21.11.1966

PERSONEN MIT SCHICKSAL

Marie Luise Kaschnitz, 65, Lyrikerin, Essayistin und Hörspielautorin, hat schon einmal mit Erzählungen größeren Erfolg gehabt: 1960 mit dem Band "Lange Schatten". Ihre neue Geschichtensammlung "Ferngespräche" steht in dieser Woche zum erstenmal auf der SPIEGEL-Bestsellerliste (siehe Seite 191). - Van Siegfried Lenz, 40, dessen letzte Novität, 1965, der Erzählungsband "Der Spielverderber" war, ist in diesem Herbst eine Neuausgabe seines Erstlingsromans von 1951, "Es waren Habichte in der Luft", erschienen.
Fragt man sich, wem die literarischen Personen neuerdings immer ähnlicher zu werden beginnen, dann drängt sich der Vergleich mit der Ladenkasse ziemlich ungeduldig vor: der Autor dreht die Kurbel, ein Klingelzeichen ertönt, die Geldlade stößt hervor bis zur Blockierung und lädt zur Addition der Barschaft ein. Solch eine Addition kann ihre Reize haben, es gibt ja auch Wonnen der Registrierung, nur möchte man gerne wissen, wieviel diese objektive und schmerzlose Bilanz zur Erkennbarkeit beiträgt. Vielleicht sind das die Folgen auf Proust: wir teilen heute nicht mehr sein Vertrauen, einer Person habhaft zu werden, indem man ihr Bewußtsein wie Brüsseler Spitzen behandelt und noch aus dem allerfeinsten Knoten Mut schöpft.
Die literarische Person ist heute ein Arrangement von Zeichen. Sie ist das Ergebnis einer Reihe von Wahrnehmungen. Ob sie durch ein Überangebot an Wörtern oder in kunstvoller Dürftigkeit vorgestellt wird: sie bleibt allemal reduziert, eine Summe äußerer Fähigkeiten, Reflexe, Handlungen, eine Barschaft, die darauf wartet, zusammengezählt zu werden, eine Ladenkasse. Was aber besonders auffällt, ist der Versuch, der literarischen Person das Schicksal wegzuamputieren, sie von allem Schicksalhaften zu reinigen.
Nun hat das Schicksal seit je eine zu musterhafte Funktion in der Literatur erfüllt, als daß es unumstritten sein könnte. Es sorgte zu pünktlich für eine Verringerung oder für einen Zuwachs an Möglichkeiten. Auf sein glänzendes öder düsteres Walten mußte man schon mit Mißtrauen reagieren, nicht zuletzt deshalb, 'weil ihm jeder Sinn für Diskretion abgeht. Trotzdem war man bereit, ihm zu bescheinigen, daß es geeignet sei, Charaktere nicht nur zu beschädigen; sondern auch erkennbar zu machen; Ich kenne nicht alle Gründe, die zum Schreiben führen, aber einer ist doch wohl: etwas erkennbar zu machen - und wenn es die Unmöglichkeit des Erkennens selbst ist. Unter diesen Umständen könnte das Schicksal als Hilfs-, mittel seine Lizenz erhalten, und wie Frau Kaschnitz mit ihrem neuen Erzählband zeigt: ohne langatmige Bedenken; denn etwa in der Art, wie die Novellen der Tania Blixen Schicksalsnovellen genannt werden können, kann man die vorliegenden Erzählungen - bei aller Skepsis gegenüber der Prachtentfaltung des Begriffs - Schicksalserzählungen nennen.
Ich weiß, man geniert sich fast dafür, daß das Schicksal nichts anderes tun kann als zuzuschlagen. Vielleicht möchte es beweisen, daß jeder sich zum Opfer eignet. Und ein Schriftsteller, der mit dem Schicksal sozusagen handwerklich umgeht, läßt unwillkürlich den Verdacht aufkommen, daß er die Verantwortung für gewisse Vorkommnisse abschieben möchte.
In den neuen Erzählungen von Marie Luise Kaschnitz allerdings waltet ein Schicksal von so vollkommener Diskretion und Unscheinbarkeit, ein Fatum von so bemerkenswerter Beiläufigkeit, daß man mitunter Mühe hat, es überhaupt festzustellen - bis auf zwei, drei Ausnahmen (etwa "Wer kennt seinen Vater" oder "Zu irgendeiner Zeit"), wo das Schicksal ausdrücklich zitiert' wird
und' sogleich mit signalreifem Polterschritt daherkommt.
