03.04.1967

Hans Kroll über Edward Crankshaw: „Der rote Zar - Nikita Chruschtschow“ALLEINHERRSCHER WAR ER NIE

Dr. Hans Kroll, 68, war bis 1962 Botschafter der Bundesrepublik in Moskau. Er wird im Herbst dieses Jahres im Verlag Kiepenheuer & Witsch seine Memoiren veröffentlichen. -- Der englische Journalist Edward Crankshaw, 58, war „Observer“-Korrespondent in Moskau und ist als Kreml-Deuter renommiert.
Unter den mir bekannten Veröffentlichungen über den einstigen Partei- und Regierungschef der Sowjet-Union verdient Crankshaws Werk nach Form und Inhalt in der Rangfolge zweifellos einen ersten Platz. Der Titel der deutschen Ausgabe gefällt mir allerdings nicht. Er mag ganz publikumswirksam sein, aber sachlich ist er unzutreffend und politisch irreführend. Chruschtschow war nie, auch nicht auf dem Gipfel seiner Macht, Alleinherrscher. Auch Crankshaw hat dies ausdrücklich festgestellt.
Das Wort vom "roten Zaren" geht, soweit mir bekannt, auf eine Äußerung des früheren britischen Premierministers Macmillan zurück, der nach seinem Besuch in der Sowjet-Union im Frühjahr 1959 in seinem Bericht über die Ergebnisse der Reise die Bemerkung machte, Chruschtschow regiere in Moskau "wie ein Zar".
Chruschtschow war in jenen elf Jahren, in denen er zunächst als Erster Sekretär der KPdSU und vom März 1958 an auch als Regierungschef über Sowjetrußland herrschte, Mitglied des Präsidiums des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, also eines Gremiums, das nach den schrecklichen Jahren der Alleinherrschaft Stalins seine Pflichten und Rechte als Kollektiv sehr ernst nahm und eifersüchtig darüber wachte, daß keines seiner 14 Mitglieder, unabhängig von Erfolg, Ansehen oder Popularität, den Versuch machte, seine Machtstellung zur Errichtung einer Ein-Mann-Herrschaft zu mißbrauchen. Als einige Monate nach Stalins Tod der Verdacht aufkam, daß Berija sich mit Hilfe der ihm unterstellten Geheimpolizei zum alleinigen Nachfolger Stalins aufschwingen wollte, wurde er, unter aktiver Beteiligung Chruschtschows, kurzerhand liquidiert.
Chruschtschow soll allerdings im letzten Jahre seiner Regierung gewisse Neigungen zu selbstherrlichem Handeln gezeigt und seine Mitgenossen im Präsidium bei wichtigen Entscheidungen übergangen haben. Als Beweis dafür wird unter anderem auf die Entsendung seines Schwiegersohns Adschubej in die Bundesrepublik im Sommer 1964 zur propagandistischen Vorbereitung des von Chruschtschow selbst geplanten Besuchs in Bonn hingewiesen, ein Schritt, von dem das Präsidium der Partei angeblich erst nachträglich erfuhr.
Ein hoher sowjetischer Diplomat hat mir nach Chruschtschows Sturz glaubwürdig versichert, daß der sowjetische Staatsmann in der Tat im letzten Jahr seiner Herrschaft diktatorische Allüren kultiviert habe und daß dies einer der entscheidenden Gründe für seine Ablösung gewesen sei. Sollte dies zutreffen, so war der Chruschtschow der letzten Zeit ein anderer als der, den ich in den Jahren meiner Moskauer Mission in zahlreichen Unterredüngen und darüber hinaus auch in menschlichen Begegnungen und Kontakten kennengelernt hatte. Ich habe es wiederholt erlebt, daß er mir in unseren Besprechungen erklärte, er sei persönlich mit meinen Vorschlägen einverstanden, müsse aber vor einer endgültigen Entscheidung erst die Zustimmung des Präsidiums einholen. In Crankshaws Buch wird anschaulich die Entwicklung herausgearbeitet, die die Doppelpersönlichkeit Chruschtschows bedingte; im ersten Teil der Aufstieg vom armen Bauernburschen zum einflußreichen Parteimitglied und schließlich, nach Stalins Tod, zum Partei- und Regierungschef der Sowjet-Union und damit zu einem der mächtigsten Männer der Welt. Crankshaw ist von der Persönlichkeit Chruschtschows -- wie wäre es bei einer so einmaligen und schillernden Gestalt anders möglich -- sichtlich fasziniert. Aber als gewissenhafter Autor hat er sich durch seine offenkundige Sympathie vor allem für die menschlichen Züge im Charakter seines Helden nicht dazu verleiten lassen, die Fehler, Schwächen und -- sprechen wir es offen aus -- die Verbrechen des sowjetischen Politikers zu beschönigen.
