05.09.1966

WORTWÖRTLICHE STREICHLEREI

Martin Walser, 39, Wohnsitz Friedrichshafen am Bodensee, schrieb, bevor er als Dramatiker ("Eiche und Angora", "Der schwarze Schwan") bekannt wurde, die Romane "Ehen In Philippsburg" (1957) und "Halbzeit" (1960). Im vorigen Jahr veröffentlichte er Essays: "Erfahrungen und Leseerfahrungen".
Muß man, bevor man wieder einmal seiner Enttäuschung über ein nicht ganz gelungenes, in diesem Fall eher gar nicht gelungenes, Werk Martin Walsers Ausdruck gibt, immer noch einmal beteuern, wie brillant dieser Autor aber zu formulieren weiß, wie gescheit er ist, welche bestechende Eloquenz er (ihn) kommandiert?
Walsers neuer Roman "Das Einhorn", eine Art zweite "Halbzeit", ist so eloquent, daß es kaum noch auszuhalten ist. Der Roman selbst hält es nicht aus.
Gewiß, auch hier gibt es wieder Preziosen der Formulierkunst (Männer, schreibt Walser, ließen sich erst scheiden, wenn sie eine neue Partnerin hätten, Frauen auch "ins Unreine"); auch hier gibt es allerhand gescheite Anmerkungen zu Liebe und Ehe, Gesellschaft und Literatur; gibt es brillante Erzählpartikel wie die Abwehrschlacht zwischen Ehefrau und Zweitwagen-Verkäufer und Kunststücke wie die Satire aufs bundesdeutsche Diskussionswesen, aufs "Fritz Bergsch", das in der "Bunzreplik" geredet wird; gibt es ironische Anspielungen auf Personen und Institutionen, die Kenner des kulturellen Betriebs entzücken mögen.
All das aber hat Nummerncharakter, wirkt wie Knüller eines Kabarettprogramms, könnte in einem Band vermischter satirischer Prosa gesammelt werden. Zum Zusammenhang des Romans, der höher hinaus will, trägt es nichts bei. Der Roman, obwohl 400 Seiten dünner als der "Halbzeit"-Brocken von 1960 (was immerhin für ihn einnimmt), geht unter dem Walserschen Redefluß aus dem Leim.
Da wird in mindestens sieben Sprachen, toten und lebenden, Lateinisch und Schwyzerdütsch, geredet und gespielt, möglichst in allen gleichzeitig. Und da wird auch der einfachste deutsche Satz, damit wir keinen Augenblick den hier waltenden Kunstwillen verkennen, nicht einfach so dahingesagt, sondern mindestens etwa so: "Orli hat immer. Den Salat mit den Fingern gegessen, ja." Da wird nicht nur ein Liebesroman angeboten, sondern, selbstredend, "gleichzeitig die Entstehungsgeschichte eines Liebesromans". Da wird Augustinus zitiert und Proust in die Schranken gefordert: "Geh mir weg mit Erinnerung. So jäh zerfällt bei Lichte das Retrouvé."
Und am Ende läuft es doch wieder nur darauf hinaus, daß Anselm Kristlein bei seiner Alissa bleibt.
Anselm Kristlein, der "Halbzeit"-Held, diese kokett entstellende Halbmaske des Autors, ist nämlich auch der Held im "Einhorn". Er ist der alte geblieben: weniger der Einzelgänger, den das Titeltier symbolisieren soll (sein Horn hat noch eine vitalere Bedeutung), mehr immer noch der Mitläufer einer Gesellschaft, die er durchschaut, ein moralisch verkaterter Konformist, ein Partylöwe mit Party-Ekel, ein streunender Liebhaber, der immer wieder ins Ehebett retiriert.
Allerdings ist er nun nicht mehr, wie zur "Halbzeit", Handelsvertreter und Werbemann (was bei seiner hoch literarischen Eloquenz auch stets ein wenig gestört hatte), sondern, weil er inzwischen ein "unliebsames Buch", eben die "Halbzeit", veröffentlicht hat - so Walsers rechter Schriftsteller-Scherz -, ein Schriftsteller. Und zwar, wie sich bald herausstellt, ein ganz aktueller: mit den schönsten Skrupeln gegenüber dem eigenen Metier voll ausgelastet.
Als solcher erhält Anselm von einer Schweizer Verlegerin namens Melanie Sugg den Auftrag, ein Buch über Liebe zu schreiben, ein freisinnig-aufklärerisches Erotikon. Er speist es aus eigener Erfahrung, unter anderem aus seiner ehelichen, die bereits "Halbzeit"-Leser als eine trotz allem befriedigende kennen, und aus der mehr mühsamen mit Frau Sugg.
Er kommt mit der Arbeit nicht voran, mißtraut, wie es sich für einen Autor von heute gehört, der Sprache und seinem Erzählen, und wird von Frau Sugg im Haus eines Süßwarenfabrikanten am Bodensee einquartiert, wo er einmal mehr eine die Hohlheit der besseren Gesellschaft und des intellektuellen Palavers entlarvende Superparty mitmacht. (Walsers "Halbzeit"-Partys waren besser; Reprisen enttäuschen ja meist.)
Anselm verliebt sich, seinen Beteuerungen nach bis ins Mark, in eine Camping-Schönheit halbexotischer Herkunft namens Orli. Er muß Orli und den unausführbaren Buchauftrag fahrenlassen, kehrt zu Frau (Alissa hat sich nach "Halbzeit" in Birga umbenannt) und Kindern heim und hängt schließlich der Erinnerung an Orli nach - bettlägerig und trübsinnig, denn die Erinnerung, mit dem Klappentext zu reden, "liefert nur noch Verluste".
Das nicht zuletzt ist Walsers Thema in diesem Buch. Und hier, finde ich, enttäuscht er am meisten.
