29.08.1966

WER HAT ANGST VOR ROBOTERN

Im März 1965 veranstaltete die IG Metall in Oberhausen zum zweitenmal eine internationale Tagung Ober Gefahren und Chancen der Automation. Referate und Diskussionsbeiträge dieser Tagung sind jetzt unter der Redaktion von Dr. Günter Friedrichs, 38, dem Leiter der Abteilung "Automation und Kernenergie" beim Vorstand der IG Metall, in zwei umlangreichen Bänden dokumentiert worden. - Dr. Kurt Pentzlin, 63, der das Sammelwerk hier bespricht, hat an der Tagung teilgenommen; er ist führender Automations-Experte der Arbeitgeber und stellvertretender Geschäftsführer eines der höchstautomatisierten Betriebe in der Bundesrepublik, der Koksfabrik Bahlsen in Hannover.
Dieses Sammelwerk ist nur halb so
interessant, wenn man es für sich allein nimmt. Es wird viel interessanter, wenn man es im Zusammenhang mit seinem direkten Vorläufer sieht, dem Bericht über die erste internationale Arbeitstagung der IG Metall 1963 in Frankfurt.
Damals reagierte die öffentliche Meinung in der Hauptsache auf einen Satz aus dem Hauptreferat des IG-Metall -Experten Günter Friedrichs. Er sagte dort unter Bezugnahme auf eine Untersuchung des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, in der für die Jahre von 1950 bis 1958 eine "Freisetzungsquote" von sechs Prozent ermittelt worden war: "Sechs Prozent aller Erwerbstätigen sind 1,5 Millionen Menschen. Diese ... werden alljährlich eingespart oder technologisch freigesetzt. Ihre Arbeitsplätze verschwinden."
Dieser Satz ist viel reportiert und diskutiert worden, ganz abgesehen davon, daß alle Welt in den vergangenen Jahren vergebens nach den Millionen von Arbeitslosen in der Bundesrepublik gesucht hat. Er muß in diesem Zusammenhang noch einmal wiederholt werden, weil dieselben Zahlen auch auf dem Oberhausener Kongreß wiederkehren, diesmal sogar im Referat des IG-Metall-Vorsitzenden Otto Brenner. Brenner spricht außerdem in Anlehnung an eine andere Berechnung für die Zeit von 1950 bis 1961 von etwa 4,1 bis 4,8 Millionen weggefallenen Arbeitsplätzen und fügt hinzu, die Untersuchung erfasse "lediglich die Zahl der tatsächlich weggefallenen, nicht aber die Zahl der in den Betrieben veränderten Arbeitsplätze, die wesentlich höher ist".
Aber so geht das doch nicht! Von solchen Sätzen und Zahlen geht eine Suggestivwirkung aus, die ganze Kongresse überschatten kann. Und da hilft es auch wenig, wenn gleich darauf ganz vernünftige Einschränkungen gemacht werden. Friedrichs: "Der technische Fortschritt setzt nicht nur Arbeitskräfte frei, sondern schafft auch neue Arbeitsplätze und Berufe." Hauptsätze werden leider in der Öffentlichkeit immer stärker beachtet als Nebensätze.
Das leidige Kapitel der "Freisetzung" und der "1,5 Millionen Arbeitslosen jährlich" kann man am besten dadurch abschließen, daß man einen der führenden Wissenschaftler des Ifo-Instituts. Edgar Wolf, selbst zu Wort kommen läßt. Er sagte am 23. November 1965 in einem Vortrag vor dem Wirtschaftsbeirat der SPD, Landesverband Bayern, wörtlich folgendes, nachdem er vorher ausdrücklich dem Gewerkschaftler Günter Friedrichs seine Sorge um die arbeitenden Menschen attestiert hatte: "Er hat aber ... durch die Veröffentlichung der Zahl von 1,5 Millionen Menschen, die nie von uns errechnet wurde, die auch in der Methode der Berechnung angreifbar ist und die auf keinen Fall für eine Extrapolation in die Zukunft verwendet werden darf, der Sache ... keinen guten Dienst erwiesen."
