21.11.1966

LEIBNIZ-KONGRESSSolche Fülle

Die zwölftausend Bürger der Stadt Hannover des Jahres 1700 nannten den damals unter ihnen lebenden Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 bis 1716) den "Herrn von Glövenix" - weil er nicht in die Kirche ging**.
Die meisten der heute rund 550 000 zählenden Bürger Hannovers halten Leibniz (laut ortsansässiger "Hannoverscher Presse") für "den Erfinder der gleichnamigen Kekse" - eine Vermutung über den Philosophen, die jüngst noch weltweite Förderung erfuhr.
Die 3000 Briefe an Gelehrte in aller Welt, in denen die Ende Juli vom niedersächsischen Landesbibliothekar Dr. Wilhelm Totok gegründete "Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Gesellschaft e. V." aus Anlaß des 250. Leibniz-Todestages (14. November) zu einem "Internationalen Leibniz-Kongreß" eingeladen hatte, trugen den Aufdruck: "Leibniz-Keks - der Butterkeks".
Hannovers berühmtester Kuchenbäkker - die Firma Bahlsen, Produzentin des tatsächlich nach dem Philosophen ("wie der Bismarck-Hering nach dem Reichskanzler") benannten Kekses - hatte die Porto-Kosten des Kongresses übernommen. Unversehens waren die Umschläge in den Butterkeks-Freistempler geraten. Eine Bahlsen-Sprecherin: "Eine völlig unbeabsichtigte, aber süße Nebenwirkung."
Leise Verdutztheit über das Leibniz-Phänomen auf niedersächsischer Erde war schließlich noch der Rede anzumerken, mit der Kultusminister. Richard Langeheine am Montag letzter Woche die 300 in- und ausländischen Gäste des Kongresses begrüßte. Niemand, so gestand er, konnte voraussehen, ob Leibniz "in der Welt die Beachtung finden würde, die einen Kongreß rechtfertigen könnte".
Allerdings war Langeheines Sorge keineswegs völlig unberechtigt, Noch vor knapp zwanzig Jahren schrieb der spanische Denker Ortega y Gasset, dem "der Scharfsinn" des deutschen Universalgenies eine "Gänsehaut" bereitete. Leibniz sei unter allen Philosophen der Welt derjenige, "von dem man am wenigsten weiß".
Tatsächlich waren Ruf und Ruhm des aus Leipzig gebürtigen Philosophen zu allen Zeiten umstritten. Preußens Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. hielt ihn für "einen Kerl, der nicht einmal zum Schildwachestehen nütze" sei.
Denis Diderot- (1713 bis 1784), der große französische Enzyklopädist, schwärmte, Leibniz bedeute für Deutschland, soviel Ruhm wie Platon, Aristoteles und Archimedes zusammengenommen für Griechenland".
Gleichwohl geriet Leibniz im 19. Jahrhundert zumal in Deutschland nahezu in Vergessenheit. Der "Alleszermalmer" Immanuel Kant begrub die Erinnerung an Leibniz unter seinem eigenen Ruhm.
Erst das 20. Jahrhundert entdeckte Leibniz wieder. Bertrand Russell, der Begründer der mathematischen Logik, knüpfte bei ihm an. Norbert Wiener, der Vater der Kybernetik - der Basis der Computer-Technik -, erwählte ihn zum "Schutzpatron" seiner - Wissenschaft. Seit 1900, so schrieb der Kulturphilosoph Hugo Fischer, übertrifft Leibniz den Alleszermalmer "an Aktualität".
Daß es bis auf den heutigen Tag schwer ist, seine Genialität in vollem Umfange zu ermessen, ist nicht zuletzt des Philosophen eigene Schuld. Er scheute sich, sogar ausgereifte Erkenntnisse in Druck zu geben, und notierte sein Wissen in Briefen, von denen es heute noch ungefähr 1050 gibt, und auf etwa 75 000 Zetteln, die er in der Postkutsche, am Hafenkai auf der Überfahrt nach London - wo er Mitglied der "Royal Society" wurde - oder in seiner Studierstube bekritzelte. Seit 1923 arbeitet die Preußische Akademie der Wissenschaften (heute Institute in Ost-Berlin, Münster und Hannover) an einer Gesamtausgabe seiner Werke, die auf 70 Bände berechnet ist.
Eine weitere Schwierigkeit ist die schier unglaubliche Vielseitigkeit des Leibniz-Werkes.
