21.11.1966

FLUGZEUGUNGLÜCKVersengte Briefe

Um 2.41 Uhr in der Nacht zum Dienstag letzter Woche gab die West-Berliner Radar-Leitstelle die Maschine zur Landung frei: "Kurs ist richtig. Turm Tegel wird Sie übernehmen."
Sechs Sekunden später, nach einer Umdrehung der Radarantenne, war die Panam-Boeing N 317 PA vom Bildschirm verschwunden.
Der nietenneue Jet, mit 7,4 Tonnen Post von Frankfurt nach Berlin unterwegs, zerbarst zu diesem Zeitpunkt am 88 Meter hohen Champagner-Berg auf dem sowjetischen Truppenübungsplatz Döberitz. Ein West-Berliner Polizeiposten an der nur vier Kilometer entfernten Zonengrenze vernahm den Aufschlag als "dumpfen Knall".
Es war der erste Absturz eines westlichen Zivilflugzeuges auf dem Territorium der DDR, und Ost-Berlins Regierung gedachte die Chance zu nutzen. Schon wenige Stunden nach dem Unglück versuchte sie, sich über zerfetztes Aluminiumblech, versengte Briefschaften und die verkohlten Leichen der drei Besatzungsmitglieder hinweg ein Stückchen staatlicher Anerkennung zu erhandeln.
Das DDR-Verkehrsministerium bildete unverzüglich eine amtliche Untersuchungskommission und deutete damit den Amerikanern die Alleinzuständigkeit der Ulbricht-Administration an. Zugleich bemühten sich DDR-Abgesandte bei den Sowjets um Erlaubnis zu formellen Verhandlungen mit den US-Militärbehörden.
Doch die neuerlich wieder auf Viermächte-Verantwortlichkeit bedachten Sowjets versagten nach zweitägigem Palaver ihre Zustimmung. Zwar verwehrten sie einer New Yorker Untersuchungskommission ebenso wie Offizieren der US-Militärmission in Potsdam den Zugang zum Unfallort. Aber sie taten es nicht der DDR, sondern ihrer eigenen Neugier zuliebe.
Sie wollten, ebenso wie seinerzeit die Briten nach dem Absturz eines Sowjet-Bombers in den West-Berliner Stößensee, bei der Betrachtung der modernen Elektronik des Boeing-Typs 727 ungestört bleiben. Insbesondere erhofften sich die Sowjet-Späher aus den Trümmern Aufschlüsse darüber, inwieweit es den Amerikanern möglich ist, die Radar- und Funkkontakte zwischen Flugzeugen und Bodenleitstellen im Berlin-Verkehr vor sowjetischen Störmanövern zu sichern. Außerdem wollten sie gern wissen, ob amerikanische Zivilflugzeuge womöglich Geräte zur Luftaufklärung an Bord haben.
Nach Abschluß der Trümmerbeschau verflogen die letzten Hoffnungen der DDR, doch noch zu ihrem Recht zu kommen. Ohne Umweg über Ost-Berlin vereinbarten die Russen am Donnerstag letzter Woche mit den Amerikanern die Übergabe der Wrackteile, der Postreste und der Toten - am Kontrollpunkt Staaken, wo sonst weder Sowjets noch Amerikaner stationiert sind.
Während hohe Offiziere der beiden Großmächte am Schlagbaum nach freundschaftlicher Begrüßung die Übergabe-Formalitäten besprachen, stand der diensthabende Oberstleutnant der DDRVolksarmee unbeachtet im zweiten Glied. Die Hand, die er den Amerikanern zum Gruß entgegenstreckte, blieb unergriffen, seine militärische Ehrenbezeigung unerwidert.
Überdies mußten die ostdeutschen Grenzer zusehen, wie mitsamt den USMilitärs ein amerikanischer Zivilist unkontrolliert das Territorium der angeblich souveränen DDR betrat: Chefkapitän Samuel H. Miller von der New Yorker Panam-Direktion.
Erst als der Ambulanz-Konvoi mit den Leichen der drei verunglückten Flieger die Grenze nach West-Berlin passierte, bot sich der kampfstarken Besatzung des Kontrollpunktes Gelegenheit zur Rache für die vielfältige Diskriminierung. Sowjets, Amerikaner und West-Berliner Uniformierte salutierten dem Defilee der Särge. Die DDR-Soldaten rührten sich nicht.
US-Bergungskonvoi mit "Boeing"-Trümmern*: Gruß verweigert
* Bei der Übergabe am Berliner Grenzkontrollpunkt Staaken.

DER SPIEGEL 48/1966
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