22.08.1966

MENSCHENVERSUCHETod im Test

Zehn Jahre lang durchforschte der
Anästhesist Henry Knowles Beecher, Professor an der ehrwürdigen Harvard -Universität in Cambridge (US-Staat Massachusetts), wissenschaftliche Arbeiten amerikanischer und britischer Mediziner. Dann sah er sich genötigt, seine Kollegen öffentlich anzuklagen.
Beechers Vorwurf, veröffentlicht in dem prominenten US-Fachblatt "New England Journal of Medicine": In Hunderten von Fällen haben Medizin-Forscher mit Menschen Experimente unternommen, die nicht Rechtens und mit ärztlicher Ethik nicht vereinbar waren.
An 22 für den Artikel ausgewählten Beispielen dokumentiert Beecher, wie Mediziner - in dem Bestreben, ärztliche Kunst und Kenntnis voranzubringen - das hippokratische Gebot des "primum nil nocere" verletzt haben*.
Ärzte der North Western University in Illinois beispielsweise, die mit immunbiologischen Forschungen befaßt waren, überpflanzten Krebsgewebe von einer 53jährigen (krebskranken) Patientin auf deren 80jährige (gesunde) Mutter. Die Mediziner hofften, der Organismus der noch rüstigen Greisin werde Abwehrstoffe bilden, die zur Behandlung ihrer todkranken Tochter dienen könnten.
Der Versuch scheiterte zwiefach. Die Tochter starb am Tage nach der Transplantation. Dennoch wurde der überpflanzte Tumor erst 23 Tage später aus der Bauchmuskulatur der Mutter wieder herausoperiert. Ergebnis: Es hatten sich keine Anti-Stoffe, wohl aber Tochtergeschwülste überall in ihrem Körper ausgebildet. Die Greisin starb 15 Monate später an dem überpflanzten Krebs.
Zu dem makabren Experiment, das von vornherein kaum Aussicht auf therapeutischen Erfolg bot (die krebskranke Tochter hatte sich ohnehin bereits im Endstadium ihres Leidens befunden), war zuvor das Einverständnis der Versuchsperson eingeholt worden. In vielen Fällen aber, so berichtete Beecher, wurden Patienten auch ohne ihre Zustimmung und ohne ausreichende Unterrichtung über mögliche Gefahren in riskante Experimente verwickelt.
So ließen zwei Krankenhausärzte in Brooklyn 22 alten und bettlägerigen Patienten lebende Krebszellen injizieren. Die Mediziner vermieden es wissentlich, vor den Versuchspersonen von "Krebs" zu sprechen. Man werde ihnen, so erfuhren die Kranken, "irgendwelche Zellen" einspritzen.
Drei untergeordnete Ärzte des Krankenhauses deckten den Fall auf, und die amerikanische Zeitschrift "Saturday Review", die darüber berichtete, befand die beiden Verantwortlichen (die später von der New Yorker Ärztekammer verwarnt wurden) gemäß dem Kodex von Nürnberg als "schuldig im Sinne der Anklage".
Der "Nürnberger Kodex" - eine Zehn-Punkte-Vorschrift für medizinische Versuche an Menschen - war vom Kriegsverbrechergericht in Nürnberg zum Maßstab für die Beurteilung von KZ-Experimenten gemacht worden. An dem Dokument orientierte sich der Weltärztebund 1964 bei der Abfassung der sogenannten "Deklaration von Helsinki", der Richtlinien für wissenschaftliche Menschenversuche.
Oberstes Gebot: Die Versuchspersonen müssen in freier Entscheidung dem Experiment zustimmen können und über alle denkbaren Risiken aufgeklärt werden. Versuche an Kindern und Geistesschwachen ohne. Einwilligung der gesetzlichen Vertreter wurden für sittenwidrig erklärt.
Dennoch experimentierten US-Mediziner gelegentlich auch mit Unmündigen. Sie ließen eine Anzahl- schwachsinniger Kinder Viren schlucken, um den vollständigen Verlauf einer Leberkrankheit zu studieren. In einem anderen Fall wurde Neugeborenen über Katheter die Harnblase mit Flüssigkeit gefüllt und wieder entleert und der Vorgang auf Röntgenbildern festgehalten. Alter der Versuchspersonen: weniger als zwei Tage. Beecher: "Glücklicherweise kam es dabei nicht zu Infektionen; aber die Folgen der schweren Belastung mit Röntgenstrahlen sind nicht abzusehen."
Vielfach, so enthüllt der Beecher-Bericht, benutzen die Medizinforscher routinemäßige diagnostische oder operative Eingriffe dazu, an dem arglosen Patienten Experimente zu vollführen.
Bei Gelegenheit von Herzoperationen beispielsweise wurde elf jugendlichen Patienten studienhalber die Thymusdrüse entfernt - ein Organ, dessen Funktion teilweise ungeklärt ist, dessen Entfernung mithin doch schädliche Folgen haben kann.
