26.09.1966

Die Reichen in Deutschland

3. Fortsetzung
Wie sie wohnen
Die Haniels, Herren über Deutschlands älteste Eisenschmiede, die Gutehoffnungshütte, und der Haniel-Hausmeier Paul Reusch konnten einst Veit Harlan bei der Arbeit an seinem Kapitalisten-Epos "Der Herrscher" dienen: nicht so recht als Vorbild, doch als Besitzer des erforderlichen Hintergrundes. Der Herr über Haus und Hütte wurde von Emil. Jannings dargestellt, als Kulisse des Reichtums aber fand die Tobis damals schon nichts Besseres als die Werkskantine der Gutehoffnungshütte, ein Backstein -Palais, das die Herrenhäuser der wirklichen Industriebarone weit in den Schatten stellte.
Unversehrt steht dieses reiche, düstere Haus noch, wie damals inmitten einer vom roten Staub der Thomas-Konverter überpuderten Eisenhütten-Landschaft. Nun ist es Kantine des im Prozeß der Konzern-Entflechtung aus dem Hanielkonzern herausgeschälten "Hüttenwerkes Oberhausen" (Umsatz: 1,1 Milliarden), in dessen altdeutsch eichenem Vorstandsbüro unter einem Großvater-Porträt der 50jährige Bergassessor a. D. Klaus Haniel so dezent wie möglich herrscht. Von hier aus dient der musische, in München aufgewachsene Erbe auch als-Sachwalter der weitverzweigten Haniel-Sippe, deren Aktienbesitz an der gewaltigen Oberhausener Gutehoffnungshütte (letzter Jahresumsatz: 4,6 Milliarden) nach wie vor Imposant ist. Schon zu Tobis-Zeiten haben die Haniels bescheidener Hof gehalten, als es das Drehbuch vorschrieb. Klaus Haniel, der Enkel, hält es für angemessen, sich dem Lebensstandard des Durchschnittsbürgers noch weiter anzunähern; einen Wagen der Mittelklasse zu benutzen und in einem Häuschen zu leben, dessen Bescheidenheit an einen Buchhaltungschef denken läßt. Kärglicher noch als der junge Haniel hauste der bisherige Gutehoffnungs -General Hermann Reusch auch er ein Erbe auf dem Vorstandssessel, den schon sein Vater im Dienste der Haniels besetzt hielt. In zwei Jahrzehnten des wundergleichen Wiederaufstiegs gab er sich demonstrativ zufrieden mit der Hälfte eines Reihenhauses, in das ursprünglich eine britische Zwangsevakuierung ihn verschlagen hatte.
Zur Muße freilich fuhr der martialisch schlichte Wacholder-Trinker, die unentbehrliche "Montechristo" -Importe zu 6,60 Mark zwischen den Zähnen, aus dem ungesunden Revier in seine schwäbische Stammesheimat, wo er sich bei Backnang das vom Vater ererbte Schloß "Katharinenhof" für eine Million Mark zum standesgemäßen Alterssitz hat aufmöbeln lassen. Denn das Jahreseinkommen des Haniel-Dieners Reusch überstieg eine Million Mark.
Die wieder heimgekehrten Herren der Ruhr zogen sich in den Tagen des Jammers eine beinahe süchtige Vorliebe für ein etwas schlichteres Leben zu, an dem sie zumeist noch immer Gefallen finden.
Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, den Arbeiter deutscher Zunge -
nach diskreten demoskopischen Untersuchungen der Industrie - wie einen heimlichen Kaiser der deutschen Wirtschaft verehren, wollte nicht mehr im Pomp der Villa Hügel zu Hause sein, mit der ihn außer bitteren Kindheitserinnerungen nichts verbindet. Im Park um den Palast der Vorfahren, den Ostblock-Regisseure mit freundlicher Erlaubnis der Firma als unübertreffliche Kulisse des Kapitalismus schätzen, wurde dem Erben Alfried ein Bungalow erbaut, der den Gedanken an Repräsentation nicht aufkommen läßt.
Wären nicht Bilder und einzelne Möbelstücke, die dem Kenner den erhabenen Stand der Finanzen verraten, am Zuschnitt der Häuser wäre er nicht mehr abzulesen Der Klöckner-Erbe Dr. Günter Henle bewohnt am Kaiserberg in Duisburg eine neue Villa mit flachem Dach und kleinem Garten am Hang, in der eine Galerie von niederländischen Meistern alten Reichtum und erlesene Kennerschaft verrät, mehr als ein Dutzend Gäste sich aber bei Tisch kaum unterbringen läßl.
Gräfin Anita de Zichy, in Argentinien eingebürgerte Erbin des Thyssen-Vermögens, trennte sich vom niederbayrischen Familienschloß Puchhof und erkor zu ihrem deutschen Wohnsitz ein bäuerlich anmutendes Haus am Tegernsee, in dem nur eine Auslese aus Puchhof mitgebrachter Möbel - darunter eine Kommode des Neuwieder Rokokotischlers Roentgen und Meisterwerke von Fragonard und Rujsdael - Zeugnis geben vom unermeßlichen Vermögen der gelähmten, immer von fürsorglichen Freunden umschwärmten Frau.
