27.03.2006

KLIMATauwetter am Nordpol

Die Arktis wird immer wärmer. Das Eis des Nordpolarmeers schmilzt im Rekordtempo. In Potsdam beraten Forscher aus aller Welt über die Folgen für Mensch, Tier und Klima. Erste Opfer sind Eskimos, Eisbären oder Robben. Zu den Profiteuren zählen Schifffahrt und Erdölindustrie.
Es ist nicht ganz einfach, auf der Hans-Insel eine Flagge zu hissen. Selbst Steine mussten die Kanadier mitbringen, um den Fuß des Flaggenmasts zu beschweren. Dann aber wurde Operation "Gefrorener Biber" ein voller Erfolg.
Im Juli vergangenen Jahres zogen kanadische Soldaten ihre Landesfahne auf dem winzigen Eiland zwischen der kanadischen Insel Ellesmere und Grönland in die Höhe. Wenig später schwebte Verteidigungsminister Bill Graham per Helikopter ein. Hans sei "für immer und ewig kanadisch", erklärte Graham. Die Provokation wirkte: Umgehend kabelte die dänische Regierung eine Protestnote nach Ottawa.
Die diplomatische Verwerfung markiert den vorläufigen Höhepunkt eines bizarren Streits. Wem gehört die Hans-Insel? Kaum 1,3 Quadratkilometer groß ist das Eiland, ein unfruchtbares Stück Fels in der arktischen Nares-Straße, dessen größte Attraktion das vermutlich nördlichste Plumpsklo der Erde ist. Doch für Kanada und Dänemark - auch der Danebrog flatterte schon mehrfach auf "Hans Ø" - bedeutet die Insel weit mehr: Sie ist ein Testfall für Territorialstreitigkeiten, wie sie sich jenseits des Polarkreises schon bald häufen könnten.
Die Grenzziehung in der Arktis steht auf der politischen Tagesordnung. Es geht um Hoheitsrechte über enorme Reserven von Bodenschätzen und um die Kontrolle von Schifffahrtsrouten, die bislang als unpassierbar galten. Der Grund des neuerwachten Interesses: Die Arktis erwärmt sich rapide. Nirgendwo sonst auf der Erde hat der Klimawandel bereits heute derart weitreichende Folgen. Öl- und Gasgesellschaften erhoffen den Zugang zu neuen Ressourcen, sobald das Eis geschmolzen ist; Biologen und Klimaforscher fürchten Eisschwund, Überflutungen und Artensterben.
"In der Arktis entscheidet sich, wie unser Klima in den kommenden Jahrzehnten aussehen wird", sagt Hans-Wolfgang Hubberten vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) in Potsdam. Noch bis Mitte der Woche hat Hubberten auf dem Potsdamer Telegrafenberg rund 150 Forscher zur internationalen "Arctic Science Summit Week" zu Gast, die erstmals in Deutschland stattfindet. Auf der Tagesordnung: die Folgen der arktischen Erwärmung für Land, Bevölkerung, Tiere, Pflanzen und das globale Klima.
"Wir beobachten, wie das Meereis des Nordpolarmeers rapide zurückgeht und die Permafrostböden auftauen", sagt Volker Rachold vom International Arctic Science
Committee, einer Organisation, die Arktisforschung weltweit koordiniert. Die höchsten Lufttemperaturen seit mehreren Jahrhunderten melden die Forscher aus der Polarregion; rasch wie nie schmilzt das Eis Grönlands, rasant schrumpfen die Gletscher Alaskas.
2005 gilt den Experten dabei als neues Rekordjahr. Nie zuvor registrierten die Satelliten weniger Meereis zwischen Grönland und Sibirien. Im August überquerte die russische "Akademik Fjodorow" als erstes Schiff der Seefahrtsgeschichte den Pol ohne Eisbrecher-Hilfe. Auch in der Nordwest-Passage, die Europa durch die kanadische Arktis mit Asien verbindet, trieben nur noch wenige Eisschollen. Selbst die einst gänzlich unpassierbare Nordost-Passage entlang der sibirischen Küste war im vergangenen Jahr für mehr als einen Monat eisfrei.
Spitzbergen, normalerweise in dickes Packeis gehüllt, blieb gar bis tief in den Winter hinein vom Eis verschont. 7,7 Grad registrierten Forscher vom Norwegischen Polarinstitut im Januar am Flughafen von Longyearbyen: ein neuer Wärmerekord. In der Regel liegen die Januartemperaturen dort bei minus 15 Grad.
Rückkopplungseffekte befördern das Tauwetter noch. Denn wenn das Packeis schmilzt, treffen die Sonnenstrahlen direkt auf das Meerwasser. Das jedoch absorbiert die Wärme weit stärker als Eis oder Schnee: Die Region erwärmt sich weiter.
"Ich befürchte, dass das Nordpolarmeer schon vor Ende des Jahrhunderts im Sommer eisfrei sein könnte", sagt Georg Heygster vom Institut für Umweltphysik der Universität Bremen.