Die Undiszipliniertheit seiner Suada, die den Roman ja nicht nur mit brillanten Formulierungen, sondern auch mit feinem Schnickschnack überschwemmt ("Man hat doch nichts davon, sich zu vergegenwärtigen, wie Orli zärtlich war, wenn man davon, daß man sich das vergegenwärtigt, nichts hat"); das prätentiöse Kompositions-Brimborium mit "Lage I" und "Lage II" und jeder Menge "Einschub über die scheinbare Gleichzeitigkeit"; das gesuchte Suchen nach Fremd-"Wörtern für Liebe", die verbalartistischen Koitus-Koloraturen jener "entzündeten Nebensprache", mit der Walser sich über simple Sex-Realisten und schlichte Pornographen erhebt, und deren gekünstelte Schlüpfrigkeit ("Die Fleischklamm lutscht an totem Zeug") doch nur den dringenden Wunsch nach ein paar sauberen, erfrischenden Vulgärvokabeln weckt - das alles ist schon ärgerlich.
Ärgerlich, daß Walser auch da, wo er gut ist, etwa in den satirischen Partien, meistens des Guten zuviel tut; daß er sich auch platte Scherze ("Greul-Press" statt Grove-Press), auch geschmacksarme Einfälle (Anselms Besuch beim Urologen) nicht verkneifen kann; verwunderlich eher, daß er, der von "unserem Erinnerungsvermögen" so wenig hält, uns offenbar doch eine ziemlich genaue Erinnerung an seine 900 Seiten "Halbzeit" und sogar an die "Ehen in Philippsburg" zutraut - denn ohne die würden uns manche Feinheiten im "Einhorn" entgehen (tatsächlich entgehen sie uns wohl auch).
Daß er alles auf einmal sein will, Ich-Bekenner und Zeitsatiriker, Troubadour und Anti-Sexualist, Sprachlaborant und Gegen-Proust; daß sein Buch stilistisch overdressed und bei aller prunkenden Eloquenz sträflich mühsam zu lesen ist - es ist ärgerlich genug.
Schlimmer aber erscheint mir, daß der Autor, der schon seiner Liebesgeschichte und ihrer Heldin mehr Rhetorik einblasen als Leben einhauchen kann, auch das daraus entwickelte Thema der ohnmächtigen Erinnerung unter Wert verspielt.
Jener vom Liebhaber-Schriftsteller Anselm Kristlein beklagte "furchtbare Unterschied zwischen Gewesenem und Jetzigem", den Erinnerung, Sprache, Literatur nicht aufheben kann, ist gewiß ein großes Thema. Aber auch, wie große Themen meistens, ein banales. Es kann durchaus mehr als ein quasi berufsständisches Künstlerthema, mehr als eine Fachfrage für Schriftsteller sein. Wie Walser seinen Anselm darüber räsonieren läßt, ist es jedoch fast weniger als das:
"Leuteleute", so redet dieser Minnesänger, "ein materielles Mädchen hat man doch nicht schon dadurch, daß man von ihr spricht, singt, stöhnt ..."
Darauf läßt sich angemessen nur erwidern, daß dies ja auch niemand behauptet hat.
Und was soll man zu einer solchen Gestaltung Kristleinschen Liebes- und Literatenleids sagen:
"SIE KÜSSTE das ist doch soviel wie eine Verneinung. Wenn Sie küßTE, dann küßt sie jetzt nicht. Also wäre Deine Abwesenheit schon besser ausgedrückt, wenn ich sagte: Du küßt NICHT, streichelst NICHT, krallst NICHT. Nicht mehr. Nie mehr ... Aber genügt es schon zu sagen: Sie streichelt nicht? Müßte ich nicht sagen: Sie streicheltE nicht, sie kralltE nicht? Um wenigstens anzudeuten, daß es jetzt ist, als wäre es nicht gewesen ..."
"Und selbst wenn ich sagte: NIE HAT Orli Anselm gestreichelt! was denn sonst stellte ich da vor, wenn nicht Orli und Anselm bei einander und Orli Anselm streichelnd. Dagegen kommen doch Verneinung UND Vergangenheit überhaupt nicht auf. Also wäre so nicht von Orlis Abwesenheit die Rede, sondern sie wäre als Streichelnde anwesend, und doch hätte ich nichts von ihrer Streichlerei, weil es bloß eine wortwörtliche Streichlerei wäre. So wenig taugen inzwischen die Formen der Verneinung und der Vergangenheit zur Nennung jenes furchtbaren Unterschieds zwischen Gewesenem und Jetzigem ..."
Nun, ganz so furchtbar, möchte man da meinen, kann der Unterschied denn doch nicht sein. Und so schrecklich aufwühlend, muß man vermuten, ist wohl auch Anselms Liebe zu Orli - trotz in die Augen springender organischer Symptome - nicht gewesen, wenn sie den Liebhaber letzten Endes zu einem peniblen Linguisten erzieht.
Fühlt er es selbst? Ganz am Ende versucht Martin Kristlein sich endgültig aus der Affäre zu ziehen. "Mir fehlt", spottet er, "die runde Weltwirklichkeit ... Aber: daß ich keinen Schatten werfe, bedeutet weiter nichts. Mir ist nichts schlimmes passiert. Ich vermute, daß ich selber ein Schatten bin, der seinen Werfer verlor. Ich bin flach und dunkel, ich bin - weiter kann kein Geständnis mehr reichen - ich bin eine Figur."
Doch auch ein Gebrechen wie dieses wird dadurch, daß man es (noch so eloquent) definiert, nicht schon geheilt.
Von Rolf Becker

DER SPIEGEL 37/1966
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