24.10.1966

SOWJET-UNION / HALBSTARKEHärte gegen Lust

Als Sowjetbürger Gennadij Rodionow
sich auf dem Polizeirevier das Blut seines Opfers von den Händen wischte, zierte sein Porträt noch die Ehrentafel für "Stoßarbeiter der kommunistischen Brigade" auf seiner Arbeitsstelle, einer Elektrogeräte-Fabrik.
Das Opfer Alexej Dimitrijew hatte den Krieg vom Kaukasus bis Budapest unversehrt mitgemacht und war mit vielen Orden heimgekehrt. Jetzt meldete die sowjetische Regierungszeitung "Iswestija" sein Ableben. Er starb, von einem Schraubenzieher getroffen, den ihm Elektriker Rodionow - sinnlos betrunken und ohne sein Opfer zu kennen - ins Herz gestoßen hatte.
Rodionows Rausch wird seine Strafe nicht - wie bisher bei Trunkenheitsdelikten - mildern, sondern verschärfen. Die Regierung hat beschlossen, den Sowjetmenschen die Lust am Alkohol mit Polizeigewalt abzugewöhnen (SPIEGEL 30/1965).
Über 90 Prozent aller Gesetzesbrecher im ersten sozialistischen Staat der Welt sind nach Angaben des Stellvertretenden Generalstaatsanwalts Nikolai Schogin Betrunkene. Ihre Rauschtaten, vor allem Kleinkriminalität, werden In Rußland ungefähr seit der Zarenzeit als "Hooliganismus" bezeichnet*.
Zum Kummer der Kommunisten ist die Jugend für Hooliganismus besonders anfällig. Die Jugendkriminalität umfaßt ein Viertel aller Straftaten, und 90 Prozent aller Halbstarken-Delikte werden im Rausch begangen.
Junge Sowjetbürger, von Produktionspropaganda und Sowjet-Patriotismus abgestoßen, suchen Abenteuer und Selbstbestätigung außerhalb der Gesetze. Sie bilden Banden, belästigen die Bevölkerung und möchten ihre Konsumbedürfnisse gewaltsam befriedigen, Ein Fünftel der straffälligen Minderjährigen hat keinen festen Arbeitsplatz.
Rußlands Gammler und Jung-Ganoven kleiden sich nicht nur westlich und frönen nicht nur dem Beat. Wie die "Utschitelskaja Gaseta" berichtet, basteln sie sich mitunter im Werkunterricht ihrer Schule katapultartige Pistolen und Totschläger.
Der Sowjetstaat richtete zunächst Jugendcafes ein, um die Twens vom Alkohol abzulenken. Milch und Limonade standen auf der Getränkekarte, Rauchen war verboten, nur samstags
gab es Tanz. Eine Rundreise belehrte den stellvertretenden Vorsitzenden des Obersten Gerichts der Russischen Föderativen Sowjetrepublik, Prussakow, im Frühjahr 1966: Statt Kaffee und Eis ließen die umsatzinteressierten Geschäftsführer der Jugendcafés Wodka und Kognak servieren. Wurde kein Alkohol ausgeschenkt, brachten die jungen Gäste ihre Schnapsflaschen selbst mit.
Die Gewerkschaftszeitung "Trud" klagte über die Verletzung der Verkaufsregeln in den Kantinen und Gaststätten durch Alkoholgeschäfte: Weil es "für den Finanzplan vorteilhafter" war, wurde ein Kulturhaus in eine Bierkneipe umgewandelt.
Der Staat veranstaltete Schauprozesse gegen die "Immer frecher werdenden Hooligans" ("Trud"). In Rostow am Don wurde ein 19jähriger, der einen Milizhauptmann und einen Garagenverwalter mit dem Messer verletzt hatte, zum Tode verurteilt. Rußlands Rowdys tranken und randalierten weiter.
Auch älter geworden und in den Ehestand getreten, verzichteten sie nicht auf die Flasche. Eine Umfrage des Leningrader "Instituts für soziologische Forschungen" ergab, daß 100 von 500 Ehepaaren ihre Scheidung damit begründeten, ein Partner sei "ständiger Trinker".
Die Sowjetregierung bemühte sich um Nüchternheit: "Kameradschaftsgerichte" sollten in Betrieben und Mietshäusern den Lebenswandel kontrollieren. Aber die Spekulation auf die nachbarliche Schnüffelei blieb oft erfolglos: Kollegen und Mitbewohner urteilten in den Schiedsgerichten nicht selten zugunsten des gefallenen Genossen.
Auch Hilfspolizisten ("Druschinniki"), mit roten Armbinden und Taschenlampen ausgerüstet, schnüffelten nur lässig. Im Juli empfahl die "Prawda", bessere Druschinniki mit Sonderurlaub, Geldprämien und "wertvollen Geschenken" anzulocken.
Um nicht die Erinnerung an Stalin -Zeiten zu wecken, wurde die Polizei - seit 1917 zum Unterschied von bürgerlichen Ordnungshütern "Miliz" genannt - im Einsatz gegen die Hooligans zurückgehalten. Sie war bisher nur mit der Pistole bewaffnet, die gerade gegen Betrunkene kaum eingesetzt werden konnte, nicht aber mit dem Symbol volksfeindlicher Obrigkeit, dem Knüppel, dessen russischer Name "Dubina" auch "Dummkopf" bedeutet.
