27.03.2006

BOLIVIENRevolution in der Schulküche

Präsident Evo Morales hat die Zerstörung der Koka-Plantagen gestoppt - Washington fürchtet eine neue Rauschgiftschwemme.
Der Wein schmeckt leicht süßlich, hilft angeblich gegen Parkinson wie bei Potenzstörungen und ist laut Etikett "Sportlern und Sängern" zu empfehlen. In kleinen Dosierungen, versteht sich. Denn er wird aus Koka-Blättern gekeltert, welche die Wirkung des Alkohols verstärken. Wer sich einen Rausch antrinke, brauche jedoch keine Folgen zu fürchten, behauptet Melby Paz: "Koka-Wein verursacht keinen Kater."
Einige hundert Liter füllt die Unternehmerin aus der bolivianischen Koka-Metropole Cochabamba jeden Monat ab. Das tintenfarbige Getränk ist der Verkaufs-Hit ihrer Firma Coincoca. Außerdem hat sie noch Seife, Shampoo, Zahnpasta und Kekse aus Koka im Angebot; Instantsuppen und Müsli sind geplant. "Koka ist ein Nahrungs- und Heilmittel von unschätzbarem Wert", versichert Frau Paz.
Als "La Loca de la Coca" wurde sie früher belächelt, "die Koka-Verrückte". Denn die untersetzte Dame entwickelt seit Jahren immer neue Produkte auf Koka-Basis, die sie in ihrem Laden im Stadtzentrum verkauft. Das Geschäft lief eher mäßig, bis ein Indio und Vertreter der Koka-Bauern zum Staatsoberhaupt gewählt wurde: Evo Morales. Boliviens neuer Präsident plant, mit staatlicher Hilfe den Verkauf von Koka-Produkten anzukurbeln.
"Coca sí, Cocaína no", hat er im Wahlkampf versprochen: ja zu Koka, nein zum Kokain. Er will den Strauch, der den Grundstoff für das Rauschgift liefert, vom Stigma der Droge befreien. Denn in den Anden wird die Pflanze seit Jahrtausenden als Heilmittel geschätzt, schon die Inkas bauten Koka an. Millionen arme Bolivianer kauen die Blätter, weil sie das Hungergefühl betäuben und Schwerstarbeit erträglicher machen. Jetzt wird sogar erwogen, Koka in die Schulspeisung aufzunehmen.
Morales plant den Bau einer staatlichen Koka-Fabrik, und Melby Paz ist seine wichtigste Verbündete dabei: Er hat sie mit einer Studie über die industrielle Produktion beauftragt. Sie selbst verarbeitet 350 Kilogramm monatlich, aber "es könnten mehr sein, wenn die Preise für die Blätter nicht so hoch wären", klagt sie. Daran ist das Militär schuld: Bis zu Morales' Amtsantritt Ende Januar hat die Armee systematisch Plantagen vernichtet. Die Folge: Koka, ein Grundnahrungsmittel für die Bolivianer, ist knapper und teurer geworden.
Jetzt hoffen die Bauern auf einen neuen Boom, denn der Präsident hat die Zerstörung der Plantagen gestoppt. Allein in der Region Chapare - einem der größten Anbaugebiete am Fuße der Anden, in dem etwa 3200 Hektar legal bepflanzt sind - könnte sich die Anbaufläche verdreifachen, schätzen Experten. Nutznießer allerdings, so befürchten sie, wäre in erster Linie die Drogenmafia: "Bolivien wird die Nachbarländer mit Kokain überschwemmen", warnt die Zeitung "Los Tiempos".
Auch in Washington skizzieren Militärexperten bereits ein Alptraumszenario: Unter Bauernführer Morales sehen sie den sozialistischen "Narco-Staat" heraufdämmern. Mit Hilfe seiner Freunde Hugo Chávez in Venezuela und dem Kubaner Fidel Castro, so glauben sie, könnte der Indiopräsident die gesamte Andenregion destabilisieren.
