26.09.1966

WELTMEISTERSCHAFTWürmer per Nachnahme

Fünf Dutzend Männer und Frauen kletterten am Donnerstag vergangener Woche im Helgoländer Osthafen aus ihren Kähnen. Viele hatten grünlich-käsige Gesichter. Sie kehrten heim von einer Art Opfergang.
Bei bewegter See hatten sie fünf Stunden lang den Hai gejagt. "Anfüttern muß sein", erläuterte einer der seefesten Helgoländer Bootsführer den Verlauf der Schaukelei. "Sonst kommt der Hai nicht." Auf dem roten Felseneiland in der Deutschen Bucht hatte die erste Weltmeisterschaft im Meeresangeln ihren stürmischen Höhepunkt erreicht.
Das Angel-Olympia fand vor der Küste eines Landes statt, dessen Bewohner sich in den letzten Jahren wie nie zuvor mühten, trockenen Fußes die Wohltat des Wassers zu genießen. Mit Wurm und Schnur und Haken hat sich das Volk der Deutschen zum Fischfang aufgemacht.
Aus Passion, zur Freizeitgestaltung oder auf ärztliche Verordnung als Managertherapie ließen sich im vergangenen Jahr 456 898 Deutsche einen staatlichen Fischereischein ausstellen und peitschten Schilf und Wellen mit ihren Ruten. In diesem Jahr mußten etwa 600 000 Fanggenehmigungen (Preis: drei Mark) ausgestellt werden - fast doppelt soviel wie 1961. Zusätzlich gehen nach fachmännischen Schätzungen wenigstens noch 500 000 Gelegenheitsangler ohne Fischereischein auf Beute aus.
Hunderte von Millionen Mark wendet Deutschlands Angler-Million jährlich für Gebühren, Pacht, Fahrtkosten und, hauptsächlich, angeltechnisches Zubehör auf - von Wathosen mit angeschweißten Stiefeln (Preis: 95 Mark), teuren Fiberglasruten bis zu speziellen Freßködern. 100 Tauwürmer beispielsweise kosten 5,90 Mark. Sie werden von gut florierenden Wurmfarmen auch als wimmelnde Fracht per Nachnahme versandt.
Als wirkliche Sportangler aber betrachten sich in Deutschland nur jene 300 000 Amateur-Fischer, die in Vereinen organisiert sind. Da das schuppige Wild so scheu ist wie das in Fell und Federn, haben die Sportangler für seinen Fang raffinierte Künste entwickelt. Fachzeitschriften und eine Flut von Angelbüchern wie etwa "So fängt man Barsche" oder "Fischen, Fischen - du mein Vergnügen" und "Wenn die Pose tanzt" vermitteln ihnen ständig neue fangtechnische Kenntnisse und Tricks. Das Standardwerk "Der perfekte Angler" wurde bereits zum 300. Male aufgelegt. Die Erstausgabe stammt aus dem 17. Jahrhundert.
Neben verdaubaren Ködern wie Würmern, Fischen, Früchten, Käse oder Brotklüten servieren die Angler ihren Opfern künstliche Köder, die von der aufblühenden Zubehör-Industrie in immer neuen blinkenden Formen produziert werden. Diese beispielsweise Pilker, Wobbler oder Spinner genannten hakigen Lockmittel rucken, rotieren oder taumeln, um den Fischen, unter denen Kannibalismus weit verbreitet ist, etwa einen kranken oder einen Kleinfisch auf der Flucht vorzugaukeln.
Seit langem schon hat sich bei manchen Anglern eingebürgert, die Fische durch Ausschenken industriell hergestellter, appetitanregender Essenzen wie etwa "Beißfix"-Krabbenöl zur Beißlust zu reizen. Da aber auch solche Aperitifs häufig nicht wirkten, importierte eine Düsseldorfer Firma in diesem Jahr aus Amerika einen neuartigen, hakenbewehrten Kunstköder, der mittels Treibgasdüsen durchs Wasser kurven sollte. Er wirke auf Raubfische, so versprach die Firma, durch Brummtöne "wie eine sterbende Biene" und durch Taumeln "wie ein echter, verletzter Fisch". Preis: 24,70 Mark.
Der Wunderköder (Firmenreklame: "Da kann der größte Hecht nicht widerstehen") verbreitete mehr Aufregung unter den Anglern als unter den Fischen. Statt die Räuber aus "mehr als 90 Meter Entfernung" anzulocken und "an einem einzigen Tage bis zu 40 Raubfische" zu fangen, erwies sich der Unterwasserbrummer bei Tests als Versager. Die Firma setzte nach wie ein beißwütiger Hecht und offerierte nunmehr einen Köderveredler namens "Getzem" ("Fang' sie"), "das hoch konzentrierte, hormonverstärkte Fischfangmittel".