Die Erwärmung droht eine ganze Weltregion tiefgreifend zu verändern, deren filigranes Gleichgewicht ohnehin schon durch Verschmutzung mit Umweltgiften und verstärkte UV-Einstrahlung gestört ist.
Fast vier Millionen Menschen leben in der Arktis auf dem Territorium der acht Anrainerstaaten Norwegen, Schweden, Finnland, Dänemark, Island, Kanada, Russland und USA. Begrenzt wird das Land der sommerlichen Mitternachtssonne vom nördlichen Polarkreis. Zwischen dem eisbedeckten hohen Norden und der bewaldeten Subarktis erstreckt sich die weite Tundra: öde Ebenen mit dauerhaft gefrorenem Boden, die insgesamt ein Viertel der Landfläche der nördlichen Hemisphäre ausmachen.
In manchen Gegenden hat der extreme Frost tiefe Risse im Boden hinterlassen, in die Wasser geflossen und dann gefroren ist. Von der Luft aus ist das polygonale Netz, das diese Eiskeile bilden, gut zu erkennen. Doch nun ächzt die faszinierende Permafrostlandschaft unter der Wärme. Bis zu 90 Prozent der steinharten Erde könnte noch in diesem Jahrhundert auftauen, befürchten Forscher. Um mehrere hundert Kilometer nach Norden soll sich die Dauerfrostgrenze bald verschieben (siehe Grafik).
"Taut der Untergrund, kann der ganze Boden einbrechen", erklärt AWI-Forscher Hubberten. Straßen, Pipelines und Industrieanlagen drohen im Morast zu versinken. In der auf Permafrost erbauten zentralsibirischen Stadt Jakutsk etwa sind inzwischen mehr als 300 Gebäude weggesackt. Große Wohnhäuser, ein Kraftwerk und eine Rollbahn des örtlichen Flughafens sind betroffen.
Zudem gerät der Wasserhaushalt der Region durcheinander. Schon beobachten Forscher, wie ganze Seen in den aufgetauten Boden sickern und die Flüsse immer weiter anschwellen. Um sieben Prozent hat die Wassermenge in den vergangenen 60 Jahren zugenommen, die sich aus russischen Flüssen wie dem Ob in das Arktische Becken ergießt.
Eine vor zwei Jahren veröffentlichte und jetzt in Potsdam erneut diskutierte Mammutstudie, das "Arctic Climate Impact Assessment", listet detailliert mögliche Folgen für Mensch und Umwelt auf. Gleichzeitig will die arktische Staatengemeinschaft jedoch auch ihre Chancen nicht ungenutzt verstreichen lassen. Neue Fischfanggründe und Touristenziele sowie die Öffnung arktischer Schifffahrtsrouten erhoffen sich die Anrainer. Schon bald könnten Frachter von Hamburg aus statt durch den Suez-Kanal entlang der sibirischen Küste nach Yokohama fahren. Der eisige Trip würde die Fahrtzeit halbieren. Oder die Strecke von Russland nach Nordamerika: Derzeit dauert ein Transport von Murmansk in die USA um die 17 Tage. Das kanadische Churchill dagegen liegt bei gutem Wetter nur acht Schiffstage entfernt. Auf Schienen sollen angelandete Waren künftig nach Süden weitertransportiert werden.
Die ersten Glücksritter setzen schon auf die neue Warendrehscheibe an der Hudson Bay. Als visionär darf heute etwa der US-Unternehmer Pat Broe gelten. 1997 erwarb er den aufgegebenen Hafen von Churchill für lumpige sieben Dollar von der kanadischen Regierung. 100 Millionen Dollar jährlich könnte der Anleger bald einbringen, hat der Besitzer einer Eisenbahngesellschaft errechnet.
Vor allem aber regt der Reichtum der Erde unter dem längst nicht mehr ewigen Eis die Phantasie an. Ein Viertel der Welterdöl- und -gasreserven soll im Nordpolarmeer verborgen liegen, schätzt das US Geological Survey. Weiteres Tauwetter vorausgesetzt, könnte sich ihre Erschließung bald lohnen. Schon rangeln Norwegen und Russland um Bohrrechte in der Barentssee. Erdgas aus der Region soll
bald in Gasverflüssigungsanlagen in Murmansk und Hammerfest aufbereitet und von dort nach Europa und Amerika verschifft werden. Allein das Volumen des russischen Schtokman-Gasfeldes wird auf 3,2 Billionen Kubikmeter geschätzt - es ist damit eines der größten bekannten Vorkommen der Welt.