Das Schwimmbecken der Multimillionärin könnte sich im Garten eines jeden Bankprokuristen befinden, und der Blick auf die bayrische Landschaft hält den Vergleich mit der Aussicht von Ludwig Erhards kleinem Ferienbungalow am Tegernsee bei weitem nicht aus. Rudolf August Oetker. Herr über 62 Schiffe und 14 Brauereien, in dritter Ehe mit einer Aristokratin verbunden, kaufte sich zwar eine denkmalswürdige Hamburger Aristokratenvilla und unterhält ständige, höchst luxuriöse Nebenquartiere auf Juist und in London; doch statt des fürstlichen Bielefelder Stammhauses, in dem seine Eltern und zwei Geschwister bei einem Luftangriff umkamen, bewohnt der ungleich reichere Erbe nur noch das Gartenhaus.
Philipp Fürchtegott Reemtsma beauftragte 1928, nachdem er mit der Schnelligkeit eines hungrigen Raubfisches in fünf Jahren die absolute Vormacht auf dem deutschen Zigaretten-Markt an sich gerissen hatte, den avantgardistischen Architekten Martin Elsaesser, für ihn, koste es, was es wolle, in Hamburg einen Herrensitz zu entwerfen, dessen Linie den Erkenntnissen der modernen Architektur musterhaft Rechnung trüge.
Als er nach dem Krieg ziemlich geknickt aus alliierter Haft hervorkam und seinen zertrümmerten Konzern wieder aufzurichten begann, fand er, dieser repräsentable Bau aus Glas und Chromstahl, der noch immer kühn und kühl anmutet, entspreche nicht mehr dem gesellschaftlichen Stil einer auf den Nullpunkt zurückgeworfenen Industrie.
Am Ufer der Elbe baute er sich ein nicht gerade kleines Landhaus von biederem Stil, in dem seine Erben heute mit kostbarem Hausrat diverser Stilrichtungen ein zurückgezogenes Leben führen. Der Glaspalast seiner frühen Macht verwandelte sich in ein Kasino seines schnell wieder blühenden Konzerns.
In der Schwimmhalle wurde das steinerne Becken zugeschüttet. Wo einst der mächtige Philipp Fürchtegott im temperierten Wasser plätscherte, rühren nun die Angestellten seiner Firma in der Suppe. Die eleganten Büropaläste der Reemtsma-Verwaltung beherrschen den ehemaligen Privatpark.
Dieser Wandel des architektonischen Gesichtes ist bezeichnend für einen Wandel kapitalistischer Gesinnung in der Bundesrepublik. Wo früher der Besitzer Wert darauf legte, sich selbst und seinen Stil aller Welt ins Bewußtsein zu rücken, eine Galionsfigur der von ihm beherrschten Firma zu sein, überwiegt nach einer kaum vergessenen Talfahrt die Neigung, den eigenen Lebensbereich hinter der strahlenden Kulisse der Firma im Schatten zu halten: vielleicht sogar die unberechenbare Umwelt vergessen zu machen, daß es dahinter den persönlich profitierenden Kapitalisten noch gibt.
So stark war ursprünglich unter den Reichen der Zug zum Stil einer neuen Zeit, daß sich Gustav Schickedanz, der Besitzer der Quelle, auf der ersten Höhe seines Erfolges im Versandhandel einst ein streng modernes Haus hinstellte, mit dem sein komplettes Speisezimmer aus weiß- und goldgefaßten Barockmöbeln sich nicht wohl vertrug. Nach dem erneuten Aufstieg baute er um und bekam nun etwas, das den alten Möbeln und der neuen Ära gemäß schien: ein reiches, reichlich konventionell anmutendes Bürgerhaus von den inneren Ausmaßen eines kleinen Palastes. Eine Mauer mit unüberwindlicher Torsicherung trennt den hügeligen Park, in dem auf rotgeteerten Wegen Fasane stolzieren, von jenem Fürther Industrie-Panorama, das der Hausherr als die Szenerie seines Lebenserfolges am liebsten um sich weiß. Natürlich kann er sie sehen, ohne gesehen zu werden.
Eine Etage unter der eigenen Kunstgalerie, in der man auch ein Fernsehgerät findet, ertüchtigt der alternde Handelsherr seine immer noch sportliche Konstitution im 80 Quadratmeter großen Schwimmbassin der eigenen Badehalle. Ein weiteres Becken befindet sich im Park, der im vergleichenden Beobachter mancherlei Erinnerungen an die Gärten anderer Reicher Deutschlands weckt: die gleichen Sandsteinplatten, die unbenutzten weiten Rasenflächen, die Zierbeete mit dem Teuersten, was die Natur an Stauden hervorbringt, die Steinvasen und Putti aus dem Barock, die staubfreien Parkplätze und Zufahrten, auf denen Autos noch wahrhaft zur Geltung kommen, die Terrassen, wie geschaffen für jene Sommerfeste, zu denen sich die Besitzer dann doch nicht entschließen.
"Hier, hab' ich immer gedacht, müßte man einmal feiern, mit kleinen Schirmchen und Tischen", sagt Gustav Schickedanz, und seine Augen messen in milder Zerstreutheit die steinerne Fläche ab, "es kommt dann nur nicht dazu ..."
Keiner der deutschen Milliardäre hat sich einen Avantgardisten wie Elsaesser ins Haus bestellt, wenn es galt, sich neu zu etablieren. Das Bedürfnis, dem Volke vorzuwohnen, das Bundeskanzler Ludwig Erhard mit seinen beiden von Sep Ruf entworfenen Bungalows in Tegernsee und in Bonn noch so ergreifend bekundet, teilen die obersten Nutznießer seiner Wirtschaftspolitik nicht. Gemütlich, nicht kühn wünschten sie für sich selbst zu bauen.
