29.08.1966

FUCHSEinhorn und Jesus

Zwanzig Jahre lang hat er gemalt, gezeichnet und radiert. Nun will Ernst Fuchs, den Kenner bereits zu den "größten Graphikern aller Zeiten" ("Stuttgarter Zeitung") zählen, auch noch Häuser bauen.
Fuchs, 36, Chef der "Wiener Schule des phantastischen Realismus" (SPIEGEL 12/1965) und durch Ausstellungen seiner Bilder von Jesus und Eva Christina, von Drachen und Einhorn in aller Welt berühmt geworden, will auch eine phantastische Architektur schaffen.
Denn die profane, nur zweckmäßige "Kästchen-Bauweise" der professionellen Architekten ("verhinderte Maler, die bei der Prüfung im Kopfzeichnen durchgefallen sind") hält Fuchs für das "Gegenteil von Kunst".
Eine Vorahnung künftiger Fuchs -Bauten vermitteln neuere Zeichnungen und Gemälde des Surrealisten, die gegenwärtig in Salzburg ausgestellt sind (Preis der verkäuflichen Stücke: 900 bis 150 000 Mark). Sie werden auch - zusammen mit umfangreichen essayistischen und autobiographischen Texten - in einem soeben erschienenen Prachtbildband publiziert". Titel des Buches wie der Ausstellung: "Architectura Caelestis" - himmlische Architektur.
Als typisch himmlische Bauformen präsentieren die Bilder: gewundene Säulen und Gesimse, schräglaufende Fensterreihen, wellige Wände, labyrinthische Treppen, Höhlungen, Gewölbe und Durchblicke, aber auch Cherubsköpfe oder Sphinxbusen.
Diese architektonischen Motive gehören zu einer altmeisterlich-exakt gepinselten oder gestrichelten Bildwelt, die von fremdartigen Menschen- und Tiergestalten bevölkert wird. Fuchs, der einmal abstrakt malte, als er andere Abstrakte nur vom Hörensagen kannte, ist heute ein Verächter der Abstraktion: "Wer wirklich begabt ist, kann den Gegenstand nicht aufgeben."
Entsprechend urteilte er über berühmte Künstler des 20. Jahrhunderts. Fuchs über Pollock: "Ein Brechmittel." Fuchs über Arp: "Der schleift doch immerhin den Edelkiesel, bis er halbwegs Busenform bekommt und der Kunstfreund versucht wird, mit der Hand darüber zu streichen." Fuchs über Dali: "Er ist das Genie, das er zu sein behauptet."
Fuchs hat den absurden Maler Dali, mit dem er jüngst im Hotel "Meurice" in Paris diskutierte, schon bewundert, als er noch die Wiener Akademie der Bildenden Künste besuchte. In die Kunsthochschule, in der er "einen Schmarren" lernte, wurde der Sohn eines jüdischen Sängers und Eisenhändlers - wegen seiner Abstammung hatte er während des Krieges nur eine Hilfsschule in Wien besuchen dürfen - bereits als Fünfzehnjähriger aufgenommen; ein Jahr später hatte er eine erste Ausstellung; nach Schulschluß, 1950, ging er dann auf Reisen. Er lebte zeitweilig in New York und Los Angeles; in Paris bewohnte er mit dem Maler Fritz Hundertwasser (SPIEGEL 16/1964) einen Lagerraum.
Bei einer Pilgerfahrt nach Jerusalem bekannte sich Fuchs 1956 zum katholischen Glauben und erwog sogar, in ein Kloster einzutreten.
Seit diesem Aufenthalt im Heiligen Land malt der Konvertit vorwiegend religiöse Motive. Für die Wiener Rosenkranzkirche fertigte er in zweijähriger Arbeit einen dreiteiligen Bildzyklus; sich selbst stellte Fuchs mehrfach als Christus dar - wie Jesus trägt er schulterlanges Haar, das er jedoch unter einer Mütze verbirgt.
Neuerdings betet Katholik Fuchs seinen Gott mit phantastischen Schnörkeln an; er nennt die Symbol-Malerei den "verschollenen Stil". Dessen Spuren entdeckt er überall in der Kunstgeschichte - so bei dem niederländischen Manieristen Hieronymus Bosch, dem französischen Symbolisten Gustave Moreau und dem Wiener Jugendstil-Künstler Gustav Klimt, insbesondere jedoch in den Malereien spiritistischer Medien.
Auch Fuchs fand den Stil (Kennzeichen: symmetrische Komposition und ornamentales Linienspiel) unbewußt - in Träumen und in Haschisch- und Meskalin-Räuschen. Inzwischen vom Gift entwöhnt, übt er den "verschollenen Stil" ganz nüchtern; nun will er ihn auch auf die Architektur anwenden.
Fuchs, dessen Talent selbst jene Kritiker anerkennen, die ihm oberflächliche "Kaffeehaus-Theologie" ("FAZ") vorwerfen, sucht nach "einem Mann, der sich sagt: Warum soll mein Haus eigentlich nicht der Fuchs bauen?"
Bis sich der Bauherr meldet, kann Fuchs ein anderes Projekt verwirklichen: Der Vater von sieben Kindern will Heinrich Hoffmanns "Struwwelpeter" als Oper komponieren und ein Ballett dazu entwerfen.
** Ernst Fuchs: "Architectura Caelestis". Residenz Verlag, Salzburg: 212 Seiten: 48 Mark.
Fuchs-Zeichnung "Die Stadt"
Für himmlische Häuser ...
Maler Fuchs
... ein Bauherr gesucht

DER SPIEGEL 36/1966
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