Angler vom echten Schlage freilich betrachten derart überspitzte Fanghilfen als unweidgerechten Firlefanz. Ähnlich geringschätzig verachten sie die sogenannten "Fleischangler", die ohne Rücksicht auf festgelegte Mindestmaße und Schonzeiten jeden Fisch an Land ziehen und abmurksen. So erwies sich im Juni dieses Jahres ein Angler aus Witten an der Ruhr als braver Vertreter des feuchten Weidwerks: Er fing den größten Karpfen seines Lebens, wog ihn (29 Pfund) und warf ihn lebend wieder ins Wasser - Karpfen haben bis Juni Schonzeit.
Verhaßt sind den Sportanglern auch Leute, die den Forellen einen Wurm anbieten, statt ihnen auf vorschriftsmäßige, wenngleich schwierigere Weise mit der künstlichen Fliege sogenannte Anflugnahrung vorzutäuschen. "Das ist genau so", sagte der Chefredakteur des Angler-Magazins "Die Fischwaid", Arthur Otto, "als wenn man mit dem Maschinengewehr auf einen Hirsch schießt." Unter Sportanglern gilt als ausgemacht, daß sie nur bei nobler Fangweise den Prozeß des Drillens, das sogenannte Abmüden des Fisches, so recht von Herzen genießen können.
Vereine und Verbände organisieren daher seit langem unter strenger Aufsicht Angelmeisterschaften und, mit Kunststoffgewichten an der Angelschnur auf Zielscheiben werfend, sogar Wurfturniere auf dem Trockenen in normalen Sport-Stadien.
Da jedoch die meisten Süßwässer vielfach überfischt sind und immer weniger Bisse bieten, fanden in den letzten Jahren immer mehr organisierte Sportangler Gefallen am Salzwasserangeln in Nord- und Ostsee. Vor allem dort tummeln sich auch die Hunderttausende von unorganisierten Anglern, denen die fast ausnahmslos verpachteten Inland-Anglerreviere versperrt sind.
Bevorzugte Fangfische in Nord- und Ostsee sind der Dorsch und die Makrele. Vor allem die freßfreudige und kampfstarke Makrele wird von den Anglern als Gegner geschätzt. Eine zweipfündige Makrele kämpft nach Ansicht von Fachleuten genauso heftig gegen Leinenzug und Hakentod wie ein fünfpfündiger Hecht. Dabei machten die Angler die merkwürdige Entdeckung, daß die Makrele in der Ostsee als Köder Fisch oder Wurm schätzt. In der Nordsee hingegen erwies sich ein geschmackloser Kunstköder, übernommen aus Schottland und Rußland, als fängiger: Der Haken wird lediglich durch ein Stück weißer Vogelfeder getarnt.
In den fischreichen Gewässern um Helgoland gingen den 69 Weltmeisterschaftsanglern aus elf Nationen - darunter auch ein Verwandter des belgischen Königs, der schnurrbärtige Prinz Baudouin de Ligne - am ersten Tag des Wettkampfes beim Grundangeln 544 Dorsche und Plattfische im Gewicht von 256 Kilogramm an die Haken. Noch ertragreicher war das sogenannte Spinnangeln am zweiten Tag. Er war der Makrele gewidmet. Mit vereinten Kräften hievten die Angler, unter denen der Deutsche Kurt Holdgrün Makrelen-Weltmeister wurde, 2278 Makrelen im Gewicht von 24 Zentnern in die Boote.
Am Schlußtage kamen die diesmal von der Seekrankheit dezimierten Haiangler nicht nur mit leeren Mägen, sondern auch mit leeren Händen zurück. Nur der dänische Elektriker Ebbe Nissen, 27, fing einen 40 Zentimeter langen und 700 Gramm schweren Hundshai, der nahezu in seine Hosentasche paßte und ihm die Würde eines Haifang-Weltmeisters eintrug.
Es war der kleinste Hai, der je vor Helgoland an den Haken biß. Nissen hakte ihn in Schnapslaune an: "Ich hatte mich besoffen, um nicht seekrank zu werden." Doch bei der stürmischen Siegesfeier wurde Nissen für seine Fangleistung - wie alle Weltmeister - mit der Nationalhymne seines Landes geehrt.
Vorsorglich, "damit die Leute sehen, daß vor Helgoland auch tatsächlich Haie gefangen werden" (so ein Offizieller der Turnierleitung), hatten die Helgoländer bei den vergebens aufgebauten Waagen einige größere Haie aufgehängt - aus dem Kühlhaus.
Haifang-Weltmeister Nissen, Hai
"Ich habe mich besoffen ...
... um nicht seekrank zu werden": Weltmeisterschafts Angler vor Helgoland
Weltmeisterschafts-Angler Prinz Baudouin
Töne wie eine sterbende Biene

DER SPIEGEL 40/1966
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