28.11.1966

USAGoldener Hammer

Amerikas Innenminister wollte den Grand Canyon zum Stausee machen. Aber er hatte nicht mit Howard Luck Gossage, 49, Monokel-Träger aus San Francisco, gerechnet.
Der Gesetzentwurf, nach dem Amerikas berühmtestes Naturwunder unter Wasser gesetzt werden sollte, stand im Washingtoner Abgeordnetenhaus schon zur Beratung an. In der 450 Kilometer langen Schlucht des Colorado River, flankiert von bizarren, vielfarbigen Felswänden, waren zwei Staudämme zur Stromgewinnung geplant. Die Stauseen sollten zusammen 210 Kilometer lang und bis zu 150 Meter tief sein.
Vergebens hatte der Naturschutzverein "Sierra Club" versucht, das Projekt durch Lobby-Arbeit beim Kongreß in Washington zu verhindern. Die Annahme des Gesetzes schien sicher, als der Sierra Club einen letzten Anlauf nahm: Er beauftragte die Werbeagentur des Kaliforniers Gossage, Protestanzeigen zu entwerfen.
Der Mitinhaber der Agentur Freeman & Gossage, der sein Äußeres auf eine Mischung von Hollywood-Star und preußischem Garde-Rittmeister abstimmt, gilt als Branchen-Kabarettist. "Die Werbung", so Gossage. "ist ein goldener Vorschlaghammer im Wert von vielen Milliarden Dollar, mit dem versucht wird, eine Reißzwecke einzuschlagen."
Die vielzitierte Werbe-Schlagzeile seines Kollegen David Ogilvy "Bei 100 Kilometern kommt das lauteste Geräusch in diesem neuen Rolls-Royce vom Ticken der Uhr" wandelte Gossage in einer Rover-Anzeige ab: "Bei 100 Kilometern kommt das lauteste Geräusch in diesem neuen Land-Rover vom Brüllen des Motors." An Ogilvy schickte er die Anzeige mit der Widmung: "Imitation ist eine erlaubte Form des Diebstahls." Das Gossage -Buch "Ist die Werbung noch zu retten?" erscheint Anfang nächsten Jahres auch in Deutschland.
Für die Rettung des Grand Canyon verfertigte Gossage drei ganzseitige Anzeigen, die in den Prestige-Blättern "New York Times" und "Washington Post" veröffentlicht wurden. Er klotzte gegen die Industrie und deren beamtete Helfershelfer, die aus dem Grand Canyon eine Registrierkasse" machen,
ihn "aus Profitgründen ver-dammen" wollten.
Knalliger Gossage-Text: "Die künstlichen Seen werden als 'Verbesserung' bezeichnet, weil Touristen dann näher an die Felswände herankommen. Sollten wir auch die Sixtinische Kapelle unter Wasser setzen, damit Touristen näher an die Deckengemälde kommen?"
Die Leser wurden aufgefordert, mit Briefen und Telegrammen in Washington zu protestieren. Die Anzeigen enthielten auch vorgedruckte Beschwörungs-Botschaften an den US-Präsidenten, den Innenminister, Abgeordnete und Senatoren.
Außerdem baten die Inserenten um Spenden, da die Anzeigen 160 000 Mark kosteten. Sie teilten mit, die Spenden seien steuerlich absetzbar. Auf die erste Anzeige gingen 40 000 Mark ein.
Jedoch am gleichen Tag, als sie erschien, gab bereits ein Bote beim Sierra Club in San Francisco einen Brief der Finanzbehörde ab: Mit steuerlicher Begünstigung von Spenden sei nicht zu rechnen, da die Anzeigen einer "erheblichen Einflußnahme auf die Gesetzgebung" dienten.
Gleich in der zweiten Anzeige protestierte Gossage gegen den Querschuß aus dem Finanzamt. Ergebnis: Sie brachte 160 000 Mark ein, die dritte sogar 200 000 Mark.
In der dritten Anzeige stellte Gossage gleich noch andere Sünden wider die Natur an den Pranger:
- In Nord-Kalifornien holzen vier Unternehmen seit 50 Jahren die berühmen Küsten-Mammutbäume ab, die ältesten und größten Bäume der Welt mit Höhen bis zu 100 Meter (Gossage: "Die Firmen haben gesagt, Touristen wollen nur genügend Bäume am Straßenrand für Schnappschüsse Das Resultat wird Sie an die Stellen in Ihrem Gesicht erinnern, die Sie beim Rasieren übersehen haben");
- ein geplanter Stausee in Alaska
"würde mit einem Schlag mehr wilde Tiere vertreiben, als alle Tierschützer bisher gerettet haben";
- in Kalifornien schütten Grundstücksmakler die Meeresbucht zu, "die San Francisco berühmt gemacht hat", um Baugrund für Häuser zu gewinnen.
Die Kampagne kam den Amerikanern gerade recht. Verteidigung der US -Natur gegen schnöde Staats- und Geldinteressen ist Mode, seit die Präsidenten-Gattin Ladybird Johnson zur "Verschönerung" der Nation aufgerufen hat. Ein Buch über ein so abseitiges Thema wie die Ausrottung des Amerikanischen Kranichs, von dem es nur noch 51 Exemplare gibt, fand begeisterte Aufnahme. Sogar den Wald von Reklameschildern an Amerikas Autostraßen wollen die Landschaftsschützer beseitigen.
So hatte die Rettungsaktion für den Grand Canyon Massenzulauf. "Zigtausende von Protesten" (Gossage) gingen über Washington nieder. Nach dem dritten Schuß zog das Innenministerium seinen Staudamm-Entwurf zurück.
Howard Gossage ist nun auch bereit, sein eigenes Handwerk weniger skeptisch zu sehen. Gossage zum SPIEGEL: "Wer hätte gedacht, daß drei Zeitungsanzeigen den Staat bezwingen können."
Grand Canyon in den USA: Wunder gerettet

DER SPIEGEL 49/1966
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