Chruschtschow hatte auf seinem Weg nach oben auf kein Mittel verzichtet, mochte es noch so verwerflich sein, wenn es ihn nur auf der Stufenleiter der Macht einige Sprossen höher brachte. Er kannte keine Dankbarkeit gegenüber den Menschen, die, wie zum Beispiel Kaganowitsch, ihm seinen Aufstieg ermöglicht hatten, keine Treue gegenüber Freunden und langjährigen Mitarbeitern. Stalin hat er in seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag im Februar 1956 politisch noch nach dessen Tod zu vernichten versucht, ihm alle Leistungen und Fähigkeiten abgesprochen, ihn zu einem politischen und militärischen Scharlatan degradiert und als tausendfachen Mörder gebrandmarkt. Und schließlich hat er diesen Mann, dessen Gunst er sich durch manchmal geradezu kriecherische Unterwürfigkeit zu erringen und zu erhalten wußte und dem er damit in erster Linie seinen Aufstieg verdankte, aus dem Mausoleum, wo er Seite an Seite neben Lenin lag und Jahre hindurch Gegenstand der Verehrung von Millionen seiner Landsleute war, eines Nachts entfernen und an der Kremlmauer ohne jede Zeremonie einscharren lassen.
Crankshaw läßt ihm auch in diesem wahrhaftig nicht vorbildlichen Abschnitt seines Lebens insofern Gerechtigkeit widerfahren, als er mit großer Objektivität das Milieu schildert, in dem Chruschtschow seine Karriere begann und das ihn dank seiner ungewöhnlichen Gaben und freilich auch dank seiner Skrupellosigkeit zum Erfolg führte. Er weist darauf hin, daß Chruschtschow in jenen Jahren nicht besser, aber auch nicht schlechter war als seine Rivalen, ihnen wohl aber an Vitalität, Intelligenz, kluger Vermeidung unnötiger Risiken bei gleichzeitiger Verwegenheit im Einsatz und an politischem Weitblick überlegen war und sie darum schließlich alle im Ringen um die Macht aus dem Felde schlug.
Der zweite, kürzere und nach meinem Eindruck schwächere Teil des Buches behandelt Chruschtschows Wirken auf dem Höhepunkt seiner Macht, also die Periode von etwa Ende 1953 bis zu seinem Sturz im Oktober 1964. Mit dem Aufstieg vom hohen Parteifunktionär und Innenpolitiker zum international bekannten Staatsmann vollzieht sich nun auch ein Wandel in Chruschtschows Wesen und möglicherweise auch in seinem Charakter. Zwar muß er auch weiterhin auf der Hut sein, denn seine von ihm ausgeschalteten Widersacher sinnen auf Rache.
Im Sommer 1957 glückt es ihnen auch, ihn zu überrumpeln. Chruschtschows Sturz scheint unvermeidlich. Aber da gelingt es ihm durch einen genialen Einfall und dank der Unterstützung durch Marschall Schukow, der die Chruschtschow ergebenen Anhänger mit Flugzeugen der Armee aus der entfernten Provinz zur entscheidenden Sitzung des Zentralkomitees noch rechtzeitig nach Moskau schafft, die schon verloren geglaubte Schlacht zu wenden und damit seine Gegner, die später als "parteifeindlich" gebrandmarkte Gruppe Molotow, Malenkow und Kaganowitsch, diesmal endgültig politisch zu entmachten. Seine Klugheit rät ihm, sie im Gegensatz zu den Methoden Stalins physisch zu schonen, und vielleicht hat ihm diese weise Beschränkung bei seinem späteren eigenen Sturz das Leben gerettet.