Nun ist die Gemütlichkeit freilich häufig recht umfänglich geraten für einen häuslichen Lebenszuschnitt, der seine Verwandtschaft mit den Wohnstuben-Idealen des deutschen Kleinbürgers nicht verleugnet.
So überlegt denn der Umsatz-Milliardär Schickedanz, wenn er mit seiner Frau gelegentlich abends gegen neun, halb zehn, ausgelaugt von den Geschäften, heimkommt, ob man nicht doch vielleicht durch den Souterrain-Eingang in die Küche gehen und sich selbst etwas Verpflegung aus dem Eisschrank holen soll. Doch in der Halle, unter edlen Stilerzeugnissen der Gotik und des Barocks, halten die Bediensteten noch Wache.
Zu den wahrhaft glücklichen Stunden zählt der steinreiche Kaufmann. Konsul und Ehrendoktor die im groben Gärtner-Gewand, in denen er das Bier endlich wieder, wie er es ausdrückt, aus "Gefäßen trinkt, die nicht so vornehm sind" - kurzum: die Flasche direkt zum Munde führen darf.
Als Firmen-Gründer von einem tiefen puritanischen Besitzstolz liebt er die Erzeugnisse seines kaufmännischen Genies wie ein Kunstwerk und will auch den Arbeitsplatz, von dem er sich nur ächzend löst, umgeben sehen von den künstlerischen und handwerklichen Lichtblicken verflossener Epochen. Sein Büro in der Fürther Zentrale bietet als Entschädigung für den etwas unergiebigen Blick aufs Nachbarhaus eine Zusammenballung musealer Erbauung und erscheint insofern als organische Fortsetzung der 15 Auto-Minuten entfernten mächtigen Intimsphäre. Der gotischen Skulptur eines Richters neben dem wertvollen Arbeitstisch spricht er sogar einen gewissen Einfluß auf seine Entscheidungen zu: "Wenn ich was gemacht habe, dann habe ich das Gefühl, er sieht mich so merkwürdig an."
Kunst im Büro gilt in Deutschland noch als Seltenheit, nicht, wie in manchen US-Konzernen, als Statusmerkmal gesteigerter Wichtigkeit. Von den meisten deutschen Unternehmern wird sie daraus sogar planmäßig ferngehalten: in der Absicht, sich nicht unnütz von der faszinierenden Tätigkeit ablenken zu lassen. Aber auch, weil das Beste ja immer noch nach Hause gehört.
Was den Herren der Ruhr die düsterspießige Büromixtur von Eiche und Gummibaum, ist Besitzern im übrigen Lande meist das teuere, kühle Flair von Chrom, Glas, Leder.
Der Vorsitzende des Continental-Aufsichtsrates, Karstadt - Großaktionär, Boots-Hersteller und Opel-Großhändler Dr. h. c. Georg von Opel, stets darauf bedacht, seinem bleischweren Reichtum zum Trotz ein origineller Mensch zu bleiben, arbeitet in einer Klause mit Blick auf einen Frankfurter Garagenhof. Mit hellen, hausbackenen Sitzmöbeln hat er sie nach eigener Eingebung arbeitsfreundlich gestaltet. Seinen Schreibtisch muß man sich als eine Fortentwicklung der Fensterbank denken, eine asymmetrisch geschwungene Spezialanfertigung, gestützt durch einen Fuß aus Plexiglas.
Der mit diesem Opel auch geistig verwandte Ernst Wilhelm Sachs, Sohn einer Elinor von Opel, leitet in Schweinfurt seinen Kupplungs-, Stoßdämpfer- und Zweitakt-Konzern ebenfalls aus einem engen, farbenfroh modernen Oberstübchen. Eine erfrischende Kombination von weißem Kunststoff, rotem Bodenbelag und teueren Furnierhölzern verrät dort allerdings die Hand eines routinierten Innendekorateurs.
Zu Hause aber ruhen Opel wie Sachs lieber unter den Kostbarkeiten vorindustrieller Epochen.
Opel nannte sein 1950 im Taunus, erbautes Eigenheim seines erdrückend antiquarischen Inhalts wegen das "Gotische Haus"; Zimmerpflanzen und eine schwere Dosis von Blumenmustern auf Teppichen und Polstergruppen mögen den Betrachter verwirren, dann aber erkennt er: Der Grundriß ist keineswegs von gestern.
Ernst Wilhelm Sachs trinkt unter einer Barock-Pendule den Aperitif und speist zwischen Ölbildern der Niederländer Avercamp, Jan Brueghel (d. Ä.) und Koninck, die abends von verborgenen Lichtquellen in der Zimmerdecke und in den alten Rahmen eine magische Helligkeit empfangen; eines, heißt es, hing einmal in Karinhall.
Barock herrscht in der Intimsphäre des neuen wie des überkommenen Reichtums vor: beim Fürther Radiomann Max Grundig repräsentiert es - mit alten Putti und neuen Polsterwülsten - den hohen Standard ebenso wie beim ausgeschiedenen Kasseler Henschel-Halbgott Fritz-Aurel Goergen oder bei der hanseatisch sparsamen Schiffsreederin Elsa Eßberger, bei der die Aubusson-Teppiche unter Plastik-Überzügen geschützt liegen.
Ohne ein bißchen edle Schnörkelei im Raum geht es nicht einmal bei den kundigen Sammlern, gegenstandsloser Malerei - etwa beim hannoverschen Schokoladen-Sprengel oder dem Düsseldorfer Kohlensäure-Fabrikanten Ernst Georg Schneider, der im Oberstock seines Odol-Bürohauses ein firmenverbundenes Junggesellen-Domizil besitzt: Von der Zimmerdecke herunter strahlen aus einem rechteckigen Rahmen die undefinierbaren Farbkringel des zeitgenössischen Genies Ernst Wilhelm Nay; in einer Nische bestrahlen zwei reichgeschwungene, elektrisch installierte Altarleuchter den dramatischen Faltenwurf einer Madonna, an der es noch nichts Gegenstandsloses gibt.
