26.09.1966

GEHEILT, ERLÖST UND GANZ

Heinz Hilpert, 76, der In diesem Jahr seinen Abschied von der Intendanz des Deutschen Theaters in Göttingen nahm, ist einer der bedeutenden Männer des deutschen Theaters, deren Aufstieg In den zwanziger Jahren begann. Er war Schauspieler, Regisseur und Prinzipal, unter anderem am Deutschen Theater Berlin und am Wiener Theater in der Josefstadt. Seinen Beitrag über die Lebenserinnerungen Carl Zuckmayers, der in diesem Jahr 70 wird, nennt Hilpert selbst eine "Besprechung con amore".
Als wär's ein Stück von mir" ist wohl die umfassendste Prosadichtung Zuckmayers. Umfassend in des Wortes innerster Bedeutung. Es ist die Odyssee eines siebzigjährigen Lebens. Die Odyssee dieses Dichters und deutschen Menschen guten Willens schlechthin. Stark, weit und groß, straff in der Komposition, klar und einfach im Stil und von einer herrlichen Plastik im Wort. Hier hat Zuck wahrhaft an jeder Seite Prosa wie an einer Bildsäule gearbeitet.
Es ist ein Erinnerungsbuch. Aber die synoptische Kraft seines Erinnerns ist so stark, daß jeder Abschnitt faszinierendste Gegenwart wird. Will man Intensität und Niveau dieser Dichtung mit anderen vergleichen, so muß man auf Werke wie das "Leben Benvenuto Cellinis" oder auf Goethes "Dichtung und Wahrheit" zurückgreifen.
Am Schluß des Buches zitiert Zuck seinen Ehrenbürgerbrief von Saas-Fee: "Ewige Rechte und ewige Freundschaft soll man bestätigen und befestigen mit Schrift, weil im Laufe der Zeit vergangener und vergänglicher Dinge bald vergessen wird"; und er fährt fort: "In diesem Satz liegt der Sinn meiner Erzählung."
Er ist am 27. Dezember 1896 geboren und schreibt darüber folgendes: "Wer in einer der sieben Nächte zwischen Weihnachten und Neujahr geboren ist und noch dazu am Sonntag, der kann, so heißt es, die Tiere sprechen hören. Und ich möchte allen Ernstes behaupten, daß ich es kann, und ich halte es sogar für meine berufsentscheidende Eigenschaft. Denn wer die Tiersprache versteht, wer bereit ist, der Kreatur zu lauschen, ahnt, was die Menschen mit ihrer Sprache meinen und wollen - die ja nur ein logisches Gebäude ist."
In dieser Kreatürlichkeit liegt Zuckmayers Möglichkeit, die entstellte Welt wiederherzustellen und heil zu machen. Aus dieser Kreatürlichkeit resultiert auch sein nie täuschender Instinkt für Menschen und Lebenssituationen, für Gefährdung und Unversehrbarkeit, seine große Liebeskraft, und in einer kompaßlosen Zeit sein richtungsweisender Sinn, sein zwingender Instinkt für Einfachheit, trotz seiner differenzierten Geistigkeit, seine Volkstümlichkeit, im besten, nicht im rosaroten Sinne.
Aus der gleichen Wurzel kommt sein ablehnendes Gespür für alle Unmenschlichkeit, seine starke Bindung an Freunde und Gefährten, auch wenn sie nicht gleichgesinnt sind. In diesem Buch, wie in keinem anderen, hat seine Fähigkeit des Verstehens (das heißt: sich auf den Standpunkt des anderen stellen können, ohne seinen eigenen zu verlieren) fast eine religiöse Weite erlangt. In seiner Kameradschaft verwesentlichen sich seine Freunde.
Dies Werk enthält seine ganze Skala von Fähigkeiten, Menschen aller Rangordnungen an sein Leben zu binden. Alle, ob bekannt oder unbekannt, geistig hochstehend oder primitiv, werden reich und wertvoll, bekommen durch die gestaltende Kraft und Subtilität seiner Sprache ein zweites, unvergeßliches und wesentliches Gesicht. All diese Menschen, die sein Leben begleitet haben, vibrieren in seiner Darstellung von Leben. Genauso wie die Menschen seiner Stücke.