Sechs Ordnungshüter kamen in der ersten Hälfte dieses Jahres im Kampf gegen Übeltäter um, zwei von ihnen wurden mit dem "Orden des Roten Sterns" geehrt. In Archangelsk hatte Wachtmeister Pjotr G. Schossu bei einer Massennotzucht einschreiten wollen. Er wurde erschlagen. In Diwejewo bei Gorki wollte Milizionär Nikolai S. Schirjakow bei einem Ehestreit der Frau eines Betrunkenen beistehen; der Mann erschoß den Polizisten.
Im Regierungsbezirk Leningrad kostet der Polizei-Einsatz gegen Alkoholiker jährlich 660 000 Mark, die Heilung Trunksüchtiger und ihrer Opfer etwa 1,5 Millionen Mark. Die einfachste Lösung, den Wodka-Vertrieb zu beschränken, bezeichnete Staatsanwalt Schogin als "schwierig". "Die Regierung", fügte er hinzu, "ist gegen ein Prohibitionsgesetz." Denn der Sowjetstaat verdient an der Halbliter-Flasche Wodka (Preis: drei Rubel) mehr als 900 Prozent.
Am 26. Juli beschlossen Zentralkomitee, Oberster Sowjet und Regierung ein Dekret zum "verstärkten Kampf gegen den Hooliganismus auf den Straßen, In Stadien, Parkanlagen, Klubs und an anderen öffentlichen Stätten". Seither
- wird Trunkenheit als strafverschärfend gewertet;
- kann schon die Polizei Rowdyakte
ahnden;
- genießen Bürger, die zur "Bekämpfung von Rechtsbrüchen die Initiative ergreifen", Straffreiheit, wenn "dem Täter dadurch zwangsläufig Schaden zugefügt wird";
- können Hooligans - neben der
Strafe - Prämien verlieren, in Erholungsheime nicht eingewiesen und auf der Liste der Wohnungssuchenden ans Ende gesetzt werden.
Galt bisher der Diebstahl eines Autos als "leichter" Hooliganismus, so fällt nunmehr schon "unflätiges Schimpfen in der Öffentlichkeit" unter diesen Paragraphen. Die Strafe beträgt Haft bis zu 15 Tagen oder Besserungsarbeit - Reinigung von Straßen und Bedürfnisanstalten - bis zu zwei Monaten. Verfolgt wird vor allem das von Russen bevorzugte Fluchen mit tatarischen Ausdrücken, die noch aus der Mongolen -Besatzerzeit stammen.
Wer sich öffentlich in einem Zustand zeigt, der "die Würde des Menschen und die öffentliche Moral beleidigt", hat drei bis zehn Rubel Strafe zu zahlen, die bei Betrunkenen unter 16 Jahren von den Eltern zu entrichten sind. Fabrikdirektoren und Meister haften persönlich, wenn junge Arbeiter auf dem Betriebsgelände Messer oder Schlagringe für den Eigenbedarf herstellen.
Höchststrafe für "bösartigen" Hooliganismus, das heißt bei Benutzung einer Waffe: sieben Jahre Freiheitsentzug.
Zur Zentralisierung der Staatsschlacht gegen die trinkfreudigen Halbstarken wurde ein neues "Unionsrepublikanisches Ministerium für den Schutz der öffentlichen Ordnung in der UdSSR" gebildet. Um die Besetzung des neuen Sicherheits-Hauptamts entbrannte ein zwei Monate währender Machtkampf zwischen
- Politbüro-Mitglied Schelepin, von 1958 bis 1961 Chef des Geheimdienstes KGB,
- Semitschastny, Schelepins Nachfolger
als oberster Geheimpolizist,
- Tikunow, von 1959 bis 1960 stellvertretender Vorsitzender des KGB und seit 1963 Chef des Ministeriums für öffentliche Ordnung der Russischen Sowjetrepublik, das jetzt mit dem neuen Unionsministerium vereinigt wurde, und
- Pawlow, dem Vorsitzenden des Jugendverbandes Komsomol.
Die "Liberalen" in der Sowjetführung meuterten gegen eine Konzentration der Polizei-Vollmacht in den Händen eines ehemaligen KGB-Chefs. Oberster öffentlicher Ordnungshüter wurde Kompromißkandidat Nikolai Anissimowitsch Schtschelokow, Zweiter Sekretär im Zentralkomitee der Moldauischen Sowjetrepublik, also ein kleiner Provinz -Funktionär.
Seinen Aufstieg zum Kämpfer gegen hooliganistische Staatsfeinde verdankt er Parteichef Breschnew, der den Ingenieur Schtschelokow vor 27 Jahren kennenlernte, als beide in der KP der Ukraine arbeiteten.
Die Polizisten des neuen Ministers wurden schon vorher zum Kampf gegen die Hooligans umgerüstet: Sie tragen jetzt unter dem Uniformrock zusammenschiebbare Totschläger.
* Russisch: Chuliganstwo: aus dem Englischen übernommen für Rowdytum.
Krokodil, Moskau
Sowjet-Karikatur über Jugend-Alkoholismus: Kampf im Klub
Ordnungs-Minister Schtschelokow
Totschläger unterm Rock

DER SPIEGEL 44/1966
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