Es ist schwer, wenn nicht unmöglich, über 36 zum Teil sehr lange Referate und über noch mehr Diskussionsbeiträge, über weit mehr als 1000 Seiten Dokumentation, auf beschränktem Raum einen einigermaßen ausreichenden Überblick zu geben. Aus sehr verschiedenen Gründen scheint es angebracht, hier in der Hauptsache nur drei Referenten herauszuheben:
- Wilhelm Claussen (zur Zeit der
Tagung noch Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium), dessen Bemerkungen im Schlußwort von Otto Brenner als "dürftige Erklärungen" charakterisiert wurden;
- Walter P. Reuther, den hochintelligenten und temperamentvollen amerikanischen Automobilarbeiter-Boß, der sein Referat zu einem wirtschaftspolitischen Exkurs benutzte;
- Neil W. Chamberlain, Professor der Wirtschaftswissenschaften an der Yale-Universität, USA, dessen Vortrag über "Gewerkschaften und Unternehmensführung" zweifellos den Höhepunkt des ganzen Kongresses (wenn nicht gar der ganzen gegenwärtigen Automatisierungs-Diskussion überhaupt) darstellte.
Staatssekretär Claussen hielt in Oberhausen nicht den brillantesten Vortrag seiner Karriere. Er referierte eben nur. Und das war vielen seiner Zuhörer nicht recht, vor allem, weil er auch einige unbequeme Wahrheiten sagte. Er erklärte, daß hinsichtlich der Auswirkungen des technischen Fortschritts bei uns zur Zeit kein Grund zu Pessimismus bestehe; daß es falsch wäre, einfach dem Beispiel USA zu folgen: "In der Bundesrepublik liegen die Verhältnisse genau umgekehrt ... Wenn unter Hinweis auf Amerika weitere Arbeitszeitverkürzungen zum Ausgleich nachteiliger Auswirkungen des technischen Fortschritts gefordert werden, so erscheint das mehr als fragwürdig."
Claussen wies ferner darauf hin, daß bei uns das Betriebsverfassungsgesetz eine gute Grundlage für sachgemäße Lösungen biete; daß die bestehenden Hilfen verschiedenster Art angesichts der günstigen Beschäftigungslage zur Zeit kaum in Anspruch genommen werden. Er sagte klar heraus, "daß nicht jede Behauptung stimmt, die als Beweis für die Eroberung unserer Fabriken durch die Roboter angeboten wird". Er warnte gleichzeitig vor Bagatellisierung des Problems, nahm jedoch für die Regierung in Anspruch, daß sie die Tatsachen ohne Übertreibung beurteilen müsse.
Es ist verständlich und war zu erwarten, daß solche nüchternen Feststellungen bei der überwiegenden Mehrheit der Zuhörer keinen Beifall fanden.
Leichter als Claussen hatte es Walter P. Reuther. Seine Beispiele aus der Praxis der amerikanischen Industrie waren sehr plastisch. Für ihn - und damit wohl für die US-Gewerkschaften ist der technische Fortschritt, auch in seiner letzten beschleunigten Phase, etwas Selbstverständliches und Notwendiges. Für ihn ist wirtschaftliches Wachstum ein ständiger Umschichtungsprozeß, der zwar Härten mit sich bringt, aber im ganzen gesehen doch auch für den sozialen Fortschritt unentbehrlich ist. Bei der Beseitigung oder Vermeidung von sozialen Härten will sich Reuther weniger auf die betrieblichen und tarifpolitischen Maßnahmen verlassen als vielmehr auf die Politik und besonders die Wirtschaftspolitik.
Offen blieb in Reuthers Vortrag nur die Frage, wie er das von ihm geforderte Maß von Planung mit seinem Ideal der freien Welt vereinen will oder kann. Ohne jede Einschränkung kann man ihm aber zustimmen, wenn er sagt: "Bedienen wir uns der Automation mit Verstand und Voraussicht, dann bietet sie uns die Möglichkeit ... überall auf der Welt das Schreckgespenst des Hungers, der Unwissenheit und der Furcht zu bannen."