Zucks Buch ist ein großer Lobgesang der Freundschaft - der Freundschaft mit Brecht und Gerhart Hauptmann und Gertrud von le Fort und Dorothy Thompson und Max Frisch zum Beispiel, um nur einige zu nennen. Es ist in einer Zeit menschlicher Enge und Gehässigkeit ein Hoheslied der Liebe, ein Buch mannhafter Toleranz gegen alles Zelotentum. "Unser Platz ist auf der Zeugenbank, auf der wir Seite an Seite mit unsern Toten sitzen" (und er hat viele Tote zu beklagen), "und bei aller Unversöhnlichkeit gegen seine Peiniger und Henker werden wir Wort und Stimme immer für das deutsche Volk erheben."
Die kindliche Liebe und Verehrung für seine Eltern, die Liebe zu seinem Bruder und nicht zuletzt die Liebe zu seiner Frau (der Schriftstellerin Alice Herdan), das alles ist vollkommen jenseits jeder Konvention, aber ganz innerhalb des goethischen Begriffs von der Ehrfurcht gesehen und gelebt. Er und seine Frau, die Freundin, Gefährtin und Helferin in allen Wandlungen seines Lebens, seines an Verwandlungen so reichen Lebens ist, die beiden sind wie zwei Bäume. Jeder hat sein eigenes Erdreich, seine eigenen Wurzeln, seine eigene Krone. Es sind zwei ganz eigenwüchsige Wesen, die einander schützen und sich gegenseitig bei allen Stürmen stark und unverletzbar bewahren.
Auch über das Schicksal seiner Dramen schreibt er, über ihre Genesis, ihren Erfolg (von Mißerfolgen kann er nur wenig berichten) und die Art, wie sie ein Remake nach dem anderen erleben - weil sie ein eiserner Bestand des deutschen Repertoires geworden sind, weil sie Richtigkeit, Einfachheit und vitale Ausstrahlung besitzen, und weil die meisten von ihnen unabhängig von dem zeitlich-politischen Hintergrund, vor dem sie sich abspielen, Dramen von überzeitlicher Bedeutung sind.
Im Streit um seinen Wert, dem Zuckmayer vom Anfang seines Weges an ausgesetzt war, möchte ich das Wort Siegfried Melchingers zitieren "Wenn es Zuckmayer nicht gäbe, so müßte man ihn erfinden, denn er ist Brot und Wein für den Menschen."
Wie dieses große Erinnerungsbuch, so trägt sein gesamtes Schaffen das Signum der Autobiographie. Sein Gespür ist voll von Prophetie. Er hat lange vor den Trümmern in Deutschland diese Trümmer schon erahnt. Er hat die politische und militärische Atmosphäre des Dritten Reiches in "Des Teufels General" aus seiner Emigration von Amerika her geschaut und genau gestaltet. Das alles ist ein integrierender Bestandteil seiner dichterischen Begabung.
In "Als wär's ein Stück von mir" ist eine behütende Kraft. Die Welt in diesem Alterswerk, das Keimen, Blühen und Fruchten in einem enthält, ist wirklicher als ihre Erscheinungsform, die uns umgibt. Weil über alle Entstellung, über alles Scheingefüge dieser uns umgebenden Welt seine Welt geheilt, erlöst und ganz ist - ein Paradigma der orphischen Urworte des alten Goethe: Dämon, Tyche, Eros, Ananke und Elpis.
Carl Zuckmayer:
"Als wär's ein Stück von mir"
Verlag
S. Fischer
Frankfurt am Main
584 Seiten
25 Mark
Hilpert
Zuckmayer
Von Heinz Hilpert

DER SPIEGEL 40/1966
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 40/1966
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

GEHEILT, ERLÖST UND GANZ

  • Riesige Sturmwolke: Gleich geht die Welt unter...
  • "Mich hat das Auto immer fasziniert": Niki Lauda im Interview (1993)
  • Experiment: Was passiert mit Duschgel im Vakuum?
  • Hochwasseralarm: Tief "Axel" bringt Überschwemmungen