05.12.1966

Der Orden unter dem Totenkopf

8. Fortsetzung
Die SS in der Außenpolitik
Adolf Hitler winkelte den rechten Arm zum Gruß und ließ seinen Blick von einem der Besucher zum anderen wandern. Vor dem Diktator stand die oberste Militär-Elite des Großdeutschen Reiches. Die Oberbefehlshaber, Stabschefs und Kommandierenden Generale der Wehrmacht waren an diesem Dienstag, dem 22. August 1939, auf dem Berghof angetreten, um eine der verhängnisvollsten Entscheidungen Hitlers entgegenzunehmen: die Entscheidung für den Krieg.
"Ich habe Sie zusammengerufen", begann Hitler, "um Ihnen ein Bild der politischen Lage zu geben, damit Sie Einblick tun in die einzelnen Elemente, auf die sich mein unwiderruflicher Entschluß zu handeln aufbaut."
Aus den stundenlangen Monologen Hitlers erfuhren die Militärs, noch niemals sei die Lage für Deutschland so günstig gewesen: England "auf das äußerste bedroht", Frankreichs Stellung "ebenfalls schlechter geworden", Sowjetrußland bereit, mit Deutschland einen Nichtangriffspakt abzuschließen. Am frühen Nachmittag zogen sich die Herren zu einem kurzen Imbiß zurück. Dann traten sie wieder zusammen. Von Minute zu Minute steigerte sich Hitler in eine Kriegsbesessenheit hinein, wurde sein Blick starrer und fanatischer. Er schrie: "Herz verschließen gegen Mitleid. Brutales Vorgehen. 80 Millionen Menschen müssen ihr Recht bekommen." Dann fing er sich wieder. Kühl kam von ihm die Ankündigung, er werde noch am nächsten Tag den Angriffstermin für den Krieg gegen Polen bestimmen. Der Krieg werde kommen, so oder so.
Hitler: "Ich werde propagandistischen Anlaß zur Auslösung des Krieges geben, gleichgültig, ob glaubhaft oder nicht. Der Sieger wird später nicht danach gefragt, ob er die Wahrheit gesagt hat oder nicht. Bei Beginn und Führung des Krieges kommt es nicht auf das Recht an, sondern auf den Sieg."
Als die Militärs - von den Eröffnungen Hitlers deprimiert, ohne aber offen Widerspruch zu äußern - auseinandergingen, wußte niemand von ihnen, daß schon die Männer bereitstanden, die den von Hitler angekündigten "propagandistischen Anlaß zur Auslösung des Krieges" liefern sollten. Hitler hatte für diese Mission Heinrich Himmler auserwählt. Deckname der vorgesehenen Operation: "Unternehmen Himmler".
Die Idee stammte von Reinhard Heydrich. Schon während der Sudeten-Krise 1938 hatte der SD-Chef vorgeschlagen, das Reich müsse sich durch fingierte
Grenzzwischenfälle Vorwände für einen Einmarsch in die Tschechoslowakei verschaffen. Die Kapitulation der Westmächte vor den Drohungen Hitlers und die Konferenz von München machten Heydrichs Pläne überflüssig.
Die bevorstehende Auseinandersetzung mit Polen verlockte Heydrich, seine alte Idee neu zu formulieren. Anfang August wußte er, wie man die Welt glauben machen könne, daß Deutschland von Polen zu einem Krieg provoziert worden sei.
Dies war Heydrichs Plan: In der Nacht vor dem deutschen Angriff sollten entlang der deutsch-polnischen Grenze SD-gelenkte Trupps in der Verkleidung polnischer Freischärler und Soldaten Grenzzwischenfälle vortäuschen. Die falschen Polen hatten die Aufgabe,
- den deutschen Sender in Gleiwitz
für einige Minuten zu besetzen und ein paar deutschfeindliche Tiraden in polnischer Sprache ins Mikrophon zu schreien;
- im Grenzraum südlich der Straße
Gleiwitz-Ratibor bei der Zollstation Dreilinden ein Feuergefecht mit deutschen Truppen herbeizuführen;
- im grenznahen Forst der Stadt Pitschen nördlich Kreuzburgs die dortige Försterei zu überfallen;
- im Grenzraum Beuthen das deutsche Zollhaus bei Hohenlinde zu zerstören.
Das Kriegsspiel des SD sollte mit blutiger Realistik ablaufen. Auf den Kampfplätzen mußten auch Tote zurückbleiben. Es galt, die Photoreporter der Weltpresse zu überzeugen.
Woher die Toten nehmen? Für Heydrich war das kein Problem: Die Konzentrationslager mußten die "Gefallenen" liefern, Häftlinge, die mit Spritzen getötet und konserviert wurden. "Konserven" hießen sie in der Unmenschen-Sprache der Gestapo.
In den ersten Augusttagen trugen Himmler und Heydrich ihrem Führer den Plan vor. Hitler griff sofort zu. Kurz darauf tickten die Fernschreiber des SD-Hauptamts an die im Raum Gleiwitz-Beuthen-Oppeln stationierten SS Standarten 23 und 45 den Befehl, Männer mit polnischen Sprachkenntnissen zu einem Geheimauftrag in die Berliner Wilhelmstraße 102 zu entsenden.
SS-Sturmbannführer Alfred Naujocks, Heydrichs Kumpan seit den Ploniertagen des SD, erfuhr als einer der ersten vom Unternehmen Himmler. Er sollte die Aktion gegen den Sender Gleiwitz übernehmen.
Heydrich erklärte ihm, daß "wir aus rein optischen Gründen die Schuld für die kommenden Dinge verlagern" müßten. Er wies Naujocks an, sich mit sechs Männern in Gleiwitz vor Ort zu legen, das Terrain zu erkunden und im übrigen auf das Stichwort zu warten Es hieß: 'Großmutter gestorben.'
Das war am 10. August 1939. Naujocks suchte sich fünf Männer seiner Dienststelle aus, ließ sich einen Dolmetscher für die geplante Brandrede zuweisen und fuhr mit ihnen nach Gleiwitz. Sie stiegen in zwei Hotels ab, Naujocks im "Haus Oberschlesien".
Inzwischen hatte Heydrich auch die anderen Schlüsselfiguren des Unternehmens versammelt und mit ihnen Einzelheiten besprochen. Der SD-Chef verteilte die Rollen:
- SS-Brigadeführer Heinz Jost, Chef des Ausland-SD, sollte die polnischen Uniformen für die Aktionen beschaffen;
- SS-Oberführer Dr. Dr. Otto Rasch
sollte das Unternehmen gegen das, Forsthaus Pitschen leiten;
- SS-Oberführer Dr. Herbert Mehlhorn sollte das Gebiet um Dreilinden von der Wehrmacht räumen lassen und die Rollen von Angreifern und Verteidigern koordinieren;
- SS-Obersturmbannführer Ottfried Hellwig sollte mit seiner als polnische Angriffstruppe getarnten Einheit von Süden her (aus Richtung Polen) gegen Dreilinden vorstoßen;
- SS-Sturmbannführer Hoffmann,
Leiter der SD-Schule in Bernau, sollte die Demolierungstruppe gegen Hohenlinde führen;
- SS-Oberführer Heinrich Müller,
Chef der Gestapo, sollte die "Konserven" aus den Konzentrationslagern auf die verschiedenen Kampfplätze transportieren.
Die Vorbereitungen waren Mitte August so weit gediehen, daß sich Himmler und Heydrich abermals bei Hitler melden ließen. Ein Führerbefehl öffnete dem SD die geheimen Archive der Wehrmacht; die Abwehr lieferte dem SD polnische Uniformen, Waffen und Soldbücher aus.
Beschaffer Jost ließ alles in die SD Schule Bernau bringen, wo die von den oberschlesischen Standarten abgestellten Männer Nachtangriffe und polnische Kommandos übten. Das Gros der Bemauer bekam polnische Uniformen und pro Mann einen Karabiner mit 30 Schuß Munition; nur die für den Überfall auf Forsthaus und Zollstationen ausersehenen SS-Männer wurden als polnische Partisanen ausstaffiert.
Am 20. August war es soweit, Mehlhorn rief im Großen Saal der SD-Schule alle Männer zusammen und instruierte sie mit dürren Worten über einen streng geheimen "Grenzeinsatz". Dann rückten die Männer auf geschlossenen Lkw in ihre Bereitstellungsräume ab. Zwei Tage später liefen bei Heydrich die Meldungen ein, die dem SD-Chef bestätigten, daß Unternehmen Himmler jeden Augenblick abrollen konnte. Am Nachmittag des 25. August gegen 15 Uhr gab Hitler Befehl, den Polen -Krieg am nächsten Morgen auszulösen.
Heydrich erteilte telephonisch letzte Weisungen: Naujocks erfuhr, er müsse jeden Augenblick zum Losschlagen bereit sein; Mehlhorn bekam Order, Hellwigs Truppe an die Grenze zu schicken; Gestapo-Müller ließ seine Lkw mit den toten Häftlingen abfahren.
Da geschah etwas, womit Heydrich nicht mehr gerechnet hatte: Hitler sagte den Krieg noch einmal ab. Der Diktator hatte in den späten Nachmittagsstunden zwei Meldungen bekommen, die ihn wankend machten.
Italiens Botschafter überbrachte die Mitteilung, sein Duce könne sich an dem Kriegsabenteuer nicht beteiligen, und aus London wurde berichtet, soeben habe England mit Polen ein Beistandsabkommen geschlossen. Hitler ("Ich brauche Zeit für Verhandlungen") ließ die schon in Gang gesetzte Kriegsmaschine wieder abstellen.
Heydrich zog nach, seine Stopp-Befehle jagten nach Oberschlesien. Doch Mehlhorn konnte die schon ins polnische Gebiet eingesickerte Truppe des Obersturmbannführers Hellwig nicht mehr erreichen.