Dabei ist Washington für den Aufstieg des einst als "Narco-Terroristen" Verteufelten mitverantwortlich. Denn in den neunziger Jahren, nachdem der Andenstaat zu einem der größten Koka-Produzenten Lateinamerikas aufgestiegen war, erprobten die Amerikaner in Chapare eine neue Art des Drogenkriegs: Sie versprachen der Regierung großzügige Entwicklungshilfe, wenn sie die Koka-Plantagen ausrotte. Mit dem Geld sollten Alternativprodukte wie Ananas, Bananen, Kaffee und Orangen gefördert werden. Washington pries die Allianz mit La Paz weltweit als Vorbild.
Amerikanische und europäische Hilfsorganisationen pumpten seither rund 700 Millionen Dollar Entwicklungshilfe nach Chapare. Doch die Alternativprojekte scheiterten: Die Transportwege für Ananas und Bananen sind zu weit, die Prei-
se können mit der Koka nicht konkurrieren. Den Bauern brachte der Drogenkrieg vor allem Gewalt und Elend - und er schürte den Hass auf die Gringos. Denn US-Drogenfahnder und Militärexperten beraten die bolivianischen Sicherheitskräfte bei der Vernichtung der Koka-Plantagen. Bei Einsätzen gegen die Bauern schreckten sie selbst vor Folter nicht zurück, Dutzende Campesinos verschwanden spurlos. Das führte in Chapare fast zu einem Volksaufstand. Den Widerstand organisierte damals ein listiger Gewerkschaftsführer: Evo Morales.
Kaum war er Präsident, ließ er sich erneut zum Vorsitzenden des mächtigen Dachverbands der Koka-Bauern wählen. Eine Trennung der Ämter hält das Staatsoberhaupt nicht für nötig: "Ich bleibe ihr Chef, damit ich nicht den Kontakt zum Volk verliere", verkündet er treuherzig. Der Präsident als Pate der Armen.
Ein Cato, etwa 1600 Quadratmeter, darf jeder Koka-Bauer mit der Pflanze bestellen. Überschüssige Sträucher vernichtet nicht mehr das Militär, weil "wir nun selbst kontrollieren werden, dass keiner die Quote überschreitet", sagt Gewerkschaftsführer Asterio Romero. Experten bezweifeln jedoch, dass Drogenbekämpfung auf der Basis freiwilliger Selbstkontrolle funktioniert. Washington droht bereits, die Finanzhilfe für Bolivien zu kürzen.
Versuche, den Koka-Handel zu reglementieren, scheiterten schon unter Morales' Vorgängern. Die Behörde zum Beispiel, die Transportlizenzen für "legale" Koka ausstellt, gilt als korrupt. Nur ein Bruchteil der Ernte aus Chapare komme auf dem staatlichen Koka-Markt in Cochabamba an, so Entwicklungsexperte Oscar Coca: "Chapare ist ein Bermuda-Dreieck." Von der Polizei konfiszierte Blätter, die eigentlich verbrannt werden müssten, werden oft an die Drogenmafia weiterverkauft.
Und so blüht der Rauschgifthandel nach wie vor, seit Jahresbeginn hat die Drogenpolizei in Chapare 339 Kokainlabore ausgehoben und 250 Kilogramm Rauschgift beschlagnahmt. "Die Kuriere wehren sich kaum, wenn sie festgenommen werden", sagt Polizeichef René Salazar: "Sie wissen, dass sie meist schnell wieder freikommen." Die Justiz arbeitet langsam, Drogenschmuggel gilt zudem als Kavaliersdelikt.
Kuriere stehen bereit, um das Koka für eine Handvoll Dollar zu transportieren - per Bus, Fahrrad oder Taxi. Das ist allemal lukrativer, als Früchte oder Kaffee anzubauen. Zeichen der fehlgeleiteten Entwicklungspolitik finden sich überall: verfallene Installationen für Gemüsemärkte, die von der Europäischen Union finanziert wurden, oder hochsubventionierte Ananasplantagen, auf denen die Früchte verfaulen, weil sie niemand kauft.
