31.10.1966

WIENBrecht in die Burg

Curd Jürgens nahm den Kirchenfürsten ins Gebet: "Exzellenz werden doch nicht weniger mutig sein wollen als wir." Opilio Rossi, Apostolischer Nuntius in Österreich, entschloß sich beherzt zu einem Platz vorn an der Logenbrüstung.
Den Mut-Willen forderte ein toter Roter. Das Wiener Burgtheater, Österreichs Nationalbühne, spielte letzten Sonntag zum erstenmal in seinen Spielzeiten ein Stück des Mannes, der vor zehn Jahren als Bürger Österreichs in Ost-Berlin gestorben war - Bertolt Brecht.
Für den späten, aber spektakulären Burg-Einzug wählte die Intendanz ein Spiel, in dem ein Wissenschaftler ob neuer Erkenntnisse verfolgt und von der Kirche unter Verschluß gehalten wird: Sie bot das "Leben des Galilei", als Titelheld trat Curd Jürgens, 50, auf.
Damit hat auch die allerhöchste Spielstatt eine Blockade aufgehoben, die Wien lange brechtlos machte und in den letzten Jahren nur begrenzt durchbrochen worden war. "Gewisse Lockerungsübungen" in Österreich und die "Überwindung politischer Neurosen", sagt Burg-Chefdramaturg Heer, hatten endlich zum Burg-Frieden geführt.
In der Brecht-Abstinenz war der Burg-Direktor. Ernst Haeusserman seit Dienstantritt (1959) von den renommierten (heute retirierten) Wiener Theaterkritikern Friedrich Torberg und Hans Weigel bestärkt worden. Sie billigten Brecht als bedeutenden Dramatiker, wollten seine linken Stücke aber nicht auf Wiener Bühnen haben.
Torbergs und Weigels Prestige reichte für einen siebenjährigen totalen Brecht -Bann; erst im Februar 1963 durchbrach das "Volkstheater" mit "Mutter Courage" den Boykott.
Brecht hatte allerdings schon früher Wiener Blut erregt - als er 1950 den österreichischen Paß annahm und in Ost-Berlin blieb, obgleich ihm auch in Wien und Zürich Theater offenstanden.
Brecht war 1948 aus dem US-Exil Beverly Hills nach Zürich gekommen und betrieb von dort seine Einbürgerung nach Österreich. Salzburger Freunde setzten sich für den Heimkehrer ein. Brecht versprach ihnen als Dank einen neuen Festspiel-"Jedermann".
Der Dank des Dramatikers blieb aus. Brecht ging nach Ost-Berlin, baute sein "Berliner Ensemble" auf und bezog das "Theater am Schiffbauerdamm".
Zehn Jahre nach Brechts Tod will Weigel immer noch kein Brecht-Stück auf einer Wiener Bühne sehen: "Wenn einer Hymnen auf Stalin und Mao geschrieben hat, dann hat er bei uns nichts verloren." Kollege Torberg ist konzilianter geworden - wegen "politischer Flexibilitäten".
Der diplomatische Burg-Herr Haeusserman planierte das Terrain für Brecht mit einem Stück über Brecht - mit dem Graß-Spiel "Die Plebejer proben den Aufstand". Den "Galilei" inszenierte ihm dann Kurt Meisel auf einer Halbkugel-Bühne ohne brechtische Spruchbänder und Projektionen.
Galilei-Gestalter Jürgens, der vor seiner Kino-Karriere schon an der Burg gespielt hatte, schrieb als Arbeitsmotto einen Rollen-Satz auf das Textbuch: "Das Denken gehört zu den größten Vergnügungen der menschlichen Rasse."
Eigene Gedanken zum ersten Burg -Brecht kleidete der Rolls-Royce-Fahrer
Jürgens (Silver Cloud III Drophead Coupé) in ein Bild. "Dem Burgtheater", sagt er, "geht es mit Brecht so wie Rolls-Royce mit dem automatischen Getriebe: Die haben auch lange gewartet, bis ganz klar war, daß die Automatik die Gänge voll ersetzt."
Jürgens im Wiener "Galilei"
Anschluß nach Blockade

DER SPIEGEL 45/1966
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