Hatte nun Hellwig den von Mehlhorn erteilten Vorbefehl bereits für den Auslösungsbefehl gehalten oder hatten seine Nerven in der Dunkelheit des nächtlichen 25. August versagt - Hellwigs Truppe stieß jedenfalls gegen das Zollhaus Dreilinden vor und eröffnete das Feuer, das die deutsche Gegenseite prompt erwiderte. Erst nach einiger Zeit wurde das Gefecht abgebrochen.
Das nächste Mal funktionierte es besser. Kaum hatte Hitler am 31. August den neuen Angriffstermin (1. September, 4.45 Uhr) festgelegt, als Heydrich abermals seine Geheimtrupps an der deutsch polnischen Grenze alarmierte.
Gegen 16 Uhr läutete im Gleiwitzer Hotelzimmer des Naujocks das Telephon. Naujocks vernahm eine hohe, metallische Stimme: "Bitte um Rückruf." Naujocks ließ sich mit der Adjutantur Heydrichs verbinden. Die hohe Stimme: "Großmutter gestorben."
Naujocks verabredete mit seinen Männern, um 19.45 Uhr zum Sender zu fahren. Und Müller ließ jetzt In Oppeln die Motoren seiner Leichen-Lkw anwerfen.
Im Sender Gleiwitz beobachtete der Postfacharbeiter Foitzik kurz vor 20 Uhr, daß fünf Männer den Maschinenraum betraten und die Treppe zum Senderaum hinaufstiegen. Foitzik wollte die Fremden fragen, was sie wünschten. Er starrte in eine Revolvermündung. Auch das übrige Sendepersonal befolgte Naujocks Befehl: "Hände hoch!"
Das Personal wurde gefesselt und in den Keller geschleppt. Naujocks: "Dann haben wir uns heißgesucht, damit wir die Sendung durchbekamen." Die Eindringlinge waren einen Augenblick lang ratlos gewesen, weil sie nicht wußten, wie sie das laufende Programm unterbrechen und ihre polnische Hetzrede in den Äther senden könnten.
Endlich fanden sie das sogenannte Gewittermikrophon, mit dem die Sendeleitung bei Gewittern mitzuteilen pflegte, daß die Sendung gestört sei. Naujocks zog das Manuskript der Polen -Rede hervor, und wenige Minuten
später vernahmen Tausende deutscher Hörer ein wüstes Stimmengewirr offenkundig polnischer Zunge, das von Schüssen unterbrochen wurde. Die Vorführung dauerte vier Minuten, dann zog Naujocks mit seinem Trupp wieder ab.
Als der SS-Mann auf die Straße trat, lag vor dem Sender die ausgestreckte Gestalt eines KZ-Häftlings. Zwei Männer der Naujocks-Mannschaft hatten den Toten von Gestapo-Chef Müller in Empfang genommen.
Wie in Gleiwitz, rollten Heydrichs Scheinangriffe gegen Deutschland auch an den übrigen drei Plätzen ab. Und überall war Gestapo-Müller zur Stelle, um seine Toten zu verteilen. Der Reichsführer SS hatte geliefert, was Hitler zur Auslösung des Zweiten Weltkriegs benötigte: polnische Provokationen.
Während die Soldaten und Panzer Adolf Hitlers längst nach Polen hineinstießen, beeilte sich die Presse des Dritten Reiches, in wohlinstrumentierter Entrüstung der Weltöffentlichkeit das Ungeheuerliche zu melden, das sich an der Ostgrenze begeben habe.
"Polnische Aufständische überschreiten die deutsche Grenze", überschrieb der "Völkische Beobachter" am 1. September 1939 seine Meldung und berichtete, die Untat sei "offensichtlich das Signal zu einem Angriff polnischer Freischärler auf deutsches Gebiet".
Die Führer des Dritten Reiches griffen das Thema begierig auf. Hitler erklärte in seiner den Zweiten Weltkrieg eröffnenden Reichstagsrede am 1. September, in der Nacht zuvor sei es zu 14 Grenzzwischenfällen gekommen, darunter drei sehr schweren, und Außenminister von Ribbentrop offenbarte dem französischen Botschafter, die polnische Armee sei an drei Punkten in das Reichsgebiet eingefallen.
Das Unternehmen Himmler demonstrierte, daß die Schutzstaffel dabei war, eine Schlüsselstellung in der Expansionspolitik des Dritten Reiches zu erlangen. Es war nicht ohne Symbolik: Den Weg ins außenpolitische Abenteuer hatten SS-Männer freigeschossen; die ersten Leichen des Zweiten Weltkriegs wurden von der SS geliefert.
Das Kriegsspiel des SD in Oberschlesien war nur eine Station in Heinrich Himmlers großem Plan, eines Tages auch den Kurs der deutschen Außenpolitik zu bestimmen. Wer wie Himmler von der Weltmission des deutsch germanischen Herrenmenschen durchdrungen war, mußte sich auch das Ziel setzen, dem Herrenmenschen die Grenzen zu weltweiter Expansion zu öffnen. Das aber hieß zugleich: Die SS mußte eines Tages Träger deutscher Macht- und Außenpolitik werden.
Himmler mußte jedoch vorsichtig zu Werke gehen. Noch war er nicht stark genug, seinen Willen in dem Dickicht der miteinander rivalisierenden Machtgruppen in der Führungshierarchie des Dritten Reiches durchzusetzen. Die SS Macht reichte einstweilen nicht aus, um die politische Richtung auf jener Ebene, die der Führer-Diktator dem freien Spiel seiner ersten Paladine überließ, entscheidend zu bestimmen. Die SS konnte zwingende Macht nur dort entfalten, wo sie im Auftrage des Diktators wirksam wurde, nicht aber, wo sie eigene Interessen vertrat.
Gerade der Kampf um die Kontrolle der Außenpolitik offenbarte, wie wenig das Durcheinander nationalsozialistischer Kompetenzen und Cliquen einen endgültigen Sieg der Schutzstaffel zuließ. Und schon einmal, in den Anfangsjahren des Regimes, waren in diesem Kampf die ehrgeizigen Außenpolitiker der SS im Sumpf der NS-eigenen Kabalen steckengeblieben. Damals hatten sie das Regime in seine bis dahin schwerste außenpolitische Krise gestürzt:
Nach der Machtübernahme stand die Forderung nach dem Anschluß Österreichs an oberster Stelle der Traktandenliste neudeutscher Politik. Fünf Gruppen stritten um die Kontrolle über den deutschen Österreich-Kurs:
- das Auswärtige Amt des Berufsdiplomaten Konstantin Freiherr von Neurath;
- das Außenpolitische Amt der NSDAP unter Reichsleiter Alfred Rosenberg;
- das mit Mitteln der Partei eingerichtete Büro Ribbentrop;
- die Auslandsorganisation der NSDAP
unter Gauleiter Wilhelm Bohle;
- die im Münchner Exil lebende Führung der österreichischen NS-Partei mit dem von Hitler eingesetzten Landesinspekteur Theo Habicht.
In dieses Knäuel einander befehdender Gruppen stieß vom Herbst 1933 an auch die SS hinein, weil ein Zufall die Schutzstaffel mit dem Österreich-Problem verhakelt hatte.
Die österreichische NSDAP war im Sommer 1933 von Österreichs energischem rechtskatholisch-autoritärem Bundeskanzler Dr. Engelbert Dollfuß verboten worden. Aus Furcht vor der hart zuschlagenden Dollfuß-Polizei flohen Tausende österreichischer Nationalsozialisten nach Bayern, direkt in die Arme Himmlers, der neue Rekruten für seine Truppe suchte.
Da in der österreichischen Partei die politischen Leiter und die SA-Führer zerstritten waren, unterstellten sich immer mehr Parteigenossen dem Reichsführer SS. So erging es auch dem ehemaligen Wachtmeister Fridolin Glass; er hatte im österreichischen Bundesheer eine NS-Soldatengruppe gegründet und war nach dem Verbot der Partei 1933 aus dem Heer entfernt worden. Glass faßte die gleich ihm entlassenen Soldaten seiner NS-Zelle zu einer in sechs Kompanien gegliederten "Militärstandarte" zusammen; er unterstellte sie zunächst der SA-Obergruppe XI. Bald aber mißfiel ihm die SA. Glass fuhr nach Berlin und bot seine Einheit der SS an.
Himmler akzeptierte und erklärte die Glass-Einheit im Frühjahr 1934 zur Standarte 89 der Allgemeinen SS. Der Schritt des Glass sollte für Österreichs Nazis verheerende Folgen haben. Später bestätigte eine Untersuchungskommission der SS: "Das Verhalten Glass' sah die SA-Führung Österreichs als Verrat an der SA an."
Es läßt sich heute nicht mehr rekonstruieren, ob der SS-Sturmbannführer Glass schon damals die Berliner SS Führung in einen Plan eingeweiht hat, Dollfuß durch einen Putsch zu stürzen. Den Plan aber hegte er bereits.
Glass wollte mit 150 Männern seiner Standarte die Regierung anläßlich eines Ministerrates im Wiener Bundeskanzleramt verhaften, den Rundfunk besetzen und eine neue Regierung ausrufen, worauf sich die SA im ganzen Land erheben sollte.
Landesinspekteur Habicht, mächtigster Vertrauensmann Hitlers in allen Österreich-Fragen, hörte von dem Glass -Plan und bestellte sich den SS-Führer Anfang Juni 1934 nach München. Glass behauptete, daß ein Teil der Wiener Polizei und auch einige Truppenverbände einen nationalsozialistischen Putsch unterstützen würden.
Habicht gab dem Verschwörer grünes Licht und brachte Glass mit seinen engsten Vertrauten zusammen. Das waren der Ex-Hauptmann und Stabsleiter der NS-Landesleitung Dr. Rudolf Weydenhammer und der Wiener SS-Sturmbannführer und Stellvertreter Habichts in Österreich Dr. Otto Gustav Wächter.
