29.08.1966

POESIEVergnügen in g

Andra moi ennepe musa polytropon hos mala polla", hallte es griechisch in Hamburger Färbung über den Platz vor der Hamburger Börse.
Auf einem Lkw-Anhänger stand der Lyriker Peter Rühmkorf, 36, und sprach sein Gedicht "Um die Umstände zu überprüfen", das mit Homers Anruf der Muse (aus der "Odyssee") beginnt.
Die alten Griechen imitierte der "rote Rühmkorf, wie er singt und spinnt" (Rühmkorf), auch mit dem Auftritt vor der Börse - er wollte die Dichtkunst wieder auf den Markt tragen.
So las er: "O Vaterland, Edelstahl, platzt aus den Nähten, Fette erholt." Und Herbert Wehner besang er mit einem Gedicht "À la mode": "Auch hier ist Tragik unverkennbar: Promethiden, ans Eigenheim gefesselt, die ein faules Feuer in dem gedunsenen Busen hüten."
Den Versemacher - gewohntes Habit: Pullover und Ledermütze - untermalte das Jazz-Quartett des NDR-Redakteurs Michael Naura: Wenn Rühmkorf rezitierte, improvisierten die Musiker leise.
Den Einfall zur ersten "Lyrik und Jazz"-Soirée Hamburgs hatte der Vorsitzende des "Schutzverbandes Deutscher Autoren Nordwest e. V.", Carl Heinz Trinckler, bei einem Manhattan. Trinckler: "Also eine Schnapsidee."
Sie gehörte zum Programm, mit dem Hamburg seine City künstlerisch wiederbelebt. Trincklers Abend sollte "Beat und Jazz" heißen; Erinnerungen an den jüngsten Beat-Krawall (acht verletzte Polizisten) ließen jedoch den Staatsrat Birckholtz vom Hamburger Senat mit der Genehmigung zögern.
Auch mit dem neuen "Jazz"-Titel mußte Trinckler sechs Wochen auf das Ja-Wort warten. Am Lese-Abend - am vorletzten Wochenende - harrte dann eine Polizei-Reservetruppe (sechs Mann) in der nahen Rathaus-Wache. Aber, so sagte Hauptwachtmeister Jobczyk voraus: "Lyrik zieht keine Rocker an, heut gibt's keinen Krawall."
Rühmkorfs Borsenrede vor 2000 Hörern (polizeiliche Schätzung) erntete Beifall. Die Kosten des Abends - 2800 Mark - trug der Schutzverband; Trinckler glaubt, den jährlichen 10 000-Mark -Zuschuß der Kulturbehörde damit besser anzulegen als seine Vorgänger.
Rühmkorf hält sein Honorar (250 Mark) angesichts der Erträge seiner Lyrik-Bände ("Irdisches Vergnügen in g") ironisch für "ganz erklecklich". Denn: "Um ein Gedicht wirklich marktfertig zu machen", rechnet der Reimer, "muß bereits eine Vorinvestition von 800 bis 1000 Mark pro Stück geleistet werden." Kalkuliert Rühmkorf: "Rund gerechnet, 180 Monatsstunden pro Poem, die Arbeitsstunde mit etwa 5,50 Mark berechnet."
Auf der Party nach der Lesung machten Trinckler und drei Hamburger Jungpoeten (Heike Doutiné, Uwe Herms und Rolv Heuer) Pläne für die nächste Verse -Schau - verschiedene: Das Trio wollte Vietnam-Gedichte lesen, Trinckler wollte keine hören.
Um Kummer vorzubeugen ("die Springer-Presse schreit"), verlangte Trinckler vorherige "Prüfung" der Poeme. Das Trio sah darin "Zensur", Heike Doutiné sagte öffentlich ab, Herms und Heuer begannen zu verhandeln.
Erfolg: Am letzten Freitagabend beschied der Schutzverband, er wolle nicht mehr prüfen, wenn Herms und Heuer darauf achteten, daß die Lesung nicht zur "politischen Demonstration" gerate.
So kann Herms am 30. September vom US-Präsidenten sagen: "Daß er nachts schlecht schlafe / ... / das / muß das Menschliche / an ihm sein."
Hamburger Dichterlesung*: Promethide ans Eigenheim gefesselt
* Peter Rühmkorf (M.) und das Michael -Naura-Quartett.

DER SPIEGEL 36/1966
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