entwicklungsländer" gehen, wie der ungarische Preiskommissar Professor Bela Csikós-Nagy feststellte. Schwer belastetes Entwicklungsland: Maschinen-Importeur Sowjet-Union.
Dem Wirtschaftsfachmann Kossygin fiel bald auf, daß sein Sowjetland Kohle und Holz, Erze, Erdöl und Erdgas zu Preisen exportierte, die die Gewinnungskosten dieser Roh- und Brennstoffe nicht deckten.
Denn die Erzeugung von Rohstoffen und Energie, so errechnete der sowjetische Nationalökonom Bogomolow, kostet dreimal, bei Kohle und Elektroenergie mitunter bis zu achtmal soviel Kapital wie die dafür erhaltenen Maschinen - und die Sowjet-Union hat "dafür keine freien Kapitalmittel übrig".
Moskaus Rohstoffproduktion wurde in der Nach-Stalin-Ära besonders teuer: Seit kein Massenheer von Deportierten mehr für eine Wassersuppe in Kohlenschächten und Erzgruben Sklavenarbeit leistet, müssen die Sowjets ihren Arbeitern Spitzenlöhne zahlen, um sie in nördliche Tundren oder südliche Wüsten zu locken.
Sowjetische Baumwolle erfordert teure Bewässerungsanlagen in den Wüsten Mittelasiens. Immer weiter im Osten müssen die Russen nach Erdöl bohren (Jahreslieferung in Comecon -Länder: 14 Millionen Tonnen); immer höher steigen die Ausbeutungs- und Transportkosten.
Den osteuropäischen Genossen liefert die Sowjet-Union Kohle aus dem Donez-Becken frei russische Westgrenze. Für den Eigenbedarf in Rußlands Ruhrgebiet am Donez aber muß Kohle aus dem 3500 Kilometer entfernten Kusnezk-Becken hergeholt werden.
Zur Versorgung der Volksdemokratien mit Erdgas hat Moskau die längsten Gasleitungen Europas gebaut. Für den eigenen Verbrauch mußten Pipelines aus Mittelasien in den europäischen Teil der Sowjet-Union gelegt werden.
Osteuropa lebt von Rußlands preiswerten Rohstoffen. So ging fast die gesamte sowjetische Eisenerzausfuhr in den Comecon, fast ein Drittel des sowjetischen Steinkohle-Exports in die DDR.
Andererseits kündigte auf dem XXIII. Parteitag der Sowjet-KP Kossygin an, daß die Sowjet-Union in den nächsten fünf Jahren aus den Volksdemokratien (Hauptpartner: DDR) fast die Hälfte des sowjetischen Bedarfs an Hochseefrachtern und Elektrolokomotiven, ein Drittel der benötigten Eisenbahnwagen, mehr als 1000 komplette Fabriken beziehen wird.
Bei dem für Rohstoffverkäufer ungünstigen Preisverhältnis auf dem Weltmarkt muß die Sowjet-Union weiterhin zusetzen. Doch die Comecon-Genossen wissen noch andere Wege, dem Sowjet -Riesen die Taschen zu leeren.
So beschwerte sich Bogomolow in der Sowjetzeitschrift "Weltwirtschaft und internationale Beziehungen", daß die Qualität der von den Satelliten in der Sowjet-Union abgesetzten. Industriegüter unter dem Weltmarkt -Niveau liege. Und tatsächlich liefern Ostdeutsche und Tschechoslowaken Waren erster Wahl - Werkzeugmaschinen, Elektrogeräte, Kühlschränke, Autoreifen, Fahrzeuge, Photoapparate
- lieber in den Westen, um harte Devisen zu verdienen.
Und sie bieten auf dem Weltmarkt Rabatte für Großaufträge, die sie der sozialistischen Sowjet-Union nicht gewähren.
Da die im Westen abgesetzten Güter zum Teil mit den billigen Sowjet-Produkten hergestellt sind, verlangte Bogomolow
- höhere Preise für die sowjetischen Rohstoffe,
- langfristige Kredite, mit denen sich die Volksdemokratien an den finanziellen Lasten der sowjetischen Rohstoff-Erzeugung beteiligen sollen.
Die Sowjet-Zeitschrift "Woprossy Ekonomiki" warnte außerdem: Moskau könne die dringend benötigten Maschinen schließlich selbst produzieren, wenn auch zu ungünstigeren Bedingungen. Das nötige Kapital könne eingespart werden - durch eine Verminderung des für die Sowjet-Union ungünstigen Exports von Rohstoffen.
Osteuropas nationale Kommunisten frohlockten: Moskau drohte mit dem wirtschaftlichen Rückzug aus den Volksdemokratien.
Als Anfang Juli in Bukarest der Comecon tagte, verwandelten sich die Fronten der unmittelbar vorhergegangenen politischen Gipfelkonferenz des Warschauer Pakts: Die DDR, Polen und die Tschechoslowakei, Moskaus engste Verbündete in militärischen und politischen Fragen, wurden zu seinen Gegenspielern. Auf Kossygins Seite trat allein der - politisch unzuverlässige - Rohstoffproduzent Rumänien.
Comecon-Konferenz in Moskau: Die rote Großmacht wird ...
DDR-Kräne für Moskau
... von den kleinen Brüdern ausgebeutet

DER SPIEGEL 35/1966
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