Glass erhielt den Auftrag, die Aktion für alle Fälle" vorzubereiten und vor allem die Mitarbeit von Wiens Polizei und Militär sicherzustellen. Weydenhammer sollte Waffen beschaffen und den christlich-sozialen Gegenspieler des Kanzlers Dollfuß, den österreichischen Gesandten in Rom Dr. Anton Rintelen, für die Rolle eines Gegen-Kanzlers gewinnen.
Die Vorbereitungen liefen an. Rintelen erklärte sich bereit; auch der Wiener Stadtkommandant, Oberstleutnant Sinzinger, machte mit. Er übernahm es, Uniformen für jene Glass-Männer bereitzustellen, die in das Bundeskanzleramt eindringen und die Minister verhaften sollten.
Als die Verschwörer am Abend des 16. Juli in der Wohnung Habichts in-München, Kunigundenstraße 60, zusammenkamen, legten sie das Putschdatum fest. Für den Nachmittag des 24. Juli 1934 war die letzte Wiener Ministerratssitzung vor den Sommerferien anberaumt worden; in diesem Augenblick wollten die Putschisten zuschlagen.
Offenbar bereitete ihnen dabei wenig Sorge, wie denn eigentlich Reichskanzler Hitler zu einem Unternehmen stehen werde, das - falls es scheiterte - die Außenpolitik des Deutschen Reiches auf, das schwerste kompromittieren mußte. Nicht einen Augenblick lang, so schrieb Wächter später, sei ihm der Gedanke gekommen, der Putschplan sei nicht im Sinne Adolf Hitlers gewesen.
Tatsächlich hatte Habicht seinen Führer in den Plan eingeweiht und dessen Zustimmung erhalten - freilich auf eine so vage Art, die Hitler nachher ermöglichte, alle Verantwortung abzuleugnen und sogar den Oberputschisten Wächter 1938 vor dem Obersten Parteigericht anklagen zu lassen, "bewußt gegen den erklärten Willen des Führers gehandelt" zu haben - so SS-Führer Wächter am 31. Mai 1938.
Der Diktator praktizierte wieder einmal jene Doppelgleisigkeit, die ihm gestattete, die rechte Hand nicht wissen zu lassen, was die linke tat. Denn zur selben Zeit, da er Habichts Intrigen gegen Dollfuß tolerierte, schärfte er dem Auswärtigen Amt des Freiherrn von Neurath ein, die österreichischen Parteigenossen seien vor jedweder Unbesonnenheit gegenüber dem Dollfuß -Regime zu warnen.
Dennoch saß am Tisch der Verschwörer in der Kunigundenstraße ein Mann, der entschlossen war, den Staatsstreich gegen Kanzler Dollfuß scheitern zu lassen und damit das auszulösen, was den Putschistenführer Wächter später "das erschütterndste Ereignis meines Lebens" dünkte. Der SA-Obergruppenführer Hermann Reschny, Chef der illegalen SA Österreichs, konnte nicht darüber hinwegsehen, daß in dem Umsturzplan der beiden SS-Führer Glass und Wächter die SA nur eine untergeordnete Rolle erhalten hatte; die SA sollte erst heraustreten, wenn in Wien die Entscheidung bereits gefallen war. Reschny witterte darin eine bewußte Brüskierung der Sturmabteilungen.
Ihm schien es kein Zufall, daß wieder einmal Männer der SS die SA-Interessen hintansetzten. Die SS hatte im Reich die Monopolstellung der SA zerstört, hatte die Führer der Reichs-SA gemordet und verlangte nun auch in Österreich die führende Position für sich.
Zudem konnte Hermann Reschny niemals die Autofahrt nach Tegernsee an jenem Blutsonntag (30. Juni 1934) vergessen, als der Röhm-Kreis vernichtet worden und der österreichische SA Chef nur durch einen Zufall dem Zugriff der SS-Schergen entgangen war.
Der SA-Obergruppenführer wußte, wie er handeln mußte. Einen Ansatzpunkt bot die Taktik Habichts, der verfügt hatte, SA und SS sollten am Tag der Revolte zwar vereint schlagen, aber getrennt marschieren.
"Pg Habicht erklärte mir", so Wächter, "ich hätte mich bei meiner Arbeit nicht mit der SA in Verbindung zu setzen. Diese werde selbständig geführt und auf das gegebene Stichwort hin zentral durch Obergruppenführer Reschny eingesetzt."
Der SA-Chef konnte daraus folgern, daß eine Niederlage der SS bei dem Wiener Putsch niemals auf die SA zurückfallen könne. Vorsichtig ließ er Informationen über die Putschpläne an die österreichischen Sicherheitsorgane durchsickern, ohne dabei selber in Erscheinung zu treten.
Reschny bediente sich zweier Konfidenten, die schon mehrmals in seinem Auftrag die Regierung Dollfuß kontaktiert hatten. Der SA-Sturmbannführer Friedrich Hamburger, Verbindungsmann der SA-Obergruppe in Wien, und dessen Freund, der Rittmeister Schaller, haben - so behauptete Wächter später aufgrund des Aktenmaterials eines 1935 gegen Friedrich Hamburger geführten Prozesses - "die österreichischen Regierungsstellen in den Jahren 1933 und 1934 schlechterdings über alles informiert, was von der Partei vor diesen Stellen geheimzuhalten war".
Nach der Verschwörer-Sitzung bei Habicht zog Reschny die beiden Konfidenten zu einer Führerbesprechung der SA-Obergruppe in München hinzu und ließ noch einmal den Putsch in aller Breite erörtern. Kundschafter Schaller hatte begriffen: Er notierte sich Einzelheiten, um sie über den Wiener Sicherheitsbeamten Cyhlar an das Bundeskanzleramt gelangen zu lassen.
Hamburger instruierte Schaller zudem ausdrücklich, wie der Rittmeister später in einer Eidesstattlichen Erklärung versicherte, der österreichischen Polizei die Namen und Personalien der Putschführer Glass, Wächter und Weydenhammer zu übermitteln.
"Hinsichtlich Wächter", erklärte Cyhlar 1935, "hat Schaller laufend mich in den letzten Monaten über den Juliputsch benachrichtigt." Wächter wurde von der österreichischen Staatspolizei unter Beobachtung genommen. Wo immer sich der SS-Führer bewegte, folgten ihm die Schatten zweier Geheimpolizisten.
Dem Wiener Polizeichef Weiser blieb freilich eine Tatsache verborgen: Die Beschatter Wächters waren Nationalsozialisten, die allabendlich gemeinsam mit Wächter den Beobachtungsbericht an Weiser verfaßten.
Der 24. Juli nahte heran, der Tag des letzten Ministerrats am Wiener Ballhausplatz. Schon hielt sich Rintelen im Wiener Hotel "Imperial" bereit, schon rüsteten sich die 150 SS-Männer der 89. Standarte zum Einsatz, da erfuhr Weydenhammer, der Ministerrat sei abgesagt und auf den nächsten Tag 11 Uhr festgesetzt worden.
Die für den Überfall auf das Bundeskanzleramt eingeteilten SS-Männer erhielten einen neuen Befehl: "89 -
1/4 1 Uhr, Siebensterngasse Nr. 11. Bundesturnhalle - nicht über die Breitegasse in die Siebensterngasse gehen."
Am nächsten Tag, dem 25. Juli 1934, waren, 30 SS-Männer pünktlich zur Stelle, um sich in der großen Turnhalle des Deutschen Turnerbundes als Militärtruppe auszuputzen. Parole: Der Bundespräsident Miklas habe sie zu einem Sondereinsatz in das Bundeskanzleramt befohlen.
Die Rebellenführer konnten nicht ahnen, daß der Putsch verloren war, ehe, er noch begonnen hatte. Einer der Verschwörer der Wächter-Glass-Gruppe, der Polizeirevierinspektor Johann Dobler, hatte die Nerven verloren und alles ausgeplaudert.
Noch hatte die Tagung des Ministerrats nicht begonnen, da hielt der Heimwehr-Minister Emil Fey die Meldung in Händen; eine Gruppe radikalisierter Nazis wolle einen Anschlag auf das Bundeskanzleramt verüben. Minister Fey war ein Mann seltsamen Ehrgeizes. Statt sofort Dollfuß und das Militär zu alarmieren, rief er seine Privatarmee, die Heimwehr, auf die Straßen und versuchte der Verschwörung auf die Spur zu kommen.
Als er sich endlich seiner Pflicht besann, waren entscheidende Minuten verloren. Erst kurz vor 12 Uhr eilte er in den Ministerrat und bat den Bundeskanzler in eine Ecke, wo er ihm die Nachricht ins Ohr flüsterte. Der zierliche Kanzler richtete sich auf, ungläubig und doch entschlossen.
Dollfuß sagte zu seinen Ministern: "Fey hat mir gerade etwas mitgeteilt, und ich weiß nicht, ob etwas dahinter ist oder nicht. Es ist aber vielleicht besser, wenn wir die Sitzung unterbrechen und jeder Minister in sein eigenes Amt zurückkehrt." Die Minister schritten davon, kopfschüttelnd und kaum ihrer Sache sicher.
Wenige Minuten später stürzte ein Hauptmann herein und meldete Dollfuß, Bewaffnete seien in das Bundeskanzleramt eingedrungen. Der Kanzler eilte von seinem Arbeitszimmer in den anschließenden Säulensaal und blickte in den Hof hinab. Ein Kriminalbeamter meldete, die Eindringlinge seien Soldaten. Dollfuß: "So, Soldaten?"
Da polterte der Türhüter Hedvicek ins Zimmer und faßte den Kanzler an die rechte Hand. Hedvicek drängte: "Herr Bundeskanzler, schnell!" Der Türhüter kannte eine geheime Wendeltreppe, die ins Freie führte; sie war von einem Eckzimmer neben dem Arbeitsraum des Kanzlers aus zu erreichen.
Kaum aber hatte Hedvicek mit seinem Schützling das Eckzimmer erreicht, da stürmte vom Treppenhaus her der SS-Mann Otto Planetta mit zehn seiner Komplicen in den Raum und stieß auf den Kanzler. Einen Augenblick blieben die SS-Männer wie gelähmt stehen. Dann schrie alles hysterisch: "Hände hoch!"