Die Aristokratie liebt vor allem Zimmer bis hin zum Louis XVI., komplett und ohne die bequemen Zutaten der neuen Architektur, wie Bürgerliche sie schick finden; manchmal erweckt das den Anschein, als habe unter anderem auch die Tischlerkunst nach 1789 für sie aufgehört, diskutabel zu sein.
In Hamburgs reichen Häusern ist es mehr das englische Mobiliar von Queen Anne bis Chippendale, das vor Feuerstellen und Blumenfenstern den Stil der Elite krönt, im übrigen Deutschland schätzt man eher heimische Konvenienzen.
Der chilenische Generalkonsul Bruno Schubert, reich durch-Bier und Pepsi-Cola, erklärt zum barocken Interieur seiner neuen Villa im Garten des Frankfurter Henninger-Bräu, an der von 1954 bis 1958 unentwegt gebaut wurde: "Zu der Zeit konnten wir gerade ein paar schöne Sachen kaufen."
Mindestens ebenso stark wie ein Bedürfnis nach Stil bestimmt die verlockende Gelegenheit zum Erwerb, zur schönen Geldanlage die Richtung der Einrichtung. Das Haus paßt sich den Möbeln an, die, ob nun ererbt oder gerade ersteigert, als eine Art Kultursubstanz des Reichtums empfunden werden.
Umgekehrt ist es nur selten: etwa bei dem verschwenderischen Einzelgänger
Helmut Horten, der seinen Düsseldorfer Wohnsitz in Lohausen bei allem Luxus kaum weniger sachlich gestalten und möblieren ließ als sein gläsernes Verwaltungszentrum am Düsseldorfer Seestern. Oder beim patriarchalischen Wuppertaler Farbenhersteller und Liebhaber-Pädagogen Professor Kurt Herberts, dem die Lehre des Anthroposophen Steiner so nahegegangen ist, daß er in seiner unmittelbaren Umgebung keine Ecken mehr haben mag. Für einen reichen Bauherren kein Problem: In Herberts Direktionsbüro und in seiner Villa, die außer ihm, Frau und Haushälterin einen Schatz an expressionistischer Malerei beherbergt, gibt es eben keine
Ecken mehr; dort hat selbst die Toilette weltanschauliche Formen angenommen. Deutsche Multimillionäre teilen mit dem übrigen Volk den unabdingbaren Wunsch, auf eigener Scholle, unter dem eigenen Dach zu wohnen, möglichst eindeutig separiert vom nächsten Deutschen. Sie schätzen es wenig, Nachbarn zu sein, und noch weniger, mit anderen Menschen, gar mit weniger reichen, einen Grundriß oder den Lift gemeinsam zu haben. Zudem bietet keine der deutschen Großstädte bisher Appartementhäuser, deren Adresse, Höhe und Komfort den Anforderungen sehr reicher Bundesbürger auf die Dauer gerecht würde. Auf das Hausdach ging vorerst lediglich ein reicher Hausmakler mit Familie: der Hamburger Robert Vogel stellte für 1,2 Millionen Mark einen Fünf-Zimmer-Bungalow auf den 47 Meter hohen, von seiner Firma erbauten Büroturm der BAT.
Wo hingegen eine einwandfrei vornehme Lage geboten werden kann, machen die besten Kreise schon auch Ausnahmen. Rudolf August Oetker hält sich in London eine Wohnung, Prinz Johannes von Thurn und Taxis baute sich sogar in einem niederen Nebengebäude der Regensburger Stammes -Residenz eine luxuriöse Junggesellen -Wohnung aus; mit einer Auslese aus der musealen Möbelpracht des Fürstensitzes, den für aristokratische Einrichtungen typischen, gestreiften Sofabezügen aus Seide und einem Brünnlein im Foyer gab er dem Dasein im Schloß ein flotteres, freilich immer noch recht gravitätisches Gepräge.
Und Gunter Sachs richtete einen großen Teil seines Gestaltungstriebes lange Zeit auf seine Wohnung in der Pariser Avenue Foch. Es inspirierte ihn ungemein, daß man ihm für seine 500 000 Mark einen leeren Grundriß von 400 Quadratmetern präsentierte, an dem er schöpferisch werden konnte wie bei der Konzeption seiner Mic-Mac-Hosen.
Was er daraus, eine Etage unter der Pariser Eigentumswohnung der Fürstin Gracia von Monaco, gemacht hat, mit Hilfe von Pop-Art und Picasso, ganz neuen Genies und ganz alten Kommoden aus Frankreich, darauf bildet er sich, wie er mir zugab, schon etwas ein. Ehrensache, daß auch er sich nicht mit einer gewöhnlichen Toilette abfand, sondern mit Hilfe von Spiegeleffekten dort die Sinnestäuschung auszulösen versteht, als befände man sich im Hof eines Palastes.
Darin, wie die Reichen bauen, spiegeln sich oft deutlicher als in allem, was ihnen über die Lippen geht, ihre Einstellung zur Gesellschaft, Unsicherheit und ein heimlicher Machtanspruch.