Von nun an braucht er jahrelang keinen Rivalen mehr zu fürchten. Er kann sich ganz der Realisierung seiner ehrgeizigen Pläne zur Konsolidierung der Sowjet-Union als Führungsmacht des Ostens und ihrer Anerkennung als einer den Vereinigten Staaten ebenbürtigen Weltmacht widmen. Chruschtschow erkennt, daß in der atomaren Ära der Krieg als Instrument der Politik und damit auch als Mittel zur Expansion der kommunistischen Heilslehre nach menschlichem Ermessen ausgeschaltet ist, da er auch zur Zerstörung der Sowjet-Union führen würde.
So sieht er sich gezwungen, einen anderen, gangbaren Weg zum Weltkommunismus zu suchen, der die eigene Vernichtung ausschließt. Er glaubt, ihn in der Entwicklung der Sowjet-Union zur ersten Wirtschaftsmacht der Welt gefunden zu haben. Die Durchführung seiner wirtschaftlichen Jahrespläne, mit denen er die Vereinigten Staaten in der Produktion von Rohstoffen und Nahrungsmitteln einholen und schließlich sogar überholen will, soll ihm auf lange Sicht auch die politische Führung in der Welt und den Durchbruch zum kommunistischen Endziel, dem "vollendeten Kommunismus", ermöglichen.
Dies war Chruschtschows Vision, sein "großer Plan", Da er zwar im Entwurf großartig, aber im Kern unrealistisch und romantisch war, mußte er scheitern, sowohl in seinen wirtschaftlichen Zielsetzungen wie in seinen weltweit gespannten politischen Erwartungen, und er hat mit seinem Scheitern auch den Sturz Chruschtschows herbeigeführt. Denn auch in der Sowjet-Union gilt das Wort: Nothing succeeds like success!
Von diesem großen Plan, dessen Verwirklichung dem sowjetischen Staatsmann als Krönung seines Lebenswerks vorschwebte, erfahren wir in Crankshaws Buch herzlich wenig. Die Außenpolitik der Sowjet-Union in der Ära Chruschtschows, seine Deutschland-Politik namentlich, wird recht stiefmütterlich behandelt. Was er überdies zu Chruschtschows angeblicher Absicht sagt, Ulbricht fallenzulassen, bleibt unbewiesen und unbeweisbar, solange die Sowjetregierung nicht ihre Archive öffnet. Der Verfasser gleitet hier, im Gegensatz zu seiner sonst nahezu wissenschaftlichen Gründlichkeit, ins Spekulative ab.
Wenn es richtig ist, daß man bei der Bewertung einer historischen Gestalt niemals ganz Charakter und Leistung trennen kann, so sollte für die Beurteilung der Gesamtpersönlichkeit des sowjetischen Staatsmanns entscheidend sein, ob er in der atomaren Ära, da die Welt unter der permanenten Bedrohung durch die Wasserstoffbombe lebt, ehrlich entschlossen war, sich für die Erhaltung des Weltfriedens einzusetzen. Ich möchte diese Frage aufgrund meiner Erfahrungen als Botschafter in Moskau ohne Einschränkung bejahen.
Wir wissen, daß der sowjetische Staatsmann trotz seines cholerischen Temperaments und seiner Impulsivität die Gewähr dafür bot, im kritischen Augenblick nicht die Nerven zu verlieren. Chruschtschow war gewiß kein Pazifist. Ob er aus Berechnung, aus staatsmännischem Verantwortungsgefühl oder einfach aus Menschlichkeit für die Erhaltung des Friedens eintrat, lasse ich dahingestellt. Entscheidend ist schließlich, daß er es tat. Crankshaw geht in seinem Buch auf dieses für uns alle entscheidend wichtige Problem nur gelegentlich ein. So läßt uns seine sonst ausgezeichnete und gut lesbare Charakterstudie in einem wesentlichen Punkt unbefriedigt.
Von Hans Kroll

DER SPIEGEL 15/1967
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