Der Kanzler blickte den Männern ins Gesicht: "Was wollt ihr von mir?" Er machte eine jähe Bewegung mit der Hand. Planetta, der eine Selbstladepistole in der Hand hielt, fuhr zurück und schoß. Dollfuß stürzte rücklings zu Boden. Aus dem Oberkörper sickerte Blut.
Die Verschwörer legten den Schwerverwundeten auf ein Sofa. Nach einer Weile öffnete Dollfuß die Augen. Verwirrt stammelte er: "Kinder, was ist denn los, da kommen ein Major und ein Hauptmann und mehrere Militaristen herein und haben auf mich geschossen."
Erst allmählich erkannte er, daß es mit ihm zu Ende ging. Dollfuß musterte die Verschwörer. Dann begann, was sein britischer Biograph Gordon Shepherd "eine merkwürdig friedliche politische Diskussion" zwischen Dollfuß und seinen Mördern nennt.
Dollfuß: "Ich habe immer getrachtet, das Beste zu tun, was ich tun konnte, und ich habe immer den Frieden gewollt." Ein SS-Mann schrie heiser, der Kanzler habe es doch in der Hand gehabt, Frieden mit Deutschland herbeizuführen. Darauf der Sterbende: "Kinder, das versteht ihr halt nicht."
Der Schlag gegen den Ministerrat war gescheitert, die Verhaftung aller Minister mißglückt. Nur die Besetzung des Rundfunks war plangemäß verlaufen. Doch noch gaben die Putschisten nicht auf. Otto Gustav Wächter hetzte durch die Straßen Wiens, um Hilfe zu holen.
Jetzt, so hämmerte es in ihm, war die Stunde da, in der die SA losschlagen konnte, jetzt mußte Obergruppenführer Reschny seine Kohorten auf die Straße rufen. Endlich erreichte Wächter die im Hotel "St. James" versammelten Führer der österreichischen SA. Wenige Stunden später stand er vor dem SA Brigadeführer Türk.
"Als ich den Stand kurz schilderte", erinnert sich Wächter, "und den Einsatz der SA forderte, gab Türk in meiner Anwesenheit den Alarmbefehl für die Gruppe Wien und Niederösterreich. Er erklärte auf meine Frage weiter, die SA sei in einer Stunde im Marsch auf die Innenstadt."
Doch der Brigadeführer Türk teilte die Gefühle seines Chefs Reschny. Als Wächter zu einem neuen Treff jagte, hob Türk die Alarmbefehle wieder auf.
In ganz Österreich blieb die SA passiv, keine Sturmabteilung rührte sich, den bedrängten SS-Putschisten zu Hilfe zu kommen. Kurz darauf ließ Türk die Parole verbreiten: "Der Putsch des 25. Juli ist eine Privataktion der SS Standarte 89, für den die SA jede Verantwortung ablehnt."
Gelassen sahen die SA-Kameraden zu, wie Österreichs Polizei und Armee in wenigen Stunden dem Putschisten-Spuk in Wien ein Ende bereiteten. Der Kanzler-Mörder Planetta und neun seiner Mitverschwörer wurden hingerichtet, die übrigen Putschisten zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt.
Deutschlands Diktator sah sich über Nacht einer internationalen Protestwelle gegenüber. Zum erstenmal in der Geschichte des Dritten Reiches galt Adolf Hitler in der Weltöffentlichkeit als ein ausgemachter Mörder, gegen den alle Kräfte der zivilisierten Welt aufzubieten selbstverständliche Pflicht verantwortlicher Staatsmänner war.
"Wir stehen vor einem zweiten Sarajewo", schrie Hitler seinem ehemaligen Vizekanzler Franz von Papen entgegen und drängte ihn, den Renommier-Katholiken des Regimes, als Versöhnungs-Botschafter nach Wien zu gehen. Theo Habicht wurde seines Postens enthoben und eine parteiamtliche Untersuchung gegen die Verschwörer eingeleitet.
Am heftigsten traf die Niederlage den Reichsführer SS, der eine schwere Prestigeeinbuße hinnehmen mußte. Was nutzte es da, daß der düpierte Chefputschist Wächter geiferte, die SA habe "ihre auf Herbeiführung des SA-Primats in Österreich gerichtete Politik mit landesverräterischen Mitteln betrieben" und es sei "einer Führung, die es zuwege bringt, aus eigensüchtigen Motiven ihre Kameraden ... dem Gegner preiszugeben, schlechthin alles zuzumuten".
Die SS hatte eine Erfahrung gemacht, der sie sich lange Zeit erinnerte: Im Spiel der braunen Hierarchen wirkten Interessentengruppen mit, die ihre Belange mit naiver Brutalität durchzusetzen verstanden, ohne jede Rücksicht auf das alle verbindende NS-Glaubensbekenntnis.
Der Krieg der Cliquen und Machtgruppen innerhalb der Partei und seit 1933 innerhalb des Staat/Partei-Apparats war den braunen Herren bereits derart selbstverständlich geworden, daß auch ein Appell an die gemeinsame Ideologie diese stete Selbstbehinderung des Regimes nicht zu mindern vermochte. Eher war man jeweils bereit, dem politischen Gegner nachzugeben, als dem parteiinternen Konkurrenten ein Stück Kompetenz oder Macht zu überlassen.
Der SA-Chef Röhm floh 1932 lieber in die Arme der sozialdemokratischen Reichsbanner-Führung, als sich mit seinen partei-internen Gegnern um den Parteirichter Buch zu verständigen. Reschny ließ lieber einen nationalsozialistischen Putsch scheitern, als der SS den Sieg in Österreich zu gönnen, und der reichsdeutsche SA-Stabschef Viktor Lutze träumte nach dem Röhm-Eklat von einer gemeinsamen Aktion von SA und Wehrmacht gegen die verhaßte SS.
Im Grabenkrieg um so handfeste Interessen konnte die SS als eine Macht unter vielen keine nennenswerten Einbrüche erzielen. Sie vermochte sich auf dem Feld deutscher Macht- und Außenpolitik nur voranzuarbeiten, wenn sie im Windschatten des einzigen von allen anerkannten Machtzentrums blieb: der Autorität Adolf Hitlers und der von ihm eingesetzten Parteiführung, damals verkörpert in Rudolf Heß, dem "Stellvertreter des Führers".
Partei-Verwalter Heß war es denn auch, der schließlich der Schutzstaffel einen Nebenschauplatz deutscher Außenpolitik eröffnete, einen Sektor, der die rassisch-volksbiologischen Wahnideen Heinrich Himmlers so recht ansprach: das Gebiet der deutschen Volkstumspolitik.
Die Führer der Partei hatten frühzeitig in den volkreichen Inseln der Auslandsdeutschen, die durch die Grenzziehungen der Versailler Friedensstifter beträchtlich vermehrt worden waren, Stützpunkte künftiger deutscher Großmachtpolitik erkannt. Mannigfache Fäden, sichtbare und unsichtbare, verbanden die NSDAP mit den Millionen Volksdeutscher, vor allem in Ost- und Südosteuropa.
1931 hatte die Reichsleitung der NSDAP eine Auslandsabteilung gegründet, die alle Reichsdeutschen im Ausland zusammenfassen sollte. Der später "Auslandsorganisation" (AO) genannten Abteilung unter dem Gauleiter Wilhelm Bohle gehörten 1937 über 51 000 Mitglieder an, und sie hatte im Bereich der deutschen Außenpolitik bald so viel Macht, daß Reichsaußenminister von Neurath den Gauleiter vorsichtshalber als Staatssekretär ins AA berief, um ihn besser kontrollieren zu können.
Bohles AO war nur eine von vielen Interessentengruppen, die in die traditionelle Arbeit der deutschen Diplomatie hineinredeten. Alfred Rosenbergs "Außenpolitisches Amt" betreute die auslandsdeutschen Studenten im Reich, während der offiziell private, politisch aber längst auf NS-Kurs gebrachte "Verein für das Deutschtum im Ausland" (VDA) den Kontakt zu den Volksdeutschen in aller Welt hielt.
Die Kabalen dieser Organisationen untereinander wurden so unerträglich, daß Hitler 1936 seinen Adlatus Heß mit der Leitung aller auslandsdeutschen Angelegenheiten beauftragte. Heß wiederum ernannte einen Alten Kämpfer, den Ministerialrat Otto von Kursell, zum Chef einer "Volksdeutschen Mittelstelle" (Vomi), die - der Parteiführung unterstellt - als eine Art geheime Superbehörde die Arbeit aller mit auslandsdeutschen Fragen befaßten Regierungs- und Parteistellen koordinieren sollte.
Kursell besaß jedoch nicht genug Autorität, die vollends zerstrittenen Organisationen auf einen Nenner zu bringen. Da kam Heß die rettende Idee: Hier konnte nur noch die Parteiformation helfen, deren Führern man Organisationstalent und Disziplin nachsagte
- die SS.
Himmler ergriff die Chance, endlich einen Zipfel deutscher Außenpolitik in die Hand zu bekommen. Er beorderte einen der elegantesten und pfiffigsten SS-Führer an die auslandsdeutsche Front: den SS-Obergruppenführer Werner Lorenz, Vater der späteren dritten Ehefrau des Verlegers Axel Springer. Lorenz übernahm Kursells Vomi.
Der 1891 geborene Zögling des wilhelminischen Kadettenkorps, ehedem Leutnant und Flieger, dann Gutsbesitzer in Danzig und zuletzt Führer des SS-Oberabschnitts "Nordwest" (Hamburg), galt als der Bonvivant der Schutzstaffel und brachte die Kasino-Manieren des alten preußischen Offiziers mit.
Himmler mag später bereut haben, daß seine Wahl just auf Lorenz gefallen war. Denn der machtfrohe Obergruppenführer erlag schnell der Versuchung, sich in dem Dreieck zwischen Partei, Auswärtigem Amt und SS eine eigene Hausmacht zu schaffen, die keineswegs immer den Ambitionen des Reichsführers dienlich war.