In den meisten Erzählungen jedoch wird das Schicksal weder zitiert noch In seiner Funktion bestimmt, doch gerade deshalb überzeugt es. Es überzeugt in der vortrefflichen Geschichte ",Ein Tamburin, ein Pferd", in der die bleibende Angst einer Frau vor einem Tamburin und einem Pferd erstaunlich motiviert wird: weil die Frau es einmal in ihrer Kindheit vergaß, einen Schlüssel in ein Tamburin zurückzulegen, mußten die Pflegeeltern sterben, und auf der Flucht erscheint dem Kind ein Pferd als einziges Lebewesen, dessen "Anblick schlimmer ist als der Anblick der toten Pflegeeltern".
Die Rolle des Schicksals überzeugt in der hervorragenden Geschichte "Lupinen", in der die unerhörte Sehnsucht der Überlebenden beglaubigt wird, das Los der Opfer zu teilen: es ist die Erzählung von zwei jüdischen Mädchen, die mit dem Todeszug abtransportiert werden. Einem Mädchen gelingt die Flucht. Es kehrt zu seinem Schwager zurück, verbirgt sich, bis es merkt, daß es die Stelle der Schwester einnehmen
soll; da kehrt es zum Bahndamm zurück, zu der Stelle, wo die Lupinen wachsen, wo die Flucht einst gelang. Hier begeht das Mädchen Selbstmord.
In der Erzählung "Eisbären" ist es die Erwartung einer Frau, die schicksalsbestimmend wird: in einem nächtlichen Gespräch mit ihrem Mann wird sie zu dem Eingeständnis gezwungen, daß sie immer auf einen anderen Mann gewartet hat. Eine kleine Notlüge wird zum Verhängnis.
Fast schon wie ein Muster kommt einem das Protokoll in Form einer Geschichte vor, das ,Die Füße im Feuer" heißt: das ungewöhnliche Schicksal des Erzählers besteht darin, daß er keinen Schmerz empfindet. Wo der Schmerz als Pädagoge ausfällt, da hört die Welt sauf, Erfahrungsmaterial zu liefern; das Interesse an Mitteilungen (und Selbstmitteilungen) läßt nach; das Dasein wird bewußt entwertet. Was allerfalls bleibt, ist der - sogar formulierte - Wunsch, für Menschen mit einem ungewöhnlichen Schicksal Verständnis zu wecken.
Schließlich übernimmt auch das Schicksal die Rolle einer lautlosen Platzanweiserin in der sehr guten, sehr lakonischen Geschichte "Das Inventar". Da versucht ein Mann, dessen Frau bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, mit Hilfe seiner Schwägerin das verbliebene Inventar aufzunehmen. Seine Ehe ist nicht glücklich gewesen, die Schwägerin weiß es, doch dies Wissen schützt sie selbst nicht: während sie gemeinsam die Koffer packen, stellen sie fest, daß sie es zusammen versuchen könnten, und falls es mißlingen sollte - und es wird mißlingen - bietet sich da noch eine weitere Schwester der Schwägerin an, und so weiter. Der Mann lacht nicht einmal, er quittiert nur nickend die verbliebenen Möglichkeiten, von denen er selbstverständlich weiß, daß sie ausnahmslos für die Katz sind: die Ehe, eine auf Schicksal programmierte Maschine.
Aus allen Geschichten von Marie Luise Kaschnitz ergibt sich, daß für eines jeden Menschen Leben etwas schicksalbestimmend ist oder es doch werden kann in einem unerwarteten Augenblick. Der Musiker, der die chinesische Cinelle nicht schlagen kann; der Angehörige, der nicht das Zimmer seiner kranken Frau betritt; die Frau - in der hervorragenden Geschichte "Der Tag X" -, die mit ihrer Angst allein bleiben muß: jeder verheddert sich in ein Schicksal und muß sich --wehren. Keine Person ist souverän. Niemand ist in der Lage, sich selbst eine Verfassung zu geben. Wo man sich wehrt, da geschieht es aus Notwendigkeit.
Sicher, die Meinung ist weit verbreitet, daß das Schicksal eine Angelegenheit ist, die die Tauben mit den Falken ausmachen sollen oder die Friedfische mit den Raubfischen; die spielen das ja täglich. Hier ist das allerdings eine zu voreilige Befürchtung. Indem Frau Kaschnitz in ihren Erzählungen den Personen ein Schicksal zuerkennt, macht sie sie, und man muß schon wieder sagen: auf überraschende Weise, erkennbar.
Da finden Überprüfungen statt - durch eine Geste, durch einen Brief, durch ein Gespräch -, die nur selten ohne Folgen bleiben. Jede ist so ein Fall der beiläufigen "Augenöffnung". Und da die Erzählerin es vermeidet, das Schicksal in großem Dienstkostüm oder mit priesterlichem Zeremoniell auftreten zu lassen, werden die Personen auf stillschweigende Art wie in einem Prisma gebrochen. Sie werden nicht mit allerkleinsten epischen Schritten verfolgt, registriert, festgestellt, sondern in dem ergiebigen Augenblick gezeigt, wo alles von den Mitteln zur Selbstverteidigung abhängt. Extreme Augenblicke? Äußerste Lagen? Keineswegs; eher möchte man sagen: unverhoffte Augenblicke der Selbstergründung.