In einem anderen Fall benutzten die Mediziner Lungenuntersuchungen dazu, einen neuen Weg der Herz-Katheterisierung zu erproben: Sie stießen eine Spezialnadel durch die Bronchial-Äste in den linken Herz-Vorhof. Die gefährliche
- unter Umständen für den Patienten tödliche - Diagnose-Technik wurde in 15 Fällen an Personen geübt, deren Herz völlig gesund war.
Kommentar des Harvard-Professors Beecher: "Wer gab eigentlich dem Forscher ... das Recht, Märtyrer auszuwählen?"
Die Bereitschaft vieler Mediziner zu derlei Experimenten erklärt Beecher aus der forcierten Neigung der modernen Medizin zu forscherischer Aktivität.
Immer noch müssen Ärzte, wenn sie die höheren Stufen einer klinischen Karriere erklimmen wollen, regelmäßig mit eigenen Forschungsarbeiten in den Fachzeitschriften hervortreten. So dient wissenschaftliche Arbeit, wie Beecher meint, oft weniger dem ärztlichen Fortschritt als dem Fortkommen der Ärzte.
Zudem stehen seit 1945, zumal in den USA, aus staatlichen wie privaten Quellen beträchtliche Fonds für medizinische Forschung zur Verfügung; die Bezieher mühen sich, für das reichlich gewährte Geld immer neue Forschungsprojekte zu ersinnen.
Die Folge ist eine Flut wissenschaftlicher Publikationen. Jedes Jahr, so schätzt etwa der Heidelberger Physiologe Hans Schaefer in seinem Buch "Die Medizin heute", werden über eine Million medizinischer Arbeiten veröffentlicht. Ein großer Teil davon ist, laut Schaefer, "überflüssig" und "wertlos".
Allzu leicht, meint Harvard-Professor Beecher, verlieren die Mediziner bei diesem Drang, wissenschaftliche Ergebnisse vorzuweisen, das Wohl des einzelnen Patienten aus den Augen: Kranke werden zu Versuchspersonen, die Therapie wird zum Experiment.
Auch einige Beispiele nutzloser Forschertätigkeit enthält Beechers Report. Obwohl gewisse Formen von Bronchitis seit langem erfolgreich mit Penicillin behandelt werden können, wurde beispielsweise bei einer Bronchitis -Welle unter US-Rekruten 109 Kranken das bewährte Medikament vorenthalten. Sie erhielten statt dessen ein unwirksames Scheinpräparat. Einziges Resultat des Experiments: Die nichtbehandelten Patienten hatten das Nachsehen. Bei zwei von ihnen verschlimmerte sich die Bronchitis zu schwerem rheumatischen Fieber, bei einem weiteren zu akuter Nierenentzündung.
Bei einem ähnlich absurden Versuch wurde 157 Typhuskranken die Standard-Behandlung mit Chloramphenicol vorenthalten. Resultat: 36 Patienten starben. In einer zahlenmäßig weit größeren Kontrollgruppe (251 Kranke), denen Chloramphenicol verabreicht wurde, gab es nur 20 Todesfälle. Die statistische Auswertung des Experiments ergibt, daß dreiundzwanzig Patienten nur deswegen starben, weil Medizinforscher die Wirksamkeit eines längst erprobten Heilmittels erneut belegen wollten.
Professor Beecher ist überzeugt, daß derlei mörderische Experimente keine Einzelfälle darstellen. Von hundert Arbeiten über klinische Versuche, die Beecher aufeinanderfolgend "in einer führenden medizinischen Fachzeitschrift" fand und prüfte, bezeichnet er zwölf als "unethisch". In den meisten Fällen unterließen es die Ärzte, die Zustimmung der Versuchspersonen einzuholen. Lediglich in zwei von fünfzig Beispielen, die Beecher untersuchte, wird die freiwillige Teilnahme am Experiment ausdrücklich festgestellt.
Unter Amerikas Ärzten hat Beechers Bericht Unruhe und erste Folgen ausgelöst. Acht US-Mediziner-Organisationen und medizinische Forschungsvereinigungen akzeptierten Ende letzten Monats die Deklaration von Helsinki als Richtlinien-Kodex für Menschenversuche.
Und der amerikanische Gesundheitsdienst (Public Health Service), der mit jährlich 2,4 Milliarden Mark nahezu die Hälfte aller medizinischen Forschungsaufträge in Amerika finanziert, erließ Ende Juli neue Richtlinien: An allen Instituten und Kliniken sei "strenge Aufsicht darüber zu führen", daß nur nach umfassender Aufklärung der Betroffenen und mit ihrem Einverständnis Menschen in medizinische Experimente einbezogen werden.
* Primum nil nocere = vor allem (dem Patienten) keinen Schaden zufügen.
Menschenversuch-Kritiker Beecher
Heimlich ins Herz

DER SPIEGEL 35/1966
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