28.11.1966

NS-MACHTERGREIFUNGUnsere kleine Stadt

Es war eine kleine deutsche Stadt wie
tausend andere: mit Mondschein und Giebeldächern, zwei Kinos und einem Kriegerdenkmal, drei Volksschulen, drei Zeitungen, einem Schützenhaus und mit bewaldeten Hügeln ringsum.
Es gab ein Amtsgericht, eine Zuckerfabrik und einen Bahnhof. In der Stadt lebten Beamte, Arbeiter und Handwerker. Sie pflückten Obst im Schrebergarten, sangen im Gesangverein, tranken Bier beim Schützenfest und wählten endlich mit 63 Prozent der Stimmen die NSDAP Adolf Hitlers.
Diese kleine Stadt hat der amerikanische Student William Sheridan Allen gefunden, als er Mitte der fünfziger Jahre im Atlas - die Karte von Mitteleuropa aufschlug und Öden Finger etwa in die Mitte des Deutschland von 1937" setzte. Dort fand er, was er Thalburg nennt.
Wie es in Thalburg (10 000 Einwohnet) zum Hinscheiden der Weimarer Demokratie und zur Geburt der braunen Diktatur kam, erforschte der Amerikaner aus Evanston (Illinois), damals Austausch-Akademiker in der Bundesrepublik, zwei Jahre lang an Ort und Stelle. Dann veröffentlichte er seinen Obduktionsbefund, der jetzt auch in deutsch erschienen ist**. Allen, 33, ist mittlerweile Professor.
Seine Analyse - halb zog's die Stadt, halb sank sie hin - entschuldigt nicht, was in Thalburg geschah, macht es aber erklärlich. Hier wie andernorts, so erkannte Allen, "war kein Verständnis für das vorhanden, was die Stadt erleben würde, wenn Hitler an die Macht kam".
Für die Spitzen des Schützenvereins zum Beispiel bedeutete die Hitler-Regierung zunächst nichts anderes, als daß Thalburg nun endlich einen 300-Meter -Schießstand bekommen konnte.
In dieser Fachwerk-Idylle - "angenehm gefüllt mit gutem Essen, bescheidenen Hoffnungen und der Überzeugung, daß eine überschaubare Ordnung herrsche" - war ein "außerordentlich starkes Kleinbürgertum" zu Hause, für Allen "das Rohmaterial, aus dem Hitler seine Bewegung schmiedete".
Aber die gutbürgerliche Ordnung enthielt bereits die Elemente von Spannung und Desintegration, Zwietracht und Hader, die Thalburg in die "Entartung der demokratischen Atmosphäre" trieben. Auslösendes Moment war die Wirtschaftskrise, die 1930 "sogar dieses abgelegene Tal in Mitleidenschaft" zog.
Bei den Wahlen im September jenes Jahres schnellte der Anteil der NS -Stimmen von 2,3 Prozent (1928) auf 28 Prozent. Eine Thalburger Lehrersfrau, von Allen befragt, erläuterte: "Die Nationalsozialisten riefen den Eindruck rastloser Energie hervor." Von dieser Kraft fühlte sie sich angezogen, "wenn mir auch vieles an ihr höchst zweifelhaft erschien".
Noch zweifelhafter schien es den Thalburger Stammtischbürgern freilich, daß die Krise von den Sozialdemokraten gemeistert werden könnte. Auch konnte es, so fand man, nicht ehrenrührig sein, die NS-Partei zu wählen, der
- wie stadtbekannt war - seit langem
ein so honoriger Mann wie der Buchhändler Walther Timmerlah als Mitglied angehörte.
Timmerlahs Buchhandlung war der geistige Mittelpunkt der Stadt. Timmerlah selber Leiter der Thalburger Vortragsvereinigung. "Wenn er drin ist", sagten die Leute, "muß es in Ordnung sein." Und die anderen Honoratioren waren gleichfalls mit von der Partei: der Direktor des Lyzeums, beide Richter, drei Lehrer, ein Gutsbesitzer, ein Hotelier.
Je drückender die Wirtschaftskrise wurde - im März 1932 wurden in Thalburg über 700 Arbeitslose registriert -, desto mehr hörten die Kleinstädter auf die Versprechungen der Nationalsozialisten, die "als eine junge und energische Gruppe versprachen, die Lage zu bessern". Ob Beamte, Rentner, Arbeiter, Geschäftsleute - es gelang der NSDAP, "allen alles zu sein".
