03.10.1966

HARLANGlück des Berufs

Vater und Sohn, "Jud Süß"-Regisseur Veit Harlan, 1964 gestorben, und sein Ältester, Thomas Christoph Harlan, 37, figurieren derzeit, Buch an Buch, auf der literarischen Szene - der alte Harlan postum als Autobiograph, der Junior als Romanheld.
Rund zweieinhalb Jahre nach dem Tod des Regisseurs erscheint jetzt bei Sigbert Mohn das Erinnerungsbuch "Im Schatten meiner Filme" (Erstauflage: 5000)*; Desch druckte den neuen Roman von Hans Habe, 55, "Christoph und sein Vater", bereits im 25. Tausend.
Der ältere Harlan, einst des Dritten Reiches prominentester Filmemacher mit dem größten Nutzen für die und von
der NS-Propaganda, hat allzu naive Betrachtungen eines Unpolitischen verfaßt; der jüngere Harlan dient unter dem Namen Christoph Wendelin als Hauptfigur des Schlüssel-Bandes, in dem sich der Populär-Romancier Habe ("Die Tarnowska") mit den Generationskonflikten von Nazi-Nachfahren befaßt.
"In der tragischen Hitler-Zeit", so resümiert Vater Harlan seine anekdotischen Erinnerungen, "... hat mich das Glück meines Berufes oft in unsagbarer Weise gesegnet."
Tatsächlich hatte Veit im Glück - das machen seine Memoiren deutlich - beim Dauer-Umgang mit dem Propagandaminister Joseph Goebbels und zuweilen mit dem Führer selbst kaum andere als Film-Sorgen. Für den Regisseur war Hitler ein Mann mit besonderer Atemtechnik. Harlan: "Dieser Atem war es auch - das war mir klar, der seine Suggestionskraft ausmachte und der seinen Augen etwas Elementares gab."
Und seinem Minister - Goebbels beaufsichtigte auch als Drehbuch-Lektor die NS-deutsche Filmproduktion - war Harlan trotz vieler gegenteiliger Beteuerungen wohl nur einmal richtig gram: als Goebbels schriftlich verlangte, Harlan möge die tschechische Schauspielerin Lida Baarova heiraten.
Die Baarova war lange Zeit die Geliebte von Goebbels, bei Hitler aber als Undeutsche unbeliebt. Goebbels wünschte deshalb, Harlan solle die Tschechin durch Heirat eindeutschen und sich gleich anschließend von ihr scheiden lassen. Da aber erwachte in dem Filmregisseur Widerstandsgeist - denn er wollte gerade seine dritte Ehe schließen, mit Kristina Söderbaum. Harlan in seinen Memoiren über das Ansinnen des Ministers: "Eine so namenlose Niedertracht und Nichtachtung ..."
Er heiratete die Schwedin Söderbaum und gab ihr fast alle weiblichen Hauptrollen in seinen Filmen, von "Immensee" über "Jud Süß" bis "Kolberg". Harlan drehte 20 Filme in zehn Jahren, die meisten wurden mit Prädikaten wie "staatspolitisch und künstlerisch besonders wertvoll" ausgezeichnet. Wann
immer Goebbels das Drehbuch ändern ließ oder ein neues Finale verlangte, ging Harlan "bis an die Grenze meiner Möglichkeiten". Auch, beim "Jud Süß".
Das Unglück seines Berufes empfand er ernstlich erst nach dem Krieg. Denn zwar wurde er zweimal von der Anklage freigesprochen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben; seine neuen Filme jedoch, darunter der nazioide Homosexuellen-Streifen "Das dritte Geschlecht" (auch: "Anders als Du und ich"), wurden nicht mehr als besonders wertvoll gewürdigt.
Als Harlan 1964 auf Capri am Krebs verstarb, entschied die "Deutsche National-Zeitung": "Es war schon lange um ihn still geworden ... Nun gibt es keinen Fall Veit Harlan mehr."
Es gibt dafür nun den Fall Christoph, dargestellt von Hans Habe, der schon vor sieben Jahren in "Bild" an Thomas Christoph Harlan schrieb: "Für mich - und viele andere gewiß - sind Sie das junge Deutschland."