Der spröden Zurückhaltung im öffentlichen Auftreten des Versicherungs-Unternehmers Hans Gerling steht die hochfahrende Dimension der Verwaltungsgebäude gegenüber, die er den Kölnern am Gereonshof bescherte: eine Stadt in der Stadt, atembeklemmend nebeneinander getürmte Zwingburgen aus edelsten Baustoffen, ganz im heldischen Geiste von Arno Breker und durch Skulpturen dieses Meisters reichlich gekennzeichnet. Mit Chorgesang und Symphoniekonzert hat der Reiche Gerling diese Spur von seinen Erdentagen enthüllen lassen.
Von der Höhe seines 15stöckigen Machtkomplexes regiert leise der hagere Versicherungsherr selbst, Mitglied diverser Aufsichtsräte, des Tennis -Clubs Rot Weiß, Golf-Clubs, Rochus -Clubs, Industrie-Clubs, und dazu Königlich schwedischer Generalkonsul; am Feierabend kehrt er in eine wilhelminisch altmodische Villa nach Köln-Marienburg zurück.
Auch der Lederwaren-Hersteller Jakob Müller aus Kirn an der Nahe legte beim Aufbau seiner deutschen Produktionszentrale einen Bauwillen an den Tag, der Erinnerungen an die Reichszeugmeisterei wachruft. Für sich selbst schuf der Reiche Müller, Besitzer eines Mercedes 600, dreier weiterer Mercedes-Modelle, eines Volkswagens und eines Opel Kadett, ein Eigenheim, das schon dadurch unscheinbar wirkt, daß es den Blicken der Mitbürger entzogen ist. Es entstand auf einem zu diesem Zwecke erst aufgeschütteten Hügel, mauerumgürtet. Zwei Schwimmbecken stehen zur Verfügung: eines unter Dach, eines im Freien. Dazu ebenfalls zwei Bars: eine für den Vater, eine für den Sohn.
Der heimkehrende Hausherr pflegt den Tor-Mechanismus seines unnahbaren Besitzes zu bedienen, indem er eine Ultraschall-Pistole darauf richtet. Auch an den Fall, daß es zu einem kleinen Atomkrieg kommen sollte, hat Jakob Müller beim Bauen gedacht. Das Asyl unter seinem Hause dient zur Zeit als Lager für Weinflaschen. Durst fürchtet der Hausherr mehr als Krieg. Früher war er Maurer von Beruf.
Wie er dachte Harald, der jüngere der Gebrüder Quandt, als er nachträglich den häuslichen Komfort in Bad Homburg durch die Anlage eines strahlensicheren Bunkers erhöhte. Der fleißige, nicht sonderlich musische Konzern -Erbe, knauserte nicht beim Neubau dieses Hauses und nutzte für dessen Ausstattung den letzten Stand der Technik: Für ihn wird das Fernsehprogramm in einem Vorführraum wie Kino auf eine Leinwand projiziert, falls er es nicht vorzieht, es vom Bett aus auf einem Bildschirm in der Schlafzimmer-Decke zu verfolgen.
Vier Musikboxen stehen im Keller bereit, ihre Nummern an die Stereo-Lautsprecher im endlosen Wohnraum abzugeben. Von einem Telephon in der Bar, wo dreißig Personen bequem Anlehnung finden, wird das musikalische Programm durch Wählen von Ziffern gesteuert. Langsam, wie im Kino, verlöschen die Lichter. Langsam und automatisch versinkt die Wand zwischen Bar und Wohnhalle, wenn man es will.
Mittels Schießstand und Kegelbahn, selbstredend vollautomatisch, mittels Billard und Pingpong wird im Keller gegen Langeweile gekämpft. Steigt der scheue Konzernherr, der zu Hause am liebsten Blue Jeans trägt, in die Wanne, so wird er ans schöne München erinnert: Das Muster für sein Mosaikbecken steht im Fürsten-Appartement des Hotels Bayerischer Hof.
Fünf Millionen und mehr in ein Haus zu stecken, bedeutet für die reichen Konzernherren der Bundesrepublik keine nennenswerte Belastung, obwohl sie sich Mühe geben, solchen Aufwand nicht nach außen zu kehren. Sie wohnen infolgedessen bei aller Bescheidenheit meist etwas schöner, als "Schöner Wohnen" es empfehlen darf. Durchmessen auf lautlosen Teppichböden Wohnräume von 300 Quadratmetern, von denen einer schon ausreichen würde, vier nette Drei -Zimmer Wohnungen daraus zu schneiden. Leisten sich ein geheiztes Schwimmbad und zum Garten hinaus Fenster von Kaufhof-Format, die durch einen Elektromotor bei Bedarf in den Keller gezogen werden. Daß einer der Großen wie Max Grundig nur eine Sauna für die Gesunderhaltung besitzt, zeugt von seltener Bescheidenheit und täuscht auch ein bißchen: Neben seinen Gutshof bei Bad Tölz hat der reiche Akkordarbeiter aus Fürth schon ein hübsch ausladendes Tee- und Badehaus mit Schwimmhalle gepflanzt.
Zur Straße hin schirmen sich die neuen Milliardärs-Häuser mit den herben Möglichkeiten der neuen Eigenheim-Architektur gegen unerwünschte Wohlstandssehätzungen ab. Viele erinnern in ihrer hochgeschlossenen Schlichtheit eher an ein Heim für ledige Mütter als an das Wohnern der beati possidentes.