Dem hatte die SPD nicht viel entgegenzusetzen: Die gesellschaftliche Tradition hinderte sie, Brücken zum Bürgertum zu schlagen. Die SPD verteidigte die Republik, aber eine bessere Zukunft konnte sie nicht versprechen. So beschränkte sie sich darauf, es den Nazis an Entschlossenheit gleichzutun. Aber auch das half nichts.
Die Stadt geriet ans Ende ihrer Besonnenheit: Bei der Reichspräsidentenwahl im März 1932 stimmten 51 Prozent aller Thalburger Wähler für Hitler. Bei den Reichstagswahlen im Juli 1932 waren es schon 62 Prozent, und als Hitler ein halbes Jahr danach Reichskanzler wurde, taten die Nationalsozialisten so, "als ob die Stadt völlig ihnen gehörte".
Ein Reichsbanner-Mann faltete seine schwarzrotgoldene Fahne zusammen, steckte sie in eine Kaffeebüchse und vergrub sie auf einem Acker, und "auch andere von der SPD wußten nun, daß alles aus und vorbei war".
In Deutschland hatte Hitler die Macht ergriffen, in Thalburg taten es Kreisleiter Walter Eckert, der als gutmütig galt und ständig Witze riß, und Ortsgruppenleiter Kurt Anders, ein Mann, der für die meisten Thalburger die "unerwünschte Seite" des Nationalsozialismus repräsentierte,
Über eine "Nationale Einheitsliste" okkupierten die Nazis 15 von 20 Sitzen im Stadtparlament. Die restlichen fünf Sitze behielten die Sozialdemokraten, dann wurden sie verboten.
Der SPD-Chef von Thalburg, der Tabakhändler Karl Hengst - nach Allens Bericht "ein vollendeter Politiker ... mit völliger Hingabe an die Demokratie", aber "völlig unfähig, ein über die SPD hinausgehendes Bündnis zu schließen" - verlor sogleich seinen Senatorensitz in der Stadtverwaltung. Aber er war kühn und pfiffig genug, die Schikanen zu parieren, die Ortsgruppenleiter Anders - beide waren in derselben Straße aufgewachsen - gegen ihn ausheckte.
So hetzte Anders die SA vergeblich auf, Hengsts Tabakladen zu demolieren. Auch der Boykott gegen das Geschäft des Sozialdemokraten schreckte treue Kunden nicht ab, ihre Zigaretten nun eben an dessen Hintertür zu kaufen. Als Anders dort einen SA-Mann postierte, drohte Hengst, er werde seine Dogge hinaushetzen, und Anders zog den Wachmann wieder ab.
In der NS-Volkswohlfahrt, in die Hengst hineingezwungen wurde, zahlte der SPD-Mann nur den halben Beitrag, "da euer Boykott meines Geschäfts mich arm gemacht hat". Aber das war ein Ausnahmefall. Die weitaus meisten Thalburger fanden, daß es besser sei mitzumachen.
Ein Gastwirt stellte ein Radio auf *und inserierte, bei ihm sei das Bier sehr billig und außerdem könne man alle Hitler-Reden hören. Auf der Breiten Straße brachte ein Schlachter in seinem Schaufenster ein Abbild von Hitler aus Schmalz, Petersilie und Wurstenden zustande.
Und die Ortsgruppe schwoll von weniger als 100 Mitgliedern im Januar 1933 auf fast 400 Mitglieder im März und 1200 im Mai an. Teils traten die Thalburger ein, weil sie es für vorteilhaft hielten, teils, weil sie sich schützen wollten. Ehefrauen bedrängten ihre Männer: "Denk an deine Familie!" Einige Frauen gingen in die Stadt, kauften ein Braunhemd und zogen es ihren Männern einfach an.
Manche Thalburger wurden auch gezwungen, sich zum neuen Regime zu bekennen, so der konservative Landrat Franz von Altberg, dem Kreisleiter Eckert eine Hakenkreuznadel auf den Schreibtisch warf' "Stecken Sie die an! Wenn Sie es nicht tun, sind Sie morgen Landrat gewesen."
Der altgediente Beamte gehorchte, obwohl er Allen später gestand, er habe gewußt, daß "die Reihen der NSDAP" in Thalburg überwiegend "von Unfähigen und Bankrotteuren gefüllt" waren.
