21.11.1966

RATHÄUSERDat Dingen

Für 27 Mark kaufte Wilhelm Franzen, 39, Stadtbaurat zu Bensberg bei Köln, einen rotbemützten Gartenzwerg und schenkte ihn Bürgermeister Dr. Ulrich Müller-Frank, 49 - als "Krönung für dat Dingen".
Dat Dingen: Bensbergs neues Rathaus, die freie Nachschöpfung einer mittelalterlichen Ritterburg aus Sichtbeton, Klinker und Glas.
Auf den Resten einer Feste aus dem 13. Jahrhundert türmte der Kölner Architekt Professor Gottfried Böhm fünf in sich verschachtelte Geschosse zu einem 70 Meter langen Terrassenhaus. Den Trakt aus rohem, unverputztem Beton überragt ein 32 Meter hoher, zur Spitze verjüngter Bergfried mit bizarren Zacken und schiefwinkeligen Fensterhöhlen. Böhm bezog überdies drei noch leidlich erhaltene Festungstürme aus grob behauenem Felsgestein in den Neubau ein; einen der zinnenbewehrten Türme wählte Bürgermeister Müller-Frank als neues Domizil.
Auch fürs Interieur des im nächsten Frühjahr bezugsfertigen Rathauses bevorzugte Böhm rustikale Werkstoffe - nackten Beton, Klinker und unbearbeitetes Tropenholz in den Fluren, schlichten Putz für die Bürowände.
Zwar erregte die "Bensberger Akropolis" (so der "Kölner Stadt-Anzeiger") mittlerweile weltweites Aufsehen. Die angesehene Londoner "Times" berichtete in Wort und Bild über die "ungewöhnliche Form" der "Zementburg" ("China Mai", Hongkong), und das Genueser Blatt "Il Nuovo Cittadino" feierte den Böhm-Bau als "modernstes Rathaus Deutschlands".
Doch die Bensberger waren von ihrem neuen Rathaus wenig angetan. Wohl hatten sie sich mit den 7,5 Millionen Mark Baukosten für ihr erstes Rathaus abgefunden. Denn die Stadtverwaltung mußte sich bislang mit fünf Notunterkünften bescheiden, und das Stadtparlament hatte im Trauungszimmer des Standesbeamten tagen müssen. Auch fanden sie es recht, daß die Stadtväter für rund zwei Millionen Mark vier städtische Grundstücke veräußerten, um den Bau zu finanzieren.
Aber als die Gerüste von dem Rohbau fielen, war selbst Bensbergs Bürgermeister Müller-Frank "zu Tode erschrocken". Beim Anblick des Betonturms, den die Bensberger inzwischen den "Aapenfelsen" tauften, fühlte sich der ehemalige Kanonier an afrikanische Kriegserlebnisse erinnert: "Ich mußte damals auf ein Minarett feuern. Das sah danach genauso aus wie unser Rathausturm."
Und die Bürger von Bensberg (37 500 Einwohner) deckten Zeitungen und Ratsherren mit Protestschreiben ein. Sie wünschten das "unfaßbare Schießschartenungeheuer auf den Mond"; andere Protestanten schlugen vor, den "Aapenfelsen" einem Zoo zu stiften.
Bensbergs prominentester Einwohner, Bundesinnenminister Paul Lücke, empfahl jedoch seinen Mitbürgern in einem Leserbrief, mit dem Beamtenbunker zu leben. Lücke, der Rathaus und Turm "aus meinem Haus und Garten jede Stunde" vor sich sieht: "Ein Bauwerk, für die Zukunft gebaut."
Rathaus-Neubau in Bensberg: Aopenfelsen oder Akropolis?

DER SPIEGEL 48/1966
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