Gleichwohl konnte sich die SS über die Volksdeutsche Mittelstelle auf das Feld deutscher Volkstumspolitik und damit auch deutscher Außenpolitik kräftig vorschieben. Was als eine Koordinierungsstelle der Partei gedacht war, entwickelte sich zu einem SS-eigenen Magneten, der immer mehr Bereiche und Organisationen der Volkstumspolitik an sich zog.
Im Januar 1937 hatte Vomi-Chef Lorenz mit 30 Mann und bescheidenen Mitteln begonnen. In kurzer Zeit fiel ein Verband nach dem anderen unter seine Kontrolle: Im Juli 1938 stürzte der Reichsführer des VDA, der allzu liberale Nationalsozialist Dr. Steinacher, worauf die VDA-Geschäftsführung einem Lorenz-Vertrauten zufiel; kurz darauf nahm die Vomi den für die Grenzlandarbeit maßgeblichen "Bund Deutscher Osten" in eigene Regie und war für Leitung und Finanzierung der volksdeutschen Parteien im osteuropäischen Ausland federführend.
Besonders engen Kontakt hielten Himmler und Lorenz zu einem Kameraden, dem die Volksdeutsche Mittelstelle formell unterstellt war. Von dem - wie er sich offiziell nannte - "Beauftragten für außenpolitische Fragen im Stabe des Stellvertreters des Führers", dem SS-Gruppenführer Joachim von Ribbentrop, versprach sich die Schutzstaffel einen entscheidenden Durchbruch ihrer Sache in der Außenpolitik.
"Du weißt, wie ich zu Deiner SS stehe und wie ich ihren Aufbau, der Dein ureigenstes Werk ist, bewundere", schrieb Ribbentrop dem Reichsführer im Juli 1940. "Ich werde es immer als eine besondere Ehre empfinden, diesem stolzen Führerkorps, das für die Zukunft unseres Großdeutschen Reiches von entscheidender Bedeutung ist, anzugehören."
Die beiden Männer kannten einander seit Ende 1932, als der abgerüstete Oberleutnant und ehemalige Sekt-Vertreter Joachim von Ribbentrop, Ehemann der Erbin des Sekt-Unternehmens Henkell, seine Villa in Berlin-Dahlem, Lentze-Allee 9, für Geheimverhandlungen zwischen Hitler und Franz von Papen zur Verfügung gestellt hatte.
Himmler war damals die Aufgabe zugefallen, dem reporterscheuen Hitler beim Übersteigen der rückwärtigen Gartenmauer des Ribbentrop-Anwesens zu helfen und durch manierliche Tischsitten zu demonstrieren, daß auch die Nazis regierungsfähig seien.
Die Demonstration überzeugte zumindest den Gastgeber Ribbentrop, denn kurze Zeit darauf trat er in die NSDAP ein und bat Himmler um den Vorzug, der Schutzstaffel angehören zu dürfen. Am 30. Mai 1933 verlieh ihm der SS Chef den Rang eines Standartenführers, und fortan war Himmler in der Ribbentrop-Villa ein gern gesehener Gast.
Je erfolgreicher der Hitler-hörige Ribbentrop sich in der Gunst des Diktators emporturnte und zu dessen außenpolitischem Sonderberater avancierte, desto hartnäckiger blieb Himmler dem offenbar glückhaften Dilettanten auf den Fersen. Als Ribbentrop im Auftrage Hitlers gegenüber dem Auswärtigen Amt in der Wilhelmstraße ein Büro eröffnete, das die Arbeit der Hitler suspekten AA-Diplomatie durch ein Netz eigener Berichterstatter kontrollieren sollte, half Himmler mit Geld und Personal.
SS-Oberführer Rolf von Humann -Hainhofen trat 1937 als Stabsführer in die "Dienststelle Ribbentrop" ein, Vorreiter jener SS-Diplomaten, die im Gefolge Ribbentrops immer häufiger in Erscheinung traten. Ribbentrop und SS arbeiteten so eng zusammen, daß Himmler die Ernennung seines Duzfreundes zum Reichsaußenminister im Februar 1938 als einen eminenten Prestigeerfolg der Schutzstaffel werten konnte.
Der neue AA-Chef hielt auch weiterhin zur SS: Zu Adjutanten wählte er nur SS-Führer, er ließ seinen Sohn Rudolf in der SS-Leibstandarte "Adolf Hitler" dienen und hatte einen wunderlichen Einfall, durch den er die AA Diplomaten fest mit der Schutzstaffel verbinden wollte:
Eines Tages eröffnete Ribbentrop den leitenden Herren des Auswärtigen Amtes, er habe mit dem Reichsführer Himmler ihre globale Aufnahme in die SS verabredet. Jeder hatte von da an eine SS-Uniform anzulegen: der Staatssekretär Freiherr von Weizsäcker die eines SS Oberführers, der Unterstaatssekretär Ernst Woermann die eines SS-Standartenführers, der Protokollchef von Dörnberg die eines SS Obersturmführers.
Die Ironie aber wollte, daß sich gerade Himmler und Ribbentrop in den Kompetenzschlachten der NS-Bürokraten zerrieben und zu erbitterten Gegnern wurden. Der AA-Chef, der einst die SS-Uniformen im Auswärtigen Amt eingeführt hatte, erlitt später Wutanfälle, sobald er eines seiner Diplomaten im schwarzen Tuch ansichtig wurde.
Auch die Uniform des SS-Gruppenführers bewahrte den Reichsaußenminister von Ribbentrop nicht davor, in jene Kabalen verwickelt zu werden, die nicht selten den Alltag der NS-Potentaten bestimmten. Denn: Joachim von Ribbentrop war Chef einer Behörde geworden, die sich gegen das Eindringen der SS in AA-Reservate zur Wehr setzen mußte, wollte sie nicht die technische Kontrolle über die deutsche Außenpolitik an die SS verlieren.
Anlaß des ersten Streits war eine folgenschwere weltgeschichtliche Entscheidung Adolf Hitlers. Nach der Besetzung Österreichs (1938) hatte sich der Diktator entschlossen, den deutschen Machtraum zu erweitern und ungeachtet eines Kriegsrisikos das krisenbeladene Problem der deutschen Volksgruppen in der Tschechoslowakei und in Polen hochzuspielen.
Damit aber rückte in das Zentrum der deutschen Außenpolitik just jenes Aktionsfeld der Volkstumsarbeit, auf dem sich die SS via Volksdeutsche Mittelstelle bereits eine Vormachtstellung gesichert hatte. Die AA-Diplomaten sahen sich plötzlich von den Volkstums-Beauftragten der SS beiseite geschoben.
Tatsächlich nahm das Auswärtige Amt an der von Hitler ausgelösten Sudeten-Krise im Hochsommer 1938 nur im zweiten Glied teil. Der deutsche Gesandte in Prag, Ernst Eisenlohr, ein Gegner der Hitlerschen Annexionspolitik, wurde absichtlich nicht informiert, während Vomi-Chef Lorenz im Auftrag Hitlers mit dem sudetendeutschen Führer Konrad Henlein die einzelnen Schachzüge gegen die CSR-Regierung absprach.
Den Diplomaten des Auswärtigen Amtes wurde klar, wie tief die SS schon in ihr Reservat eingedrungen war. Die von Lorenz erstrebte Ernennung zum Staatssekretär für deutsche Minderheitsfragen konnte AA-Chef von Ribbentrop noch verhindern, aber um so hartnäckiger bemächtigte sich der SD diplomatischer Privilegien.
Schon bei der nächsten außenpolitischen Krise nach der Eingliederung des Sudetenlandes sah sich das Auswärtige Amt vom Sicherheitsdienst völlig ausgepunktet. Der Diktator überließ es seinen Geheimdienstlern, das neue außenpolitische Bubenstück in Szene zu setzen: die Zerschlagung der Rest-Tschechoslowakei im März 1939.
Hitler hatte sich einen plumpen Plan ausgedacht. Die Führer der konservativ klerikalen Slowakischen Volkspartei sollten zum Abfall der Slowakei vom Prager Zentralstaat animiert, die Tschechen aber zugleich zum Niederschlagen des slowakischen Aufruhrs ermuntert werden. Hitler wollte dann als Schiedsrichter auftreten und beide Kontrahenten unter seine Kontrolle bringen: die Rest-Tschechei als Reichsprotektorat Böhmen und Mähren, die Slowakei als formell unabhängigen Staat unter dem Schutz des Großdeutschen Reiches.
Anfang des Jahres reisten der nur nominell zum Auswärtigen Amt gehörende AA-Staatssekretär und SS-Gruppenführer Wilhelm Keppler und sein Adlatus, der SS-Standartenführer Edmund, Veesenmayer, sowie ein Kommando von SD-Agenten nach Preßburg und nahmen zu slowakischen Politikern Verbindung auf. Die
Geheimmissionare kamen zur rechten Zeit:
Soeben hatte die Regierung in Prag, der ständigen Reibungen mit der nationalistisch-klerikalen Landesregierung der Slowakei überdrüssig, die Slowaken zu einer Versöhnungskonferenz nach Prag eingeladen. Die Herren aus BerLin konnten jedoch den slowakischen Mnisterpräsidenten Josef Tiso überreden, die Einladung abzulehnen und die slowakische Unabhängigkeit
vorzubereiten.
Da störte einer der prominentesten slowakischen Politiker das deutsche Konzept: Dr. Karel Sidor, slowakischer Staatsminister in der Prager Zentralregierung und Oberkommandant der Hlinka-Garde (eine Art slowakische SA), lehnte die von den Deutschen inspirierten Separationspläne ab. Sidors Nein ließ auch die
anderen slowakischen Politiker schwankend werden. Die Deutschen verhandelten daraufhin mit Karel Sidor, doch der Slowake blieb bei seiner Ablehnung. In dieser Situation fiel dem SD ein, was ihm in solchen Lagen immer einzufallen pflegte: Er wurde wieder kriminell.
