19.12.1966

Otto KöhlerFALSCHMELDUNG AUS PARIS

Am ersten Samstag im Dezember meldete das Zweite Deutsche Fernsehen um 19.30 Uhr: "Der sowjetische Ministerpräsident Kossygin hat in Paris nachdrücklich zu verstehen gegeben, daß Moskau eine Wiedervereinigung Deutschlands unter keinen Umständen akzeptieren will. Am dritten Tag seines Frankreichbesuches erklärte Kossygin vor der Auslandspresse, die Bundesrepublik müsse ein für allemal verstehen, daß keine Kraft der Welt die Existenz zweier deutscher Staaten beenden könne."
In den Sonntagsausgaben einiger Zeitungen klang es noch dramatischer. Der sozialdemokratische "Telegraf" in Berlin erschien mit der Riesenschlagzeile: "Kossygin: Es wird ewig zwei deutsche Staaten geben". Und "Bild am Sonntag" mit der Überschrift: "Kossygin in Paris: Deutschland auf ewig geteilt!"
Am Montag folgte die seriöse "Süddeutsche Zeitung" mit der Schlagzeile "Kossygin: Deutschland muß geteilt bleiben", die "Abendzeitung" mit "Geteilt in alle Ewigkeit", der "Münchner Merkur" mit "Moskau will Deutschland auf ewig geteilt". Und so ähnlich noch viele andere Blätter mehr. Der West -Berliner "Kurier" meldete - die anderen Blätter noch übertreffend -, Kossygin habe in Paris - nicht nur einmal, sondern - mehrfach versichert, daß es nach Auffassung Moskaus ewig zwei deutsche Staaten geben werde". Und der Kurier-Karikaturist stellte einige Tage später Kossygin wegen dieses Wortes an eine Seite mit Hitler.
Hat also Kossygin tatsächlich gesagt, Deutschland müsse ewig gespalten bleiben? Schon am Sonntag gab es auch andere Berichte. Der Berichterstatter der "Welt am Sonntag" schickte seiner Redaktion aus Paris das genaue Kossygin -Zitat. Danach hat der Sowjetpremier erklärt: "Es gibt zwei deutsche Staaten. Keine äußere Macht wird dies ändern, und wir selbst werden ebenfalls daran nichts ändern." Und die Korrespondenten der "Frankfurter Allgemeinen" und der Frankfurter Rundschau" berichteten am Montag im gleichen Sinne. Kein Wort also von ewiger Teilung. Kein Wort davon, daß keine Macht der Welt die Existenz zweier deutscher Staaten beenden könne. Kossygin hatte lediglich den bekannten sowjetischen Standpunkt bekräftigt, daß die Wiedervereinigung durch keine äußere Macht, sondern eben nur durch Vereinbarungen zwischen den beiden deutschen Staaten selbst überwunden werden kann.
Selbst korrekte Korrespondentenberichte aber wurden von den Redaktionen nicht ernst genommen. Die "Berliner Morgenpost", die den gleichen Mann in Paris hat wie die "Welt am Sonntag", brachte zwar dessen Bericht, versah ihn aber mit der Überschrift: "Kossygin: Deutschland bleibt für immer geteilt", ähnliches geschah beim "Hamburger Abendblatt". Dessen Korrespondent zitierte ebenfalls ausführlich und korrekt Kossygins Äußerung. Im fettgedruckten Vorspann aber steht zu lesen, Kossygin habe "zu verstehen gegeben, daß es nach Auffassung Moskaus ewig zwei deutsche Staaten geben wird". Und bei der "Welt" am Montag
hatte man längst vergessen, was im Bericht der "Welt am Sonntag" zu lesen war. Unter der Überschrift "Kossygin will die Spaltung verewigen" berichtet sie nur noch, was auch im falschen Vorspann des "Hamburger Abendblattes" steht. Dort wird auch offenbar, woher die Weisheit stammt, Kossygin wolle die deutsche Spaltung verewigen. Die "Welt" nämlich gibt ihre Quelle an: dpa. Und in der Tat: Die "Deutsche Presse-Agentur", die schon einmal einen sehr lebendigen Sowjetpremier totgesagt hatte, berichtete aus Paris unter der Überschrift "Es wird ewig zwei deutsche Staaten geben", Kossygin habe "zu verstehen gegeben, daß es nach Auffassung Moskaus ewig zwei deutsche Staaten geben wird". Folgt das falsche Zitat: "Keine Kraft der Welt (kann) die Existenz zweier deutscher Staaten beenden."
Daß ein Großteil der deutschen Presse - trotz präziser "eigener Korrespondentenberichte" - die sehr vage formulierte ("Kossygin ... hat zu verstehen gegeben... ") dpa-Legende von Deutschlands ewiger Teilung übernahm, ist nicht allzu erstaunlich. Manchen erschien sie so wundervoll brauchbar. Der "Rheinische Merkur", Sprachrohr einflußreicher Christdemokraten, erkannte im "unbarmherzigen Nein der Sowjets zur deutschen Wiedervereinigung" eine - so die Schlagzeile "Schützenhilfe für Kanzler Kiesinger". Und die ebenfalls katholische "Allgemeine Sonntagszeitung" jubelte in ihrer Schlagzeile "Kossygin widerlegt unsere Sonntagsredner" und rühmte im Text: "Kossygin kommt das Verdienst zu, das 'gesamtdeutsche Hochgefühl', das seit der Ernennung Herbert Wehners zum Chef des gesamtdeutschen Ministeriums weite SPD-Kreise erfaßt hat, rechtzeitig gedämpft zu haben."
"Kurier"-Karikatur
Von Otto Köhler

DER SPIEGEL 52/1966
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