19.12.1966

NACHRUFWALT DISNEY 5.XII.1901 - 15.XII.1966

Der Friedensnobelpreis blieb ihm verwehrt, obwohl auch der für ihn gefordert wurde. Statt dessen holte er sich manch andere hohe Prämie. Er war der Hollywood-Mann mit den meisten Ehrendoktorhüten (8) und den allermeisten "Oscars" (39). Die Franzosen gaben ihm das rote Bändchen ihrer Ehrenlegion, die Deutschen das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse. Präsident Johnson schließlich reichte ihm die höchste Dekoration, die ein US-Zivilist auf seinem amerikanischen Lebensweg erwarten darf - die Freiheitsmedaille.
Denn Walt Disney, positiv wie ein Boy-scout, war ein verdienstvoller Mensch - er hat es immer wieder bewiesen, seit 1928 sein Zeichenstift kreißte und eine Maus gebar.
Flinker als je ein Mythos des 20. Jahrhunderts huschte diese Mickey Mouse damals über den Erdball, und sie huscht noch heute - über Leinwand und Mattscheibe, gefolgt von einem kunterbunten Rudel piepsenden, wimmernden, klaffenden, ächzenden, quiekenden, quäkenden, kreischenden Getiers, vom Mäuse-Mädchen
Minny und vom Enten-Wüterich Donald Duck, von Pluto, Goofy, Bongo -Bär und dem fliegenden Elefanten Dumbo. In Comic-Heften, auf Nachtgeschirr und Kinderlätzchen wird die Fama von Mickey und seinen Freunden künftigen Generationen überliefert.
Mickey Mouse, der Kurzfilmstar, hatte nur eine Rivalin: die menschliche Greta Garbo. Disneys "Schneewittchen", das abendfüllende, hatte schon gar keine mehr. Sie war 1937 die Schönste im ganzen Land: ein süßer amerikanischer Teenager in einer magischen, niedlichen, harmlosen, sauberen amerikanischen Märchenwelt.
Und so ging es bei Disney immer zu. Mochten andere Hollywood-Götter ihr Geld mit Sex und Crime verdienen - Disney erwarb das seine mit einer ununterbrochenen kinematographischen Huldigung an harmlose Freuden.
Die Angestellten der "Walt Disney Productions" (zuletzt 3300) zeichneten für seinen Namen - denn er selbst zeichnete schon seit Jahrzehnten nicht mehr - die pasteurisierten Abenteuer der keimfreien Märchenhelden Pinocchio, Cinderella, Bambi und Peter Pan. Sie interviewten eine idyllische Natur voller Rossini- und Mendelssohn-Klänge und brachten Dokumentarfilme vom "Tal der Biber" und von den "Wundern der Prärie" ins Lichtspiel.
Disney ließ Jules Vernes Reisen zum Mond und zum Meeresboden verfilmen; er zeigte Robin Hood, die "Schatzinsel" und "Mary Poppins" in Technicolor; er präsentierte den Walzer-Wiener Johann Strauß als musikalische Mickey Mouse und den Symphoniker Ludwig van Beethoven als liebenswertes Trotzköpfchen. Walt Disney brachte den Kindern dieser Welt mehr Freude als jeder andere Mensch.
Aber ganz so einfach war dieser letzte Tycoon, dieser Wirtschaftskapitän der Märchenindustrie (Umsatz im Steuerjahr 1965: 440 Millionen Mark) dabei wohl gar nicht. Zwar galt er als Hollywooder Familienvater ohne Skandale, dem keiner einen Herrenwitz zu erzählen wagte. Zwar zeigte er sich in seinen vielen Fernseh-Shows als überzeugend gütig lächelnder Märchenonkel. Doch zu diesem viktorianischen Gefühlsleben gehörte das Gehirn eines sehr modernen Technikers und Geschäftsmannes.
Auf der New Yorker Weltausstellung 1964 bot Disney nebst tanzenden Kindern und kämpfenden Dinosauriern eine lebensgetreue Plastik des
alten Präsidenten Abraham Lincoln zur Schau, die sich mühelos vom Sessel erheben und mit zwinkernden Augen, gerunzelter Stirn und lebhaften Lippenbewegungen eine lange Rede halten konnte. Disneys Lincoln war tonbandgefüttert und elektronisch gesteuert - eine wehmütige Reminiszenz ans vergangene, eine raffinierte Reverenz vor dem 20. Jahrhundert.
Mit ähnlich raffiniert ausgetüftelten Apparaturen und Mini-Maschinerien ließ er ab 1954 auch das kalifornische "Disneyland" ausstatten, jenen riesigen Rummelplatz, auf dem das ganze Jahr über, zum Jux der Besucher und zum Wohl der "Walt Disney Productions", Disneys Mickey Mäuse und Donald Ducks und Goofys paradieren. Ein fast echtes Matterhorn erhebt sich dort und ein Dornröschen-Schloß; es gibt Tigergebrüll aus künstlichem Dschungel, tauchende U-Boote und Fliegende Untertassen.
Eine noch weit riesigere "Disneywelt" von 43 Quadratmeilen und somit 170mal größer als "Disneyland" gedachte Mickeys Vater in naher Zukunft in Florida zu erschaffen. Und er hätte wohl auch gern den ganzen Planeten in ein einziges großes Disneyland verwandelt - in ein künstliches Paradies, in dem es keinen Tod gegeben hätte.
Sein eigener Tod hat ihn um dieses gelobte Land gebracht.

DER SPIEGEL 52/1966
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