Sein geradezu gefräßiger Forschungseifer beschäftigte sich mit der Konstruktion von Türschlössern, der Entzifferung von Geheimschriften,der Entwicklung von U-Booten wie mit Gottesbeweisen und der Erfindung einer "künstlichen" Sprache (womit er Grundlagen der modernen mathematischen Logik schuf).
Mit 13 Jahren schrieb er ein Pfingstgedicht in 300 lateinischen Hexametern, mit 14 bezog er die Universität, mit 16 bestand er das Baccalaureus-Examen, mit 20 habilitierte er sich, mit 21 war er Hofjurist in Mainz, mit 25 ging er als Diplomat nach Paris.
In Paris als Scheidungsanwalt tätig, begann er erst als 26jähriger, sich mit der Mathematik zu befassen. Unabhängig von Newton fand er den Infinitesimalkalkül.
Zu seinen immensen theologischen und naturwissenschaftlichen Kenntnissen kamen politische. Sein Leben führte ihn mit Prinz Eugen und Peter dem Großen zusammen. Obwohl er Protestant war, bot ihm die katholische Kirche wegen seiner theologisch fundierten Bemühungen um die Wiedervereinigung der Christen den Kardinalshut an.
Als 30jähriger ging er nach Hannover, wurde dort Historiograph des Welfenhauses und Bibliothekar und erwarb sich die lehenslange Freundschaft der wegen ihres intellektuellen Charmes berühmten Kurfürstin Sophie.
So umfassend und differenziert, wie das gefeierte Genie selbst war, mußte zwangsläufig auch der Kongreß in Hannover sein. Sechs Tage lang referierten Gelehrte aus Texas und der Sowjet-Union, der Tschechoslowakei und der DDR, aus Frankreich, Polen und der Bundesrepublik über Metaphysik, Logik, Philosophie, Biologie, Pädagogik, Politikwissenschaft, Theologie und naturwissenschaftlich-mathematische Probleme. 86 Vorträge wurden gehalten.
Vergnügt durfte der deutsche Kongreß-Referent Dr. Horn (Thema: "Über den ontologisch nichtidentischen Identitätsansatz der Monade") "ein merkwürdiges Vertrauen in die Vernunft" als. Gesamtklima des Kongresses verzeichnen: "als ob der Geist des Philosophen von Hannover manches leichter machte".
Tatsächlich bot das - von der Theologie bis zur Technologie reichende - Riesenwerk des letzten Universalgenies der Weltgeschichte eine Plattform, auf der Marxisten und Christen, angelsächsische Empiristen und deutsche Idealisten miteinander diskutieren konnten.
"Leibniz war", schrieb Ortega, "ein genialer Integrator", ein Denker also, dem es darum ging, die bereits zu seiner Zeit auseinanderstrebenden Fachwissenschaften wieder zu vereinen.
So entwickelte er seine heute wieder von der modernen Physik aufgegriffene Lehre, wonach das Universum aus unzähligen, unkörperlichen Kraftzentren - den "Monaden" - zusammengesetzt ist. Obwohl "fensterlos" - obwohl nicht befähigt, untereinander in Beziehung zu treten -, werde ihr Verhältnis durch eine von Gott vorgegebene Ordnung geregelt, durch die "prästabilierte Harmonie".
Während die Russen sich in Hannover vorwiegend mit naturwissenschaftlichen, die Amerikaner mit logischen, die Polen mit politischen Partien des Leibnizschen Wissens-Berges befaßten; proklamierte der Sorbonne-Philosoph Professor Robinet die Rückkehr zur Leibnizschen Metaphysik.
Wenngleich Robinet befürchtete: "Möglicherweise haben wir nicht mehr die Seelenkraft, Leibniz'Einheit hervorzurufen", versicherte er: "Leibniz nähert sich uns, weil wir uns ihm nähern . . .
Es lebe der Leibniz der kommenden Jahrhunderte."
** Wilhelm Totok und Carl Haase: "Leibniz". Verlag für Literatur und Zeitgeschehen, Hannover; 552 Seiten; 54 Mark.
Universalgenie Leibniz*
Eine Harmonie ...
Leibniz-Archivar Totokauf
...auf 75000 Zetteln
* Statue im Stuttgarter Polytechnikum.

DER SPIEGEL 48/1966
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