Der Trouble-shooter des Sicherheitsdienstes, Alfred Naujocks, wurde mit einem Sprengtrupp in die Slowakei beordert. Er sollte Attentate inszenieren, die den Eindruck zu erwecken hatten, sie seien von slowakischen Nationalisten verübt worden. Schon explodierten die ersten Bomben in einer Preßburger Schokoladenfabrik, schon ließ Prag die Regierung Tiso absetzen und in der Slowakei den Ausnahmezustand erklären, da schnellte ein Möchtegern-Diplomat vor, der im Programm nicht vorgesehen war.
Wiens Gauleiter Josef Bürckel, auch er SS-Gruppenführer, reiste zu Sidor, den Prag inzwischen an Stelle des Separatisten Tiso zum slowakischen Ministerpräsidenten ernannt hatte, und versuchte ihn umzustimmen. Doch diese eigenartigen Bemühungen des Gauleiters", wie Keppler spitz urteilte, scheiterten.
In Berlin wurde Hitler nervös, denn jetzt begann die Zeitbombe zu ticken: der tschechoslowakische Staatspräsident Hacha hatte sich in Vorahnung des deutschen Doppelspiels für den 14. März zu einem Besuch bei Hitler angemeldet und dadurch ungewollt den Diktator genötigt, bis zum Abend des 13. März die slowakische Unabhängigkeitserklärung zu erzwingen - Vorbedingung der Kapitulation, die Hitler von den Tschechen fordern wollte.
Am 11. März fuhr Keppler noch einmal zu Tiso und bestürmte ihn, endlich der Trennung von Prag zuzustimmen. In der Nacht zum 13. März gab Josef Tiso nach. Stunden später stand er vor Hitler, rechtzeitig genug, um dem Herrn Mitteleuropas noch vor dem Eintreffen Hachas die Slowakei zu Füßen zu legen.
Zum erstenmal hatte sich der SD als der Vollstrecker von Hitlers außenpolitischem Willen bewährt. Hitler ignorierte denn auch die Schmähbriefe des Gauleiters Bürckel, der von Wien aus zeterte, der SD habe sich in der Slowakei als ein rechter Stümper erwiesen; hätte man ihm, Josef Bürckel, für die Sidor-Verhandlungen mehr Zeit gelassen, so wäre alles reibungsloser vonstatten gegangen.
Der Diktator schenkte von nun an seinem SD unbegrenztes Vertrauen. Deshalb erwies er auch dem Sicherheitsdienst die zweifelhafte Ehre, die Brandfackel des Zweiten Weltkriegs zu entzünden. Das Unternehmen Himmler an der deutsch-polnischen Grenze war nur ein Teil der großen Kriegsprovokation des SD; zugleich setzten sich zwölf SD-Kommandos nach Polen mit dem Auftrag ab, Ende August 200 Einzelaktionen zu inszenieren, die man polnischen Extremisten anlasten wollte.
Immer weiter schob sich der SD in den Gefilden der Außenpolitik vor. Im Führerhauptquartier traten die SD Berichte an die Stelle der diplomatischen Exposes des Auswärtigen Amtes; Hitler traf oft, jammerte Ribbentrop später, "auf Grund falscher (SD-)Informationen spontane Entscheidungen, ohne mich zu unterrichten".
Es gab kaum noch ein Gebiet der Außenpolitik, für das Ribbentrop allein zuständig war. SD-Beauftragte versuchten auf eigene Faust und gegen den Widerstand des Auswärtigen Amtes
- Argentiniens Staatspräsidenten Castillo zu einem Anti-USA-Bündnis mit dem Dritten Reich zu bewegen,
- in Spanien den kriegsunwilligen Caudillo Franco durch einen NS freundlicheren Falangistenführer zu ersetzen,
- in Rumänien der faschistischen Eisernen Garde zur Macht zu verhelfen.
Noch schädlicher für das Eigenleben der deutschen Diplomatie war, daß Ribbentrop in den ersten Kriegstagen einer Novität des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) zugestimmt hatte, die das AA nicht mehr froh werden ließ: dem Einbau sogenannter Polizeiattachés in die Auslandsvertretungen.
Am 26. Oktober 1939 erklärte sich Ribbentrop einverstanden, daß sich der SD zur Tarnung seiner Arbeit im Ausland der Deutschen Botschaften und Gesandtschaften bedienen dürfe; der Chef des SD-eigenen Nachrichtennetzes In dem jeweiligen Land sollte diplomatisehen Status erhalten und sich Polizeiattache nennen. Der SD versprach dafür, sich nicht in außenpolitische Fragen einzumischen.
Die Polizeiattaches aber begannen, die Politik ihrer Missionschefs zu bemäkeln und das diplomatische Personal zu bespitzeln. Das AA konnte dem nicht entgegenarbeiten, denn Ribbentrop, damals noch auf engste Zusammenarbeit mit der SS bedacht, hatte Himmler und Heydrich das Recht zugestanden, Agenten des SD "unmittelbar" - und das
hieß: ohne vorherige Befragung des Auswärtigen Amts - einzusetzen und an das RSHA berichten zu lassen.
Doch Joachim von Ribbentrop war nicht der Mann, solche Einbrüche in seine Reservate hinzunehmen. Er verbarrikadierte sich hinter seinen Befugnissen und eröffnete gegen Himmler einen zähen Kleinkrieg.
Ribbentrop nutzte listig einen Führerbefehl zur Einleitung seiner Gegenoffensive. Hitler hatte am 3. September 1939 verfügt, "für die Dauer des Krieges" seien "sämtliche im Ausland befindliche Vertreter der Zivilbehörden oder der Parteidienststellen ... dem deutschen Missionschef in dem betreffenden Ausland unterstellt".
Der AA-Chef wollte den Hitler-Ukas dazu benutzen, die SD-Agenten im Ausland unter AA-Kontrolle zu bringen. Doch Ribbentrop mußte vorsichtig taktieren; solange der SD im Auftrage Hitlers wirksam wurde und sich streng an die Befehle Hitlers hielt, hatte das Auswärtige Amt keine Chance, ein Mindestmaß an Aufsicht über die Auslandsarbeit des SD zurückzugewinnen.
Kurz nach dem Polizeiattaché-Abkommen vom 25. Oktober 1939 hatte ein Ereignis gezeigt, wie unratsam es vorerst noch war, vor Hitler die SD-Praktiken zu kritisieren. Ribbentrop waren-Bedenken gekommen, als er gehört hatte, der SD habe den Plan, an der deutsch-holländischen Grenze eines der größten Kidnapping-Unternehmen in der Geschichte der Geheimdienste auszuführen.
Schon Mitte Oktober war SD-Führer Walter Schellenberg von Heydrich beauftragt worden, in den damals noch neutralen Niederlanden mit dem Geheimdienst Englands, das bereits Kriegsgegner Deutschlands war, ein Spiel zu beginnen, von dem sich der SD-Chef mancherlei erhoffte: Einblick in die Methoden des britischen Nachrichtendienstes, in die Zusammenarbeit zwischen den Geheimdiensten Hollands und Englands und in die Kontakte des Auslands zur innerdeutschen Opposition.
Ein deutscher Emigrant In Holland namens Dr. Franz, als SD-Agent unter der Kennziffer F 479 geführt, erfreute sich guter Beziehungen zu dem Briten -Geheimdienst. Er verkehrte mit Captain S. Payne Best, dem Beauftragten des Intelligence Service in den Niederlanden; der Captain interessierte sich besonders für die Hitler-Opposition in den Reihen der deutschen Generale. F 479 versprach ihm, Material zu liefern.
Der Ausland-SD, Amt VI des Reichssicherheitshauptamtes, versorgte den Briten via Franz mit sorgfältig präpariertem Spielmaterial. Im RSHA urteilte man, es würde sich vielleicht lohnen, den Spionage-Captain genauer auszuhorchen. Für diese Mission wußte Heydrich keinen besseren Mann als seinen Intimus Schellenberg.
Der verwandelte sich flugs in einen Hauptmann Schemmel von der Transportabteilung des Oberkommandos der Wehrmacht, Träger eines Monokels und wichtiger Geheimnisse der innerdeutschen Opposition. F 479 vermittelte die Verbindung; am 21. Oktober saß der Monokelträger Schemmel in Holland dem Monokelträger Best gegenüber.
Der Brite steuerte in seinem Buick den Schellenberg-Schemmel ins holländische Arnheim, wo zwei weitere Herren aus dem Spionagegewerbe warteten: der britische Geheimdienst-Major Stevens und ein holländischer Generalstabsoffizier, der sich Copper nannte und in Wirklichkeit Klop hieß.
Die drei Fremden waren an den Offenbarungen ihres neuen deutschen Freundes interessiert. Der Deutsche gab sich als Vertrauensmann eines Generals aus, der mit anderen Militärs einen Staatsstreich gegen Hitler plane.
Man vereinbarte ein neues Gespräch für den 30. Oktober, und wieder fuhr Schellenberg ins friedliche Holland. Die beiden Briten hatten sich inzwischen als so veritable Geheimnisträger entpuppt, daß Heydrich die Idee kam, Best und Stevens über die holländische Grenze nach Deutschland zu entführen. Und dies war nun just der Augenblick, da Ribbentrop vor seinem Führer Bedenken gegen die SD-Methoden erhob.
Indes, der Augenblick war schlecht gewählt; Adolf Hitler fühlte sich nicht in der Stimmung, Kritik am SD zu goutieren. Er verteidigte Heydrichs Männer so übelgelaunt, daß Ribbentrop eines seiner berüchtigten Wendemanöver unternahm.
Der Außenminister stammelte: "Ja, mein Führer, das ist auch schon von vornherein meine Meinung gewesen. Aber diese Bürokraten und Juristen im Auswärtigen Amt sind ja so schwerfällig."