Böse Hunde erweisen sich bei dieser
defensiven Bauweise nicht mehr als unentbehrliche Hausgenossen. Die Aufgabe der possierlichen Pudel-Tiere, an denen breite Selfmade-Naturen wie der Verleger Franz Burda oder der Versandkauf mann Gustav Schickedanz hängen, ist nicht die Wachsamkeit, sondern Gefolgschaftstreue. "Menschen", sagt Schickedanz, "haben mich so oft enttäuscht. Tiere noch nie!"
Hunde bedrohlichen Formates begegnen dem Ungebetehen noch bei Friedrich Flick, der ein prächtiges altes Palais bei Düsseldorf erworben hat und dort außerdem stets ein paar kräftige Männer in Trainingsanzügen verfügbar weiß, um den fürstlich anmutenden Park gegen Eindringliche abzuschirmen.
Helmut Horten unterhält in Düsseldorf-Lohausen neun versteuerte deutsche Boxer und Doggen, was allerdings eher auf seine Tierliebe als, auf sein Schutzbedürfnis zurückzuführen ist. Ein ganzes Zimmer seiner Villa ist seinen Papageien vorbehalten, und durch die Panorama-Scheiben besänftigen den Förderer des Duisburger Tiergartens die gravitätischen Bewegungen der Flamingos in seinem Park.
Der Lebenskünstler Georg von Opel wollte noch mehr Exotik vor seinem "Gotischen Haus" bei Kronberg und schüttete eine Arche-Noah in die milde Taunus-Landschaft - einen Zoo. Wegen der, Enten, sagt er, nur wegen der Enten habe er sogar auf den Bau eines Schwimmbeckens verzichtet.
Und er wollte nicht für sich allein das Paradies genießen, sondern gab seinen Tiergarten frei für den Besuch der Allgemeinheit, die es ihm - 300 000 Menschen im Jahr - besser lohnte, als reiche Leute befürchten könnten. Sie verschonten die Landschaft von ihren Papierabfällen und statten dem menschen- und tierfreundlichen, Kapitalisten gelegentlich sogar schriftlichen Dank ab.
Opel ist der einzige wahrhaft reiche Mann in Deutschland, der ein Vergnügen daran findet, die weniger Wohlhabenden näher an seinen vornehmen Lebensbereich heranzuziehen, als es unumgänglich nötig wäre. Die übrigen haben meist sogar Vorbehalte gegen die bloße Abbildung ihres schönen Heimes in einer Architektur-Zeitschrift. Jedenfalls finden sie es nahezu ausnahmslos richtiger, ihren Namen weder im Adreßbuch noch am eigenen Briefkasten auftauchen zu lassen.
Eine Sonderrolle hat in dieser Hinsicht der Finanzier Rudolf Münemann übernommen, der im Münchner Telephonbuch nicht nur Anschrift und häusliche Rufnummern, sondern auch die Rufnummern bekanntgibt, unter denen man ihn unterwegs erreicht: in seinen Cadillacs oder auf der großen Motorjacht, mit der er an heißen Sonntagen den Starnberger See durchpflügt, im Deckstuhl demonstrativ seine dicke Zigarre tauchend (während seine Frau in illustrierten Schriften blättert).
Münemanns Münchner Privathaus muß jeder finden können. Denn der Makler hat es, familienverbunden wie er ist, zu seinem Geschäftshaus erweitert. Ein konservativer Klotz mit 80) Räumen, befindet es sich nun in einem offenbaren Mißverhältnis zu einem spärlichen Dreieck von Grundstück, in dem am kleinen alten Schwimmbecken Mutter Münemann ihren Teeschwatz, mit der Fürstin Esfandiary abhält. Vor den Direktionsräumen spielt sich Familienleben ab. Und jene erstklassig nachempfundenen Stilmöbel, die in der Plüschatmosphäre des privaten Sektors dominieren, machen auch den geschäftlichen Teil der Villa zur Sehenswürdigkeit. Im Souterrain des Geschäftshauses wurde einst für die globetrottende Tochter ein sogenanntes eigenes Reich geschaffen: eine ArtHausmeister-Wohnung von höchstem Niveau.
In diesem Hause, von dem er einst
am Anfang seiner Erfolge überzeugt war, es sei das schönste weit und breit, wurzelt die Existenz des eisenharten Geldbeschaffers, der seinen ästhetischen Ansprüchen von damals treu und ein Biedermann geblieben ist. Ihm reichte es, Frau und Tochter zu schmücken; da konnte man sich den häuslichen Stilwandel schenken.
Eine andere Symbolfigur neuen Reichtums, der Düsseldorfer Gebrauchtwagen-Händler Wilhelm Becker, bewohnt in ähnlicher Treue ein Reihenhaus, in dem seine Bewunderer einen so alerten Cadillac-Fahrer kaum vermuten würden. Sich in größere Verhältnisse einzuleben, zaudern die vom großen Boom emporgetragenen Erfolgsnaturen gelegentlich, als wollten sie sich um keinen Preis lösen vom Mutterboden des alten Milieus.
Friedrich Jahn vom Wien erwald hat am Besitz eines eigenen Hausstandes so wenig Geschmack gefunden, daß er sein kaum erworbenes Einfamilienhaus in München-Obermenzing wieder abzustoßen wünschte und nun nur noch in eigenen Gasthäusern leben will. "Und wenn amal kein Bad da ist", bekennt er sich zu seinem leichten Gepäck, "bittschön, dann bad' ich eben amal nicht."
An der Hamburger Elbchaussee stand Jahre hindurch die verlockende Residenz des gestürzten Werftbesitzers Willy Schlieker für eine knappe Million günstig zum Verkauf. Aber von den vielen, deren Vermögensverhältnisse diesem Niveau spielend gerecht würden, wagte keiner, das allzu bekannte Schatzkästchen zu übernehmen.