Ist man eigentlich ästhetisch schon reaktionär, wenn man herauszubekommen sucht, warum man sich für Personen mit Schicksal so interessiert? Ist nicht jeder Auftritt des Schicksals unlauterer Wettbewerb? Sind wir nicht zu der Anstrengung verpflichtet, allem die gleiche Bedeutung zuzugestehen und von Welt nicht anders zu reden als von einer Folge aufzählbarer Wahrnehmungen?
Es läßt sich so manches fragen bei der Lektüre dieser Erzählungen, aber etwas zeigen und bestätigen sie überdeutlich: wo es Schicksal gibt, da stellt sich auch sogleich Teilnahme ein. Das ist nicht einmal eine Frage der Überredung durch den Autor. Die Teilnahme stellt sich einfach deshalb ein, weil da Entwürfe, Lebensentwürfe fein korrigiert, widerlegt und von neuem angeboten werden. Und man meint, das könnte einem selbst zugute kommen. Dieser Wunsch, aus der Literatur auch etwas herauszulesen, wird natürlich sofort als überholter Genußanspruch verfemt werden.
Marie Luise Kaschnitz jedenfalls unterstützt diesen Wunsch, indem sie mit jeder Erzählung, mehr oder weniger geheim, für etwas plädiert. Es ist ein Plädoyer für die Anwesenheit von Schmerz, Trauer und Tragik In der Welt. In dieser Hinsicht gleichen sich die Geschichten erstaunlich, und sie erhalten häufig Modellcharakter durch die Art, wie hier ein Geschehen, ein Konflikt in einem Schlüsselbegriff gesammelt, durch ein Signalwort belichtet wird. Die Titel belegen das: "Silberne Mandeln", "Der Tulpenmann", "Eisbären", "Die Pflanzmaschine" - Titel, die allemal einen bezeichnenden, raffenden oder illuminierenden Wert haben.
Der Vorgang der Titelerfindung - und in erweitertem Sinn auch das Arrangement einer Geschichte - mutet deshalb mitunter ein wenig mechanisch an: eine von außen entlehnte charakteristische Geste, Stimmung oder Handlung wird als Spiegelreflex für die innere Entwicklung benutzt. Solange diese Gegenstrahlung sich nicht aufdrängt, gewinnt die Erzählung unbestreitbar an, sagen wir, bewirtschafteter Realität; wo sie überdeutlich wird, wie zum Beispiel in der Titelerzählung "Ferngespräche", da wird sogleich die Methode erkennbar und man sagt: na ja.
Daß schließlich in einem Band, der vierundzwanzig Erzählungen enthält, nicht alle Arbeiten gleichwertig sein können, liegt auf der Hand. Trotzdem muß man feststellen, daß keine einzige Geschichte vollkommen mißglückt ist - nicht einmal, "Der Tulpenmann", und auch "April" nicht, in denen, wie ich glaube, das Muster überanstrengt worden ist; selbst in diesen Geschichten ist ein erheblicher Kunstverstand tätig, der allerdings, weniger auf inteiligernte Enlarvung aus ist als ' darauf, einen
schicksalhaften Augenblick zu bestimmen, der uns vor nichts bewahrt, am wenigsten vor uns selbst. In einer Prosa, die durchaus konventionell erscheint und manchmal zierliche Umständlichkeit nicht scheut, wird uns nicht gesagt, wie es zur Zeit mit der Brauchbarkeit der Welt steht, aber es wird uns zu verstehen gegeben, was wir erwarten können, wenn wir uns mit uns selbst verabreden. An angemessenem, und das heißt: an zweifelhaftem Ort.
In einer Erzählung heißt es von der Hauptperson: "Er hatte etwas verloren und etwas gewonnen, und es war die Frage, ob er nicht auf seine Weise ganz zufrieden war." Nach der Lektüre dieser guten und auch sehr guten Erzählungen geht es einem als Leser fast genauso: man hat etwas verloren - nämlich die Skepsis gegenüber der Schicksalserzählung - und hat gleichzeitig etwas gewonnen: nämlich die Einsicht, daß das Schicksal durchaus eine literarische Nützlichkeit haben kann. Man kann auf seine Weise ganz zufrieden sein.
Marie Luise
Kaschnitz:
- "Ferngespräche"
Insel Verlag
Frankfurt am Main
284 Seiten
18 Mark
Lenz
Erzählerin Marie Luise Kaschnitz
Plädoyer für den Schmerz
Von Siegfried Lenz

DER SPIEGEL 48/1966
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