21.11.1966

„DIE BARBAREN WAREN WIR“

Wie, so frage ich Sie und mich, wie
also sollen wir die Toten der zwei letzten Kriege feiern? Können wir sagen: Sie standen an den Thermopylen und kämpften bis auf den letzten Mann gegen die anstürmenden Barbaren? Wir können es nicht. Die Barbaren im letzten Krieg waren wir. Wir überfielen Völker mitten in Frieden, wir brachen in neutrale Länder ein, wir schlossen erst ein Bündnis mit Stalin und fuhren ihm dann an die Gurgel, wir führten Millionen Sklaven von überallher ins Reich, und in Kiew sah ich ein Wehrmachtsbordell, wohin eine junge polnische Adlige verschleppt war, die einen Selbstmordversuch nach dein anderen machte, bis es ihr schließlich gelang, ihrem Leben ein Ende zu machen.
Was soll ich von unseren Naziführern sagen, die nun fast alle tot sind - gefallen im Krieg oder freiwillig aus dem Leben geschieden beim Zusammenbruch ihrer Welt oder hingerichtet nach dem Krieg? Soll ich sie feiern? Soll ich Menschen feiern, die mit Genickschüssen, Knüppeln, Hunger, Vivisektion, Fleischerhaken und Krematorien gegen wehrlose Menschen vorgingen und Millionen von jüdischen Mitbürgern, ausländischen Juden, antinazistischen Mitbürgern und fremden Geiseln abschlachteten wie Berufsschlächter? Wenn es
etwas bewirkte, würde ich diesen Menschen die Zugehörigkeit zu meinem Vaterland absprechen. Aber das wäre Geschwätz. Sie waren Deutsche, wir kommen darum nicht herum.
Ich kann sie nicht einmal Bestien nennen, es wäre eine Beleidigung für die Tiere, die den eigenen Artgenossen nicht zu töten vermögen. Aber ich verweigere diesen ehrlosen Henkern Wehrloser und Schuldloser jeden Schatten eines Gedenkens, und ich verfluche die künftige Stunde, da die verblaßte Erinnerung ihre Namen historisch neutral unter anderen historischen Namen aufzählen wird als Namen, die dies oder jenes ins Rollen gebracht haben, was wir heute noch nicht deutlich sehen. Am Volkstrauertag verweigere ich die mitfühlende Trauer jenen, die mein Vaterland besudelt haben und die Sie alle und mich besudelt haben. De mortuis nil nisi bene - dafür gibt es eine sehr genaue Grenze. Meinungskampf und zuletzt immer wieder Krieg - wir wissen, daß dies bis heute die schmerzliche Mitgift unserer Menschwerdung war...
Aber ich gedenke mit Ihnen der Millionen, die gehorsam in zwei sinnlose Kriege zogen und ihr Leben ließen, all diese: Söhne von Müttern, all dieser lebensfrohen jungen Männer, die ihrem Vaterland zu dienen glaubten. Sie glaubten, und ihren
guten Glauben wollen und müssen wir ehren. Ich gedenke auch der Gefallenen, die den Nazis glaubten, es gehe um Vaterland, Ehre, Recht und Revidierung älteren Unrechts. Sie glaubten an etwas Ehrenhaftes, und ihren guten Glauben wollen und müssen wir ehren. Ich gedenke auch der gefallenen Nazis, die keine Mörder waren und sich vor Auschwitz genauso entsetzt hätten wie Sie und ich. Sie glaubten an die Illusion eines ehrenhaften Nazismus, und ihren guten Glauben wollen wir ehren. Und wir gedenken der Mütter, die in der Heimat unter den Bomben umkamen, der Arbeiter, die in den Fabriken ihr Leben aushauchten, der Flüchtlinge, die entkräftet, geschändet, gemordet am Weg liegenblieben.
Aber zuerst und mit tiefster Erschütterung gedenken wir der Millionen und Millionen Hingemordeter, in offene Graber Hineingeschossener, bei lebendigem Leibe Verscharrter, in Krematorien Erstickter und Verbrannter, all der lebenshungrigen und zum Leben berechtigten deutschen und ausländischen Brüder und Schwestern und Kinder ...
Und zuletzt, mit einem tiefen Aufatmen, gedenke ich einiger tausend Deutscher und rufe Ehre und Ruhm ihnen allen. die sich dem Verderber unserer Ehre widersetzt haben. Die Männer, die am 20. Juli 1944 ein Ende
zu machen unternahmen, lassen Sie sie nicht als anachronistische Eigenbrötler oder als militaristische Egoisten verunglimpfen, wie es von drüben herübertönt. Sondern stellen Sie sich einen Augenblick lang die beiden anderen Möglichkeiten vor Stellen Sie sich vor, Stauffenbergs Attentat hätte Erfolg gehabt, die Nazis wären hinweggefegt worden, der Krieg hätte daraufhin mit der deutschen Kapitulation geendet - welche Atmosphäre würde heute herrschen? Die Schuld der Nazis wäre vergessen, das Schicksal Deutschlands würde den Rebellen zur Last gelegt. Der Dolchstoß in den Rücken wäre das Hauptwort, das jede moralische Erneuerung unmöglich machte ...
Lob und Ruhm und unendlichen Dank diesen Deutschen! Im Schatten dieser paar Tausend können wir anderen uns bergen. Lassen Sie uns die Bescheidenheit nicht zu weit treiben. Diese Männer gehören zu uns, sie meinten uns und unser Gesicht, sie meinten das wahre Deutschland, das auch wir zu meinen glauben... Sparta war ein Land mit vielen unangenehmen Eigenheiten, Roheiten, Unsinnigkeiten. Die Dreihundert von den Thermopylen, die unterlagen, haben ihre Stadt gereinigt und so verewigt. Wenn heute einer Sparta sagt, denkt er zuerst und unwillkürlich an jene Dreihundert.
Krämer-Badoni
Von Rodolf Krämer-Badoni

DER SPIEGEL 48/1966
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