Diejenigen, die wie Reuther glauben, daß nur staatliche Planung die Menschheit vor immer neuen "Automatisierungsopfern" bewahren kann, sollten einmal über folgende wenige Zahlen nachdenken: Das amerikanische "Manpower Training and Development Programm" hat in den letzten dreieinhalb Jahren fast 900 Millionen Dollar ausgegeben, um etwa 140 000 Arbeitslose nach Umschulung wieder in den Arbeitsprozeß einzuschalten. Demgegenüber steht die Tatsache, daß die amerikanische Wettbewerbswirtschaft allein im letzten Jahr, gewissermaßen auf "natürlichem"
Wege, fast zweieinhalb Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen hat.
Der Yale-Professor Neil W. Chamberlain stellte an den Anfang seines zwingenden Gedankenganges eine Analyse der berechtigten Anliegen der klassischen Gewerkschaftsbewegung: Sicherheit des Einkommens, der Funktion und der Erhaltung des sozialen Status. Ihnen gegenüber stellte er die "Unternehmerrechte", die unabdingbar sind, um die Leistungsfähigkeit der Unternehmen zu sichern, und die Pflichten, vor allem die "Notwendigkeit, daß Unternehmensleitungen technischen Änderungen gegenüber anpassungsfähig sein müssen".
Nach Ansicht von Chamberlain hat sich nicht nur das Unternehmerturm, sondern fast die ganze Gesellschaft auf den mit dem technischen Fortschritt zusammenhängenden allgegenwärtigen Wandel, den Schumpeter "schöpferische Zerstörung" genannt hat, positiv eingestellt. Nur die Gewerkschaften vertreten eine Auffassung, die teilweise den heutigen Gegebenheiten, der gegenwärtigen Dynamik nicht mehr entspricht. Ihre Konzeption ist ihrem Wesen nach statisch. Chamberlain: "Sie verwechseln Sicherheit mit Stabilität." Die Gewerkschaften, sagt der Professor, "müssen ihre Denkgewohnheiten ändern", denn "eine Gewerkschaft mag stark genug sein, die Beibehaltung traditioneller Arbeitsplätze und Arbeitsverfahren in der Gegenwart durchzusetzen. Sie ist aber nicht stark genug, sie auch in die Zukunft hinüberzuretten".
Chamberlain kommt zu der dann gar nicht mehr so überraschenden Folgerung, daß nicht die Automatisierung die Sicherheit der arbeitenden Menschen gefährdet, sondern daß im Gegenteil das Festhalten an den traditionellen Forderungen und Methoden der Gewerkschaften den technischen und sozialen Fortschritt verlangsamen oder gar in Frage stellen kann.
Es war eine (bestimmt nicht in allen Einzelheiten beabsichtigte) dramatische Zuspitzung des Kongreßverlaufs, daß auf Chamberlains Vortrag ausgerechnet das Referat von Günter Friedrichs folgte, in dem all das gefordert wurde, gefordert werden mußte, was kurz vorher als grundsätzlich gefährlich beurteilt worden war.
Das Merkwürdige an diesem Kongreß
- und an manchem anderen zum Thema
Automation, seit Norbert Wiener 1948 sein Buch "Cybernetics" schrieb - ist, daß alle Argumente und Gegenargumente nur Wiederholungen sind, wenn auch zum Teil mit neuen, einst ganz unbekannten Vokabeln. Diese Argumente sind gute alte Bekannte für jeden, der die Geschichte der modernen Technik und ihres Eindringens in die Wirtschaft der Neuzeit seit den Maschinenstürmern kennt.
Es sieht so aus, als ob eben jede Generation von neuem ihre Angst vor den Maschinen überwinden muß, als ob jede Generation ohne die Erfahrung der früheren sich mühsam die Erkenntnis erarbeiten muß, daß technischer Fortschritt niemals der Feind des Menschen ist, sondern ein guter Freund. Der auch in Oberhausen, wie so oft, wiederholte Satz, daß sich keine Gleichung "technischer Fortschritt gleich sozialer Fortschritt" aufstellen lasse, stimmt nämlich nicht. Im Gegenteil: Ohne technischen gibt es keinen sozialen Fortschritt.
"Automation - Risiko und Chance"
Europäische Verlagsanstalt
Frankfurt
Zwei Bände
1172 Seiten
58 Mark
Pentzlin
Von Kurt Pentzlin

DER SPIEGEL 36/1966
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