Immerhin: Kreisleiter Eckert gehörte eher zu den "anständigen Nazis" und nicht zum Schlage des Pg Anders, der den seit 1903 regierenden deutschnationalen Bürgermeister Johns kurzerhand ablöste und sich selbst zum Stadtoberhaupt machte. Parteiinternen Widerstand gegen diese hemdsärmelige Machtpolitik leistete eine Gruppe von Idealisten, die sich um den alten Kämpfer und Buchhändler Timmerlah geschart hatte.
Als Anders verkündete, er wolle Thalburg zur ersten deutschen Stadt machen, in der niemand mehr einer Kirche angehört, kehrte Timmerlah der Partei den Rücken und sang, zusammen mit anderen Parteifreunden, demonstrativ wieder im Kirchenchor.
Zu reparieren war freilich nichts mehr. Als 1933 der Sommer zu Ende ing, "befand sich Thalburg so fest im Griff der Nationalsozialisten, daß es keine Möglichkeit mehr gab, den Prozeß umzukehren" (Allen). Die letzten städtischen Angestellten, die hinausgeworfen wurden, weil die neuen Machthaber sie für Feinde hielten, waren ein Sparkassenbote und ein Nachtwächter.
All diese Einzelheiten wurden Allen zugetragen, nachdem er in Thalburg versprochen hatte, er werde in seinem Buch "nicht nur die Namen der Gewährsleute und anderen Hauptgestalten geheimhalten, sondern auch den Namen der Stadt tarnen". Die Archive öffneten sich ihm, alle begannen zu plaudern, und bald zeigte sich Allen "stolz auf seine zweite Heimat".
Die geheime Heimat heißt: Northeim in Niedersachsen. Es hat noch immer ein Schützenhaus, eine Zuckerfabrik, ein Amtsgericht und einen Bahnhof. Es herrscht Vollbeschäftigung. Die Honoratioren sitzen an den Stammtischen. Nazis sind nicht an der Macht.
Die Sozialdemokraten halten zehn von 21 Ratssitzen (CDU 8, FDP 3). Den 1933 errichteten Gedenkstein für den Freikorpskämpfer Leo Schlageter, von den bürgerlichen Parteien nach dem Krieg neu hergerichtet, möchten sie nicht demontieren, weil sie "unnötige Unruhe" in der Bürgerschaft befürchten.
Die Akteure von einst hat der SPIEGEL identifiziert:
- Der SPD-Senator Karl Hengst ist Karl Querfurth und war nach dem Krieg bis zu seinem Tod als Landrat wieder kommunalpolitisch tätig.
- NS-Ortsgruppenleiter Ernst Girmann, der im Buch Kurt Anders heißt, forderte nach 1945 eine Ruhegehaltsnachzahlung von 36 000 Mark, mußte sich aber mit einem Rentenzuschuß zufrieden geben und ist im Northeimer Telephonbuch als Bürgermeister a. D. verzeichnet.
- Landrat Otto von der Schulenburg (bei Allen: Franz von Altberg) lebt als Pensionär und renommierter Briefmarkensammler in Northeim.
- NS-Kreisleiter Walter Steineck (bei Allen: Walter Eckert) erlebte das NS-Ende nicht mehr, weil ihn im Krieg, wie Allen recherchierte, der Alkohol "umbrachte".
- Der Buchhändler Wilhelm Spannaus (bei Allen: Walther Timmerlah), der die Hitler-Partei im Städtchen salonfähig gemacht hatte und sich dann von ihr abwandte, ist noch immer Buchhändler in Northeim.
Den Allen-Report hat Wilhelm Spannaus alias Timmerlah demonstrativ in seinem Schaufenster ausgestellt. Das Buch wird flott verkauft.
** William Sheridan Allen: "Das haben wir nicht gewollt! - Die nationalsoziaistische Machtergreifung in einer Kleinstadt 1930-1935". Sigbert Mohn Verlag, Gütersloh; 328 Seiten; 24 Mark.
Breite Straße in Northeim 1938: Ein Bild vom Führer ...
Northeims Ortsgruppenleiter Girmann*
... aus Wurst und Schmalz
Northeim-Forscher Allen
Flott verkauft
* Bei einer Veranstaltung der Nationalsozialistischen Kriegsopferversorgung (NSKOV) 1937 in Northeim.

DER SPIEGEL 49/1966
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