Auch an den Häusern wird offenbar: Die gemeinsame Annehmlichkeit großer Gewinne, eines Besitzstandes, der sie zwangsläufig in die vielfältigste Vertrautheit wirtschaftlicher Verflechtung hineinschob, hat dennoch aus den wahrhaft Besitzenden in Deutschland keine Schicht mit verbindlichem Lebensstil gemacht.
Der Junggeselle Ernst von Siemens wohnte die letzten zwanzig Jahre über bei seiner Schwester in einem alten, düsteren Landhaus am Ufer des Starnberger Sees, von dem die Nachbarschaft sich noch heute erzählt, wie es den
amerikanischen Eroberern vorübergehend zur sexuellen Truppenbetreuung diente.
Er hat in schäbiger Kluft seinen Garten bestellt und es nicht einmal für nötig befunden, sich das flache, steinige
Ufer durch einen kleinen Badesteg zu
verbessern, während die meisten anderen Anlieger dieses Sees der Millionäre über weit hinausgeschobene Bootshäuser verfügen. Erst vor kurzem entschloß sich der Alpenfreund, Musik- und Blumenkenner Siemens, weiter oben in der Voralpen-Landschaft der Oster-Seen einen reicheren Alterssitz anzulegen: mit Swimmingpool und Glasfronten zum Gebirge hin, in dem er sich, einer schweren Krankheit wegen, nicht unbehindert ergehen kann.
Philipp Rosenthal kaufte 15 Dauerlauf -Minuten von seinem Fabrikbüro im oberfränkischen Selb für etliche 40 000 Mark das heruntergekommene Schloß Erkersreuth und frischte es zu beneidenswertem Glanz auf. Das billige Prachtexemplar bewies, wie sich Sparsamkeit, feudaler Stil und sogar eine Spur Boheme zum Besten des Unternehmerbildes mischen könnten. Mit drei Kindern und der fünften Ehefrau tobt er nun in der Halle auf selbsterdachten Liegegestellen, und mit Gästen speist er im Rittersaal an einer vorzüglich bestellten Tafel, umgeben von alten Möbeln und schönen Gebrauchsgegenständen, die zusammenzutragen er mehr Geduld als Geld aufgebracht hat. Bei der Gestaltung übersah er nicht die Toilette, in die er säuberlich klebt, was über ihn gedruckt wird, also bald vielleicht auch dies.
Frohe Improvisation gehört sonst nicht zu den Stärken der reichen Leute in Deutschland. Sie betreiben ja auch nicht alle ein Geschäft, dessen Vorbedingung Geschmack wäre. Am liebsten halten sie sich an das Perfekte und eignen sich Improvisiertes allenfalls an, wenn man es bereits als perfekt bezahlen muß.
Einige leisten sich das Unvollkommene einmal in den Ferien, um sich von den Überdimensionen ihres Grandhotel-Alltags zu entspannen. Und ein wenig auch, um Gewissensforschung zu betreiben: Ob man wohl noch einmal leben könnte wie der gewöhnliche Mittelstand?
Farben-Unternehmer Kurt Herberts entfernt sich am Wochenende so oft wie möglich von seinem kantenlosen Wohnkomfort in Wuppertal, um auf einem Grundstück im Bergischen Land im Wohnwagen wieder Kraft für den auf seinem Produktionsgebiet besonders erbitterten Konkurrenzkampf zu sammeln.
Gustav Schickedanz, der in Chile eine Hazienda erwarb, und dort sogar schon zu Besuch war, besitzt auch noch ein Ferienhaus am Tegernsee; das war ein Pferdestall und riecht, sagt sein Besitzer, noch immer angenehm danach. Selten genug vertauscht der verwöhnte Herr seinen fürstlichen Aufenthalt in Dambach/Fürth mit dieser Zufluchtstätte, um noch aufregend zu finden, daß man sich da in allem selbst versorgt.
Berthold Beitz, Angestellter mit Millionen-Verdienst, hat keinen Immobilienbesitz. Sogar seine zum Ferienhaus umgebaute Kate in Kampen auf Sylt ist nur gemietet. (In seiner Dienstvilla am Baldenay-See bei Essen herrscht glatt soviel Komfort wie im Schaufenster eines erstklassigen Möbelgeschäftes.)
Doch sind das nur Ausnahmen von der Regel, sich den zweiten, den Feriensitz - über den praktisch alle verfügen - sowie häufig noch einen dritten oder vierten Hausstand mit sämtlichen Vorzügen auszustatten, die einer zweifelsfreien Liquidität gemäß erscheinen.
Aus bevorzugten Wohngegenden in der Heimat der Arbeit, wo sie sich bereits in der unverbindlichen Nachbarschaft ihrer Einkommensschicht aufhielten, zieht ein geheimnisvoller Magnetismus die Begüterten erneut in Gegenden, in denen der Multimillionär eine verbreitete Spezies ist: Kampen und St. Moritz, Tessin, Tegernsee und Côte d'Azur, die Jagdreviere der Hocheifel und des Chiemgaues.
Auf einer knappen westlichen Uferstrecke des von Abwässern verunreinigten, von Wasserski-Booten aufgewühlten Starnberger Sees siedelt eine ganze Kolonie von Multimillionären - vom jungen Flick bis zum Münchner Hutfabrikanten Zechbauer, von Ernst von Siemens bis zu Ilse Kubaschewski, deren Schwimmbad sich mit Hilfe hydraulischer Kräfte in eine Tanzfläche verwandeln ließe, wenn zum Tanzen jemand da wäre. Prinz Johannes von Thurn Lind Taxis gebraucht in dieser Gegend eines der Schlösser seines Stammes ("Ich weiß jetzt gar nicht", sagt er, "sind es 20 oder 18") zur Erholung und bekommt von der nahen Konditorei die Worte "Château Garatshausen" auf die Torten gespritzt.