Die ausländischen Entwicklungshelfer, die zumeist fürstlich verdienten, weckten bei den Bauern nur Neid und Wut. "Die Gringos haben sich mit den Hilfsgeldern gemästet", klagt Koka-Bäuerin Juana Quispe: "Bei uns ist nichts angekommen." Quispe ist eine lebende Legende. An der Seite von Evo Morales führte sie Demonstrationen an gegen die Razzien der Drogenpolizei und blockierte die Fernstraße durchs Gebiet. Mit "Evo" ist sie seit 14 Jahren befreundet.
Vor zwei Jahren hatten Soldaten ihre Hütte im Städtchen Chimoré gestürmt. Sie rissen die Koka-Sträucher im Garten aus, stahlen Hühner und Orangen und belästigten Quispes Tochter. Ihr Mitstreiter Feliciano Mamani wurde in der Militärbasis von Chimoré gefoltert, weil er die Bauern gegen das Militär aufgewiegelt haben soll. Der Gewerkschaftsführer war bereits bei einer Protestaktion vor vier Jahren angeschossen worden, die Kugel zerschmetterte damals sein Schienbein: "Amerikanische Drogenfahnder" hätten die Einsätze geleitet, behauptet er.
Nun sitzen die einst Verfolgten an den Hebeln der Macht. Juana Quispe vertritt im Kongress die sozialistische Regierungspartei MAS, Mamani wurde zum Bürgermeister von Villa Tunari gewählt, einer Stadt in Chapare. Die ausländischen Helfer sind vertrieben, das Geld für Entwicklungshilfeprojekte wird jetzt von den Gemeinden verwaltet. Als nächsten Schritt erwarten Leute wie Mamani und Quispe den Abzug der amerikanischen Drogenbekämpfer.
An diesem Punkt allerdings wiegelt Staatspräsident Morales ab. Eine Konfrontation mit den mächtigen US-Amerikanern dürfte er kaum überstehen - das bettelarme Andenland braucht ausländische Hilfe. Bolivien werde alle internationalen Abkommen zur Bekämpfung des Drogenhandels erfüllen, versichert Morales deshalb öffentlich. Demonstrativ versuchte er, US-Außenministerin Condoleezza Rice von seinen friedlichen Koka-Plänen zu überzeugen: Bei einem Treffen im chilenischen Valparaíso schenkte er ihr eine Gitarre - mit Koka-Blättern verziert.
Bislang scheint seine Strategie aufzugehen, über 70 Prozent der Bolivianer stehen zu ihrem neuen Präsidenten. Anfang März brachte der Kongress Morales' wichtigstes politisches Projekt - eine neue Verfassung - auf den Weg. Auch die einflussreiche Unternehmerschaft der Provinz Santa Cruz, die ihn während des Wahlkampfes noch erbittert bekämpfte, umwirbt den neuen Volkshelden jetzt.
In der einfachen Bevölkerung findet vor allem seine Kampagne gegen die Korruption großen Anklang. Morales halbierte das Präsidentengehalt und setzte eine Kürzung der Abgeordnetendiäten durch. Mehrere hohe Beamte, die er der Bestechlichkeit bezichtigt hatte, wurden entlassen.
Und im Regierungspalast geht es jetzt zu wie in einer Kommune: Der Präsident wohnt mit seinem Vizepräsidenten und mehreren Ministern zusammen, Kabinettssitzungen beginnen oft bereits um fünf Uhr früh. Morales hat zwar mehrere Kinder, ist aber nicht verheiratet; bei öffentlichen Auftritten begleitet ihn die Schwester.
Auch Koka-Unternehmerin Melby Paz hat sich die Popularität des Präsidenten zunutze gemacht. In ihrem Laden in Cochabamba hängt ein überdimensionales Foto des Staatschefs. Offenbar wirkt es. "Seit Evo im Amt ist", so Frau Paz, "hat sich der Verkauf von Koka-Produkten verdoppelt." JENS GLÜSING
* Mit US-Außenministerin Condoleezza Rice im chilenischen Valparaíso am 11. März.
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 13/2006
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