Ribbentrop konnte sich noch rechtzeitig von der falsch angelegten, Attacke zurückziehen, ehe das Geheimdienstspiel Schellenbergs ins Irrationale abrutschte. Denn Das Attentat eines Schreiners namens Elser stempelte die beiden Geheimdienstler, Stevens und Best zu Figuren eines Traumas, das Hitler nicht mehr loswurde.
Am Abend des 8. November 1939 stoppte Nürnbergs Polizeipräsident Martin den soeben aus München heranfahrenden Führerzug mit. Hitler und Himmller. Martin kletterte an Bord und meldete: Wenige Minuten nach Beendigung der traditionellen Bürgerbräu -Rede Hitlers in München sei an der Versammlungsstätte der Alten Kämpfer ein Attentat verübt worden; die Decke des Saals sei eingestürzt, zehn bis zwölf Parteigenossen vermutlich tot, der Täter noch unbekannt.
Hitler schoß es sofort in den Kopf: Das war die Tat des britischen Geheimdienstes, dahinter steckten Stevens und Best! Himmler verstand. Er ging ans Telephon und alarmierte das Reichssicherheitshauptamt. Dann ließ er sich mit Düsseldorf verbinden.
Kurz darauf läutete es in Schellenbergs Nachtquartier. Der SD-Mann hörte Himmlers aufgeregte Stimme: "Heute abend nach Abschluß der Ansprache im Bürgerbräukeller in München ist ein Attentat auf den Führer verübt worden. Es handelt sich hier bestimmt um einen Anschlag des englischen Secret Service."
Dann gab Himmler den Befehl seines Führers durch: Sofort Stevens und Best verhaften und ins Reich bringen. Schellenberg gehorchte.
Auf das Unternehmen war er seit Tagen vorbereitet: SD-Naujocks stand mit einem Überfallkommando bereit, Schellenberg hatte sich mit den beiden Briten für den Nachmittag des nächsten Tages in dem holländischen Grenzort Venlo verabredet.
Es war 15 Uhr, als sich der SD-Mann am 9. November 1939 in einem der grenznächsten Cafés von Venlo niederließ. Die Minuten rannen träge dahin. Da sah Schellenberg, daß Bests Buick heranfuhr.
Der SS-Mann ging mit gutgespielter Gemächlichkeit auf die Straße, um die Ankömmlinge zu begrüßen. Best und Stevens kamen näher. In diesem Augenblick fuhr ein offener SS-Wagen heran, durchbrach die Grenzsperre und hielt. Einige Maschinenpistolen feuerten, die Briten rissen ihre Pistolen heraus.
Naujocks sprang mit seinen Männern aus dem Wagen und überrumpelte die Briten; deren holländischer Begleiter Klop war schwer angeschossen, aber auch er wurde mitgenommen. In wenigen Minuten hatte sich alles abgespielt: Der Streich war gelungen.
Am nächsten Tag lief die Propagandamaschine an. Die Deutschen erfuhren, daß es den Sicherheitsorganen des Dritten Reiches gelungen sei, die Drahtzieher des Attentats auf Adolf Hitler zu verhaften. SS-Oberführer Walter Schellenberg durfte aus der Hand Hitlers das Eiserne Kreuz Erster Klasse entgegennehmen, der Diktator lud ihn sogar zusammen mit der SS Prominenz zum Abendessen in die Reichskanzlei ein.
An der Abendtafel bereitete freilich der vorlaute Benjamin der SS-Führung dem Hausherrn eine arge Enttäuschung: Er bestand darauf, das Attentat auf Hitler sei niemals ein Werk des britischen Geheimdienstes gewesen, ganz sicher nicht der beiden Gefangenen Stevens und Best; seines Erachtens habe nur einer das Attentat auf dem Gewissen, eben der Täter - Georg Elser.
Himmler dämpfte sofort: "Mein Führer, das ist nur seine (Schellenbergs) Auffassung." In Wahrheit war es die einheitliche Meinung des Reichssicherheitshauptamtes. Schellenberg hatte zuvor die Akten des Reichskriminalpolizeiamtes studiert, und die ließen nur einen Schluß zu: Elser sei der Alleintäter.
Kripo-Chef Nebe war noch in der Nacht zum 9. November mit der Sonderkommission "Attentat" (Mitglieder: Heydrich, Gestapo-Müller, Nebe-Stellvertreter Lobbes und Sprengstoff -Experten) vom Flugplatz Döberitz aufgebrochen, um die Spuren im Münchner Bürgerbräukeller zu sichern.
Aus Beweisstücken und Indizien ging hervor: Die Tat war von langer Hand vorbereitet worden. Der Täter hatte eine Höllenmaschine verwendet, deren Explosionsladung nicht schwerer als zehn Kilo wog. Die Sprengladung hatte in einem holzgetäfelten Stahlbetonpfeiler, des Bürgerbräu-Saales gesteckt.
Und schon hockte der Mann vor den Verhörscheinwerfern der Gestapo, der das Attentat, arrangiert hatte und noch am Abend des 8. November bei einem illegalen Grenzübertritt, in die Schweiz verhaftet worden war: Georg Elser, Schreiner und Uhrmacher aus Königsbrunn, 36 Jahre alt, Arbeiter aus Passion und Prinzip, einer der Stillen im Lande, denen Hitlers Krieg nicht paßte.
Er beschrieb, wie er es gemacht hatte: "Ich habe die Holztäfelung der Säule mit einer Stichsäge herausgesägt, habe Scharniere daran befestigt und den Ausschnitt als Türchen wieder eingesetzt ... Ich habe später die erwähnte Tür in der Holzverschalung innen mit zwei Millimeter starkem Eisenblech ausgeschlagen. Das Blech diente verschiedenen Zwecken. Erstens sollte es verhindern, daß man bei einem eventuellen Abklopfen des Pfeilers den Hohlraum entdeckte, zweitens wollte ich vermeiden, daß durch einen bei der Dekoration des Saales vielleicht zufällig eingeschlagenen Nagel meine dahinter stehenden Uhrwerke beschädigt werden konnten."
Dann hatte er seine mit Uhren gekoppelte Dynamitladung geholt. Elser: "Am Abend des 5. November ging ich zwischen 21 und 22 Uhr mit den verpackten Uhrwerken zum Bürgerbräu. Ich ging auf die Galerie ... versteckte mich hinter einem Pfeiler. Dort wartete ich, bis das Licht gelöscht und der Saal abgeschlossen wurde."
Und: "Ich wartete zur Sicherheit noch eine halbe Stunde. Dann begab ich mich mit den Uhren an die Säule, öffnete das Türchen und stellte fest, daß die Uhrwerke in den Vorraum der Sprengkammer paßten. Am Schluß stellte ich die beiden Uhren durch Vergleich mit meiner Taschenuhr richtig."
So einfach war das gewesen. Doch der Führer des Großdeutschen Reiches wünschte keine einfache Wahrheit, für ihn war alles eine riesige Verschwörung des britischen Geheimdienstes, ein weitverzweigtes Intrigennetz, an dem sie alle mitgewirkt hatten, denen er Todfeindschaft geschworen hatte: die Juden, die Briten, die Freimaurer und nicht zuletzt Otto Strasser. Heinrich Himmler geriet ins Schwitzen. Wo waren die Hintermänner?
Als Arthur Nebe keine finden konnte, wurde er nach Berlin zurückgerufen. Himmler flehte fast weinerlich: "Schellenberg, wir müssen die Hintermänner finden. Hitler glaubt einfach nicht daran, daß Elser das Attentat allein verübt hat." Und auf das Protokoll der ersten Elser-Vernehmung schrieb der empörte Reichsführer: "Welcher Idiot hat diese Vernehmung geführt?"
Mit der verzweifelten Wut des panikgetriebenen Untergebenen fuhr Himmler zu dem Häftling Elser und stürzte sich auf den Attentäter, kaum noch seiner Sinne mächtig. Der Oberregierungsrat Dr. Albrecht Böhme, Leiter der Kripo-Leitstelle München, beobachtete die Szene im Wittelsbacher Palais, dem Sitz der Gestapo-Leitstelle.
"Unter wüsten Beschimpfungen trat Himmler den gefesselten Elser schwer mit den Stiefeln in den Leib", berichtet Böhme, "dann ließ er ihn von einem mir unbekannten Gestapo-Beamten In den angrenzenden Waschraum des Zimmers des Leiters der Gestapo-Leitstelle München zerren, wo er von diesem mit einer Peitsche oder ähnlichem Instrument traktiert wurde, so daß er vor Schmerzen aufbrüllte, dann wurde er wieder im Geschwindschritt vor Himmler gebracht, der ihn abermals trat und beschimpfte."
Georg Elser blieb bei seiner Geschichte. Himmler befahl einen neuen Oberfahnder nach München, den Wiener Gestapo-Chef und Kriminalrat Franz Josef Huber. Der fand auch keine Hintermänner. Huber rief Müller in Berlin an, der Chef der Gestapo war entsetzt: "Um Gottes Willen, wie kann man nur solche Gedanken haben!"
Einer nach dem anderen erkannte, daß Elser ein Alleintäter war, selbst Heydrich beugte sich der Wahrheit. Nur Himmler jagte weiterhin nach den nebulösen Hintermännern.
Er mußte sich schließlich dem Vorwurf aussetzen, den er aus dem Munde Hitlers am ärgsten fürchtete: dem Vorwurf, versagt zu haben. Hitler konnte dem Reichsführer SS nie vergessen, daß er ihm die "wahren" Täter des 8. November 1939 vorenthalten hatte - Grund genug für Himmler, den Attentäter Eiser als den kostbarsten Zeugen polizeilicher Tüchtigkeit zu hüten, den Mann, der als einziger bestätigen konnte, daß Himmlers Funktionäre nicht versagt hatten.
Für den Himmler-Rivalen Ribbentrop aber enthielt die Affäre Elser eine recht ermutigende Lehre: Die Macht des Himmler-Apparates war nur so lange unumstritten, als er die Befehle und Wünsche Hitlers blindlings befolgte; wich er aber auch nur um Haaresbreite vom Kurs des Führers ab, war er jeder Kritik ausgesetzt.
