05.12.1966

MARXISMUSRebellion der Natur

Seit 1908 glaubten Kommunisten, was ihnen Lenin damals prophezeit hatte: "Die moderne Physik liegt in Geburtswehen. Sie ist dabei, den dialektischen Materialismus zu gebären."
Jetzt, nach 58 Jahren, bekennt DDR Philosoph Herbert Hörz, 33, Professor für philosophische Probleme der modernen Naturwissenschaften an der Ost-Berliner Humboldt-Universität, daß man an ein Phantom geglaubt habe.
Anlaß für die Abschwörung des falschen Glaubens ist der 65. Geburtstag eines der bedeutendsten Wegbereiter der modernen Physik, des Münchner Professors und Direktors des Max-Planck-Instituts für Physik und Astrophysik, Werner Heisenberg, am Montag dieser Woche.
Als Präsent für den Jubilar veröffentlichte der Ost-Berliner Verlag der Wissenschaften das Hörz -Werk "Werner Heisenberg und die Philosophie". Bemerkenswerteste Feststellung des Autors: "Die Engelssche Dialektik" reicht für eine Deutung der modernen Physik nicht mehr aus.
Fast drei Jahrzehnte lang galt der jetzt durch die Ost -Berliner Laudatio geehrte Heisenberg in der gesamten kommunistischen Weltkirche als "physikalischer Idealist". Seine Anhänger und Schüler - wie der Philosoph und Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker - wurden als "Heisenbergisten" verketzert.
Heisenberg, mit 25 Jahren Professor in Leipzig und als jüngster deutscher Physiker 1932, damals 31 Jahre alt, mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, hatte gemeinsam mit den Physikern Max Born und Pascual Jordan die Quantenmechanik entwickelt und die nach ihm benannte "Unbestimmtheitsrelation" aufgestellt.
Danach ist es physikalisch unmöglich, gleichzeitig Ort und Impuls zum Beispiel eines Elektrons mit absoluter Genauigkeit zu bestimmen. Aus dieser Feststellung zog Heisenberg den Schluß, daß auch der zukünftige Zustand des Elektrons nicht exakt vorausgesagt werden kann und somit das Kausalgesetz der klassischen Physik, wonach "der zukünftige Zustand sich eindeutig aus denn gegenwärtigen ergibt" (Heisenberg), in der Atomphysik keine Geltung hat.
Aber gerade auf der eindeutigen Bestimmtheit allen Naturgeschehens, dem sogenannten Determinismus, waren die klassische Physik und in ihrem Gefolge philosophische Systeme wie der Positivismus, der Empirismus und vor allem der Materialismus aufgebaut.
So proklamierte Lenin die "auf dem Determinismus aufgebaute Weltanschauung" des dialektischen Materialismus, die allein "eine strenge und richtige Bewertung" menschlichen Verhaltens gestatte und schließlich verhindere, "daß alles mögliche auf den freien Willen abgewälzt wird". Willensfreiheit, so dekretierte Lenin, sei "eine unsinnige Fabel".
Durch Heisenbergs Demontage des Determinismus wurde, so DDR-Denker Hörz, "an weltanschaulichen Grundpositionen gerüttelt, die mancher für unerschütterlich gehalten hatte". Denn die Tatsache; daß im atomaren Bereich der Determinismus seine Gültigkeit verloren hatte, stellte auch seine bislang unter Marxisten unangefochtene Autorität im politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereich in Frage.
Damit waren Heisenbergs physikalische Entdeckungen für den dialektischen Materialismus suspekt geworden. Sowjet-Diktator Stalin verbot seinen Genossen Wissenschaftlern alle Kontakte zu den nun als "Einsteinisten" oder "Bohristen" (nach dem dänischen Physiker Niels Bohr) klassifizierten westlichen Physikern.
Gleichwohl konnten die sowjetischen Naturwissenschaftler angesichts der Erfolge westlicher Physiker nach dem Zweiten Weltkrieg und der praktischen Bedeutung, die die Physik im atomaren Wettstreit hatte, die Erkenntnisse Heisenbergs und die sich daran anschließenden Entdeckungen nicht ignorieren.
Nach Stalins Tod und seinem posthumen Sturz auf dem XX. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjet-Union forderten die Sowjet-Physiker auch gleich die Aufhebung ihrer ideologischen Bevormundung. So verlieh der russische Forscher W. A. Fock auf einem Kongreß 1958 der Rebellion der Natur gegen den marxistischen Determinismus Ausdruck: "Der Natur gerade die deterministische Form der Gesetzmäßigkeit aufzuzwingen und allen Tatsachen zum Trotz darauf zu verzichten, ihre allgemeine Wahrscheinlichkeitsform anzuerkennen - das bedeutet von irgendwelchen Dogmen auszugehen, aber nicht von den Eigenschaften der Natur selbst."
Ermuntert durch die ketzerischen Ansichten aus dem wissenschaftlichen Lager des großen Bruders, wagten auch DDR-Physiker und -Philosophen, Zweifel am Dogma des Determinismus zu äußern. Mit Hilfe abstruser denkerischer Kraftakte versuchten sie, wie zum Beispiel der Leipziger Professor Gerhard Heber, zwar die Kausalität zu retten, aber dafür den lästigen Determinismus in den Hintergrund zu schieben, indem sie zwischen Kausalität und Determinismus ausdrücklich unterschieden und für Naturvorgänge das Kausalprinzip, nicht aber ihre Determiniertheit postulierten.
Unterscheidungen dieser Art wurden freilich rasch als Formalismus verurteilt, und der Jenaer Philosoph Helmut Korch stellte noch 1961 nachdrücklich fest: "Der Determinismus verkörpert" ein "notwendiges Prinzip" der materialistischen Weltauffassung.
Mit ihrem starren Festhalten an marxistischen
Dogmen gerieten die DDR Physiker und -Philosophen
unversehens auch in der marxistischen Welt in die Isolierung. Ideologische Wandlungen im Weltkommunismus, vertreten durch das Pariser ZK-Mitglied Roger Garaudy ("Der Marxismus integriert die wunderbare Wirklichkeit der Gemeinschaft der Heiligen"), und den Florentiner Philosophie-Professor und engagierten Marxisten Cesare Luporini ("Es wäre eine Torheit, als Marxist leugnen zu wollen, daß in der Realität ein Mysterium vorhanden ist"), stellten den bislang gepriesenen Alleinseligmachungs -Anspruch des dialektischen Materialismus in Frage.
Zudem mußten Ulbrichts Ideologie -Wächter, wollten sie die Entwicklung der modernen Physik in der DDR nicht vollends unter das erstrebte Weltniveau abfallen lassen, den Naturwissenschaftlern gewisse Freiheiten einräumen, die schließlich nicht ohne Folgen für die Ideologie blieben.
So fordert Autor Hörz am Ende etwas gequält, der Kommunismus müsse nun angesichts Heisenbergs "eine philosophische Position aufbauen, die einerseits den Ergebnissen der modernen Physik Rechnung trägt und andererseits idealistische Forderungen ausschließt".
* Herbert Hörz: "Werner Heisenberg und die Philosophie". VEB Deutscher Verlag der Wissenschaften, Ost-Berlin; 300 Seiten; 17,50 Mark.
Physiker Heisenberg: Der Heisenbergist

DER SPIEGEL 50/1966
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