Derlei Aussichten versetzen die Arktisanrainer in Goldgräberstimmung. Und doch ist die Freude getrübt. Denn mit dem polaren Tauwetter geht auch ein Wandel einher, der vor allem den Küstenbewohnern übel zusetzt. Viele der Inuit leben vom Meer - indes nur solange es gefroren ist. Tief in den Kulturen ist die Jagd auf dem Eis verwurzelt. "Früher waren wir hier Ende Oktober eingefroren, heute erst gegen Weihnachten", klagt Clifford Weyiouanna aus Shishmaref, einem Dorf auf der Insel Sarichef in der Bering-Straße. "Unter normalen Umständen müsste das Eis da draußen etwa 1,2 Meter dick sein; als ich jetzt draußen war, maß es ganze 30 Zentimeter." Starke Erosion bedroht den Ort, seit das Eis verschwindet und das Meer ungebremst an die Küste rollt. Mehr als 40 Meter Land haben die Bewohner seit 1997 an die See verloren. Vier Meter hohe Wellen bedrohten im Oktober 2001 das Dorf. Inzwischen haben die Einwohner beschlossen, aufs Festland umzusiedeln.
Ob in Sachs Harbour an der westkanadischen Küste, im ebenfalls kanadischen Pangnirtung nahe dem Polarkreis oder an der Frobisher Bay bei Iqaluit: Überall gefährdet brüchiges Meereis die Jagdzüge der Inuit. Vögel und Fische tauchen auf, für die es in ihrer Sprache gar keine Namen gibt. Jagdbeute wie Robben, Walrosse oder Eisbären, deren Lebenszyklus eng mit dem Meereis verknüpft ist, wird rar.
Traurige Berühmtheit hat inzwischen etwa das kanadische Churchill erlangt. Jeden Herbst sammeln sich die Bären in der Gegend, um das Zufrieren der Hudson Bay abzuwarten. Denn nur auf dem Meereis können sie Jagd auf Robben machen. Doch immer später kommt der Winter, die Eisschmelze immer früher, so dass die Tiere keine Chance haben, sich eine ausreichende Fettschicht anzufressen. "Wenn das Eis auch nur eine Woche eher schmilzt, muss eine Bärin rund zehn Kilogramm leichter an Land", schätzt der Polarbär-Experte Ian Stirling von der University of Alberta.
Den Verlust von fast einem Drittel der Eisbärpopulation befürchten Experten der Weltnaturschutzunion IUCN in den nächsten 35 bis 50 Jahren. Auch Rentiere, Lemminge oder Polarfüchse sehen die Forscher durch die Erwärmung bedroht. "Die Baumgrenze verschiebt sich polwärts, und Tiere der Subarktis beginnen bereits, ihr Verbreitungsgebiet nach Norden auszudehnen", sagt María Gunnarsdóttir von der Organisation Conservation of Arctic Flora and Fauna: "Da das Land im Norden nicht endlos weitergeht, wird es für die arktischen Arten irgendwann keinen Platz mehr geben."
Und die Wahrscheinlichkeit für eine weitere Erwärmung ist groß. Denn die wahre Klimabombe der Arktis beginnt gerade erst, ihre Wirkung zu entfalten. Sie schlummert in den bis zu 1500 Meter tief gefrorenen Böden der Tundra. Geschätzte 400 Milliarden Tonnen Methan sind im Permafrostboden der Arktis gefangen. Wird beim Auftauen der Böden auch nur ein Bruchteil des stark wirksamen Klimagases frei, dann könnte selbst jenes Horrorszenario in Rekordtempo Wirklichkeit werden, das Forscher erst vergangene Woche im Fachblatt "Science" bekräftigten: das Abschmelzen des grönländischen Eispanzers.
Fast fünfmal so groß wie Deutschland und bis zu drei Kilometer dick ist das gewaltige Eisreservoir. Es enthält genug Wasser, um den globalen Meeresspiegel um mehr als sieben Meter ansteigen zu lassen. Die beunruhigende Nachricht der Forscher: Der Prozess hat wahrscheinlich bereits begonnen. "Weitere zwei bis drei Grad Temperaturanstieg, und das Abtauen der grönländischen Eiskappe wird unwiderruflich in Gang gesetzt", sagt Philippe Huybrechts von der Universität Brüssel. Bereits in tausend Jahren könne Grönlands Inlandeis vollständig verschwunden sein. Das Abschmelzen der Antarktis mit eingeschlossen, rechnet der Experte noch in diesem Jahrhundert mit einem Anstieg des Meeresspiegels um bis zu 90 Zentimeter.
Die dänischen und kanadischen Streithähne müssen sich also beeilen, wenn sie nicht noch nasse Füße bekommen wollen bei ihrem bizarren Territorialdisput um die Hans-Insel. Immerhin sind Kopenhagen und Ottawa inzwischen übereingekommen, den Konflikt künftig zivilisiert auszutragen. Weitere Flaggenkriege um das Eiland werde es nicht geben, versicherte der dänische Außenminister Per Stig Møller im vergangenen Herbst am Rande der Uno-Vollversammlung in New York.
Auf ihrem Territorialanspruch beharren beide Länder allerdings nach wie vor. Die kanadische Flagge, stichelt Møller, sei seines Wissens inzwischen von selbst umgefallen. PHILIP BETHGE
Von Philip Bethge

DER SPIEGEL 13/2006
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