29.08.1966

ENGLAND / JUDENGelobtes Land

Nach Königsbergs Kant nannte Rabbiner Jakobovits aus Königsberg seinen Sohn: Immanuel. Jetzt gelangte Immanuel Jakobovits, 45, zu eigenem Ruhm und Rang: Britanniens "Vereinigte Hebräische Kongregationen" wollen Anfang September den Königsberger zum Chefrabbiner des Commonwealth küren.
Das mit jährlich 78 400 Mark dotierte Hirtenamt ist - neben dem Oberrabbinat von Israel - die bedeutendste und prestigereichste Pfründe des Judentums. Denn, so sagt Jakobovits: "England wird im Europa von morgen eine Schlüsselposition einnehmen, und auch die anglo-jüdische Gemeinde hält eine Schlüsselstellung - im Zentrum der Achse Israel - USA."
Im Achsen-Zentrum gedeiht Europas größte jüdische Gemeinde. Zwar stellen Ihrer Majestät 450 000 mosaische Untertanen nur knapp ein Prozent der Briten -Bevölkerung. Jedoch: In der englischen Elite sind sie hochprozentiger vertreten. Nach den Märzwahlen zogen 40 Juden ins Unterhaus (630 Sitze) ein; die "Hälfte aller dynamischen Manager entstammt der jüdischen Gemeinde" (so der Zeitungs-Zar Cecil King).
Zu den Noblen der Inseln zählen 81 Juden (darunter Lord Rothschild sowie die ehemaligen Minister Lord Mancroft und Lord Silkin). Den Hauptrabbiner placiert das Kron-Protokoll ebenbürtig neben den anglikanischen und den katholischen Primas.
Ein gelobtes Land war England seit den Tagen des puritanischen Protektors Cromwell. Damals flohen spanische und portugiesische Juden vor den Häschern der Inquisition über den Kanal. Vom 18. Jahrhundert an kamen Glaubensbrüder aus den europäischen Gettos (darunter die Rothschilds) zu den Briten, die ihre mosaischen Mit-Bürger nie in Gettos absonderten. Hitler trieb die Juden zum letzten und größten Exodus gen Engelland.
Auch Immanuel Jakobovits - Sohn, Enkel und Urenkel von Rabbinern und mit der Tochter eines Rabbiners verheiratet - suchte Zuflucht an der Themse. In Gebet, Ritus und rabbinischer Weisheit übte er sich, während der braune Bomben-Blitz auf London niederzuckte.
Mit 28 wählten ihn Irlands Rabbis zu ihrem Chef, mit 38 folgte er einem Ruf nach New York, ins "Herz der größten jüdischen Gemeinde". (Jakobovits). Dort diente er im Zeichen eines weiteren Superlativs: Er war der Rabbi einer der reichsten Gemeinden, der Synagoge an New Yorks vornehmer Fifth Avenue.
Englands Gläubige des Alten Testaments suchten sich ihr geistliches Oberhaupt in der Neuen Welt, weil sie sich auf keinen Kandidaten aus ihren eigenen Reihen einigen konnten. Die vorwiegend orthodoxe jüdische Gemeinde Ist in Richtungskämpfe um den rechten Glauben verstrickt. Der gemäßigte Jakobovits soll sie wieder einen.
Chefrabbiner Jakobovits
Zuflucht an der Themse

DER SPIEGEL 36/1966
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