Habe, in Ascona engagierter Anti -Antisemit, hat das Leben des jüngeren Harlan - er stammt laut Harlan-Autobiographie aus Vater Veits Ehe mit der Schauspielerin Hilde Körber - zur Vita des romanhaften Christoph Wendelin verschlüsselt.
Christoph ist das gebrannte Kind von Richard Wendelin, vormals prominenter NS-Filmregisseur und bekannt vor allem durch das Lichtspiel "Ritualmord". Mit diesem antisemitischen Film meint Habe den "Jud Süß", benutzt als Vorlage jedoch das gleichnamige anti antisemitische Drama von Arnold Zweig über einen historischen Ritualmord-Prozeß in Ungarn.
Am Romananfang erlebt Christoph mit, wie sein Vater den Prozeß um die eigene Vergangenheit gewinnt. Der Sohn flieht unter dem falschen Namen Abraham Avni aus Deutschland in einen israelischen Kibbuz, lernt dort Martha, die Tochter eines jüdischen Pianisten, lieben, kehrt zurück, flieht - immer vor seinem Vaterkomplex - über Warschau nach Budapest und schreibt dort ein Anti-"Ritualmord"-Stück zur Wiedergutmachung.
Wieder in München, läßt Christoph seinen ungarischen Freund János Varga das Dokumentarstück inszenieren; während der Proben gibt Varga auf, und Christoph, heimlich geführt von Vater Richard Wendelin, lenkt die Regie bis zur Premiere; sie bringt Skandal und Erfolg zugleich.
Kurz vor Buchschluß stirbt Richard Wendelin ar Herzinfarkt. Sohn Christoph gibt kurz nach der Premiere die Flucht vor sich selber auf.
Autor Habe hat diese Handlung nicht ganz erfinden müssen. Wie sein Roman -Christoph hat der reale Thomas Christoph Harlan eine Israel-Tour mit falschem (türkischem) Paß s und Namen (Isitzah) hinter sich; allerdings nicht in einen Kibbuz mit Pianistentochter, sondern um mit Freund Klaus Kinski in Israel zu filmen.
Der junge Harlan war auch in Warschau, und er schrieb das Getto-Stück "Ich selbst und kein Engel"; das der polnische Regisseur Konrad Swinarski 1958 in West-Berlin inszenierte. Und Harlan machte Skandal, als er, nach Swinarskis Rückzug von den Proben, Vater Veit an der Regie beteiligte.
Mehr als diese Parallelen aber machen Habes neuesten Roman - Stil wie gehabt - nicht interessant.
Und auch das Vorbild des Habe-Helden, Thomas Christoph Harlan, will über "Christoph und seinen Vater" am liebsten gar nichts sagen, denn er ist "die ganze Geschichte schrecklich leid".
Über die von dem Münchner Film-Journalisten Opfermann im Einverständnis mit der Harlan-Witwe Kristina Söderbaum herausgegebene Autobiographie Veit Harlans hatte der Sohn in Leserbriefen an den SPIEGEL (29, 32/1966) immerhin gesagt, sie sei "eine Fälschung" und "ein ziemlich kunstlos gebauter Türke". Dazu Opfermann: "Schwerwiegende Falschbehauptungen." Und Verleger Sigbert Mohn: "Ich habe das recht deutliche Gefühl, daß Thomas Harlan gern selbst die Arbeit an dem Manuskript seines Vaters durchgeführt hätte."
Über den Roman des Ascona-Einwohners Hans Habe sagt Ascona-Einwohner Thomas Harlan nur: "Habe war fair genug, mir das Manuskript vorher zu zeigen."
* Veit Harlan: "Im Schatten meiner Filme". Sigbert Mohn Verlag, Gütersloh; 296 Seiten; 19,80 Mark. - Hans Habe: "Christoph und sein Vater". Verlag Kurt Desch, München; 376 Seiten; 19,80 Mark.
Ehepaar Harlan, Kristina Söderbaum
Der Minister verlangte ...
Goebbels-Geliebte Lida Baarova*
... eine Heirat zur Eindeutschung
Sohn Thomas Christoph Harlan
Der Vater gewinnt den Prozeß ...
"Christoph"-Autor Habe
... um die eigene Vergangenheit
* Mit Hitler 1937 bei einer Sammlung für das "Winterhilfswerk".

DER SPIEGEL 41/1966
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