Der parallel zum Starnberger See, fast genau so nahe an München und genau so lieblich in die Voralpen-Landschaft eingebettete Ammersee mit seinen stilleren, reinlicheren Gewässern scheint die Geld-Elite viel weniger zu locken.
Schon vor vierzehn Jahren, als der deutsche Tourismus noch im ersten Omnibus-Stadium steckte, kaufte der Millionär Dr. h. c. Georg von Opel, nebenbei Inhaber eines Jagdhauses in Tirol, sich auf der Suche nach einem geeigneten Platz zum Unterwasser-Fischen bei Marbella an der Südküste Spaniens an. Dwight D. Eisenhower und Prinz Alfonso zu Hohenlohe, der Fürst von Bismarck und Rudolf Münemann sind unter den vielen, einander weitgehend gleichgültigen Reichen, die nachfolgten und die Grundstückspreise dort auf das Achtzigfache hinauftrieben.
Dem Erholungs- und Sicherheitsbedürfnis vieler Reicher genügte es nicht mehr, sich in der regenreichen, strategisch etwas exponierten Heimat festgelegt zu wissen: Ein Schloß in Niederbayern zu haben wie der alte Bankier und Pferdekenner Friedrich Carl Freiherr von Oppenheim; ein Landgut in der Eifel wie der erfolgreiche Pferdezüchter und Dujardin-Hersteller Wilhelm Melcher; ein Jagdhaus in der Steiermark wie Friedrich Flick; einen ganzen Bergrücken mit Berghof, Jagdhaus und Berghütte wie die drei derzeitigen Oberhäupter der Sippe von Siemens, Hermann, Peter und Ernst.
Ernst Wilhelm Sachs, mit seinem-Bruder Gunter nach Vaters Selbstmord Erbe einer Weidmanns-Herberge, zu der nicht nur die Cranachs an den Wänden, ein Schützenhaus, ein Schießstand und ein Schwimmbad, sondern auch noch die Bergwälder des Brünnstein gehören, baute sich auf Ischia ein liebliches Ferienpalais an den Hang des Epomeo. Zu dessen Ausmaßen verhält sich das Bürgerhaus, mit dem sich der 36jährige Konzernherr in Schweinfurt zufriedengibt, wie ein Goggomobil zum Rolls-Royce.
Helmut Horten, dem die Liebe für alles Österreichische seinen schönen Herrensitz am Wörthersee zur zweiten Heimat werden ließ, fand eine dritte Heimat durch den Kauf des Riviera -Hauses von Monsieur Dubonnet. Wie sich die Café-Society der Côte d'Azur erzählt, hat das gewagt auf felsiges Küstengelände vorgeschobene Prachtstück nur eine Million gekostet.
Ähnlich anständig ist ganz in der Nähe Harald Quandt in einem eigenen Hause untergebracht. Während er daheim einen steinernen Bären mit der eingemeißelten Entfernung nach Berlin vor der Tür stehen hat, begnügt er sich im Süden damit, über dem Hausdach die Berliner Flagge zu hissen. Wie viele Reiche vermißt er die wahre Hauptstadt.
Die rechte Muße für den Süden, dem der benachbarte Lebenskünstler Curd Jürgens oder der um die Ecke in St. Tropez für 12 000 Mark im Monat zur Miete lebende Sachs-Leichtfuß Gunter das Äußerste abgewinnen, bleibt den geschäftlich festgenagelten Unternehmern nicht. Quandt vermietet seine Villa deshalb an Filmgesellschaften für 1000 neue Franc am Tage
Franz Burda, Herr einer Villa in Taormina, eines Schwarzwald-Jagdhauses und eines Chalets in Gstaad, brachte die Freizeit für das alles nicht auf Das Chalet am Winter-Wohnort von Aga Khan will er deshalb wieder abgeben
Und der fleißige Bruder Sachs versicherte mir, von Ischia genug zu haben. Es sei doch ein arger Umstand, seine drei kleinen Töchter, Butler, Frau und Kindermädchen zum Epomeo hinzubringen, wo ein tüchtiges Hausmeisterpaar allein nicht verhüten konnte, daß Winter und Diebe an dem filmreifen Eigentum zausten. So will er es denn wieder verkaufen, das Prachtstück.
Da hat es der leichter, der seine Millionen nicht mit komplizierten Industrie-Produkten, sondern durch den Verkauf von Salz gewinnt, wie der bayrische Händler Carl Adolf Vogel. Der konnte bei der Anlage seines wuchtigen Feriensitzes auf Ibiza auf seine Entbehrlichkeit bauen und als Ergänzung seines Salzburger Jagdsitzes einen Jagdsitz in Kanada und einen anderen sogar in Patagonien erwerben. Sein Handel mit Gesundheitssalz blüht, während er sorglos den Pumas nachstellt und nicht einmal Veranlassung zu Heimweh hätte. Selbst im fernen Patagonien lebt er mit seiner Winnie gemütlich in einem Landhaus, das aussieht, als komme es frisch vom Wolfgangsee.
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Quandt-Villa an der Riviera, Horten-Villa an der Riviera. Auf dem Hausdach die Farben Berlins

DER SPIEGEL 40/1966
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