Der Außenminister wartete geduldig auf den Moment, da er seinem Führer beweisen konnte, daß auch der SD kein unbedingt zuverlässiges Werkzeug des Führerwillens sei. Der Moment kam ein Jahr nach dem Hitler-Attentat. Der SD zeigte sich so ungehorsam, daß Hitler wütend schrie, die "schwarze Pest" werde er "ausradieren", wenn sie nicht pariere.
Gegenstand des Diktatorenzorns war ein Aufstandsversuch der vom SD gesteuerten Eisernen Garde in Rumänien, die Hitlers Verbündeten, den ultrakonservativen Premier-General John Antoneseu, stürzen wollte. Die deutsche Rumänien-Politik spiegelte besonders grotesk die Gegensätze zwischen Auswärtigem Amt und SD wider.
Der SD unterstützte schon seit Jahren die Eiserne Garde, eine national revolutionäre Partei faschistischer Observanz, in der die Sendboten Heydrichs und Himmlers eine Verwandte der NSDAP sahen. Dem Machtantritt der Garde aber kam im September 1940 der General Antonescu zuvor, ein Offizier in der Tradition der balkanesischen Caudillos, der den Faschismus ebenso ablehnte wie die Demokratie.
Antoneseu hatte Grund, den Deutschen dankbar zu sein; im Juli 1940 war er von König Carol verhaftet und erst durch eine Demarche deutscher Diplomaten wieder freigelassen worden. Da die Eiserne Garde zudem nicht über profilierte Köpfe verfügte, setzte das Berliner AA auf Antonescu als den künftigen Diktator des Landes.
Die Entscheidung fiel Hitler leicht, da sich Antoneseu zunächst mit der Eisernen Garde verbündete und mit ihr gemeinsam Rumänien regierte. Doch das Bündnis zwischen den Reaktionären und den Revolutionären zerbrach schnell, schon ein paar Monate später rüstete sich der Garde-Chef Horia Sima zum Aufstand gegen Antoneseu - nicht zuletzt im Vertrauen auf die von seinen SD-Beratern versprochene Hilfe Deutschlands.
Am 21. Januar 1941 schlug die Garde in Bukarest los. Fast alle wichtigen Plätze und Gebäude der Hauptstadt fielen in ihre Hand, außer dem Amtssitz des Ministerpräsidenten Antonescu. Dessen Lage war verzweifelt: Jetzt konnte nur noch Hitler helfen. Am 22. Januar ließ der General über die Deutsche Gesandtschaft bei Hitler anfragen, ob er noch dessen Vertrauen besitze. Ribbentrops Blitzantwort: Ja, Antonescu solle handeln, wie er es für richtig halte: Adolf Hitler lasse ihm raten, die Legionäre so zu behandeln, wie er selber einst mit den Röhm-Putschisten umgegangen sei.
Antoneseu schlug zurück und konnte den Aufstand liquidieren. Der General verfolgte seine Gegner rücksichtslos. Da griff plötzlich der SD ein. Er brachte die führenden Männer der Eisernen Garde, unter ihnen deren Chef Horia Sima und 14 Kommandanten, in Sicherheit; Sima wurde im Hause des deutschen Volksgruppenführers Andreas Schmidt versteckt.
Erst als die rumänische Polizei die Suche nach den Geflohenen aufgegeben hatte, schmuggelte der SD die Rebellen aus dem Lande hinaus. Sie wurden In deutsche Uniformen gesteckt und mit Krankentransporten in das Reich gebracht.
Kaum aber hatte Ribbentrop von den rumänischen Extratouren des SD erfahren, da entfachte er den Zorn Hitlers gegen den SD. Ribbentrop sah eine gigantische SS-Verschwörung gegen die offizielle Außenpolitik des Reiches: Der SD-Chef in Rumänien hatte Horia Sima zum Putsch ermuntert, Vomi-Chef Lorenz den SS-Standartenführer Andreas Schmidt als Volksgruppen-Chef eingesetzt, dieser wiederum Sima versteckt.
Ribbentrop setzte einen neuen Gesandten nach Bukarest in Marsch, der
- mit höchsten Vollmachten ausgestattet - den zur Gesandtschaft gehörenden SD-Führer Rumänien absetzte und ins Reich zurückbefahl. Dort wartete bereits eine Verhaftungsorder auf den SD-Mann, der monatelang in Gestapo-Haft blieb.
Das Prestige des SD war derart ramponiert, daß Ribbentrop nun endlich wagen konnte, die gefürchteten Polizeiattaches zu disziplinieren. Im April und Juni 1941 schrieb er an RSHA Chef Heydrich drei Briefe und kündigte die Vereinbarung vom 26. Oktober 1939.
Er berief sich auf die Hitler-Verfügung, durch die alle deutschen Behörden im Ausland dem jeweiligen Missionschef unterstellt worden waren, und verlangte, auch der Polizeiattache habe seinen dienstlichen Verkehr nur über den Missionschef abzuwickeln.
Himmler gab nach: Am 9. August 1941 vereinbarte er mit Ribbentrop einen neuen Vertrag, der vorsah, der gesamte Schriftwechsel zwischen Polizeiattache und RSHA sei von dem Missionschef einzusehen, außerdem habe sich der SD jeder Einmischungen in die inneren Angelegenheiten des jeweiligen Landes zu enthalten.
Wie ernst auch immer der SD solche Vereinbarungen nehmen mochte - der kompetenzfreudige Außenminister hatte plötzlich Auftrieb bekommen, seine Belange gegenüber der SS energischer zu verteidigen. Er ließ sich keine Gelegenheit entgehen, den Reichsführer SS immer wieder an die außenpolitischen Prärogativen des Ministers von Ribbentrop zu erinnern.
Er legte auch einen Sperr-Riegel, der die außenpolitische Unternehmungslust der SS in Südosteuropa hemmen sollte. Der Außenminister liierte sich mit einer Macht, an der schon einmal der außenpolitische Ehrgeiz Himmlers zerschellt war: der SA.
Ribbentrop besetzte im Sommer 1941 sämtliche Botschafter- und Gesandtenposten auf dem Balkan mit SA-Führern, die nicht zufälligerweise Überlebende des 30. Juni 1934 waren:
- Niedersachsens SA-Obergruppenführer Siegfried Kasche (Agram),
- Berlins SA-Obergruppenführer Dietrich von Jagow (Budapest),
- Mitteldeutschlands SA-Obergruppenführer Manfred Freiherr von Killinger (Bukarest),
- Schwabens SA-Obergruppenführer
Harms Ludin (Preßburg) und
- Hessens SA - Obergruppenführer Adolf-Heinz Beckerle (Sofia).
Joachim von Ribbentrop zog eine Grenze, die ein Himmler nicht mehr überschreiten sollte. Dem SS-Gruppenführer Werner Best, der in die Dienste des Auswärtigen Amtes trat, bedeutete er, von nun an dürfe Best nur noch sein, Ribbentrops, Mann sein, nicht aber derjenige Himmlers.
Doch den Reichsführer SS konnten die Nadelstiche des einstigen Kameraden nicht mehr treffen. Er hatte längst erkannt, daß Außenpolitik um so weniger zählte, je schneller die Kriegsjahre voranschritten. Der Sektor autonomer Außenpolitik wurde immer kleiner, die Welt der neutralen und unabhängigen Staaten schrumpfte zusammen.
An die Stelle der Außenpolitik rückte jetzt die Besatzungspolitik. Im Westen und vor allem in den riesigen Weiten des Ostens eröffnete sich ein neues Tätigkeitsfeld. Dort erblickte das Seherauge des Phantasten Himmler eine neue Welt: die Welt des deutschen Herrenmenschen.
IM NÄCHSTEN HEFT
Die Volkstumspolitik der SS im Osten: Die Mordaufträge der Einsatzgruppen in Polen - Das Reichskommissariat für die Festigung deutschen Volkstums - Siedlungsprojekte In Rußland - Machtkampf zwischen SS und Generalgouverneur Frank
Kriegserklärung Hitlers an Polen im Reichstag am 1. September 1939: Es kommt nicht auf das Recht an ...
... sondern auf den Sieg": Rivalen Himmler, Ribbentrop
Gleiwitz-Schlagzeilen am 1. 9. 1939
"Aus optischen Gründen ...
Gleiwitz-Besetzer Naujocks
... müssen wir die Schuld ...
Sender Gleiwitz
... für kommende Dinge verlagern"
Gleiwitz-Überfall im Film*: "Großmutter gestorben"
Österreichischer SA-Führer Reschny
Ein Verräter saß ...
Österreichischer NSDAP-Führer Habicht ... am Verschwörer-Tisch
Dollfuß-Mörder Planetta
"Hände hoch!"
Planetta-Opfer Dollfuß: "Kinder, das versteht ihr nicht"
Heimwehr im Straßenkampf vor Wiens Funkhaus (1934); Die SA blieb im Hotel
Auslandsdeutschen-Chef Bohle
Zwischen AA, SS und Partei ...
Volksdeutschen-Chef Lorenz
... eine Hausmacht für den Bonvivant
Berlin-Besucher Tiso (13. März 1939): Die Slowakei im Gepäck
Bürgerbräu-Attentäter Elser
"Welcher Idiot...
Stevens
Best
Angebliche Bürgerbräu-Attentäter
... hat diese Vernehmung geführt?"
Zerstörter Bürgerbräukeller in München*: Der Attentäter interessierte nicht
Rumänischer Revolutionär Sima
Von Hitler gefeuert
Rumänischer Staatschef Antonescu, Ribbentrop: Von Hitler gesteuert
Evening Standard
Englische Himmler-Karikatur (1940): Die Friedensengel
* Aus dem Defa-Film "Der Fall Gleiwitz" (1961).
* Nach dem Attentat vom 8. November 1939.
Von Heinz Höhne

DER SPIEGEL 50/1966
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